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Full text of "Die beziehungen Russlands zu Persien"

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USSLAND  IN  ASIEN 


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3    ; 


Band  VI 


Die 


3eziehungen    Russlands 


zu 


PBRSIBN 

\'on 

Krahmer 

Ivouigl.  Treussischer  Generalmajor  z.  D, 


^LEIPZIG 

Verla^-   von  Zuckschwerdt  &  Co. 


UNIVERSITY  OF  CALIFORNIA 
AT  LOS  ANGELES 


Russland  in  Asien 


RUSSLAND  IN  ASIEN 

Band  VI 


Die 

Beziehungen    Russlands 


zu 


Von 

Krahmer 

Konigl.  Preussischer  Generalmajor  z.  D. 


LEIPZIG 

Verlag  von  Zuckschwerdt  &  Co. 
1903 


Alle  Rechte  aus  dem  Gesetze  vom  19.  Juni  1901 
sowie  das  tjbersetzungsrecht   sind  vorbehalten. 


Setzmaschincnsatz  und  Druck  dcr  Spanierschcn  Buchdruckcrei  in  Leipzig. 


V    to 


Vorwort. 

^         Veranlapt  durch  eine  Besprechung  meiner  friiheren  Arbeiten 

iiber  „Rupland  in  Asien"  in  dem  „Rigaer  Tageblatt",  iibergebe  ich 

diesen  Band  jener  Serie  „die  Beziehungen  Rupiands  zu  Persien", 

der  Offentlichkeit. 

Von   einer  topographischen   und   etnographischen   Beschrei- 

bung  Persiens  habe  ich  Abstand  genommen,  da  die  Gestaltung 

und  die  Bevolkerungsverhaltnisse  geniigsam  bekannt  sind.     Die 
►A 
'^  wirtschaftlichen  und  Handelsverhaltnisse  Persiens  glaubte  ich  aber 

^    nicht  iibergehen  zu  diirfen;  eine  Besprechung  derselben  diirfte 
notwendig  sein,  um  den  wirtschaftlichen  Kampf,  der  auf  diesem 
Gebiete  entbrannt  ist,  zu  erlautern. 
-.  Wenn  auch  Deutschland,  Frankreich  und  andere  Staaten  in 

\  wirtschaftlicher  und  Handelsbeziehung  ihre  Interessen  in  Persien 
^  zu  vertreten  haben,  so  sind  es  doch  hauptsachlich  Rutland  und 
England,  welche  um  die  Vorherrschaft  in  Persien  in  Wettbewerb 
getreten  sind  und  noch  treten.  Bei  der  Besprechung  der  Beziehun- 
gen Rupiands  zu  Persien  konnen  die  Beziehungen  Englands  zu 
Persien  nicht  auper  acht  gelassen  werden.  Sowohl  in  wirtschaft- 
licher wie  in  politischer  Hinsicht  sind  die  Interessen  beider  Staaten 
entgegengesetzte.  Es  war  infolgedessen  angezeigt,  auch  auf  die 
Bestrebungen  Englands  in  Persien  einzugehen. 

Die  Beigabe  einer  Karte  diirfte  nicht  erforderlich  sein.  Zur 
Orientierung  reicht  jeder  gute  Handatlas  aus.  Besonders  zu 
empfehlen  ist   ,,Andrees   Allgemeiner  Handatlas,   4.    vollig  neu 


bearbeitete  und  vermehrte  Auflage,  herausgegeben  von  A.  Scobel 
1899;  Blatt  129  und  130. 

Die  dieser  Arbeit  zugrunde  liegenden  Werke  sind: 

1.  P.  A.  Rittich:  Politische  statistische  Ubersicht  Persiens. 
1896  (in  russischer  Sprache). 

2.  P.   A.  Rittich:  Die  Eisenbahn  durch  Persien.     1900  (in 
russischer  Sprache). 

3.  Lacoin  de  Vilmorin:  La  politique  etrangere  de  Perse.  1894. 

4.  Curzon:  Persia  and  the  Persian  question.    1892. 
Auperdem   sind   die   beziiglichen  Aufsatze   und  Nachrichten 

russischer  und  deut-scher  Zeitungen  benutzt. 

Wernigerode, 
im  Februar  1903. 

Krahmer, 

Konigl.  Preuss.  Generalmajor  z.  D. 


Die  politischen  Beziehungen  Rupiands  zu  Persien  begannen 
sich  im  XV.  Jahrhundert  zu  entwickeln.  In  den  Jahren  1474 
bis  1477  wurde  die  Gesandtschaft  Mark  Ruf s  von  Johann  III.  zura 
Schah  von  Persien,  Ussun-Hassan,  entsendet.  Wenn  auch  die 
Instruktionen,  die  dieser  Gesandtschaft  erteilt  wurden,  wie  iiber- 
haupt  ihre  Bestimmung  nicht  genau  bekannt  sind,  so  kann  man 
doch  nach  den  politischen  Umstanden  jener  Zeit  annehmen,  dap 
man  dem  Chan  der  goldenen  Horde  Achmat  Furcht  vor  dem 
drohenden  Nachbar  einfloPen  wollte.  Die  auf  diese  Weise  im 
XV.  Jahrhundert  angekniipf  ten  Beziehungen  horten  aber  von  selbst 
auf,  da  wesentliche  Interessen  zwischen  Rutland  und  Persien 
nicht  bestanden.  Nur  nach  der  Eroberung  von  Astrachan,  wo 
viele  persische  Untertanen  als  Handelsleute  ansassig  waren,  durch 
Johann  den  Schrecklichen  begannen  Handelsbeziehungen,  die  iibri- 
gens  nichts  mit  der  Politik  zu  tun  hatten.  Im  Jahre  1561  wurde 
von  Johann  IV.  und  der  englischen  Konigin  Elisabeth  der  Eng- 
lander  Anton  Djarkinson,  ein  reicher  Kaufmann,  der  in  Moskau 
einen  ausgedehnten  Handel  betrieb  und  mit  England  bestandige 
Beziehungen  unterhielt,  nach  Persien  geschickt,  da  er  durch  seine 
Handelstatigkeit  bekannt  geworden  war.  Er  wurde  von  dem 
Zar  und  der  Konigin  beauftragt,  dem  Schah  zu  eroffnen,  daP  sie 
ihm  wohlwollten,  und  ihn  zu  bitten,  ihm  zu  gestatten,  Persien 
zu  bereisen,  um  den  Grund  fiir  Beziehungen  zu  legen,  welche  sich 
nach  und  nach  zum  gegenseitigen  Vorteil  entwickeln  konnten. 
Djarkinson  wurde  in  Persien  sehr  freundlich  aufgenommen  und  ihm 
die  Bereisung  erlaubt.  Da  er  aber  mit  den  Sitten  und  dem  Wesen 
des  Volks  vollkommen  unbekannt  war,  konnte  er  seinen  Auftrag 
nicht  erfiillen,  so  dap  er  nach  Moskau  zuriickkehrte,  ohne  einen 
Handelsvorteil  fiir  Rupland  und  England  zu  erzielen, 

Boris  Godunow,  ein  Mann  von  weitem  politischen  Blick,  war 
besonders  darauf  bedacht,  die  unter  Johann  dem  Schrecklichen 

Die  Beziehungen  RuMands  zu  Persien.  1 


—    2    — 

angekniipften  Beziehungen  zum  Schah  aufrecht  zu  erhalten.  Er 
ernannte  infolgedessen  Gregor  Borissowitsch  Wassiltschikow,  einen 
sehr  verstandigen  und  geachteten  Mann,  zum  Gesandten,  und 
schickte  ihn  nach  Persien.  Der  AnlaP  zu  dieser  Gesandtschaft 
war  der  Umstand,  dap  nicht  lange  vorher  der  Schah  Chudabendjei 
seinen  Vertrauten  Andi-bjei  mit  einem  Schreiben  geschickt  hatte, 
in  welchem  Feodor  Johannowitsch  vorgeschlagen  wurde,  „in 
Freundschaft  und  Liebe  zu  verharren,  wie  ihr  Vater  und  Gross- 
vater,  die  groPen  Herrscher,  in  Liebe  und  Zuneigung  gelebt 
hatten".  Andi-bjei  wurde  gnadig  aufgenommen,  die  Verlesung 
des  Schreibens  angehort,  und  es  erregte  eine  grope  Freude,  dap  die 
vom  Schah  genommenen  Stadte  Derbent  und  Baku  Rupiand  iiber- 
geben  werden  sollten.  Alles  das  veranlapte  Boris  Godunow,  daraus 
Nutzen  zu  Ziehen,  und  die  Absendung  der  Gesandtschaft  zu  be- 
schleunigen.  Als  letztere  Astrachan  erreicht  hatte,  wurde  in  Er- 
fahrung  gebracht,  daP  der  Prinz  Abbas  seinen  Vater  vom  Throne 
gestoPen  und  sich  selbst  zum  Schah  gemacht  habe.  Das  hinderte 
aber  Boris  Gudonow  nicht,  Wassiltschikow  zu  beauftragen,  die 
Unerfahrenheit  des  jungen  Monarchen  zu  beniitzen,  ihn  des  gropten 
Wohlwollens  Feodors  Johannowitsch  zu  versichern  und  zu  be- 
tonen,  dap  Rupiand  bereit  sei,  die  Perser  gegen  ihren  schlimmsten 
Feind,  die  Tiirken,  zu  unterstiitzen.  Die  mit  vielen  Geschenken 
versehene  Gesandtschaft  erreichte  nach  einer  sehr  langen  Reise 
ihr  Ziel;  um  nur  das  Kaspische  Meer  zu  durchfahren,  gebrauchte 
sie  infolge  widriger  Westwinde  7  Wochen. 

Nach  der  Landung  in  Gilan  wurde  der  Gesandte  von  der  Be- 
volkerung  mit  Ehrerbietung  aufgenommen,  was  durch  den  schon 
regen  Handel  mit  Rupiand  erklarlich  ist.  Der  Schah  Abbas  war 
um  diese  Zeit  mit  Buchara  im  Kriege  begriffen,  das  Chorassan 
eingenommen  hatte.  Nach  seiner  Riickkehr  wurde  ihm  der  rus- 
sische  Gesandte  vorgestellt.  Die  Verhandlungen  nahmen  einen 
giinstigen  Verlauf  und  der  Schah  versprach,  Rupiand  zu  unter- 
stiitzen, sich  in  Derbent  und  Baku  f  estzusetzen,  sof  ern  diese  Stadte 
der  Tiirkei  genommen  waren.  Die  Verhandlungen  fiihrten  haupt- 
sachlich  dazu,  daP  das  Versprechen  gegeben  wurde,  bei  einem 
ZusammenstoP  mit  den  tiirkisch-tatarischen  Truppen  „fest  und 
standhaft  fiir  ewige  Zeiten  fiir  einander  einzustehen". 

Im  Jahre  1590  entsandte  Persien  als  Erwiderung  eine  Gesandt- 
schaft an  Feodor  Johannowitsch,  welcher  damals  sich  zur  Bekrie- 
gung  des  ungehorsamen  Jagan,    des  Swjeiskischen  Konigs,    an- 


schickte.  Infolgedessen  wurde  der  persische  Gesandte  nichtgleich 
von  dem  Zaren  empfangen;  er  befahl  jedoch,  ihn  in  Nishni- 
Nowgorod  aufzuhalten  und  ihn  dort  mit  alien  Ehren  zu  behandeln. 
Es  sollte  ihm  alles  Mogliche  iiber  die  russische  Kraft  und  Macht 
erzahlt  werden,  urn  ihn  in  Erstaunen,  Angst  und  Schrecken  zu 
setzen.  Spater  erfolgte  sein  Empfang  in  dem  Kreml  zu  Moskau, 
wo  die  Perser  mehrere  Tage  blieben.  Godunow  befragte  sie  iiber 
die  Lage  ihres  Staates,  iiber  das  MiPgeschick,  welches  das  Land 
erlitten  habe,  und  versprach  ihnen,  dap  Rupland  sie  unterstiitzen 
werde. 

Die  Reise  eines  franzosischen  Gesandten  nach  Persien,  die 
Miperfolge,  welche  die  Chiwesen,  die  Verbiindeten  der  Perser, 
davongetragen  hatten,  als  sie  das  von  den  Bucharen  genommene 
Chorassan  wiedererobern  wollten,  und  andere  politische  Mipstande 
veranlapten  Godunow  im  Jahre  1594,  eine  zweite,  63  Mann  starke 
Gesandtschaft  nach  Persien  zu  entsenden,  an  deren  Spitze  Andreas 
Dmitri jewitsch  Swenigorodski,  ein  energischer,  erfahrener  und 
als  unbeugsam  bekannter  Mann,  stand.  Die  Gesandtschaft  er- 
reichte  gliicklich  Kaswin  und  wurde  iiberall  mit  groPer  Ehrfurcht 
aufgenommen.  Der  Schah  Abbas  empfing  Swenigorodski  sehr 
feierlich.  Letzterer  hatte  verschiedene  Unterredungen  mit  dem 
Schah,  in  denen  er  die  politischen  Beziehungen  Persiens  zu  den 
Nachbarstaaten,  die  Macht  Rupiands,  die  jenseits  der  Wolga  woh- 
nenden  Nogairen  und  Sibirien,  mit  welchem  sich  Handelsbezieh- 
ungen  entwickelt  hatten,  die  es  Turkestan  ermoglichten,  wert- 
volles  Pelzwerk  zu  erhalten,  beriihrte.  Swenigorodski  fiihrte 
iiberhaupt  die  diplomatischen  Verhandlungen  sehr  geschickt  durch, 
so  dass  er  leicht  seinen  Zweck  erreichte,  die  Perser  immer  mehr 
von  der  Macht  Rupiands  zu  iiberzeugen. 

Nach  drei  Jahren,  1597,  wurde  eine  dritte  Gesandtschaft  unter 
dem  arsamaskischen  Wojewoden  Fiirsten  Tjufjakin  mit  einer  Be- 
gleitung  von  75  Mann  nach  Persien  ausgeriistet.  Die  Reise  verlief 
sehr  ungllicklich:  Bei  der  Ankunft  war  nur  die  Halfte  der  Mann- 
schaft  noch  iibrig  und  der  Fiirst  selbst  starb  schon  wahrend  der 
Fahrt  auf  dem  Kaspischen  Meere,  so  daP  der  Schriftfiihrer  Jemel- 
janow  die  Fiihrung  der  Gesandtschaft  iibernahm.  Aber  auch  er 
starb  in  Gilan  am  Fieber.  Der  Dolmetscher  Jessen  Aljei  Derby- 
schew  trat  an  seine  Stelle,  der  bei  dem  feierlichen  Einzug  in 
Kaswin  so  schwach  war,  daP  er  sich  nicht  auf  dem  Pferde  halten 
konnte  und  fast  im  bewuptlosen  Zustande  von  einigen  Bauern 

1* 


—     4    — 

unterstiitzt  werden  mupte.  Das  sich  auPernde  Mitleiden,  die  gute 
Pflege  und  hauptsachlich  die  Anderung  des  Klimas  hatten  einen 
wohltatigen  Einflup  auf  die  Oberreste  der  Gesandtschaft.  Nach- 
dem  die  Gesandten  sich  etwas  erholt  hatten,  befapten  sie  sich 
mit  ihren  Geschaften  und  lernten  die  Verhaltnisse  der  politischen 
Lage  Persiens  in  alien  Einzelheiten  kennen. 

Im  Laufe  der  kurzen  Regierung  Boris  Godunows  (1598 — 1605) 
wurde  nur  eine  Gesandtschaft  nach  Persien  ausgeriistet,  deren 
Fiihrer  der  Fiirst  Alexander  Feodorowitsch  Shirow-Sassjekin 
war.  Es  war  ihm  von  Godunow  eine  sehr  eingehende  Weisung 
gegeben,  wie  mit  dem  Schah  Abbas  und  seiner  Umgebung  zu 
reden  sei,  wie  er  sich  zu  verhalten  habe,  um  die  Wiirde  des  Zaren 
zu  wahren,  ohne  die  Perser  zu  beleidigen.  Der  Zweck  der  Ge- 
sandtschaft war,  dem  Schah  zu  versichern,  daP  trotz  des  Regie- 
rungswechsels  Boris  Feodorowitsch  von  denselben  Gefiihlen  zum 
Schah  beseelt  sei,  und  dap  er  mit  ihm  „in  Liebe  und  Eintracht 
leben  und  gegen  alle  Feinde  gemeinschaftlich  mit  ihm  auftreten 
wolle". 

Wenn  dem  Schah  nahestehende  Leute  den  tiii'kischen  Sultan 
den  tatarischen  Zaren  als  ihre  Feinde  bezeichnen  und  unverweilt 
Hilfe  verlangen  soUten,  so  sei  solche  nicht  abzulehnen,  aber  nur 
unter  der  Bedingung,  daP  die  briiderliche  Liebe  und  Eintracht 
der  Herrscher  durch  Vertragsurkunde  gesichert  wiirden.  Einge- 
denk  des  Wortes  „runion  fait  la  force",  wies  Boris  Godunow  den 
Gesandten  an.  Abbas  den  GroPen  zu  einem  Biindnis  mit  Rudolf 
Zessar  zu  bewegen,  der  damals  mit  groPem  Erfolge  gegen  die 
Tiirken  focht  und  unlangst  seine  Gesandten  nach  Rupiand  geschickt 
hatte,  um  mit  ihm  gute  Beziehungen  aufrecht  zu  erhalten  und 
durch  dessen  Vermittelung  Beziehungen  zu  Persien  anzukniipfen. 

Die  Gesandtschaft  schlug  den  gewohnlichen  Weg  iiber  Nishni- 
Nowgorod,  Kasan,  Astrachan  ein.  Mancherlei  Ungliicksfalle  zwan- 
gen  sie  aber,  in  Saratow  Halt  zu  machen.  Man  beabsichtigte 
nun,  erst  im  Friihjahr  die  Raise  nach  Astrachan  anzutreten,  um 
dann  iiber  das  Kaspische  Meer  nach  Persien  zu  gelangen.  In  den 
Urkunden  iiber  die  diplomatischen  und  Handelsbeziehungen  des 
Moskauer  Reichs  mit  Persien  findet  sich  nichts  iiber  das  weitere 
Schicksal  der  Gesandtschaft,  noch  iiber  die  erzielten  Erfolge. 

Im  Jahre  1603  erwiderte  der  Schah  den  Besuch  der  russischen 
Gesandtschaft,  indem  er  eine  solche  nach  Rupiand  sandte,  die 
keinen   anderen   Zweck   hatte,    als   Liebenswiirdigkeiten    auszu- 


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tauschen  und  die  guten  Beziehungen  zum  Zaren  aufrecht  zu  er- 
halten.  Als  Beweis,  wie  sehr  Boris  Godunow  vom  Schah  verehrt 
wurde,  iiberbrachte  die  Gesandtschaft  ihm  sehr  wertvolle  Ge- 
schenke. 

Diese  Gesandtschaften  zeigen,  wie  schon  Boris  Godunow  die 
Wichtigkeit  der  zukiinftigen  Beziehungen  Persiens  zu  Rupland 
voraussah,  zu  einer  Zeit,  wo  Grusien  eine  Barriere  zwischen 
den  beiden  Reichen  bildete  und  so  von  einer  unmittelbaren  Nach- 
barschaft  noch  keine  Rede  sein  konnte. 

Unter  Wassili  Iwanowitsch  Schuiskoi  (1606 — 1618)  wurde  die 
Gesandtschaft  des  Fiirsten  Iwan  Petrowitsch  Romodanowski  nach 
Persien  entsendet,  der  augenscheinlich  die  Instruktion  hatte,  die 
guten  Beziehungen  zu  Persien  zu  wahren  und  „alle  die  guten 
Angelegenheiten  zu  befestigen,  welche  den  beiden  Staaten  zu 
jeglichem  Guten  obliegen".  Nach  der  Thronentsagung  Schuiskois 
horten  die  Beziehungen  Rupiands  zu  Persien  auf.  Es  entstand 
eine  unruhige  Zeit,  wahrend  der  man  nicht  daran  denken  konnte, 
die  bestebenden  Beziehungen  zu  Persien  aufrecht  zu  erhalten. 
Rupiand  selbst  hatte  schwere  Zeiten  durchzumachen  und  musste 
fiir  seine  eigene  Rettung  besorgt  sein. 

Der  Schah  Abbas  fuhr  aber  fort,  seine  Gesandten  zu  schicken, 
und  in  den  Urkunden  der  diplomatischen  Beziehungen  zu  Persien 
finden  sich  fiinf  Schreiben  desselben.  In  dem  einen  Schreiben 
benachrichtigt  der  Schah  den  russischen  Zaren,  daP  er  die  Tiirken 
besiegt  habe,  und  fordert  ihn  zu  gemeinschaftlichen  Operationen 
gegen  sie  auf.  In  dem  anderen  Schreiben  macht  er  denselben 
Vorschlag.  Die  drei  letzten  Schreiben  handeln  hauptsachlich  auch 
von  der  Lage  Persiens  in  dem  Kriege  mit  der  Tiirkei;  in  einem 
derselben  teilt  der  Schah  dem  Moskauer  Zaren  mit,  daP  Schemacha 
mit  den  Vorstadten  von  ihm  genommen  sei;  „und  werdet  Ihr, 
schreibt  der  Schah,  diese  Stadte  notig  haben,  so  werden  wir 
nicht  auf  sie  bestehen:  alle  sind  Dein,  weil  wir  Freunde  von  Euch 
sind,  und  fiir  die  Freundschaft  handelt  man  so." 

Im  Jahre  1613  erhielt  Rupiand  einen  gesetzmapigen  Herr- 
scher,  Michael  Feodorowitsch  (1613 — 1645),  der  das  Land  be- 
friedete  und  es  sowohl  in  wirtschaftlicher  wie  in  politischer 
Beziehung  hob.  Das  Verhaltnis  Rupiands  zu  Persien  war  sehr 
wichtig.  Abbas  hatte  in  Transkaukasien  und  Grusien  Siege  er- 
fochten  und  war  ein  Mann  des  Schreckens  fiir  seine  Nachbarn 
geworden.    Die  bestehenden  Beziehungen  dieses  Herrschers  zum 


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Zaren  mupten  ausgenutzt  werden,  um  nicht  nur  wichtige  Handels- 
rechte  fiii*  Rupiand,  sondern  auch  bei  moglichen  ZusammenstoPen 
mit  anderen  Reichen  Hilfe  von  Persien  zu  erlangen. 

Zu  diesem  Zweck  schickte  der  Kaiser  Michael  Feodorowitsch 
im  Jahre  1613  Michael  Nikititsch  Tichonow  zu  dem  Schah,  um 
ihm  gleichzeitig  seine  Thronbesteigung  anzuzeigen.  Als  der  Ge- 
sandte  wohlbehalten  in  Kaswin  eingetroffen  war,  traf  er  dort  den 
Schah  nicht  an,  der  zu  dieser  Zeit  mit  Grusien  im  Kampfe  stand. 
Nachdem  der  Schah  erfahren  hatte,  daP  ein  russischer  Gesandter 
angekommen  sei,  befahl  er,  dap  derselbe  ihm  nach  dem  Dorfe 
Kisyl-Agatsch  auf  der  Gilanschen  StraPe  entgegenkommen  sollte. 
Der  Schah  empfing  Tichonow  sehr  liebenswiirdig  und  horte  mit 
sichtbarer  Genugtuung  das  Verlesen  des  iiberbrachten  Schreibens 
an.  Er  erwiderte  darauf,  daP  er  den  Wunsch  habe,  mit  dem 
Kaiser  Michael  Feodorowitsch  in  briiderlicher  Liebe  und  Freund- 
schaft  zu  leben.  Dessen  Freunde  seien  auch  seine  Freunde. 
Der  Schah  Abbas  bat  ferner  dem  „gropen  Bruder"  Michael  Feo- 
dorowitsch auszusprechen,  „wenn,  wo  vordem  im  Kumyzkischen 
Lande  Stadte  bestanden  haben,  mein  Bruder  auf  diesen  Stellen 
wieder  Stadte  errichten  wird,  so  werden  unsere  beiden  Reiche 
verbunden  sein,  damit  bei  uns  und  bis  zur  Krym  keine  Feinde  mehr 
vorhanden  sind  und  wir  gegen  unsere  Feinde  gemeinsam  auftreten 
konnen".  Die  Gesandtschaft  hielt  aber  wahrend  ihres  Aufent- 
halts  in  Persien  ihre  Wiirde  nicht  gehorig  aufrecht,  so  daP 
die  Umgebung  des  Schahs  ihr  einfaches  Auftreten  mipbrauchte 
und  bei  jeder  Gelegenheit  die  Bedeutung  des  russischen  Ge- 
sandten  herabsetzte,  der  bei  seiner  geringen  Energie  es  nicht 
verstand,  seine  Rechte  zu  wahren.  Der  Schah  selbst  war  Rupiand 
sehr  zugetan,  er  kannte  dessen  Macht,  schatzte  einen  solchen 
Nachbar  und  leistete  ihm  in  der  fiir  Rupiand  schweren  Zeit  be- 
deutende  Dienste. 

Mit  dem  russischen  Gesandten  zusammen  reiste  auch  der 
persische  Gesandte  Bulat-Bek  zu  dem  Kaiser  Michael  Feodoro- 
witsch, und  wurde  in  Moskau  mit  groPen  Ehren  aufgenommen. 
In  den  offiziellen  Verhandlungen  kamen  aufs  neue  die  freundlichen 
Beziehungen  der  beiden  Reiche  zum  Ausdruck. 

Der  Feldzug  Sigismunds,  des  Konigs  von  Polen,  gegen  Rup- 
iand und  gleichzeitig  damit  die  Bitte  Grusiens  und  Kachetiens 
die  von  Persien  erobert  waren,  sie  gegen  letzteres  zu  schiitzen, 
veranlapten  Michael  Feodorowitsch,   im  Jahre   1618  eine  grope 


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Gesandtschaft  nach  Persien  zu  schicken,  an  deren  Spitze  der 
Furst  Michael  Petrowitsch  Barjatinski  gestellt  wurde.  Es  wurde 
ihm  genau  der  einzuschlagende  Weg  angegeben,  sowie  er  auch 
Vorschriften  erhielt,  wie  er  sich  auf  dem  Wege  und  bei  dem 
Empfange  am  Hofe  des  Schah  zu  verhalten  habe,  um  nicht  das 
eigene  Reich  den  Persern  gegeniiber  herabzusetzen,  sondern  sie 
zu  veranlassen,  es  noch  mehr  zu  achten. 

Barjatinski  war  beauftragt,  dem  Schah  Abbas  Geschenke  und 
ein  Schreiben  zu  iiberbringen,  in  welchem  die  briiderliche  Freund- 
schaft  und  Liebe,  die  Rupland  zu  Persien  hege,  versichert  wurde. 
Er  sollte  ferner  die  grope  materielle  Zerriittung,  die  Rupland  in 
der  unruhigen  Zeit  erlitten  habe,  erwahnen  und  Abbas  um  Unter- 
stiitzung  gegen  Sigismund  durch  Obersendung  von  Geld  bitten. 
Michael  Feodorowitsch  verpflichte  sich,  dem  Schah  mit  Kost- 
barkeiten  aus  dem  Reich,  die  ihm  genehm  waren,  Zahlung  zu 
leisten. 

Wenn  der  Schah  einwillige,  Rupland  mit  Geld  zur  Hilfe  zu 
kommen,  solle  Barjatinski  ihm  eine  Urkunde  mit  der  Versicherung 
aushandigen,  dap  die  Gelder  abgezahlt  wiirden.  Barjatinski  wurde 
auch  das  Recht  bewilligt,  auperstenfalls  Astrachan  Persien  als 
Pfand  zu  iiberlassen.  Die  Hohe  der  Summe,  welche  von  Persien 
erbeten  wurde,  war  nicht  genau  bestimmt.  Es  wurde  nur  er- 
wahnt,  dap  der  Jahresunterhalt  der  gegen  Sigismund  aufgestellten 
Truppen  400000  Rubel  betrage.  Ob  der  Gesandte  Geld  erhalten 
hat,  in  welcher  Hohe  und  unter  welcher  Sicherung,  ist  nicht 
bekannt.  Nur  das  weip  man,  daP  die  Gesandtschaft  sehr  freund- 
schaftlich  aufgenommen  wurde  und  er  den  Russen  erlaubte,  Handel 
zu  treiben,  und  sogar  den  Wunsch  auPerte,  daP  sein  Reich  un- 
mittelbar  an  Rupiand  grenzen  mochte  und  keinerlei  Lander  zwi- 
schen  den  beiden  Staaten  lagen. 

Was  Grusien  und  Kachetien  betrifft,  die,  wie  erwahnt,  Rup- 
land um  Hilfe  gegen  die  Perser  gebeten  hatten,  so  befapte  sich 
der  Gesandte  nicht  mit  dieser  Angelegenheit,  und  beschrankte 
sich  nur  darauf,  Nachrichten  iiber  diese  wie  iiber  die  anderen, 
Persien  benachbarten  Lander  einzuziehen. 

Der  Vorschlag  des  Schahs  Abbas,  dap  die  Grenze  Rupiands 
und  Persians  eine  gemeinsame  werden  mochte,  hatte  keine  Folge, 
weil  das  einen  neuen  Krieg  veranlapt  haben  wiirde,  der  damals 
fiir  Rupland  bei  seinem  geschwachten  Zustande  nicht  wiinschens- 
wert  war. 


—    8    — 

Zwei  Jahre  nach  der  Riickreise  Barjatinskis  entsendete  der 
Schah  aufs  neue  eine  auperordentliche  Gesandtschaft  nach  RuP- 
land,  die  grope  Geschenke  f iir  Michael  Feodorowitsch  iiberbrachte 
und  auf  der  ganzen  Reise  iiber  das  Kaspische  Meer  und  weiter 
auf  der  Wolga  festlich  empfangen  wurde. 

Alle  diese  gegenseitigen  Gesandtschaften  befestigten  die 
freundschaftlichen  Beziehungen  Ruplands  zu  Persien.  Nur  zur 
Zeit  der  Regierung  Alexeis  Michailowitsch  (1645 — 1676)  zerstorte 
Stenka  Rasin  das  gute  Verhaltnis  der  beiden  Reiche-  zueinander. 
Nachdem  Rasin  Astrachan  genommen  hatte,  iiberfuhr  er  das  Ka- 
spische Meer  und  drang  in  Persien  ein.  Schnell  bemachtigte  er 
sich  eines  bedeutenden  Teils  des  Landes,  gelangte  bis  zur  Residenz 
des  Schahs,  raubte  dessen  Tochter,  fiihrte  sie  mit  sich  und  er- 
trankte  sie  auf  der  Riickkehr  nach  Moskau  in  der  Wolga.  Der 
Schah  stellte  an  die  russische  Regierung  als  Entgelt  fiir  die 
Taten  Rasins  grope  Forderungen,  die  auch  bewilligt  wurden. 
Rasin  wurde  in  Moskau  hingerichtet  und  samtliche  in  Moskau 
wohnenden  Perser  mupten  dabei  zugegen  sein,  um  dem  Schah 
Genugtuung  zu  verschaffen. 

Die  guten  Beziehungen  zwischen  den  beiden  Reichen  wurden 
aber  durch  die  Entsendung  weiterer  Gesandtschaften  wiederher- 
gestellt,  und  schon  1664  erhielten  die  russischen  Kaufleute  die 
Erlaubnis,  in  Persien  Handel  zu  treiben,  ohne  daP  sie  Abgaben 
zu  zahlen  hatten  oder  sonst  beschrankt  wurden. 

Durch  den  Tod  des  Schahs  Abbas  im  Jahre  1627  verlor 
Persien  einen  Herrscher,  der  es  verstanden  hatte,  bei  der  EJr- 
weiterung  der  Grenzen  seines  Reichs  fiir  die  Befriedung  des- 
selben  und  die  Ordnung  der  inneren  Angelegenheiten  zu  sorgen, 
und  deshalb  nicht  nur  von  den  Nachbarn,  sondern  auch  von  den 
eigenen  Untertanen  sehr  gefiirchtet  war.  Die  Nachfolger  des 
Schahs  Abbas  besaPen  diese  Eigenschaften  nicht,  und  schon  zu 
Ende  des  XVII.  Jahrhunderts  traten  Unruhen  in  Persien  ein,  die 
zu  einer  inneren  Zerriittung  fiihrten.  Die  Unruhen  wurden  immer 
gropei"  und  hatten  sich  endlich  im  Jahre  1712  zu  einem  offenen 
Aufstande  des  Dagestaners  Daud-Bek  entwickelt,  der  Schemacha 
beraubte  und  viel  Volk,  darunter  auch  russische  Kaufleute,  die 
sich  dort  niedergelassen  hatten,  niedermachte. 

Der  Schah  Hussein  war  iiber  dieses  Ereignis  im  hohen  MaPe 
in  Schrecken  gesetzt,  besonders  weil  der  Ruhm  und  die  Erzah- 
lungen  iiber  Peter  den  Gropen  sich  verbreitet  hatten,     Infolge- 


—    9    — 

dessen  schickte  der  Schah  eine  Gesandtschaft  nach  Rupiand,  die 
das  Vorkommnis  entschuldigen,  reiche  Geschenke  iiberbringen  und 
Vorschlage  iiber  die  AbschliePung  eines  liandelsvertrags  machen 
sollte.  Peter,  der  damals  schon  beschlossen  hatte,  das  siidliche 
Ufer  des  Kaspischen  Meeres  in  seine  Gewalt  zu  bringen,  um  da- 
durch  den  Weg  nach  Indien  seinem  Reich  zu  erschliepen,  nahm 
die  Vorschlage  gern  an,  schloP  aber  noch  keinen  offiziellen  Ver- 
trag  ab;  er  wollte  zuvor  den  inneren  Zustand  Persiens  kennen 
lernen.  Um  dies  zu  erreichen,  schickte  er  im  Jahre  1715  Artemii 
Wolynski,  der  damals  ein  junger  Oberstleutnant  war  und  auf  den 
man  grope  Hoffnungen  setzte,  nach  Persien.  Wolynski  erhielt 
eine  weitgehende  Vollmacht,  um  einen  Handelsvertrag  abzu- 
schlie[3en,  der  auch  vom  Schah  Hussein  am  30.  Juli  1717  (a.  St.) 
bestatigt  wurde.  Auf  Grund  dieses  Vertrags  wurden  die  Zolle, 
die  Handelsgegenstande  festgestellt,  und  Rupiand  erhielt  das 
Recht,  einen  standigen  Konsul  in  Gilan  zu  haben,  um  etwaige 
Streitigkeiten  zwischen  den  Handlern  zu  schlichten.  Von  der 
politischen  Lage  Persiens  entwarf  Wolynski  ein  trostloses  Bild, 
und  sprach  unter  anderem  die  Befiirchtung  aus,  daP  die  Afghanen 
das  siidliche  Kiistenland  des  Kaspischen  Meeres  besetzen  wiirden. 
Die  Befiirchtung  bestatigte  sich:  aber  nicht  nur  Afghanen, 
sondern  auch  Usbeken,  Kurden  und  sogar  Araber  drangen  in  Per- 
sien ein.  Die  Afghanen  unter  Mir  Mahmud  nahmen  die  Haupt- 
stadt  Isfahan,  entsetzten  den  Schah  Hussein  des  Thrones  und 
erklai'ten  Mir  Mahmud  als  Herrscher  Persiens.  In  dieser  ver- 
zweifelten  Lage  wandte  sich  der  Sohn  Husseins,  Tahmasp,  an 
Peter  den  GroPen  mit  der  Bitte,  ihm  zu  helfen,  das  Land  vom 
Feinde  zu  befreien  und  ein  gesetzmapiges  Reich  herzustellen, 
unter  dem  Versprechen,  ihm  die  am  Kaspischen  Meere  gelegenen 
Gebiete  abzutreten.  Bald  bereute  aber  Tahmasp  die  von  ihm 
gemachten  Vorschlage,  so  dap  er  den  Befehl  an  Ismail-Bek,  der 
als  Gesandter  entsendet  war,  schickte,  zuriickzukehren.  Dieser 
hatte  aber  schon  Astrachan  erreicht,  und  ihn  zuriickzurufen  war 
unmoglich.  Peter  der  Grope  hatte  schon  langst  die  Ereignisse 
in  Persien  verfolgt  und  sich  zu  einer  Expedition  vorbereitet,  welche 
er  im  Jahre  1722  zur  Ausfiihrung  brachte.  In  kurzer  Zeit  hatte 
Peter  Derbent,  und  der  Generalmajor  Matuschkin  Baku  erobert. 
Am  12.  September  1723  (a.  St.)  kam  ein  Vertrag  zwischen  Rup- 
land  und  Persien  zustande,  auf  Grund  dessen  sich  Rupiand  ver- 
pflichtete,  ,,gute  und  bestandige  Freundschaft  und  Hilfe  gegen 


—    10    — 

alle  Aufstandischen  Persien  zu  erweisen.  Zur  Befriedung  des 
Landes  und  urn  den  Schah  aui  dem  Thron  zu  erhalten,  lapt  der 
Kaiser  sobald  als  moglich  die  erforderliche  Anzahl  von  Truppen, 
Reiterei  und  Infanterie,  in  das  persische  Reich  einriicken,  um  die 
Aufstandischen  niederzuwerfen  und  dem  Schah  die  ruhige  Herr- 
schaft  iiber  das  persische  Reich  zu  sichern".  Dafiir  tritt  der 
Schah  dem  russischen  Kaiser  „die  Stadte  Derbent,  Baku  mit  dem 
ganzen  zu  ihnen  gehorigen  und  am  Kaspischen  Meere  gelegenen 
Territorium  und  Orten,  sowie  die  Provinzen  Gilan,  Masanderan 
und  Astrabad  zu  ewigem  Besitz  ab".  Dann  folgen  Versicherungen 
der  „ewigen  Freundschaft"  und  die  Erlaubnis,  „daP  die  beider- 
seitigen  Untertanen  in  beiden  Reichen  reisen,  dort  auch  leben, 
Handel  treiben,  je  nach  ihrem  Ermessen  das  Land  verlassen 
konnen;  niemand  soil  aufgehalten  und  gekrankt  werden,  und 
wenn  jemand  es  wagt,  sie  zu  beleidigen,  so  soil  er  dafiir  von 
seinem  Herrscher  hart  bestraft  werden",  Schliepiich  ist  in  dem 
Vertrage  versprochen,  ,,gegen  die  Feinde  sich  einander  zu  unter- 
stiitzen".  Der  AbschluP  dieses  Vertrages  war  aber  mit  Umstanden 
verbunden,  welche  die  Erfiillung  unmoglich  machten.  Die  nach 
dem  Vertrage  an  Rupland  abzutretenden  Lander  mupten  mit  Ge- 
walt  genommen  werden,  und  die  Bundesgenossen,  die  Truppen 
Tahmasps,  leisteten  Widerstand. 

Bald  starb  Mir  Mahmud  und  der  Sultan  Eschref  bestieg  den 
isfahanschen  Thron,  der  den  Kampf  seines  Vorgangers  fortsetzte 
und  nicht  zugab,  daP  die  am  Kaspischen  Meere  gelegenen  Lander 
an  Rupland  abgetreten  wiirden.  Als  er  sich  dann  gegen  den 
nordlichen  Feind,  Rupland,  wandte,  wurde  er  von  diesem  in  Gilan 
geschlagen  und  gezwungen,  alle  Forderungen  Rupiands  an- 
zunehmen. 

Nach  dem  Tode  Peters  des  GroPen  am  8.  Februar  1726  kamen 
seine  Nachfolger  zu  anderen  Ansichten  und  verwarfen  die  weit- 
sichtigen  Plane  Peters.  In  dem  Vertrage  zu  Rescht  am  13.  Februar 
1729,  der  nach  dem  Siege  in  Gilan  zum  Abschlup  kam,  wurden  die 
am  Meere  gelegenen  Provinzen  Astrabad  und  Masanderan  an 
Persien  zuriickgegeben,  um  die  alte  Freundschaft  aufrecht  zu 
halten.  Daran  war  aber  die  Bedingung  gekniipft,  daP  diese  Pro- 
vinzen an  eine  andere  Macht  unter  keinen  Umstanden  abgetreten 
werden  diirften;  sie  soUten  wieder  an  Rupiand  fallen  und  die 
geschlossenen  Vertrage  fiir  nichtig  erklart  werden,  wenn  diese 
Bedingung  nicht  geachtet  werden  sollte. 


—   11   — 

Der  Vertrag  enthalt  eine  eingehende  Beschreibung  der  Grenze 
zwischen  Persien  und  Rupiand:  Derbent,  der  untere  Lauf  der  Kura 
bis  zur  Einmiindung  des  Aras,  Talisch  und  Gilan  bis  zur  Grenz- 
scheide  Tenikabunskoje  fielen  an  Rupiand.  Der  4.  Artikel 
des  Reschter  Vertrags  handelte  ,,von  den  internationalen  Bezieh- 
ungen  mittels  der  Gesandten,  Sendlinge  und  Grenzbeamten,  welche 
mit  wiirdevoller  Ehrfurcht,  wohlgefallig  und  ohne  Gefahrdung 
geleitet,  aufgenommen,  gehalten  und  nach  Erledigung  ihrer  Auf- 
trage  abgesandt  werden  sollten".  Der  5.  Artikel  betrifft  den 
diplomatischen  Briefwechsel,  der  6.  Artikel  das  Verhaltnis  der 
Grenzbewohner  zueinander,  der  7.  Artikel  die  Auslieferung  der 
Oberlaufer;  der  8.  Artikel  gibt  den  russischen  Untertanen  das 
Recht,  unter  Zahlung  der  gewohnlichen  Abgaben  nach  den  friiheren 
Festsetzungen  in  dem  ganzen  Reich  und  den  Landschaf ten  Persiens 
mit  jeglichen  Waren  Handel  zu  treiben,  Hauser,  Karawansereien, 
Vorratshauser,  Laden  zu  bauen  und  durch  das  persische  Reich 
nach  Indien  und  anderen  Staaten  und  Landern  als  Handler  mit 
Karawanen  frei  und  gefahrlos  zu  reisen.  Ebenso  haben  auch  die 
persischen  Untertanen  das  Recht,  sich  zu  Handelszwecken  in 
Rupiand  aufzuhalten.  Es  wird  auch  noch  die  Frage  iiber  das 
Gut  der  Reisenden,  Gestorbenen  entschieden.  In  diesem  Falle 
sollen  die  zuriickgelassenen  Hauser,  Karawansereien,  Vorrats- 
hauser, Laden,  Waren  und  Lebensmittel  den  gesetzlichen  Nach- 
kommen  oder  den  Magistraten  ohne  irgend  eine  Beschadigung  und 
in  gutem  Zustande  iibergeben  werden." 

Nach  der  Beendigung  des  Krieges  mit  Rupiand  mupte  Eschref 
sich  gegen  Tahmasp  wenden,  welch  letzterer  aber,  von  dem  Turk- 
menen  Nadir  unterstiitzt,  so  gliicklich  operierte,  daP  die  Armee 
Eschrefs  vernichtet  wurde  und  er  selbst  1729  den  Thron  Persiens 
bestieg. 

Urn  diese  Zeit  war  Anna  Iwanowna  (1730 — 1740)  Kaiserin 
von  Rupiand  geworden,  deren  politische  Auffassung  inbetreff  des 
Kaspischen  Kiistenlandes  nicht  den  Planen  Peters  des  GroPen 
entsprach.  Die  groPen  materiellen  Ausgaben  und  die  groPe  Sterb- 
lichkeit  der  in  Gilan  stehenden  Armee  infolge  des  Sumpfklimas 
trugen  dazu  bei,  dap  Biron  nur  eine  giinstige  Gelegenheit  ab- 
wartete,  um  die  erworbenen  Provinzen  wieder  aufzugeben.  Tah- 
masp wurde  als  Schah  von  Persien  bestatigt  und  am  21.  Januar 
1732  ein  Vertrag  mit  ihm  abgeschlossen,  worin  es  hieP:  „Ihre 
Kaiserliche  Majestat  tritt  als  ein  unveranderliches  Zeichen  ihrer 


—    12    — 

gropen  freundschaitlichen  Gesinnung  zu  Sr.  Majestat  dem  Schah 
sowie  ihrer  Hochherzigkeit,  ohne  die  vielen  Millionen,  die  fiir 
die  Truppen  ausgegeben  sind  und  ohne  den  Verlust  ihrer  Truppen 
seit  dem  Beginn  des  Einriickens  in  Persien  in  Anschlag  zu  bringen, 
alle  Landschaften  der  am  Flusse  Kura  liegenden  Provinzen  ab, 
aber  sie  geruht  nicht,  die  iibrigen  Landschaften  von  der  Kura 
ab  hinzuzufiigen,  verspricht  jedoch,  sie  der  Herrschaft  des  Schahs 
zuriickzugeben,  sobald  es  fiir  gefahrlos  erachtet  wird,  namlich 
wenn  der  Schah  seine  Feinde  vertreibt  und  seinem  Reich  die 
Ruhe  wiedergiebt." 

Dabei  blieb  aber  die  russische  Regierung  nicht  stehen;  sie 
stellte  auch  Grusien  unter  die  Protektion  des  Schahs,  trotzdem 
dap  die  Bevolkerung  so  oft  um  Hilfe  gegen  die  Perser  gebeten 
hatte.  In  dem  Artikel  3  dieses  Vertrages  wurde  der  Handel  in 
alien  Landschaften  und  Orten  mit  den  aus  Rupiand  eingefiihrten 
wie  auch  umgekehrt  mit  persischen  Waren  ohne  Abgaben  zu 
zahlen  gestattet. 

Sehr  wichtig  ist  auch  der  6.  Artikel,  wonach  die  ersten 
Konsuln  und  Agenten  eingesetzt  wurden,  die  erforderlichenfalls 
fiir  die  Kaufleute  sorgen,  etwaige  Streitigkeiten  schlichten  und 
Mittel  ausfindig  machen  konnten,  um  den  Handel  zu  fordern. 
Zu  diesem  Zweck  wurden  Konsulate  in  der  Residenz  beider  Reiche 
und  in  anderen  Stadten  nach  dem  Ermessen  der  Monarchen  er- 
richtet. 

Dem  Schah  Tahmasp  gelang  es  aber  nicht,  seinem  Reiche  die 
Ruhe  zu  geben.  Der  Turkmene  Nadir,  welcher  ihm  geholfen  hatte, 
den  Thron  zu  besteigen,  war  sehr  machtig  geworden,  und  er 
zogerte  nicht,  seine  Macht  zu  beniitzen,  um  Tahmasp  wieder  zu 
entthronen.  Der  Versuch  gelang,  und  Nadir  wurde  der  Be- 
herrscher  Persiens.  Er  forderte  von  der  Tiirkei  die  Riickgabe 
der  von  ihnen  eroberten  persischen  Landschaften,  was  aber  ver- 
weigert  wurde.  Sie  erklarte  Persien  den  Krieg;  der  Krymsche 
Chan  sollte  von  Norden  durch  Dagestan  in  Persien  eindringen, 
welch  ersteres  von  Rupiand  besetzt  war.  Dieser  Umstand  fiihrte 
zu  einem  ZusammenstoP  mit  den  Bewohnern  der  Krym  und  gleich- 
zeitig  zu  einem  Kriege  mit  der  Tiirkei. 

Nadir-Schah  benutzte  die  politischen  Verwickelungen,  und 
da  er  das  Wohlwollen  Ruplands  Persien  gegeniiber  kannte,  schickte 
er  gegen  Ende  des  Jahres  1734  seinen  Gesandten  Hussein-Chan 
nach  Rupiand,  um  die  Regierung  der  gropten  freundschaftlichen 


—    13    — 

Zuneigung  des  Schahs  und  des  Reichs  zu  der  Kaiserin  zu  ver- 
sichern,  und  um  dann  eine  Abtretung  von  noch  mehr  Land  zu 
erlangen,  AuPer  dieser  offiziellen  Mission  hatte  Hussein  noch 
den  geheimen  Auftrag,  der  Tochter  des  gropen  Kaisers,  Elisabeth 
Petrowna,  den  Vorschlag  zu  machen,  sich  mit  dem  Schah  Nadir 
zu  vermahlen.  Diese  Vermahlung  hatte  eine  nur  politische  Be- 
deutung  und  zeigt,  wie  sehr  Nadir  iiber  den  Zustand  des  russischen 
Reichs  unterrichtet  war,  wenn  er  daran  denken  konnte,  durch 
eine  Heirat  mit  Elisabeth  Petrowna  das  russische  Reich  als  Mit- 
gift  zu  erhalten,  indem  Anna  Iwanowna  entthront  werden  und 
Elisabeth  an  deren  Stelle  treten  sollte. 

Der  Vorschlag  wurde  abgelehnt.  Nadir  hatte  aber  alien 
Grund  gehabt,  auf  das  Wohlwollen  der  Kaiserin  zu  rechnen. 
Schon  am  10.  Marz  1735  schloP  Rupiand  mit  Persien  in  Gandj  einen 
neuen  Vertrag,  kraft  dessen  Rupiand  in  seinem  unveranderlichen 
Wohlwollen  zum  Iranschen  Reich  und  in  der  Absicht,  den  besten 
Weg  vorzubereiten,  „um  es  in  seinen  friiheren  Zustand  zu  bringen 
und  alien,  sowohl  den  Nahen  wie  auch  den  Fernen,  zu  zeigen, 
dap  von  seiten  Rupiands  nicht  beabsichtigt  werde,  etwas  von 
Persien  zuriickzubehalten,  und  nur  infolge  der  Hochherzigkeit 
und  der  gropen  Gnade  der  Monarchin  gestatte,  die  Stadte  Baku 
und  Derbent  mit  den  zngehorigen  Landschaften  und  Dorfern  ab- 
zutreten  und  zuriickzugeben  und  Dagestan  und  die  iibrigen  zu 
Schamchala  und  Jemega  gehorigen  Orte  sollten  wie  friiher  Persien 
zufallen".  In  dem  1.  Artikel  des  Vertrages  wird  „die  ewige 
Bundesfreundschaft  mit  dem  russischen  Reich"  und  die  gegen- 
seitige  Unterstiitzung  und  die  Eroffnung  von  kriegerischen  Tatig- 
keiten  gegen  jeden,  „der  gegen  diese  beiden  Hofe  einen  Krieg 
beginne",  aufgenommen.  Die  abgetretenen  Stadte  wie  die  Gebiete, 
die  in  den  friiheren  Vertragen  erwahnt  waren,  sollten  in  keiner 
Weise  und  unter  keinem  Vorwande  in  die  Hande  anderer  Machte, 
besonders  der  gemeinsamen  Feinde,  kommen,  sondern  es  miisse 
angestrebt  werden,  dap  sie  der  Macht  des  Iranschen  Reiches 
erhalten  wiirden.  Von  dem  Wohlwollen  der  Perser  gegen  Rupiand 
war  man  nicht  so  iiberzeugt,  dap  man  es  hatte  unterlassen  konnen, 
die  Bedingung  zu  stellen,  dap  „das  in  Derbent  vorhandene  christ- 
liche  Kloster  nicht  zerstort  wiirde;  nicht  bloP  die  Abhaltung  des 
Gottesdienstes,  sondern  auch  die  Diener  sollten  nicht  gefahrdet 
werden".  Ferner  wurde  von  dem  russischen  Bevollmachtigten 
Golizyn  die   Bedingung  von  Persien  gefordert,   „dap   es  keinen 


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Frieden  schliePe,  bis  die  von  der  Tiirkei  entrissenen  und  eroberten 
Provinzen  dem  Iranschen  Reich  zuriickgegeben  sein  wiirden". 
In  den  Friedensabschlup,  der  nach  der  Riickgabe  aller  Land- 
schaften  an  Persien  erfolge,  solle  Rutland  eingeschlossen  werden, 
das  sich  Persien  gegeniiber  verpflichtete,  daP  ,,die  Feinde  des 
letzteren  auch  seine  Feinde  sein  sollten".  Durch  den  4.  Artikel 
dieses  Vertrages  wurden  die  friiher  Rupiand  zuerkannten  Rechte 
inbetreff  des  Handels  bestatigt,  und  durch  den  Artikel  5  erhielt 
die  russische  Kaufmannschaft  das  Recht,  „mit  ihren  Schiffen 
anzulegen  und  ihre  Waren  an  den  Ausladepunkten  zu  lagern,  sie 
nach  anderen  Orten  zu  schaffen  und  frei  Handel  zu  treiben". 
Nach  diesem  Artikel  wurde  in  Rescht  ein  Konsul  eingesetzt,  „damit 
die  russischen  Kaufleute  in  Zukunft  mit  Nutzen  handeln  konnten". 

So  hatte  im  Jahre  1735  Rupiand  die  von  Peter  dem  GroPen 
eroberten  Gebiete  verloren  und  eine  schwere  Verpflichtung  iiber- 
nommen,  die  es  so  bedriickte,  dap  alle  moglichen  Anlasse  und 
Vorwande  gesucht  wurden,  um  sich  von  ihr  zu  befreien.  Alles, 
was  Peter  der  GroPe  getan  hatte,  war  vernichtet.  Alle  Siege, 
die  Rupiand  so  viel  Blut  gekostet  hatten,  waren  umsonst  gewesen. 
Die  russische  Diplomatie  fand  das  aber  ganz  angemessen,  als  ein 
Zeichen  „der  unvergleichlichen  Freundschaft  zum  Schah  und  des 
unveranderlichen  Wohlwollens  zum  Iranischen  Reich",  das  alle 
diplomatischen  Erwagungen  aufhob. 

Der  Vertrag  zu  Gandj  hatte  zur  Folge,  daP  die  russischen 
Beziehungen  zu  Persien  auf  lange  Zeit  unterbrochen  waren.  Unter 
der  Regierung  Katharinas  der  GroPen  mupte  Rupiand  im  Jahre 
1781  tatsachlich  „die  schwere  Verpflichtung"  auf  sich  nehmen 
und  die  politischen  Beziehungen  mit  Persien  erneuern,  welche  aber 
reine  Handelsbeziehungen  waren  und  sich  hauptsachlich  in  Astra- 
chan,  in  beschranktem  MaPe  in  Enseli,  Baku  und  Derbent  konzen- 
trierten.  Mit  der  Entwickelung  des  russischen  Handels  auf  dem 
Kaspischen  Meere  wurden  bestandig  Klagen  iiber  die  Raubereien 
der  Turkmenen  laut.  Letztere  schadigten  die  Schiffahrt  und  be- 
sonders  den  Fischfang.  Die  russische  Regierung  sah  sich  infolge- 
dessen  im  Jahre  1781  gezwungen,  den  Grafen  Woinowitsch  nach 
Persien  zu  entsenden,  um  von  der  persischen  Regierung  die  Er- 
laubnis  zur  Errichtung  einer  Beobachtungsstation  am  Siidufer  des 
Kaspischen  Meeres  zu  erlangen. 

Am  30.  Juni  1781  langte  der  Graf  Woinowitsch  mit  vier 
Schiffen  in  der  Astrabadschen  Bucht  an.    Es  begannen  Verhand- 


—    15    — 

lungen  iiber  die  Anlage  einer  Station  in  Aschref.  Aga- Mo- 
hammed-Chan sah  ein,  daP  eine  Ablehnung  der  Bitte  widersinnig 
sei,  da  iiber  eine  Flotte  nicht  verfiigt  werden  konnte,  Infolge- 
dessen  nahm  er  die  Gaste  sehr  freundlich  auf  und  erlaubte  Woino- 
witsch,  die  Station  in  der  Grenzscheide  Gorodowin,  80  km  von 
Astrabad,  zu  errichten.  Woinowitsch  baute  dort  eine  Batterie, 
um  sich  gegen  die  Turkmenen  zu  sichern,  ein  Hospital,  einen 
Bazar,  einen  Anlegeplatz  und  andere  Gebaude  und  wartete  dann 
die  Entscheidung  iiber  die  AbschliePung  eines  Vertrages  inbetreff 
der  neuen  Ansiedelung  ab. 

Aga-Mohammed-Chan,  der  Begriinder  der  jetzt  noch  in  Persien 
herrschenden  Dynastie,  lud  die  russischen  Offiziere  zu  sich  ein, 
lieP  sie  gefangen  nehmen  und  die  von  den  Russen  angelegten 
Befestigungen  zerstoren.  Woinowitsch  wurde  gefesselt  nach  der 
Stadt  Sari  gebracht,  wo  schon  tags  vorher  Aga-Mohammed-Chan 
eingetroffen  war.  Er  setzte  sofort  Woinowitsch  in  Freiheit,  ent- 
schuldigte  die  harten  Ma^regeln,  die  durch  unwahre  Meldungen 
seiner  Untergebenen  und  durch  die  Mitteilung  des  Chans  von 
Buchara,  als  ob  Rupiand  nur  in  feindlicher  Absicht  nach  der  An- 
legung  einer  Station  in  der  Bucht  von  Astrabad  trachtete,  hervor- 
gerufen  waren.  Die  russische  Regierung  war  durch  diese  Er- 
klarung  vollstandig  befriedigt  und  befahl  dem  Grafen  Woino- 
witsch, sogleich  zuriickzukehren. 

Im  Jahre  1782  wandte  sich  Grusien  von  neuem  an  Rupiand  mit 
der  Bitte,  es  vor  den  Persern  und  Tiirken  zu  schiitzen.  Katharina 
dieGroPe,  die  vollstandig  die  Politik  Peters  des  GroPen  verfolgte 
und  augenscheinlich  die  Griindung  eines  armenisch-grusischen  Zar- 
tums  plante,  ging  auf  die  Bitte  der  grusinischen  Zarin,  Iraklija, 
ein  und  schlop  mit  ihr  im  Juli  1783  einen  Vertrag,  auf  Grund 
dessen  letzterer  die  innere  Verwaltung  Grusiens  iibertragen  wurde, 
wahrend  Rupiand  die  Sorge  fiir  die  auPeren  Angelegenheiten  des 
Zartums  iibernahm  und  sogar  nicht  nur  fiir  die  Landschaften, 
die  um  diese  Zeit  Iraklija  gehorten,  sondern  auch  fiir  alles  Land, 
das  in  der  Folge  in  den  Besitz  Grusiens  kommen  konnte,  die 
Garantie  iibernahm. 

Aga-Mohammed-Chan,  unzufrieden  mit  diesem  Verhaltnis  Rup- 
lands  zu  Grusien,  riickte  im  Jahre  1793  mit  drei  Kolonnen  in 
Grusien  ein,  verwiistete  es  schrecklich  und  zerstorte  Tiflis,  dessen 
Bewohner  auf  grausame  Weise  niedergemacht  und  die  Kinder 
lebend  in  die  Kura  geworfen  wurden.    Die  Kaiserin  entsetzte  sich 


—    16    — 

iiber  die  Nachricht  von  der  barbarischen  Bestrafung,  die  von  dem 
persischen  Schah  iiber  das  Volk  und  die  Zarin  verhangt  war,  deren 
ganze  Schuld  darin  bestand,  dap  sie  zu  Rupiand  ihre  Zuflucht 
nahm  und  sich  den  ihr  drohenden  Gefahren  in  der  Hoffnung  auf 
die  ihr  versprochene  Hilfe  aussetzte.  Die  Kaiserin  lieP  unverweilt 
Gulowitsch  mit  8000  Mann  in  Grusien  einriicken.  Da  aber  letzterer 
keine  entscheidenden  Erfolge  erreichte,  wurden  im  Friihjahr  1796 
noch  weitere  35000  Mann  unter  dem  Befehl  Subows  nachgeschickt. 
Letzterer  ging  sehr  energisch  vor  und  nahm  in  kurzer  Zeit  die 
Festungen  Derbent,  Baku  und  Ganj.  Gegen  Ende  des  Herbstes 
war  das  ganze  Kiistenland  des  Kaspischen  Meeres  von  der  Miin- 
dung  des  Terek  bis  zur  Kura  in  den  Handen  der  Russen.  Der  Graf 
Subow  ging  eilends  iiber  den  Aras,  um  in  dem  niuganischen  Tale 
zu  iiberwinlern.  Er  beabsichtigte,  im  Friihjahr  das  Gebiet  Aser- 
beidjan  zu  befrieden  und  auf  Teheran  vorzugehen. 

Am  17.  November  1796  starb  die  Kaiserin  Katharina.  Ihr 
Nachfolger,  der  Kaiser  Paul,  verabschiedete  sofort  den  Feld- 
marschall  Subow  und  lieP  die  Truppen  in  ihre  Standorte  zuriick- 
kehren.  Ein  Vertrag  mit  Persien  war  nicht  abgeschlossen;  RuP- 
land  hatte  seine  Siege  nicht  ausgenutzt. 

Nachdem  im  Jahre  1797  Aga-Mohammed  ermordet  war,  wurde 
sein  Neffe  Fath-Ali  sein  Nachfolger  auf  dem  Throne  Persiens. 
Er  verlegte  seine  Residenz  von  Isfahan  nach  Teheran,  um  bei 
politischen  Verwickelungen  an  der  Nordgrenze  sich  rechtzeitig 
dorthin  begeben  zu  konnen. 

Das  Ende  des  XVIII.  und  der  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts 
war  fiir  Persien  sowohl  infolge  der  Ereignisse  wie  auch  infolge 
seiner  Stellung,  welche  es  unter  den  europaischen  Machten  ein- 
nahm,  eine  sehr  wichtige  Zeit. 

Zu  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts  war  es  England,  das  auf  die 
politischen  Angelegenheiten  Persiens  einen  groPen  EinfluP  ge- 
wann.  Bis  dahin  hatte  es  nur  groPe  Handelsinteressen  in  den 
Hafen  des  Persischen  Golfs,  obgleich  es  einen  beziiglichen  Ver- 
trag mit  Persien  nicht  abgeschlossen  hatte.  Erst  im  Jahre  1800, 
als  es  den  EinfluP  Frankreichs  auf  Persien  beobachtete  und  um 
sich  gegen  einen  Einfall  der  Afghanen  in  Indien  zu  sichern,  schickte 
es  den  Kapitan  Malkom  nach  Persien,  um  einen  Vertrag  zu  ver- 
einbaren. 

Der  Schah  Fath-Ali  liep  sich  durch  die  gropen  Versprechungen 
Malcoms  bewegen,  im  Jahre  1801  einen  Vertrag  mit  England  ab- 


^     17    — 

zuschliepen,  zumal  er  wiinschte,  gute  Beziehungen  zu  diesem 
Reiche  herzustellen.  In  diesem  Vertrage  wurde  hauptsachlich  das 
beriick&ichtigt,  was  Gropbritannien  bei  einem  Einfalle  der  Af- 
ghanen  in  Indien  vorteilhaft  sein  konnte.  Unter  diesen  Umstanden 
verpflichtete  sich  Fath-Ali,  „unverweilt  die  afghanische  Grenze 
zu  verwiisten  und  das  afghanische  Volk  zu  befrieden".  Dann 
nahm  Malcom  einen  Artikel  in  den  Vertrag  auf,  in  dem  es  heipt, 
„dap,  wenn  der  afghanische  Herrscher  oder  die  franzosische  Nation 
einen  Krieg  mit  Persien  beginnen  wiirde,  der  Konig  von  England 
so  viel  Kriegsvorrate  Persien  senden  werde,  wie  es  raoglich  sei. 
Wenn  eine  franzosische  Armee  versuchen  sollte,  sich  auf  einem 
der  Ufer  des  Persischen  Golfs  festzusetzen,  wiirden  die  englischen 
und  persischen  Truppen  mit  vereinten  Kraften  bestrebt  sein,  sie 
zu  vertreiben,  und  keinem  bedeutenden  Franzosen  sollte  gestattet 
werden,  seinen  Aufenthalt  auf  den  Kiisten  und  Inseln  Persiens 
zu  nehmen." 

Dieser  Artikel  erklart  sich  nur  durch  die  Angst,  welche  die 
„aufgeklarten  Seefahrer"  vor  den  Planen  Napoleons,  Indien  zu 
erobern,  batten.  Es  liegt  auf  der  Hand,  dap  dieser  Vertrag  nur 
Englands  Vorteile  im  Auge  hatte.  Der  Schah  Fath-Ali  sah  sehr 
wohl  ein,  dap  er  ihn  nicht  gegen  den  machtigen  Nachbar,  Rupland, 
sichere,  der  alle  seine  friiheren  diplomatischen  Fehler  erkannt 
und  im  Jahre  1801  Grusien  sich  untertanig  gemacht  hatte. 

Aus  diesen  Griinden  war  es  natiirlich,  daP  der  Schah  sogar 
nach  dem  Abschlup  des  Vertrages  mit  England  fortfuhr,  einen 
zuverlassigen  Bundesgenossen  zu  suchen.  DaP  nach  der  Eroberung 
von  Grusien  Rupland  sich  auch  Imeretien,  Mingrelien  und  Gurien 
einverleibt  und  dann  Persien  den  Krieg  erklart  hatte,  bestatigte 
die  Befiirchtungen  Fath-Alis,  dap  England  ein  sehr  unzuverlassiger 
Bundesgenosse  ware.  Letzteres  versagte  Persien  die  Hilfe  nicht, 
aber  es  stellte  als  Entgelt  die  unerhorten  Forderungen,  „das 
ganze  Kiistenland  abzutreten,  das  Recht,  Bender-Buschir  zu  befes- 
tigen,  enorme  Kontributionen,  die  Abtretung  der  Inseln  und  das 
Oberkommando  iiber  die  persischen  Truppen".  Der  dariiber  auf- 
gebrachte  Schah  verwarf  alle  diese  Bedingungen  Englands  und 
wandte  sich  im  Jahre  1802  brieflich  an  Napoleon,  dessen  Person- 
lichkfcit  und  Eroberungen  in  Italien  und  Agypten  ihn  hoffen  liePen, 
aus  dieser  gefahrlichen  Lage  zu  kommen. 

Napoleon  war  sehr  erfreut,  einen  solchen  Bundesgenossen 
im  Osten  zu  gewinnen,  und  sandte  unverweilt  Jaubert  mit  einer 

Die  Beziehungen  Rufilands  zu  Persien.  2 


—    18    — 

offiziellen  Mission  an  den  Sultan  Selim  und  mit  einer  geheimen  an 
den  Schah  von  Persien.  Fast  gleichzeitig  mit  Jaubert  wurde 
Raumier  entsendet,  der  unter  dem  Vorwande,  eine  auPerordent- 
liche  Mission  nach  China  zu  haben,  durch  Syrien,  Suleimanien  nach 
Persien  gelangte  und  dann  sich  schnell  nach  Teheran  begab,  in- 
dem  er  Ranke  von  den  Englandern  befiirchtete,  die  aufmerksam 
waren  und  den  wahren  Zweck  der  Gesandtschaft  errieten.  Fath- 
Ali  nahm  den  Gesandten  sehr  freundlich  auf,  weil  dieser  die 
Instruktion  hatte,  den  Schah  zu  benachrichtigen,  daP  Napoleon 
mit  dem  Biindnis  vorlaufig  einverstanden  sei  und  ein  offizieller 
Gesandter  eintreffen  wiirde.  Vor  allem  kam  es  Napoleon  darauf 
an,  den  Zustand  des  Landes  und  seine  Truppenmenge  kennen  zu 
lernen.  Einige  Tage  nach  seiner  Ankunft  starb  Raumier.  In 
der  Hauptstadt  ging  das  Geriicht,  daP  er  ein  Opfer  politischer 
Intriguen  geworden  sei.  Der  Schah  Fath-Ali  war  iiber  dessen 
Tod  sehr  traurig,  beerdigte  ihn  mit  groPer  Pracht  und  errichtete 
ihm  sogar  ein  Denkmal.  Der  Bevollmachtigte  Napoleons,  Jaubert, 
war  indessen  sehr  vorsichtig,  und  erst  in  Erzerum  erklarte  er  sich 
als  Gesandter.  Die  Englander  verfolgten  seine  Reise  mit  groPer 
Aufmerksamkeit,  und  bei  seiner  Ankunft  in  Bajasid  ergriffen  sie 
ihn  und  nahmen  ihn  gefangen.  Nach  kurzer  Zeit  wurde  er  aber 
wieder  in  Freiheit  gesetzt  und  traf  in  Teheran  ein,  wo  man  ihn 
mit  groper  Ungeduld  erwartet  hatte.  Er  wurde  auPerordentlich 
freundlich  empfangen.  Infolge  der  langen  Reise  und  der  Gefangen- 
schaf t  sehr  erschopf t,  erkrankte  Jaubert  und  reiste  krank  mit  einem 
Antwortschreiben  des  Schahs  nach  Paris  zuriick.  Fath-Ali  war  iiber 
das  Ungliick,  das  die  Gesandten  Napoleons  betroff en  hatte,  sehr  be- 
kiimmert.  Er  gab  Jaubert  den  besten  Arzt  mit,  der  mit  seinem 
Kopf  fiir  das  Leben  des  Gesandten  haften  sollte.  Gliicklicher- 
weise  erholte  sich  Jaubert  auf  der  Reise,  kehrte  wohlbehalten 
nach  Paris  zuriick  und  iiberreichte  Napoleon  das  Schreiben  des 
Schahs.  Bevor  ersterer  sich  entschlop,  ein  Biindnis  mit  Per- 
sien zu  schliepen,  entsandte  er  noch  wiederholentlich  Ge- 
sandte  dorthin,  um  sich  iiber  die  Fahigkeit  Persiens,  ihn  bei 
seinen  Eroberungsplanen  inbezug  auf  Indien  zu  unterstiitzen, 
klar  zu  werden. 

Um  diese  Zeit  begann  Rupiand  den  Krieg  mit  Persien.  Die 
Siege  des  Fiirsten  Zizianow  iiber  Abbas-Mirsa,  die  Einnahme  der 
Festung  Ganj  (Jelissawetpol)  im  Jahre  1804  und  die  im  Jahre 
1805  genommenen  Chanate  Karabagh,  Scheka  und  Schirwan  bis 


—    19    — 

dicht  an  den  Aras  brachten  den  Schah  nicht  zur  Vernunft;  auf 
Anraten  der  Englander  dachte  er  nicht  an  den  Frieden,  so  daP 
er  Rutland  zwang,  auf  seiner  siegreichen  Bahn  weiter  fortzu- 
schreiten.  Der  Krieg  Persiens  mit  Rupiand  war  den  Englandern 
notwendig,  weil  er  Napoleon  hinderte,  seine  Plane  inbetreff  Indians 
zur  Ausfiihrung  zu  bringen. 

Die  Einnahme  Bakus  durch  den  General  Bulgakow  und  Der- 
bents  durch  Glasenap  im  Jahre  1806  veranlapte  Fath-Ali,  seinen 
Bevollmachtigten  Mirsa-Risa-Chan  nach  Frankreich  zu  schicken, 
um  moglichst  schnell  einen  Vertrag  mit  Napoleon  abzuschliePen. 
Der  Vertrag  wurde  am  4.  Mai  1807  in  Finkenstein  unterzeichnet, 
kraft  dessen  sich  Fath-Ali  verpflichtete,  nach  der  Ratifikation 
des  Vertrages  alle  politischen  und  Handelsbeziehungen  mit  Eng- 
land abzubrechen  und  ihm  sofort  den  Krieg  zu  erklaren,  ohne 
seinen  Vorschlagen  zuzustimmen   (Art.  8).     Wenn  Ruf31and  und 
England   ein   Biindnis   gegen  Frankreich   und   Persien   schlie^en 
sollten,  waren  beide  Nationen  verpflichtet,  gemeinsam  gegen  die 
beiden  obengenannten  Machte  zu  operieren  (Art.  9).    Der  Schah  ver- 
pflichtete sich  ferner,  seinen  ganzen  Einflup  zu  benutzen,  um  die 
Afghanen  und  andere  Volkerschaften  Kandahars  zu  einem  Kriege 
gegen  England  zu  bewegen  und  nach  Vereinigung  dieser  Truppen 
mit  den  eigenen  tief  in  Indien  einzudringen  (Art.  10).    In  dem 
Falle,  dap  Napoleon  seine  Armee  auf  dem  Landwege  nach  Indien 
vorgehen  liepe,  so  lite  der  Schah  sie  durch  sein  Territorium  riicken 
lassen,  sie  auf  dem  Marsche  mit  Verpflegung  unterstiitzen  und 
endlich  seine  Armee  mit  der  franzosischen  vereinigen  (Art.  12), 
Alle  Hafen  des  Persischen  Golfs  sollten  dem  franzosischen  Ge- 
schwader  geoffnet  werden  (Art.  11).  Napoleon  garantierte  seiner- 
seits  Persien  den  vollen  Besitzstand  seines  Reichs  (Art.  2),  erkannte 
Grusien  als  zu  Persien  gehorig  an  (Art.  9).    Er  versprach,  alles 
aufzubieten,  Rupiand  zur  Zuriickgabe  Grusiens  und  der  anderen 
Gebiete  zu  bewegen  (Art.  4).    Ferner  verpflichtete  sich  Napoleon, 
einen  Bevollmachtigten  dem  Teheranschen  Hofe  beizugeben  und 
Persien  zu  helfen,  die  Truppen  und  die  Bewaffnung  nach  fran- 
zosischem  Muster  zu  reorganisieren,  und  war  mit  der  Gestellung 
von  Instruktionsoffizieren  einverstanden  (Art.  7).     Auch  wollte 
er  so  viel  Waffen  liefern,  wie  es  der  Schah  fiir  notig  halte. 

So  versprach  Napoleon  allerdings,  Persien  in  spaterer  Zeit 
zu  helfen;  nur  Instruktoren  und  Waffen  wollte  er  schicken.  Persien 
sollte  dagegen  gezwungen  werden,  trotz  seiner  Leistungsunfahig- 


—    20    — 

keit  und  dem  mehrjahrigen  Kriege  mit  Rutland  sofort  England 
den  Krieg  zu  erklaren  und  nach  Indien  vorzugehen. 

Trotzdem  dap  der  Vertrag  auPerordentlich  unvorteilhaft  fiir 
Persien  war,  wurde  dennoch  der  standige  Gesandte  Frankreichs 
von  der  Bevolkerung  mit  unbeschreiblichem  Enthusiasmus  aufge- 
nommen.  Der  Schah  unterzeichnete,  ohne  zu  zogern,  den  Vertrag 
und  auch  den  Erganzungsvertrag,  auf  Grund  dessen  den  fran- 
zosischen  Untertanen  groPe  Vorteile  inbetreff  des  Handels  und 
den  Konsuln  eine  weitgehende  Machtbefugnis  eingeraumt  wurden. 

Die  franzosischen  Instruktoren  und  die  franzosischen  Waffen 
half  en  Persien  nicht;  die  Russen  gingen  im  Kaukasus  weiter  vor 
und  nahmen  im  Jahre  1808  Nachitschewan.  Aus  Furcht  vor 
solchen  schnellen  Erfolgen  schlug  Fath-Ali  dem  russischen  Ober- 
befehlshaber  Gudowitsch  vor,  einen  Waffenstillstand  auf  ein  Jahr 
abzuschliepen,  welcher  Vorschlag  dem  Kaiser  von  Rupiand  unter- 
breitet  wurde.  Gleichzeitig  schickte  Fath-Ali  seinen  Gesandten 
Asker-Chan  nach  Paris  mit  der  Vollmacht,  unter  Mitwirkung  Na- 
poleons mit  dem  Grafen  Tolstoi,  dem  damaligen  russischen  Ge- 
sandten an  dem  franzosischen  Hofe,  einen  Friedensvertrag  abzu- 
schliepen. Asker-Chan  war  aber  noch  nicht  nach  Paris  gelangt, 
als  der  Kaiser  von  Rupiand  an  Gudowitsch  den  Befehl  erlieP, 
keinen  Waffenstillstand  zu  gewahren  und  vorzugehen.  Napoleon 
hatte  Asker-Chan  nicht  unterstiitzt;  er  wollte  sich  mit  Rupiand 
nach  dem  Tilsiter  Frieden  nicht  entzweien,  wies  auf  die  zu  weite 
Entfernung  Frankreichs  von  Persien  hin,  und  lehnte  das  Gesuch  ab. 

Infolge  dieser  abschlagigen  Antwort  horte  der  EinfluP  Frank- 
reichs auf  Persien  auf.  Der  Plan  Napoleons,  sich  Indiens  mit 
Hilfe  Persiens  zu  bemachtigen,  konnte  nicht  zur  Ausfiihrung 
kommen. 

Die  Englander  hatten  ihre  voile  Aufmerksamkeit  auf  die 
Ereignisse  in  Persien  gerichtet  und  zogerten  nicht,  aus  den  Um- 
standen  Nutzen  zu  ziehen,  indem  sie  mit  einem  Geschwader  in 
den  persischen  Golf  unter  dem  Vorwande  einliefen,  Verhandlungen 
anzukniipfen.  Der  franzosische  Gesandte  verlangte  von  Fath-Ali, 
sich  jeglicher  Verhandlungen  mit  den  Englandern  zu  enthalten, 
unter  der  Drohung,  dap  er  andernfalls  Persien  verlassen  wiirde. 
Der  Kommandierende  des  englischen  Geschwaders  machte  den 
Vorschlag,  daP  England  den  Schah  mit  Geld  unterstiitzen  werde, 
um  den  Krieg  mit  Rupiand  fortsetzen  zu  konnen.  Wenn  er  dies 
ablehnen  sollte,  wiirde  England  Persien  den  Krieg  erklaren  und 


—    21    — 

die  jetzt  herrschende  Dynastie  stiirzen  und  einen  Nachkommen 
des  friiheren  Herrscherhauses,  welcher  sich  auf  dem  Geschwader 
befinde,  den  Thron  besteigen  lassen. 

Fath-Ali  fand  keinen  anderen  Ausweg  aus  dieser  mipiichen 
Lage,  als  mit  England  in  Unterhandlungen  zu  treten,  wodurch 
allerdings  der  Vertrag  mit  Napoleon  verletzt  wurde.  Am  12.  Fe- 
bruar  1809  verliep  der  franzosische  Gesandte  Teheran,  und  einige 
Tage  spater  zog  der  englische  Gesandte  feierlich  hier  ein.  In 
demselben  Jahre  schloP  Persien  mit  England  einen  neuen  Vertrag; 
es  erhielt  eine  bedeutende  Geldunterstiitzung  und  fiir  seine  Truppen 
englische  Instruktionsoffiziere,  welche  aber  schon  1812  zuriick- 
gerufen  wurden. 

Um  diese  Zeit  traf  Rupiand  seine  Vorbereitungen  fiir  den 
Krieg  mit  Frankreich.  An  den  General  Kotljarewski  erging  der 
Befehl,  die  Operationen  gegen  Persien  zu  beschleunigen.  In  den 
Jahren  1812 — 1813  gewann  letzterer  die  glanzende  Schlacht  bei 
Aslandusa,  nahm  Lenkoran  und  bemachtigte  sich  1813  des  Ta- 
lynischen  Chanats.  Der  Riickzug  Napoleons  im  Jahre  1812  aus 
Rupiand  und  seine  im  Jahre  1813  erfolgten  Niederlagen  zerstorten 
die  Hoffnung  des  Schahs,  dap  er  ihm  zu  Hilfe  kommen  wiirde. 
Er  sah  sich  infolgedessen  genotigt,  am  12.  Oktober  1813  in 
Gulistan  mit  Rupiand  Frieden  zu  schliepen. 

In  den  Friedensverhandlungen  kam  man  iiberein,  daP  der 
Frieden  auf  Grund  des  status  quo  ad  prasentem  abgeschlossen 
werden  sollte,  also  dap  jeder  Gegner  in  den  Landschaften,  Cha- 
naten  und  Besitzungen  bliebe,  welche  zur  Zeit  in  seinen  Handen 
seien  (Art,  2);  infolgedessen  wurden  Rupiand  die  Chanate  Kara- 
bagh  und  Ganj,  das  jetzt  zur  Provinz  Jelissawetpol  geworden 
ist,  ferner  auch  die  Chanate  Scheka,  Schirwan,  Derbent,  Kuba, 
Baku  und  Talysch  abgetreten.  AuPerdem  fielen  an  Rupiand  das 
ganze  Dagestan,  Grusien,  die  Schuragasche  Provinz,  Imeretien,  Gu- 
rien,  Mingrelien  und  Abchasien,  ebenso  alle  Besitzungen  und  Land- 
schaften zwischen  der  festgesetzten  Grenze  und  der  kaukasischen 
Linie  mit  den  an  letzterer  und  dem  Kaspischen  Meere  anliegenden 
Landschaften  und  Volkern  (Art.  3).  Auf  Grund  des  Artikels  4 
erhielt  Alexander  I.  fiir  sich  und  seine  Nachfolger  das  Recht, 
in  Persien  „die  Selbstherrschaft  und  die  herrschende  Macht  auf 
den  festen  Grundlagen"  zu  erhalten  und  deshalb  „verspricht  er 
dem  Sohne  des  Schahs  von  Persien,  welcher  von  diesem  als  Nach- 
folger auf  dem  persischen  Throne  bestimmt  sein  wird,  notigen- 


—    22    — 

falls  Hilfe  zu  gewahren,  damit  keinerlei  auPere  Feinde  sich  in 
die  Angelegenheiten  des  persischen  Reichs  einmischen  konnten 
und  damit  durch  die  Hilfe  des  Allerhochsten  Russischen  Hofes 
der  Persische  Hof  befestigt  ware.  Wenn  iibrigens  unter  den 
Sohnen  des  Schahs  Streitigkeiten  iiber  die  Angelegenheiten  des 
persischen  Reichs  entstanden,  so  wiirde  das  russische  Reich  nicht 
eingreifen,  bis  der  herrschende  Schah  darum  bitten  wiirde".  Nach 
dem  5.  Artikel  sicherte  sich  Russland  das  ausschliepiiche  Recht 
der  Herrschaft  der  „Kriegsflagge"  auf  dem  Kaspischen  Meere, 
wahrend  die  persischen  Handelsschiffe  nach  dem  friiheren  Ge- 
brauch  „das  Recht  behielten,  das  Kaspische  Meer  zu  befahren 
und  an  den  russischen  Ufern  anzulegen",  unter  der  Bedingung, 
„daP  sie  bei  Schiffbriichen  freundschaftliche  Hilfe  leisteten".  Die 
Gesandten  soUten  „ihrem  Range  und  der  Wichtigkeit  ihrer  Auf- 
trage  entsprechend  aufgenommen  werden,  wahrend  die  zum 
Schutz  des  Handels  bestimmten  Agenten  oder  Konsuln,  welche 
von  hochstens  10  Mann  begleitet  waren,  die  ihnen  als  Vertrauens- 
personen  gebiihrenden  Ehren  geniePen  wiirden"  (Art.  7).  Im 
8.  Artikel  wurden  die  Rechte  zum  freien  Handel  sowohl  fiir  die 
russischen  wie  fiir  die  persischen  Untertanen  innerhalb  des  frem- 
den  Reichs  bestatigt.  Die  Zolle  fiir  die  Waren  sollten  5  Prozent 
betragen;  hohere  Abgaben  diirften  unter  keinem  Vorwande  er- 
hoben  werden. 

Die  von  Rupland  in  dem  Gulistanschen  Vertrage  erlangten 
Vorteile  veranlapten  England,  eilends  wieder  einen  Gesandten 
nach  Persien  zu  schicken,  der  so  geschickt  die  Verhandlungen  zu 
leiten  wupte,  daP  im  Dezember  1814  ein  neuer  Vertrag  zustande 
kam,  nach  welchem  alle  Biindnisse  mit  Reichen,  die  GroP- 
britannien  feindlich  gesinnt  seien,  fiir  nichtig  erklart  wurden. 
Der  Schah  wurde  verpflichtet,  einem  Vorgehen  irgend  eines  euro- 
paischen  Staates  nach  Indien  durch  Buchara  oder  Chiwa  entgegen- 
zutreten.  Der  Vertrag  wurde  nur  als  ein  Verteidigungsvertrag 
angesehen.  Die  Unterstiitzung  mit  Truppen  oder  eine  Subvention 
in  der  Hohe  von  200000  Pfund  Sterling  sollte  Persien  jahrlich 
von  England  gewahrt  werden,  wenn  ein  Eroberer  in  dasselbe 
eindringen  wiirde,  aber  nur  dann,  wenn  Persien  nicht  dazu  die 
Veranlassung  gegeben  habe.  Persien  wurde  das  Recht  zuge- 
standen,  europaische  Offiziere  zur  Ausbildung  seiner  Truppen 
zu  verwenden,  aber  nur  unter  der  Bedingung,  daP  diese  nicht 
einer  England  feindlichen  Macht  angehorten.     Wenn  irgend  ein 


—    23    — 

europaischer  Staat,  der  sich  mit  England  im  Frieden  befande, 
Persien  den  Krieg  erklaren  sollte,  wiirde  England  mit  Truppen  oder 
Subsidieu  Persien  unterstiitzen.  Letztere  wiirden  moglichst  recht- 
zeitig  abgesendet  werden.  Persien  habe  mit  seiner  Armee  gegen 
den  Feind  vorzugehen,  die  auf  Kosten  Englands  unterhalten  werden 
wiirde.  Wenn  aber  zwischen  Persien  und  Afghanistan  ein  Krieg 
ausbrechen  sollte,  wiirde  England  sich  nicht  einmischen,  es  sei 
denn,  dap  es  urn  seine  Vermittelung  gebeten  wiirde. 

Dap  dieser  Vertrag  gegen  Rupiand  abgeschlossen  wurde, 
liegt  auf  der  Hand,  zumal  sich  auch  der  Schah  verpf  lichten  mupte, 
seine  Armee  mit  englischen  Instruktoren  und  Waffen  zu  versehen 
und  eino  GuPstahlfabrik  in  Tabris  zu  errichten.  Die  englischen 
Offiziere  blieben  jedoch  nur  ein  Jahr  in  Persien.  Damals  hatte 
der  Prinz  Abbas-Mirsa  das  Kommando  iiber  die  persische  Armee. 
Er  war  ein  sehr  verstandiger,  talentvoller  Mann  mit  europaischen 
Anschauungen,  so  dap  er  sich  iiber  die  politischen  Intriguen  klar 
war.  Infolgedessen  war  er  den  englischen  Instruktoren  nicht 
freundlich  gesinnt  und  beobachtete  sie  sehr  aufmerksam.  Als 
diese  die  Anderung  ihrer  Stellung  bemerkt  hatten,  zogerte  er 
nicht,  offen  gegen  sie  vorzugehen,  so  dap  sie  veranlapt  wurden, 
aus  eigenem  Antriebe  Persien  zu  verlassen. 

Nach  AbschluP  des  Gulistanschen  Vertrags  schickte  die  per- 
sische Regierung  den  Gesandten  Mirsa-Abdul-Hasan  nach  Peters- 
burg mit  dem  Auftrage,  die  Riickgabe  mehrerer  nach  dem  Ver- 
trage  an  Rupiand  abgetretenen  Provinzen  zu  verlangen.  Der 
Kaiser  Alexander  I.  befand  sich  damals  auf  dem  Kriegsschauplatz 
im  Auslande.  Nach  seiner  Riickkehr  empfing  er  den  Gesandten 
sehi-  gnadig.  Anstatt  aber  dem  Gesandten  auf  dessen  Bitte  zu 
antworten  ,teilte  er  ihm  mit,  daP  er  als  Beweis  der  herzlichen 
Freundschaft  zum  Schah  den  General  Jermolow  zum  Gesandten 
ernennen  werde.  Letzterer  erhielt  eine  sehr  weitgehende  Vollmacht: 
er  solle  zuerst  in  Grusien  sich  aufhalten  und  mehrere  Grenzorte 
bereisen,  um  sich  zu  iiberzeugen,  ob  es,  ohne  Rupiand  zu  scha- 
digen,  moglich  sei,  etwas  den  Persern  abzutreten  und  eine  Grenz- 
anderung  zuzulassen,  ohne  es  zu  schwachen. 

In  der  von  dem  Kaiser  erlassenen  Instruktion  wurde  Jermolow 
vorgeschrieben: 

1.  Sich  zu  iiberzeugen,  ob  es  nicht  moglich  sei,  in  dem  Taly- 
schen  und  Karabaghschen  Chanaten  ein  Mittel  zu  finden,  um  das 
Ansuchen  Persiens,  ihm  gewisse  Landschaften,  „die  durch  den 


—     24     — 

Gulistanschen  Vertrag  an  Rupland  gefallen  waren,  zuriickzugeben, 
indem  eine  neue  Grenzlinie  gezogen  und  als  Entgelt  dafiir  andere 
Vorteile  erlangt  wiirden. 

2.  Handelskontore  in  Enseli,  aber  besonders  in  Astrabad  zu 
eroffnen. 

3.  In  der  Frage  iiber  die  Anerkennung  Abbas-Mirsas  als  Thron- 
folger  sich  nach  der  Politik  Englands  zu  richten,  das  ihm  wohl 
den  Titel  als  Thronfolger  gebe,  aber  keine  Biirgschaft  dafiir  iiber- 
nehme. 

4.  Mit  Persien  eine  solche  Abmachung  zu  treffen,  in  welcher 
es  seinerseits  sich  verpflichte,  die  strengste  Neutralitat  zu  be- 
obachten,  wahrend  Rupiand  die  Verpflichtung  iibernehme,  bei 
alien  Kriegen,  die  Persien  mit  den  Grenz-  und  anderen  Reichen 
fiihre,  unbeteiligt  zu  bleiben. 

5.  Den  iiberwiegenden  englischen  Einflup  iiber  Persien  zu 
hemmen,  ihn  in  unmerklicher  Weise  zu  schwachen  und  endiich 
ihn  ganz  unwirksam  zu  machen. 

6.  Persien  in  seinem  eigenen  Interesse  zum  Frieden  mit  Rup- 
land zu  bewegen. 

7.  Eingehende  Nachrichten  iiber  die  Regierung  des  Landes, 
seine  Mittel,  seine  Statistik,  seine  Topographie,  den  Zustand  und 
die  Starke  seiner  Truppen  einzuziehen. 

8.  Nach  der  Abreise  von  Teheran  dort  eine  standige  Mission 
einzurichten. 

Jermolow  verweilte  bei  seiner  Reise  nach  Persien  eine  ziem- 
lich  lange  Zeit  in  Kaukasien,  um  die  Lage  des  Landes  kennen  zu 
lernen  und  Mittel  zu  finden,  um  das  Ansuchen  Persiens  zu  be- 
friedigen.  Nachdem  er  einen  Monat  in  Transkaukasien  zugebracht 
hatte,  reiste  er  mit  einer  Suite  von  etwa  200  Mann  auf  dem 
Landwege  iiber  Eriwan  und  Tabris  nach  Teheran.  Uberall  wurde 
er  auf  die  schmeichelhafteste  Weise,  mit  grower  Aufmerksamkeit 
und  Wertschatzung  aufgenommen.  Aber  nichtsdestoweniger 
suchten  die  Perser,  wenn  sich  die  Gelegenheit  bot,  den  russischen 
Gesandten  in  den  Augen  des  Volks  herabzusetzen,  indem  sie  auf 
der  genauen  Befolgung  der  Gebrauche  und  Zeremonien,  die  bei 
dem  persischen  Hofe  iiblich  waren,  bestanden,  Aber  alle  diese 
Versuche  scheiterten  an  der  eisernen  Festigkeit  und  dem  Stolz 
Jermolows,  der  sich  darauf  berief,  „daP  er  nicht  als  ein  Spion 
Napoleons,  noch  als  ein  Ilandelsagent  komme".  Er  hielt  sich  an 
die  russische   Etikette   und  sprach  offen  seine   Unzufriedenheit 


—    25    — 

iiber  die  Taktlosigkeit  des  persischen  Hofes  aus.  Der  Empfang 
Jermolows  fand  in  Sultanie  statt  und  vollzog  sich  in  glanzendster 
Weise.  Fath-Ali  sprach  bei  seinen  Unterredungen  mit  ihm  aus: 
„daP  es  sowohl  fiir  den  russischen  Monarchen  wie  auch  fiir  ihn 
selber  wiinschenswert  sei,  einen  gegenseitigen  Besuch  zu  ermog- 
lichen,  wie  dies  zwischen  den  europaischen  Hofen  der  Fall  sei". 
Zum  SchluP  drohte  Fath-Ali  „mit  dem  himmlischen  Zorn  zur 
Bestrafung  dessen,  der  sich  erkiihne,  den  Frieden  und  das  Ein- 
verstandnis,  das  zwischen  den  beiden  Herrschern  bestehe,  zu 
storen".  Die  Verhandlungen  des  Generals  Jermolow  mit  den  per- 
sischen Beamten  iiber  die  Zuriickgabe  der  Landschaften,  die  nach 
dem  Frieden  zu  Gulistan  Rupiand  zugefallen  waren,  zogen  sich 
ziemlich  lange  hin.  Jermolow  war  zu  der  Uberzeugung  gekommen, 
dap  es  Rupiand  unmoglich  sei,  die  eroberten  Landschaften  zuriick- 
zugeben,  so  dap  alle  Gesuche  und  Bitten  der  persischen  Beamten 
kategorisch  abgelehnt  wurden.  Einer  solchen  Hartnackigkeit 
gegeniiber  drohte  Mirsa-Abdul-Wahab,  der  Bevollmachtigte  des 
Schah,  mit  einem  Kriege  gegen  Rupiand,  indem  er  sagte,  dap 
„ohne  die  Zuriickgabe  der  Gebiete  er  an  der  Aufrechterhaltung 
der  freundschaftlichen  Beziehungen  zwischen  Rupiand  und  dem 
Schah  zweifle".  Jermolow  erwiderte  darauf,  dap  ,,der  Kaiser 
es  sehr  bedauern  wiirde,  wenn  ein  Bruch  erfolge,  und  obwohl 
er  auch  sehr  wiinsche,  sich  die  Freundschaft  des  Schahs  zu  er- 
halten,  er  die  Wohlfahrt  seiner  Untertanen  schiitzen  miisse.  Wenn 
der  Schah  in  seiner  Freundschaft  fiir  Rupiand  erkaltet  und  nicht 
nachgiebt,  setzte  Jermolow  hinzu,  erklare  ich  selbst  den  Krieg 
und  fordere  den  Aras  als  Grenze,  um  die  Wiirde  Ruplands  zu 
wahren".  Daraufhin  gaben  die  Perser  nach,  welche  die  Freund- 
schaft des  Kaisers  von  Rupiand  dem  Nutzen  vorzogen,  den  ihnen 
der  Gewinn  der  Landschaften  bringen  wiirde. 

Im  Laufe  von  sieben  Jahren  hatte  Abbas-Mirsa  seine  Truppen 
nach  europaischem  Muster  reorganisiert  und  die  Disziplin,  den 
Geist  und  iiberhaupt  die  Kriegstiichtigkeit  so  gehoben,  daP  er 
es  fiir  moglich  hielt,  der  Tiirkei  den  Krieg  zu  erklaren.  Der  Feld- 
zug  war  fiir  die  Perser  verhaltnismapig  giinstig,  was  aber  die 
Tiirkei  nicht  hinderte,  bei  dem  Friedensschlup  in  Erzerum  im  Jahre 
1823  grope  Vorteile  auszubedingen.  Persien  mupte  alle  von  ihm 
eroberten  tiirkischen  Landschaften  zuriickgeben  und  sich  ver- 
pflichten,  sich  weder  direkt  noch  indirekt  in  die  Angelegenheiten 
Kurdistans  und  Bagdads  einzumischen.    Dafiii*  sollte  die  Tiii-kei 


—    26    — 

die  Pilger  schiitzen,  die  aus  Persien  nach  Mekka  zogen.  Die 
Handelsabgaben  wurden  auf  4  Prozent  des  Wertes  der  Waren 
festgesetzt 

Trotz  des  sehr  bedingten  Sieges  der  Perser  iiber  die  Tiirken 
war  doch  der  egoistische  und  hochmiitige  Abbas-Mirsa  von  seiner 
Starke  iiberzeugt.  Als  Thronfolger  und  Verwalter  des  an  Rupland 
grenzenden  Aserbeidjans  fiihrte  er  die  Bestimmungen  des  Ver- 
trages  von  Gulistan  sehr  nachlassig  aus  und  veranlapte  dadurch 
politische  Miphelligkeiten,  wodurch  die  Beziehungen  der  beiden 
Reiche,  Rupiand  und  Persien,  sehr  gespannte  wurden, 

Der  Schah  Fath-Ali,  von  Natur  ein  sehr  friedliebender  Mann, 
hatte  sich  mit  der  Sachlage  ausgesohnt;  andererseits  aber  ver- 
traute  er  auf  die  Starke  seines  Sohnes,  vergotterte  ihn  und  hin- 
derte  ihn  nicht  in  seinem  Verfahren,  was  die  Gefahr  nur  noch 
vergroperte.  Die  russische  Regierung  ergriff  energischere  MaP- 
regeln  und  schickte  sogar  den  Fiirsten  Menschikow  nach  Teheran, 
der  es  aber  nicht  verstand,  die  friiheren  Beziehungen  wieder 
herzustellen. 

Im  Jahre  1825  starb  der  Kaiser  Alexander  I.  Abbas-Mirsa, 
der  die  Ereignisse  in  Rupiand  sehr  aufmerksam  verfolgt  hatte, 
hielt  den  Augenblick  fiir  sehr  giinstig,  um  in  das  russische  Gebiet 
einzubrechen.  Am  2.  September  1826  iiberschritt  er  schon  die 
russische  Grenze,  ohne  dap  eine  Kriegserklarung  erfolgt  war,  und 
gelangte  ungehindert  bis  Jelissawetpol.  Die  sechswochige  Be- 
lagerung  der  Festung  Schuscha  durch  Abbas-Mirsa  ermoglichte 
es  dem  General  Paskewitsch,  seine  Truppen  zusammenzuziehen. 
Am  13.  September  schlug  er  die  Avantgarde  der  Armee  Abbas- 
Mirsas  bei  Jelissawetpol.  Die  Hauptkrafte  der  persischen  Armee 
erlitten  am  5.  Juli  1827  bei  Djewan  Bulak  eine  Niederlage  und 
wurden  gezwungen,  iiber  den  Aras  zuriickzugehen. 

Nach  diesen  Miperfolgen  wandte  sich  Fath-Ali  an  England 
und  verlangte  auf  Grund  des  im  Jahre  1814  abgeschlossenen  Ver- 
trages  die  versprochene  Unterstiitzung  durch  Truppen  und  Sub- 
sidien  in  der  Hohe  von  5  Millionen.  Der  Schah  erhielt  aber  auf 
seine  Bitte  gar  nicht  einmal  eine  Antwort.  Mittlerweile  hatte 
Paskewitsch  am  1.  Oktober  Eriwan,  am  19.  Oktober  Tabris  ge- 
nommen  und  war  bereit,  auf  Teheran  vorzugehen.  Der  durch 
diese  Ereignisse  in  Furcht  gesetzte  Schah  bat  um  Frieden,  der 
auch  am  10.  Februar  1828  in  Turkmantschai  geschlossen  wurde. 


—    27    — 

nachdem  Paskewitsch  im  Januar  Maragh,  Ardebil  und  Urmia 
genommen  hatte. 

Nach  dem  Vertrage  von  Turkmantschai  trat  Persien  das 
Chanat  Eriwan  diesseits  und  jenseits  des  Aras  und  das  Chanat 
Nachitschewan  an  Rupland  ab  (Art.  3).  Es  verpflichtete  sich, 
fiir  die  Verluste  und  den  Schaden,  die  die  russischen  Untertanen 
erlitten  batten,  20  Millionen  Silberrubel  zu  zahlen  (Art.  6).  Im 
7,  Artikel  verpflichtete  sich  der  Kaiser  von  Rupland,  den  Prinzen 
Abbas-Mirsa  als  Thronfolger  anzuerkennen  und,  wenn  er  den 
Thron  bestiegen  habe,  ihn  als  gesetzlichen  Herrscher  Persiens 
anzusehen.  Durch  den  Artikel  8  wurde  der  5.  Artikel  des  Ver- 
trages  von  Gulistan  betreffs  des  Befahrens  des  Kaspischen  Meeres 
bestatigt.  Die  Artikel  9  und  10  betrafen  die  erweiterten  Rechte 
der  Gesandten,  Konsuln  und  Agenten. 

Durch  einen  besonderen  Vertrag,  der  unter  demselben  Datum 
in  Turkmantschai  abgeschlossen  wurde,  wurden  die  gegenseitigen 
Rechte  liber  den  Handel  bestatigt  und  erweitert.  So  wurde  durch 
den  Artikel  2  bestimmt,  dap  die  „von  den  beiderseitigen  Unter- 
tanen vollzogenen  Kontrakte,  Wechsel,  Biirgschaften  und  andere 
schriftliche  Akte  in  Handelsangelegenheiten  bei  dem  russischen 
Konsul  und  dem  Hakim  (biirgerlichen  Richter),  und  wo  kein 
Konsul  vorhanden  ware,  nur  bei  dem  Hakim  allein  unterschrieben 
werden  sollten.  Wenn  die  eine  der  beiden  Parteien  nicht  mit 
solchen  schriftlichen  Dokumenten  und  Bescheinigungen  versehen 
sein  sollte  und  sie  die  gerichtliche  Forderung  gegen  die  andere 
einleitet,  indem  sie  nur  Zeugen  beibringt,  so  soil  eine  solche  For- 
derung nicht  zugelassen  werden,  es  sei  denn,  daP  der  Verklagte 
selbst  sie  als  gesetzlich  anerkennt.  Die  Akte,  die  auf  Grund  der 
obigen  Vorschriften  abgeschlossen  sind,  sollen  von  den  beider- 
seitigen Untertanen  als  heilig  angesehen  werden,  und  wenn  durch 
eine  Ablehnung,  sie  zu  erfiillen,  fiir  irgend  einen  Verluste  ent- 
stehen,  so  werden  sie  in  entsprechender  Weise  nicht  nur  innerhalb 
Persiens,  sondern  auch  auperhalb  desselben  vergiitet.  Diese  Fest- 
setzungen  erstrecken  sich  auch  auf  die  persischen  Untertanen, 
die  in  Rupland  Handel  treiben." 

Durch  den  3.  Artikel  wird  die  Sprozentige  Abgabe  von  dem 
Werte  der  ein-  und  ausgefiihrten  Waren  bestatigt,  „ohne  sie 
spater  mit  irgend  einem  Zolle  zu  belegen",  mit  dem  Vorbehalt, 
daP,  „wenn  es  Rupiand  fiir  notwendig  halt,  irgend  welche  An- 
ordnungen  betreffs  des  Zolles  zu  treffen  und  Tarife  festzusetzen, 


—    28    — 

es  sich  verpflichtet,  den  Zoll  von  5  Prozent  ohne  irgend  einen 
Zuschlag  aufrecht  zu  erhalten".  In  dem  5.  Artikel  wird  es  „den 
russischen  Untertanen  in  Persien  erlaubt,  dort  Hauser  fiir  ihre 
Wohnung,  wie  Platze  und  Niederlagen  fiir  ihre  Waren  nicht  nur 
zu  mieten,  sondern  auch  als  Eigentum  zu  erwerben". 

In  dem  Artikel  7  heipt  es:  „Alle  Rechtsstreite  und  Streit- 
sachen  zwischen  den  russischen  Untertanen  werden  durch  die  Ge- 
sandtschaft  und  die  Konsuln  des  russischen  Reichs  nach  den 
russischen  Gesetzen  entschieden;  aber  wenn  Streitigkeiten  und 
Rechtsstreite  zwischen  russischen  und  persischen  Untertanen  ent- 
stehen,  gelangen  sie  an  den  Hakim  oder  Administrator  und  sind 
nur  im  Beisein  des  Dragomans  der  Gesandtschaft  oder  des  Kon- 
sulats  zu  entscheiden.  Wenn  ein  russischer  Untertan  mit  Aus- 
landern  in  Kriminalsachen  verwickelt  wird,  kann  er  nicht  ohne 
den  Beweis,  daf3  er  an  dem  Verbrechen  teilgenommen  hat,  verfolgt 
oder  beunruhigt  werden.  1st  er  aber  daran  beteiligt,  soil  er  im 
Beisein  des  Konsuls  oder  eines  von  der  russischen  Gesandtschaft 
abgeordneten  Beamten  verurteilt  werden".  Nachdem  dem  Ange- 
klagten  das  Urteil  eroffnet  ist,  soil  der  Verbrecher  dem  Repra- 
sentanten  des  russischen  Kaisers  iibergeben  werden,  um  ihn  nach 
Rupiand  zu  schicken  und  ihn  dort  nach  den  bestehenden  Gesetzen 
zu  bestrafen  (Art.  8). 

Einige  Monate  spater  nach  dem  AbschluP  des  Vertrages  zu 
Turkmantschai  wurde  als  bevollmachtigter  Minister  bei  dem  Hofe 
des  Schahs  von  Persien  Alexander  Sergijewitsch  Gribojedow  er- 
nannt,  der  unlangst  in  Persien  gewesen  und  der  persischen  Sprache 
kundig  war.  Er  wurde  an  der  Grenze  mit  gro[3er  Ehrfurcht  era- 
pfangen,  blieb  etwa  einen  Monat  in  Tabris  und  begab  sich  dann 
nach  Teheran,  wo  er  dem  Schah  vorgestellt  wurde.  Gribojedow 
war  unterwegs  am  Fieber  erkrankt  und  sehr  nervos  geworden. 
Da  er  sich  der  am  Hofe  des  Schahs  bestehenden  Etikette,  die 
Stiefel  auszuziehen  und  sich  mehreremal  vor  dem  Schah  zu  ver- 
beugen,  nicht  unterwarf,  erregte  er  durch  diese  Mipachtung  des 
„Zaren  aller  Zaren"  die  anwesenden  Wiirdentrager  und  zog  sich 
den  Hap  des  Volkes  zu.  Der  Schah  selbst  beachtete  das  Verhalten 
des  russischen  Gesandten  nicht  und  fuhr  fort,  mit  ihm  seiner 
Wiirde  gemaP  zu  verhandeln. 

Indem  Gribojedow  auf  der  genauen  AusfUhrung  des  Vertrages 
bestand,  verlangte  er  unter  anderem  auch  die  Zuriickgabe  aller 
in  dem  letzten  Kriege  oder  friiher  gemachten  Gefangenen,  ein- 


—    29    — 

schliepiich  auch  der,  welche  sich  schon  verheiratet,  Kinder  hatten, 
Mohammedaner  geworden  waren  und  nicht  wieder  zum  Christen- 
tum  iibergehen  wollten.  Von  diesen  letzteren  befanden  sich  zwei 
Grusinerinnen  in  dem  Harem  von  Dawle-Allah-Jar-Oran-Chan-Kad- 
shar,  welche  seine  Lieblingsfrauen  waren.  Beide  liep  Gribojedow  zu 
sich  rufen  und  schlug  ihnen  vor,  wieder  zur  rechtglaubigen  Kirche 
zuriickzukehren.  Sie  hatten  aber  mehrere  Kinder  von  dem  Chan, 
waren  an  das  Leben  im  Harem  gewohnt  und  weigerten  sich,  die 
Forderung  des  russischen  Gesandten  zu  erfiillen.  Da  noch  mehrere 
andere  zuin  Mohammedanismus  iibergetretene  ehemalige  Christen 
aufgefordert  wurden,  vor  dem  Gesandten  zu  erscheinen,  so  be- 
klagten  sich  die  in  ihrem  religiosen  Gefiihl  beleidigten  Mohamme- 
daner der  Hauptstadt  iiber  ein  solches  Verfahren  des  „Giaurs" 
und  die  Schwache  der  Regierung  bei  dem  Muschtahid,  dem  Glau- 
bensvertreter  ganz  Persiens.  Letzterer  sandte  zwei  Mollas  zu 
Gribojedow  mit  der  Forderung,  daP  er  nicht  wagen  soUe,  die  Rechte 
der  Christen,  die  zum  Mohammedanismus  iibergetreten  waren,  zu 
schiitzen.  Gribojedow  gab  diesem  Verlangen  nicht  nach  und 
schickte  die  Mollas  zuriick.  Als  der  Muschtahid  erfuhr,  wie  der 
russische  Gesandte  mit  seinen  Boten  verfahren  habe,  berief  er 
alle  Obermollas  und  die  Dejids  nach  der  Moschee  Djami  zur  Be- 
ratung  iiber  die  verwegenen  Schritte  des  Kafiren.  Nach  langer 
Beratung  beschlossen  diese  Fanatiker  iiber  die  russische  Gesandt- 
schaft  herzufallen  und  alle  ihre  Mitglieder  zu  toten.  Der  BeschluP 
der  Geistlichkeit  wurde  so  schnell  ausgefiihrt,  daP,  als  die  drei 
Kompagnien  Sarbassen,  die  zur  Beruhigung  des  Volks  abgeschickt 
waren,  an  dem  Ort  der  Katastrophe  ankamen,  sie  nichts  mehr 
als  die  Leichen  und  die  Ruinen  der  Gebaude  vorfanden. 

Der  durch  dies  barbarische  Verfahren  sehr  erschreckte  Schah 
lieP  alle  daran  beteiligten  Leute  hinrichten,  beabsichtigte  aber 
auch  den  Prinzen  Abbas-Mirsa  nach  Rupiand  zu  senden,  um  den 
Kaiser  von  Rupiand  zu  iiberzeugen,  daP  die  persische  Regierung 
die  Ermordung  der  Mitglieder  der  Gesandtschaft  nicht  veran- 
lapt  habe. 

Dem  Prinzen  Abbas-Mirsa  war  es  sehr  schwer,  das  Reich  in 
einer  solchen  schwierigen  Zeit  zu  verlassen;  es  ware  fiir  ihn  ein 
Opfer  gewesen,  was  auch  von  dem  hochherzigen  Kaiser  Nikolaus 
Pawlowitsch  eingesehen  wurde.  Er  schrieb  an  den  Prinzen  einen 
eigenhandigen  Brief,  aus  dem  hervorgeht,  daP  das  ungliickliche 
Geschehnis  den  Kaiser  im  hochsten  Grade  gekrankt  und  ihn  zu 


—    30    — 

dem  EntschluP  gebracht  habe,  alle  Mittel  anzuwenden,  um  das 
unschuldig  und  gegen  jedes  Volkerrecht  vergossene  Blut  zu 
rachen. 

Der  Oberkommandierende  in  Grusien,  Graf  Paskewitsch  Eri- 
wanski,  iiberzeugte  aber  den  Kaiser,  daP  die  persische  Regierung 
keinen  Teil  an  der  Freveltat  habe  und  iiber  das  ungliickliche  Er- 
eignis  sehr  bekiimmert  sei,  so  dap  der  Kaiser  von  seinem  Ent- 
schlusse  Abstand  nahm;  er  bedauerte  nur,  daP  die  Perser  noch 
einen  solchen  gropen  Mangel  an  Bildung  batten,  dap  dergleichen 
Verbrechen  vorkommen  konnten.  Um  alien  Schaden  abzuwenden 
und  die  persische  Regierung  bei  alien  Gelegenheiten  zu  unter- 
stiitzen,  liep  Nikolaus  I.  seinen  Brief  durch  den  Generalmajor 
Dolgoruki  iiberbringen,  der  den  Befehl  erhielt,  so  lange  in  Persien 
zu  bleiben,  wie  er  es  fiir  notwendig  halte,  nachdem  er  das 
Schreiben  dem  Prinzen  Abbas-Mirsa  eingehandigt  habe. 

Der  Kaiser  sah  den  verderblichen  Einflup  der  hinterlistigen 
Absichten,  welche  die  Ruhe  Persiens  ins  Schwanken  bringen  konn- 
ten, ein,  und  da  er  die  Wohlfahrt  der  verbiindeten  Macht  stets  im 
Auge  hatte,  hielt  er  die  Anwesenheit  des  Prinzen  Abbas-Mirsa 
in  Tabris  fiir  notwendig,  so  dap  er  dessen  Ankunft  in  Petersburg 
ablehnte  und  sich  dahin  auperte,  daP  er  es  fiir  eine  geniigende 
Vergeltung  fiir  die  beleidigte  Wiirde  des  russischen  Reiches  er- 
achte,  wenn  der  Schah  nach  der  Hinrichtung  der  Verbrecher  sich 
durch  einen  seiner  Sohne  oder  durch  einen  Sohn  Abbas-Mirsas  in 
Begleitung  eines  bevoUmachtigten  Wiirdentragers  in  Petersburg 
entschuldigen  liepe. 

Im  August  1829  erfolgte  der  feierliche  Einzug  von  Chosrew- 
Mirsa,  dem  Sohn  Abbas-Mirsas,  in  Petersburg.  Die  Gesandtschaft 
war  mit  reichen  Geschenken  versehen  und  iiberbrachte  ein  Ent- 
schuldigungsschreiben  des  Schahs  Fath-Ali,  in  welchem  er  ent- 
schieden  aussprach,  dap  er  an  jenem  Geschehnis  nicht  beteiligt 
gewesen  ware  und  diese  barbarische  Tat  der  „Feindseligkeit  des 
Schicksals"  zuschrieb.  Chosrew-Mirsa  verstand  es,  sich  das  Wohl- 
wollen  des  Kaisers  zu  erwerben,  indem  er  sich  durch  lobenswerte 
Eigenschaften  auszeichnete  und  trotz  seiner  Jugend  sehr  taktvoll 
auftrat.  Durch  das  groPe  Verdienst  des  jungen  Prinzen  und  die 
herzlicheu  Beziehungen  zwischen  der  persischen  Regierung  und 
Rupiand  wurde  nicht  nur  ein  Einverstandnis  zwischen  den  beiden 
Herrschern  erzielt,  sondern  auch  auf  die  Bitte  des  Schahs  ein  Teil 


—    ai- 
der KoDtribution  (2  Millionen)  erlassen  und  die  Zahlung  des  an- 
deren  aul  5  Jahre  aufgeschoben. 

Dieses  Verfahren  findet  nur  darin  eine  Erklarung,  daP  der 
russische  Einflup  in  Persien  merklich  den  EinfluP  Englands  ver- 
minderte,  dessen  Politik  allerdings  nur  dank  der  3  Millionen  Pfund 
Sterling,  welche  seit  der  Gesandtschaft  Malcoms  verausgabt 
waren,  das  Ubergewicht  hatte.  Gribojedow  weist  in  seinem  Brief e 
vom  30.  November  1828  an  den  Grafen  Nesselrode  darauf  bin, 
„dap  die  persische  Politik  sich  Rupiand  zuwende".  „Irgend  eine 
Drohung  oder  der  ErlaP  einer  Anordnung  im  Namen  des  Kaisers, 
schreibt  Gribojedow,  werden  schon  nicht  mehr  bestandig  mit  der 
Meinung  der  Englander  in  die  Wagschale  gelegt,  die  jetzt  dem 
Prinzen  eindringlich  raten,  nicht  ohne  Vorsicht  sich  in  die  Arme 
Rupiands  zu  werfen,  sondern  sich  eigene  Volkstruppen  zu  bilden  zu 
suchen,  mit  denen  er  zu  geeigneter  Zeit  gegen  die  Briider  vor- 
gehen  konnte,  die  ihm  das  Recht  auf  den  Thron  streitig  machen 
wiirden."  Dieser  politische  Rat  entsprach  nicht  vollstandig  dem 
Charakter  des  Thronfolgers,  der  bei  seinem  Verstande,  seinem 
Scharfsinn  und  seiner  richtigen  Beurteilung  der  Leute  und  Dinge 
in  dem  gewohnlichen  Leben  sich  bei  starken  moralischen  Erschiit- 
terungen  ganz  veranderte,  indem  er  es  vorzog,  sich  fremdem 
Einflup  hinzugeben  und  von  auPen  Hilf e  zu  erwarten,  anstatt  selbst 
seine  Geschicke  zu  lenken.  Damals  traumte  er  nur  von  der  Unter- 
stiitzung  und  dem  Schutz  des  Kaisers  bei  seiner  zukiinftigen 
Thronbesteigung,  so  daP  er  sich  bei  diesem  einschmeichelte  und 
den  Russen  innig  ergeben  war. 

Nach  der  Beendigung  des  Krieges  mit  Rupiand  konnte  Abbas- 
Mirsa  seine  ausschliepiiche  Aufmerksamkeit  seinen  westlichen  und 
ostlichen  Nachbarn  zuwenden;  seine  Truppen  waren  denen  jener 
iiberlegen  und  versprachen  neue  Siege  und  Eroberungen. 

Die  dann  folgende  Expedition  gegen  Chorassan  setzte  die 
Englander  in  Schrecken,  die  um  die  Zukunft  Herats  besorgt  waren, 
unter  dessen  Mauern  bereits  Mohammed-Mirsa  stand.  Die  Be- 
lagerung  dieser  Stadt  hatte  keinen  entscheidenden  Erfolg.  Abbas- 
Mirsa  starb  plotzlich  im  Jahre  1834  in  Meschhed,  was  die  Sach- 
lage  vollstandig  anderte.  Mit  dem  Verlust  des  beliebten  Feldherrn 
verloren  die  Perser  auch  die  Initiative;  sie  verliepen  die  Haupt- 
stadt  Chorassans,  ohne  die  vorhergehenden  Siege  zu  benutzen. 

In  demselben  Jahre  starb  auch  der  Schah  Fath-Ali  und  Meh- 
med-Schah,  ein  Sohn  Abbas-Mirsas,  bestieg  den  Thron  dank  der 


—    32    — 

Unterstiitzung  seitens  Englands,  das  von  neuem  maPgebend  in 
Persien  geworden  war.  Urn  ihren  EinfluP  hier  aufrecht  zu  halten, 
versahen  sie  Persien  mit  2  Millionen  Gewehren  und  sehr  vieler 
Munition.  Aber  bei  einer  so  wesentlichen  Unterstiitzung  zogen 
die  Englander  die  Personlichkeit  des  Schahs  gar  nicht  in  Rech- 
nung  und  erkannten  nicht  dessen  Bestrebungen,  Herat  in  Besitz 
zu  nehmen.  Die  Bevolkerung  Herats  hapte  die  Afghanen  und  war 
ihren  Stammesgenossen,  den  Persern,  sehr  geneigt.  Unter  diesen 
Umstanden  konnte  eine  Obereinstimmung  der  beiden  Machte  nicht 
lange  bestehen  bleiben,  bald  entstanden  Miphelligkeiten,  die  damit 
endigten,  daP  die  englischen  Offiziere  Persien  verliePen. 

Der  Beherrscher  Afghanistans  schickte  einen  Bevollmach- 
tigten  an  Mehmed-Schah,  um  mit  ihm  iiber  die  Auswechselung 
der  Gefangenen,  die  Beendigung  der  Feindseligkeiten  und  sogar 
iiber  den  Abschlup  eines  Biindnisses  gegen  die  Turkmenen,  die 
beide  Reiche  beunruhigten,  zu  verhandeln.  Persien  sollte  Ka- 
vallerie  und  Infanterie  stellen,  um  zum  Angriff  vorzugehen,  aber 
nicht  das  Recht  haben,  sich  in  die  inneren  Angelegenheiten  Af- 
ghanistans einzumischen.  Da  der  Schah  Mehmed  wupte,  daP  seine 
Truppen  den  afghanischen  iiberlegen  waren,  lehnte  er  diese  Vor- 
schlage  nicht  ab,  stellte  aber  die  Bedingung,  dap  Herat  die  Ober- 
hoheit  Persiens  anerkenne  und  forderte,  dap  Geld  mit  dem  Stempel 
„Zar  der  Zaren"  gepragt  wiirde. 

England  war  mit  diesen  Forderungen  sehr  unzufrieden,  weil  es 
nicht  wiinschte,  dap  Persien  in  seinen  Beziehungen  nach  aupen 
vollstandig  selbstandig  wiirde.  Es  zogerte  nicht,  sich  einzu- 
mischen und  Mehmed-Schah  und  Kamran-Mirsa,  den  Beherrscher 
von  Herat,  durch  diplomatische  Intriguen  zu  hintergehen,  indem 
sie  letzterem  Hilfe  versprachen.  Der  Beherrscher  Herats  verliep 
sich  auf  diese  Versprechungen,  beachtete  die  Forderungen  Persiens 
nicht  und  erlaubte  sich  sogar,  in  Chorassan  einzufallen  und  Ge- 
fangene  fortzufiihren.  Auf  diese  Nachricht  hin  zog  Mehmed  eine 
grope  Armee  zusammen,  um  gegen  Herat  vorzugehen,  indem  er 
sich  aber  vorher  mit  der  Bitte  an  Rupiand  wandte,  ihn  zu  unter- 
stiitzen.  Letzteres  war  gar  nicht  abgeneigt,  Mehmed  zu  helfen; 
es  bewog  ihn  sogar,  unverweilt  zum  Angriff  vorzugehen,  indem 
es  ihm  russische  Offiziere  als  Fiihrer  der  Truppen  und  Soldaten 
zusagte,  Anfangs  wandte  sich  der  Schah  gegen  die  turkmenischen 
Stamme  Goklan  und  Jomed,  und  schlug  sie  an  dem  Husse  Gjurgen. 
Nach  dieserglanzenden  Beendigung  der  Expedition  kehrte  er  zuriick, 


—    33    — 

und  schon  im  Jahre  1837  ging  er  auf  Herat  vor,  trotz  des  un- 
befriedigenden  Zustandes  der  Armee  und  des  Rates  des  russischen 
Bevollmachtigten,  zu  warten,  um  seine  Finanzlage  zu  bessern. 

Da  es  der  englischen  Regierung  nicht  moglich  war,  die  Ex- 
pedition zu  verhindern,  rief  sie  ihre  Offiziere  aus  der  persischen 
Armee  zuriick.  Nur  der  Oberstleutnant  Stoddart  blieb  auf  dem 
Kriegsschauplatze  unter  einem  Vorwande  zuriick;  er  war  dazu 
bestimmt,  die  Interessen  Persiens  zu  schadigen  und  den  englischen 
Bevollmachtigten  bei  dem  Hofe  in  Teheran  iiber  die  Lage  der 
Dinge  zu  benachrichtigen.  Da  er  sehr  wenig  gehindert  wurde, 
schickte  Stoddart  nicht  nur  genaue  Berichte  ein,  sondern  er  ver- 
stand  es  auch,  sich  mit  dem  englischen  Offizier  Pottinger,  der 
die  Belagerung  von  Herat  leitete,  in  Verbindung  zu  setzen.  Die 
Perser  wurden  bald  auf  seine  geheimen  Beziehungen  zu  Herat 
aufmerksam,  schopften  Verdacht  und  hielten  den  Boten  auf,  der 
eine  Meldung  dem  englischen  Gesandten  Mac-Neal  iiberbringen 
sollte.  Obgleich  der  Bote  wieder  freigelassen  und  ihm  die  Mel- 
dung unaufgebrochen  zuriickgegeben  wurde,  forderte  doch  Mac- 
Neal  Genugtuung.  Ohne  diese  abzuwarten,  begab  sich  letzterer 
nach  Herat,  wo  er  von  dem  Schah  ziemlich  kalt  empfangen  wurde. 
Das  hielt  ihn  aber  nicht  ab,  den  Schah  um  die  Erlaubnis  zu 
bitten,  sich  nach  der  belagerten  Stadt  zu  begeben  und  Kamran- 
Mirsa  aufzufordern,  die  Stadt  zu  iibergeben.  Er  erhielt  dazu  die 
Erlaubnis;  aber  der  listige  Englander  veranlapte  den  Beherrscher 
Herats,  gerade  das  Gegenteil  zu  tun,  nachdem  er  ihm  mehrere 
tausend  Goldstiicke  eingehandigt  hatte.  Infolgedessen  zog  sich 
die  Belagerung  hin,  und  nur  dem  Geschick  des  Grafen  Simonitsch 
und  der  russischen  Offiziere  gelang  es,  Herat  in  eine  solche  Lage 
zu  bringen,  dap  die  Obergabe  der  Stadt  jeden  Tag  erwartet  werden 
konnte.  Da  die  Englander  dies  voraussahen,  traf  der  Oberst- 
leutnant Stoddart  am  9.  April  1838  ein,  um  im  Namen  Mac-Neals 
zu  eroffnen,  daP  die  Expedition  gegen  Herat  einer  Demonstration 
gegen  die  indischen  Besitzungen  Englands  gleichkame,  und  for- 
derte den  Schah  auf,  die  Belagerung  der  Stadt  sofort  aufzugeben 
und  nach  seinem  Reich  abzuziehen;  wenn  er  dies  nicht  tue,  so 
habe  er  das  englische  Geschwader,  das  schon  auf  der  Insel  Charak 
gelandet  sei,  zu  fiirchten.  Diese  Drohung  wirkte,  die  Truppen 
wurden  zuriickgerufen,  und  schon  im  folgenden  Jahre,  1839, 
herrschte  der  englische  Offizier  Toll  in  Herat.  Mac-Neal  zogerte 
nicht,  diese  giinstige  Wendung  zu  benutzen,  und  schloP  im  Jahre 

Die  Beziehungen  Rufilauds  zu  Persian.  3 


—    34    — 

1841  eineri  neuen  Handelsvertrag  mit  Persien  ab,  auf  Grund  dessen 
die  Einfuhr-  und  Ausfuhrzolle  bei  dem  Handel  der  Englander  in 
Persien  denen  der  meistbegiinstigten  Nationen  gleichgestellt  wer- 
den  sollten;  auper  diesen  Abgaben  seien  keine  weiteren  innerhalb 
der  beiden  Reiche  zu  erheben. 

In  demselben  Jahre  wandte  sich  der  Schah  Mohammed  durch 
den  russischen  Bevollmachtigten  in  Teheran  an  die  russische 
Regierung  mit  der  Bitte,  Kriegsschiffe  zu  entsenden,  um  die  turk- 
menischen  Piraten  zu  verfolgen,  die  an  den  Kiisten  des  Kaspischen 
Meeres  Raubereien  ausfiihrten.  Rupiand  lehnte  diese  Bitte  nicht 
ab  und  machte  dem  Schah  den  Vorschlag,  die  Insel  Aschur  Ade 
in  dem  Busen  von  Astrabad  abzutreten  und  hier  einen  standigen 
Militarposten  zu  errichten,  der  gegen  die  Piraten  ein  Schutz  sein 
und  den  russischen  und  persischen  Handel  unterstiitzen  wiirde. 
Der  Vorschlag  wurde  angenommen  und  so  die  schon  vor  60  Jahren 
gefapte  Absicht  Katharinas  II.  verwirklicht. 

Am  13.  Oktober  1848  starb  der  Schah  Mohammed;  sein  Nach- 
folger  wurde  sein  Sohn  Nasr-Eddin,  der  sehr  schwierige  Verhalt- 
nisse  vorfand.  Er  mupte  alles  umgestalten,  gro^e  Harte  zeigen, 
in  der  steten  Furcht  vor  Unruhen  oder  off enen  Aufstanden  seitens 
der  feindlichen  Parteien.  Nur  die  Unterstiitzung  Ruplands  und 
Englands  ermoglichten  es  Nasr-Eddin,  diese  schwierigen  Verhalt- 
nisse  zu  iiberwinden.  England  zogerte  nicht,  als  Entgelt  fiir 
seine  Hilfe  im  Jahre  1853  eine  Konvention  abzuschliePen,  in  der 
sich  die  persische  Regierung  verpflichtete,  nur  dann  Truppen 
gegen  Herat  vorgehen  zu  lassen,  wenn  fremde  Truppen  in  diese 
Stadt  eindrangen;  aber  auch  im  letzteren  Falle  diirfe  die  persische 
Armee  nicht  in  Herat  einriicken.  Die  persische  Regierung  diirfe 
sich  nicht  in  die  inneren  Angelegenheiten  Herats  einmischen  und 
soUe  Seid  -  Mohammed  -  Chan ,  den  Regenten  von  Herat,  davon 
schriftlich  in  Kenntnis  setzen.  Persien  diirfe  fiir  Herat  keine 
Miinzen  pragen  oder  andere  Zeichen  anfertigen,  die  darauf  hin- 
wiesen,  dap  Herat  Persien  untertan  sei.  Es  verpf  lichte  sich,  keinen 
standigen  Agenten  in  Herat  zu  halten.  Die  persische  Regierung 
habe  alle  Heratschen  Chane  in  Freiheit  zu  setzen,  die  sich  jetzt 
in  Meschhed  oder  Teheran  befanden.  Diese  Verpf  lichtungen  sollten 
in  Kraft  bleiben,  bis  die  britische  Regierung  dazwischentrete; 
dann  verloren  sie  ihre  Bedeutung. 

Die  persische  Regierung  hielt  sich  aber  nicht  an  diese  Kon- 
vention gebunden.     Im  Jahre  1856  ging  Nasr-Eddin  mit  seiner 


—    35    — 

Armee  gegen  Herat  vor,  weil  die  Afghanen  diese  Stadt  fiir  sich 
beanspruchten,  deren  Bewohner  infolge  der  verschiedenen  Re- 
ligion, wie  schon  erwahnt,  sie  hapten  und  eine  gropere  Zuneigung 
zu  den  Persern  hatten.  Nach  der  Eroffnung  des  Krieges  zwischen 
Persien  und  Herat  beeilten  sich  die  Englander,  mit  ihrem  Ge- 
schwader  in  den  Persischen  Golf  einzulaufen,  und  landeten,  ohne 
Widerstand  zu  finden,  auf  der  Kiiste,  besetzten  Bender-Buschir,  die 
Insel  Charak  und  die  Hafenstadte  Mohammer  und  Awaz  am  Karun. 
Ein  weiteres  Vorgehen  fand  nicht  statt.  Es  erging  aber  an 
Persien  das  Ultimatum,  Herat  sofort  den  Afghanen  zu  iibergeben, 
wenn  nicht,  wiirden  die  Englander  auf  Teheran  vorriicken.  Mittler- 
weile  ward  die  Belagerung  Herats  unter  der  Leitung  eines  fran- 
zosischen  Offiziers  weiter  fortgesetzt,  und  nach  5  Monaten  mupte 
die  Stadt  sich  ergeben.  Die  Erfolge  der  Englander  beunruhigten 
aber  den  Schah  im  hohen  Mape,  der  ihnen  nicht  entgegentreten 
konnte,  da  er  in  dem  Persischen  Golfe  keine  Flotte  hatte.  Da 
ihm  auch  Rupland  nicht  helfen  konnte,  das  sich  nach  dem  Krym- 
kriege  kaum  erholt  hatte,  so  blieb  dem  Schah  nichts  anderes 
ubrig,  als  entwiirdigende  Bedingungen  anzunehmen,  die  in  Paris 
am  16.  Marz  1857  unterzeichnet  wurden. 

„Der  Schah  verpflichtet  sich",  so  heipt  es  in  dem  Vertrage, 
„den  persischen  Untertanen,  die  mit  den  englischen  Truppen  Be- 
ziehungen  unterhalten  haben,  voile  Amnestie  zu  erteilen.  Er 
zieht  die  persischen  Truppen  von  Herat  und  iiberhaupt  von  dem 
afghanischen  Territorium  zuriick.  Er  verpflichtet  sich,  von  jeg- 
licher  Bewerbung  um  die  Herrschaft  in  Herat  abzustehen,  niemals 
von  den  Heratschen  Regenten  oder  den  Landschaften,  die  zu 
Afghanistan  gehoren,  irgend  welche  Zeichen  des  Gehorsams  oder 
der  Abhangigkeit,  wie  Tribut  oder  Miinzen  mit  dem  persischen 
Wappen,  zu  verlangen.  Der  Schah  darf  sich  nicht  in  die  inneren 
Angelegenheiten  Herats  einmengen  und  verspricht,  dessen  Un- 
abhangigkeit  anzuerkennen.  Sollte  ein  Zwist  zwischen  Persien 
und  Afghanistan  eintreten,  so  stimmt  der  Schah  zu,  seine  Zuf lucht 
zur  freundschaftlichen  Vermittelung  Englands  zu  nehmen.  In 
dem  Falle  einer  Verletzung  der  territorialen  Rechte  Persiens 
durch  einen  der  obengenannten  St^^ten  ist  der  Schah  befugt, 
seine  Truppen  einriicken  zu  lassen,  wenn  keine  Genugtuung  er- 
folgt;  er  hat  aber  sofort  seine  Truppen  zuriickzuziehen,  sobald  der 
Zweck  der  Expedition  erreicht  ist.  Die  persische  Regierung  ist 
verpflichtet,  alle  im  Laufe  des  Krieges  mit  Afghanistan  gemachten 

3* 


—    36    — 

Gefangenen  freizugeben.  Die  englischen  Kaufleute  werden  in 
dem  Reiche  des  Schahs  denen  der  meist  begiinstigten  Nationen 
gleichgestellt  werden.  Nach  der  Ratifikation  dieses  Vertrages 
wird  die  britische  Gesandtschaft  nach  Teheran  znriickkehren,  wo 
sie  mit  den  Ehrenbezeugungen  und  den  Zeremonien  empfangen 
werden  wird,  die  in  einer  besonderen  von  den  Bevollmachtigten 
unterschriebenen  Note  angegeben  sind.  Nach  Verlauf  von  drei 
Monaten  nach  der  Riickkehr  der  britischen  Gesandtschaft  hat  die 
persische  Regierung  einen  Kommissar  zu  ernennen,  der  gemein- 
schaftlich  mit  einem  britischen  Kommissar  alle  Klagen  der  briti- 
schen Untertanen  gegen  die  Regierung  Persiens  zu  entscheiden 
hat.  Die  englische  Regierung  verzichtet  auf  das  Recht,  irgend 
einen  persischen  Untertanen,  der  sich  jetzt  nicht  in  dem  Dienste 
der  britischen  Regierung  befindet,  in  Schutz  zu  nehmen,  sofern 
auch  keine  andere  Macht  dieses  Recht  benutzt.  Die  hohen  Ver- 
tragsschlieper  erneuern  die  Bedingung  des  Jahres  1851*)  inbezug 
auf  die  Vernichtung  des  Handels  durch  Rauber  in  dem  persischen 
Golf,  und  kommen  iiberein,  daP  sie  noch  auf  10  Jahre  vom 
August  1862  ab  oder  so  lange  von  da  ab,  wie  es  beide  Staaten 
wiinschen,  Kraft  behalt." 

Die  Beziehungen  Rupiands  zu  Persien  waren  in  den  Jahren 
1853 — 1854  wahrend  des  Bruchs  mit  der  Tiirkei  sehr  gespannt, 
und  nur  durch  das  Geschick  und  das  Verstandnis  des  russischen 
Residenten  N.  A.  Anitschkow  gelang  es  Rupiand,  der  bedenklichen 
Lage  zu  entgehen,  die  sehr  unangenehme  Folgen  zu  haben  drohte. 
Die  Umstande,  die  diesen  diplomatischen  Sieg  begleiteten,  ver- 
dienen  ihres  Interesses  wegen  eine  eingehende  Auseinander- 
setzung. 

Im  Mai  1853  wurde  der  Fiirst  Dolgoruki  von  dem  Fiirsten 
Mentschikow  aus  Konstantinopel  benachrichtigt,  dap  die  diplo- 
matischen Beziehungen  mit  der  Tiirkei  abgebrochen  waren.  Dieser 
Nachricht  waren  zwei  Depeschen  an  das  Ministerium  des  Aupern 
vom  2.  und  5.  August  1853  mit  der  Meldung  beigefiigt,  „dap  die 
Vorschlage  eines  Biindnisses,  die  friiher  indirekt  seitens  der  per- 


*)  Persien  veri>flichtete  sich  durch  die  Konventionen  der  Jahre  1848  und 
1854,  den  Kleinhandel  von  Merw  aus  zu  unterlassen  und  ihn  auf  gewisse  Zeit 
von  der  Landesgrenze  aus  zu  betreiben.  Durch  die  Konvention  vom  Jahre  1851 
bestatigten  die  Englander  die  Versprechungen  des  Jahres  1848,  indem  sie  sich 
das  Recht  zusprachen,  wahrend  11  .Jahren  iiber  die  genaue  Ausftihrung  zu  wachen^ 
indem  sie  die  persischen  Schiffe  unvermutet  untersuchten. 


—    37    — 

sischen  Regierung  gemacht  waren,  jetzt  durch  Sadi-A'asam  direkt 
und  f est  Wort  f iir  Wort  eroffnet  wiirden,  indem  der  Schah,  dessen 
eingedenk,  daP  der  Kaiser  ihn  einst  als  Kind  auf  seinen  Knieen 
habe  sitzen  lassen  und  in  der  folgenden  Zeit,  als  er  zur  Regierung 
gekommen  sei,  ihn  seinen  Bruder  genannt  habe  und  ihm  imraer 
zugetan  gewesen  sei,  wiinsche  unter  den  jetzigen  Umstanden 
dem  Kaiser  den  Beweis  seiner  Erkenntlichkeit  und  Ergebenheit 
zu  geben  und  sich  mit  ihm  zu  verbinden." 

Nach  2  Monaten  iibermittelte  Sadi-A'asam  dem  Fiirsten  Dol- 
goruki  den  Inhalt  des  vorgeschlagenen  Biindnisses:  „a)  Rupiand 
moge  in  Beriicksichtigung  der  Diirftigkeit  der  Staatskasse  des 
Schahs  die  Zahlung  des  Restes  der  ihm  von  Persien  geschuldeten 
Gelder  erlassen;  b)  Rutland  solle  eine  geringe  Menge  von  Kriegs- 
vorraten  nach  MaPgabe  des  Bedarfs  an  Persien  ablassen;  c)  Persien 
werde,  mit  Rupiand  im  Krieg  und  Frieden  verbunden,  fortfahren, 
die  Tiirkei  zu  bekriegen,  solange  Rupiand  gegen  sie  Krieg  fuhre; 
beide  Reiche  sollten  gemeinsam  den  Frieden  abschliePen;  d)  alle 
Landschaften,  die  von  Persien  besetzt  werden  konnten,  sollten 
nicht  zuriickgegeben  werden;  sollte  die  Pforte  darauf  bestehen, 
so  sollten  sie  nur  nach  Bezahlung  der  Kriegskosten  geraumt 
werden,"  „Unter  diesen  Bedingungen  verpflichtete  sich  die  per- 
sische  Regierung,  60000  Mann  Infanterie,  Kavallerie  und  Artillerie 
bis  zum  Schlup  des  iPriedens  zu  stellen;  wenn  aber  Rupiand 
wiinsche,  zur  groperen  Sicherheit  russische  Offiziere  als  Fiihrer 
der  Truppen  des  Schahs  zu  stellen,  so  sei  das  anzunehmen." 

Bei  einer  Audienz  sprach  der  Schah  dem  Fiirsten  Dolgoruki 
aus,  dap  alles,  was  ihm  Sadi-A'asam  unterbreitet  hatte,  und  be- 
sonders  der  geheime  Plan  das  Ergebnis  seines  Befehls  sei,  „denn, 
fiigte  er  hinzu,  ich  habe  lange  eine  Gelegenheit  gesucht,  dem 
Kaiser  irgend  einen  Beweis  meiner  Ergebenheit  zu  geben.  Die 
Gelegenheit  bietet  sich  jetzt,  und  wenn  auch  der  Kaiser  meiner 
Dienste  nicht  bedarf,  so  wiinsche  ich  doch,  daP  ein  enges  Biindnis 
zwischen  den  beiden  Reichen  bestehen  moge,  und  ich  hoffe,  dap 
Sie  mit  alien  Kraften  dazu  beitragen  werden.  Das  ist  der  innigste 
Wunsch  meines  Herzens." 

Die  russische  Regierung  nahm  den  Vorschlag  des  Schahs 
mit  groper  Zuriickhaltung  auf  und  beauftragte  den  Fiirsten  Dol- 
goruki, dem  Schah  im  Namen  des  Kaisers  fiir  die  freundschaft- 
lichen  Vorschlage  zu  danken,  iibrigens  jede  bestimmte  Erklarung 
iiber  die  geauPerten  Bedingungen  zu  vermeiden,  damit  seine  Ant- 


4  Q 


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wort  nicht  als  eine  Versprechung,  die  Rupiand  binde,  und  nicht 
als  eine  beleidigende  Ablehnung  aufgefapt  wiirde,  die  den  Scliah 
zu  einem  Gegner  Rupiands  machen  konnte.  Da  aber  bei  dem  Aus- 
bruch  des  Krieges  vorausgesetzt  werden  miipte,  daP  die  Tiirkei 
gegen  die  asiatische  Grenze  vorgehen  werde  und  eine  Unter- 
stiitzung  seitens  Persiens  vorteilhaft  sei,  wurde  Dolgoruki  auf 
Befehl  des  Kaisers  beauftragt,  die  Verhandlungen  wieder  aufzu- 
nehmen,  einen  Vertrag  vorzulegen,  auf  Grund  dessen  Rutland 
fiir  eine  Diversion,  welche  Persien  unternehmen  wiirde,  die  ihm 
zukommende  Schuld  erlassen  werde,  unter  dem  Versprechen,  dap 
bei  dem  FriedensschluP  auch  die  Sicherung  der  Interessen  Persiens 
beriicksichtigt  werden  sollte;  Persien  miisse  fiihlen,  daP  Rupiand 
dessen  Vorteile  in  der  vorliegenden  Angelegenheit  einsehe,  es 
aber  hoffen  miisse,  dap  dieser  Vorschlag  angenommen  wiirde  und 
es  von  Persien  unterstiitzt  werde,  ohne  sich  durch  einen  Angriffs- 
und  Verteidigungsvertrag  zu  binden.  Ferner  sollte  dem  Schah 
eroffnet  werden,  dap  die  fiir  diesen  Krieg  bestimmten  60000 
Mann  bereit  sein,  aber  nicht  vorgehen  sollten,  bis  die  Operationen 
zwischen  den  russischen  und  tiirkischen  Truppen  begonnen  sein 
wiirden. 

Nassr-Eddin  nahm  alle  Vorschlage  des  Fiirsten  Dolgoruki 
mit  auPerordentlicher  Freude  auf,  und  letzterem  blieb  nur  noch 
iibrig,  Sadi-A'asam  zur  Annahme  zu  bewegen,  der  sich  diesen 
Vorschlagen  gegeniiber  sehr  miptrauisch  verhielt  und  dui"ch  Be- 
sprechungen  mit  dem  Schah,  mochten  sie  nun  auf  Wahrheit  oder 
Unwahrheit  beruhen,  die  Angelegenheit  auf  jede  Weise  hemmte. 

Die  dem  Fiirsten  Dolgoruki  vom  Schah  gewahrten  Audienzen 
brachten  anscheinend  die  Sache  vorwarts,  aber  die  geheimen 
Ranke  Englands  und  der  Tiirkei  liePen  sie  zum  Stocken  kommen. 

In  der  Depesche  vom  10.  Dezember  benachrichtigte  Dolgoruki 
den  Grafen  Woronzow,  daP  die  persische  Regierung  den  aserbeid- 
janschen  Behorden  befohlen  habe,  darauf  zu  halten,  daP  weder 
tiirkische  noch  russische  Truppen  einriickten,  damit  sie  auf  eine 
gute  Ordnung  und  Sicherheit  an  der  Grenze  bedacht  sein  konnten; 
dap  die  persische  Regierung  sich  plotzlich  entschlossen  habe,  den 
Verkehr  mit  dem  englischen  Bevollmachtigten  zu  andern  und 
ihm  einige  Zugestandnisse  zu  machen. 

Im  Dezember  erhielt  der  Fiirst  Dolgoruki  vom  Grafen  Nessel- 
rode  eine  offizielle  Depesche,  welche  ihn  anwies,  der  persischen 
Regierung  zu  eroffnen,  daP,  wenn  der  Schah  vorgeschlagen  habe, 


—    39    — 

mit  Rupiand  ein  Biindnis  zu  schliepen,  ohne  bei  seiner  Jugend  und 
Unerfahrenheit  die  Folgen  dieses  wichtigen  Schrittes  zu  bedenken 
und  dem  Rate  seiner  Minister  folgen  miisse,  so  ware  es  mit  seiner 
Wiirde  mehr  vereinbar,  dies  dem  Kaiser  zu  gestehen,  und  letzterer 
werde,  wegen  seiner  herzlichen  Freundschaft  und  Wohlgeneigtheit 
zu  ihm,  ihn  von  dem  gegebenen  Worte  entbinden;  aber  die  Heu- 
chelei,  die  das  persische  Kabinett  in  diesem  Falle  gezeigt  habe, 
habe  den  Kaiser  sehr  gekrankt  und  auf  ihn  einen  solchen  Eindruck 
gemacht,  dap  man  sich  besser  nicht  daran  erinnere ;  Rutland  konne 
seine  Hilfe  auch  entbehren  und  bediirfe  keine  fremde  Unter- 
stiitzung  in  seinen  Angelegenheiten.  In  den  Unterredungen  mit 
den  persischen  Ministern  sollte  Dolgoruki  ihnen  eroffnen:  die 
persische  Regierung  habe,  wie  jetzt  die  Dinge  lagen,  die  voile 
Freiheit,  entweder  strong  neutral  zu  bleiben  oder  ihre  Truppen  mit 
den  russischen  zu  vereinigen;  Persien  habe  der  Tiirkei  gegeniiber 
alte  und  viele  Forderungen  und  Klagen,  welche  es  mit  Ungeduld 
beglichen  zu  sehen  wiinsche;  solange  aber  die  Tiirkei  in  fried- 
lichen  Beziehungen  zu  den  anderen  Machten  bleibe,  konne  sie 
iiber  alle  ihre  Truppen  verfiigen,  um  den  Angriff  der  Perser  ab- 
zuweisen,  so  dap  es  unvorteilhaft  ware,  einen  solchen  Krieg  zu 
veranlassen.  Das  sei  der  Grund,  der  den  persischen  Hof  ver- 
anlasse,  seine  kriegerischen  Bestrebungen  auf  eine  giinstige  Zeit 
zu  verschieben.  Diese  Zeit  sei  aber,  so  ungeduldig  erwartet,  jetzt 
endlich  gekommen. 

Die  Tiirkei  beschloP,  den  Krieg  gegen  Rupiand  zu  eroffnen 
und  verwandte  alle  seine  Truppen  dazu.  Persien  wollte  diese 
Gelegenheit  benutzen  und  der  Tiirkei  den  Krieg  erklaren,  in  der 
Oberzeugung,  dap  letztere  ihm  nicht  einen  ausreichenden  Wider- 
stand  entgegensetzen  konnte.  Andererseits  fiirchtete  aber  Per- 
sien, dap  die  Tiirkei  nach  dem  FriedensschluP  mit  Rupiand  mit 
starken  Truppen  seine  Armee  angreifen  wiirde,  was  ihm  teuer 
zu  stehen  kommen  konnte.  Die  persische  Regierung  beabsichtigte, 
um  sich  dieser  Gefahr  zu  entziehen,  sich  die  russische  Unter- 
stiitzung  bei  dem  FriedensschluP  zu  sichern  und  zu  diesem  Zweck 
sich  mit  Rupiand  zu  verbinden.  Obgleich  Rupiand  sich  keinen 
Augenblick  iiber  die  wirklichen  Absichten,  welche  die  Politik 
Persiens  leitete,  tauschte,  so  nahm  sie  doch  die  Mitwirkung  der 
persischen  Armee  an,  die  vorteilhaft  sein  konnte. 

Die  russische  Regierung  kam  aber  bald  zu  der  Oberzeugung, 
dap  bei  dem  Abschlup  eines  Biindnisses,  das  den  beiden  Machten 


—     40     — 

Vorteile  bringen  sollte,  Persien  den  Wunsch  habe,  nur  seine 
eigenen  Interessen  wahrzunehmen,  indem  es  seine  Truppen  zur 
Eroberung  tiirkischer  Gebiete  vorgehen  lieP,  die  ohne  groPe  Miihe 
und  Opfer  erfolgen  konnte,  solange  die  Tiirkei  noch  mit  Rupiand 
Krieg  fiihrte.  Da  die  persische  Regierung  bei  den  Verhandlungen 
mit  der  russischen  Gesandtschaft  erkannt  hatte,  daP  die  russische 
Regierung  iiber  die  Absichten  Persiens  klar  war,  so  beschloP  sie, 
unter  alien  moglichen  Yorwanden  sich  von  ihren  Verpflichtungen 
freizumachen.  Rupiand  verlangte  nicht  ihre  Erfiillung,  nahm 
die  moralische  Hilfe,  die  von  Sadi-A'asam  anstatt  der  militarischen 
Unterstiitzung  gewahrt  wurde,  nicht  an,  und  zog  die  Neutralitat 
Persiens  einem  zweifelhaften  und  unaufrichtigen  Biindnisse  vor. 

Dolgoruki  erhielt  noch  folgende  geheime  Instruktion:  „er 
solle  dahin  wirken,  daP  Persien  streng  neutral  bleibe  und  die 
Absichten  und  Versuche  der  Gegner,  die  diese  Macht  in  feindselige 
Handlungen  verwickeln  konnen,  zu  vereiteln  suchen". 

In  Riicksicht  auf  den  Krieg  zwischen  Rupiand  und  der  Tiirkei 
hielt  es  die  persische  Regierung  fiir  angezeigt,  am  18.  Januar 
in  dem  offiziellen  teheranschen  Organ  ihre  Neutralitat  zu  er- 
klaren.  Aber  kaum  war  ein  Monat  vergangen,  als  infolge  der 
schnellen  russischen  Erfolge  in  Asien  es  die  persische  Regierung 
bereute,  dap  sie  das  Biindnis  mit  Rupiand  abgelehnt  hatte.  Das 
persische  Ministerium  suchte  durch  seinen  Bevollmachtigten  seine 
Ergebenheit  zu  Rupiand  aufs  neue  zu  versichern,  und  indem  es 
verschiedene  Entschuldigungen  inbezug  auf  die  erfolglosen  Ver- 
handlungen betreffs  des  Biindnisses  vorbrachte,  schlug  es  vor, 
einen  Bevollmachtigten  nach  Petersburg  oder  Tabris  zu  schicken, 
um  einen  Vertrag  abzuschliepen.  Die  russische  Regierung  erklarte 
sich  damit  einverstanden,  nicht  well  sie  Vertrauen  zu  Persien 
hatte,  sondern  well  sie  ihm  nicht  Gelegenheit  geben  wollte,  sich 
mit  den  Feinden  Rupiands  zu  verbinden,  wenn  letzteres  seinen 
Vorschlag  zuriickgewiesen  hatte. 

Das  Verhaltnis  des  Fiirsten  Dolgoruki  zu  dem  ersten  Minister 
Persiens  war  immer  gespannter  geworden.  In  einem  Schreiben 
an  den  Grafen  Nesselrode  wies  er  auf  seine  schlechten  Beziehungen 
zu  dem  ersten  Minister  hin,  die  zu  bestandigen  Vorwiirfen  und 
einer  offenbaren  Geringschatzung  fiihrten,  welche  von  letzterem 
bei  jeder  passenden  und  unpassenden  Gelegenheit  zum  Ausdruck 
gebracht  wiirde.  Daraufhin  wies  das  ]\Iinisterium  des  Aupern 
den  Fiirsten  Dolgoruki  an,  „die  Beziehungen  zu  Persien,  wie  vor- 


—    41    — 

dem,  wieder  herzustellen".  Es  wurde  dies,  soweit  moglich,  zur 
Ausfiihrung  gebracht,  und  die  persische  Regierung  wurde  nach- 
giebiger,  Dolgoruki  bat  iibrigens,  infolge  der  Krankheit  seiner 
Frau,  das  Ministerium  um  seine  Abberufung.  Letzteres  erfiillte 
seine  Bitte  und  war  froh,  den  Gesandten  Familienverhaltnisse 
halber  abberufen  zu  konnen,  um  nicht  den  Schein  zu  erwecken, 
als  ob  die  Regierung  die  Geschaftsfiihrung  Dolgorukis  nicht  ge- 
billigt  habe.  An  die  Stelle  Dolgorukis  trat  nun  Anitschkow,  ein 
erfahrener  und  energischer  Mann,  der  als  Generalkonsul  in  Tabris 
bei  dem  persischen  Volk  sehr  beliebt  war.  Die  persische  Regie- 
rung  hielt  es  aber  in  Riicksicht  auf  die  Neutralitat  Persiens  fiir 
unstatthaft,  einen  Bevollmachtigten  nach  Tiflis  zu  schicken,  um 
ein  Biindnis  mit  Rupiand  zu  beraten.  Infolgedessen  hielt  es  die 
russische  Regierung  fiir  notig,  an  Anitschkow,  der  Geschaftstrager 
in  Teheran  geworden  war,  eine  allgemeine  beziigliche  Instruktion 
zu  erlassen,  in  welcher  er  angewiesen  wurde,  „sich  aufmerksam 
mit  der  Sachlage  und  dem  ganzen  Gauge  der  anfanglichen  Ver- 
handlungen  iiber  das  Biindnis  bekannt  zn  machen  und  sich  iiber 
die  wirklichen  Absichten  der  persischen  Regierung  inbezug  auf 
das  Biindnis  wie  auf  die  Entsendung  eines  Bevollmachtigten 
nach  Tiflis  Gewipheit  zu  verschaffen. 

Im  Juni  erhielt  Anitschkow  eine  neue  offizielle  Vollmacht 
und  eine  geheime  Instruktion,  die  ihn  berechtigte,  in  den  Vertrag 
die  Verpflichtung  RuP lands  aufzunehmen,  keinen  Frieden  zu 
schliePen,  die  Interessen  Persiens  nicht  zu  beschranken,  wenn  es 
in  den  Krieg  verwickelt  wiirde.  Ein  unerfahrener  Diplomat  hatte 
durch  die  Aufnahme  dieser  Verpflichtung  die  Hande  Rupiands 
gebunden,  was  aber  Anitschkow  nicht  tat;  er  zeigte  die  Instruktion 
auch  niemandem,  damit  die  Beamten  nicht  dariiber  in  Teheran 
sprachen. 

Das  Ergebnis  der  Verhandlungen  war,  dap  am  11.  Oktober 
1854  eine  Konvention  vom  Schah  unterzeichnet  wurde.  Diese 
Konvention  iiber  die  Neutralitat  war  nach  vielen  Schwierigkeiten 
und  unter  sichtlichem  Widerwillen  der  persischen  Regierung  „in- 
bezug  auf  Rupiand  durch  irgend  einen  Akt  sich  zu  verpflichten, 
der  Persien  verhindern  wiirde,  sich  in  der  Folge  mit  den  Feinden 
Rupiands  zu  verbinden",  abgeschlossen.  Die  persische  Regierung 
bestand  auf  der  Geheimhaltung  der  Konvention,  und  der  Schah 
fiigte  hinzu,  dap  er  sich  nicht  an  die  Ausfiihrung  dieses  Vertrages 
gebunden  erachte,  wenn  irgend  jemand  etwas  davon  erfahre. 


—    42    — 

Der  Neutralitatsvertrag  lautete: 

„1.  Persien  verpflichtet  sich,  die  Feinde  Ru(31ands  wahrend 
des  ganzen  Krieges  mit  der  Tiirkei  und  den  Verbiindeten  nicht 
mit  Truppen  zu  unterstiitzen  und  ihnen  anf  keinerlei  Weise  zu 
helfen,  die  mit  der  Neutralitat  unvereinbar  ist,  die  Ausfuhr  von 
Lebensmitteln  fiir  die  Truppen,  die  Rutland  bekampfen,  nicht  zu 
gestatten,  diesen  Truppen  den  Durchzug  durch  Persien  nicht  zu 
erlauben,  um  gegen  die  Grenzen  Rupiands  vorzugehen,  und  nicht 
zuzugeben,  dap  die  ihm  unterstehenden  Kurdenstamme  rauberische 
Einfalle  aui'  die  Grenzen  Rupiands  ausfiihren. 

2.  Persien  verpflichtet  sich,  die  Ausfuhr  von  Kriegsmaterial 
fiir  die  gegen  Rupiand  kampfenden  Machte  nicht  zu  gestatten. 

3.  Rupiand  verzichtet  als  Entgelt  fiir  die  strenge  Neutralitat 
auf  die  Zahlung  des  Restes  der  Schuld  Persiens,  wenn  die  oben- 
genannten  Bedingungen  wahrend  des  ganzen  Krieges  mit  seinen 
Feinden  beobachtet  werden  und  wenn  nicht  in  Erfahrung  gebracht 
wird,  dap  diese  Bedingungen  verletzt  sind. 

4.  Dieser  Vertrag  andert  in  keiner  Weise  die  zwischen  beiden 
Reichen  bestehenden  Vertrage." 


Bevor  wir  nun  die  Beziehungen  Rupiands  zu  Persien,  wie  sie 
sich  seit  dem  Jahre  1856  bis  auf  die  neueste  Zeit  gestaltet  haben, 
besprechen,  diirfte  es  angezeigt  sein,  die  wirtschaftliche  Ent- 
wickelung  des  jetzigen  Persiens  kurz  zu  beriihren. 

Die  Bevolkerung  Persiens  beschaftigt  sich  hauptsachlich  mit 
Ackerbau  und  Viehzucht.  Ersterer  umfapt  etwa  40  Prozent,  letz- 
tere  etwa  30  Prozent  aller  sonstigen  Betriebe.  Das  zur  Kultur 
geeignete  Land  ist  bei  dem  gropen  Flachenraum  Persiens  von 
29965  Quadratmeilen  auPerst  gering,  nur  i/r,Q  des  Territoriums  ist 
ertragsfahig.  Trotz  dieses  kleinen  kultivierbaren  Territoriums, 
dessen  Bebauung  durch  den  Mangel  an  Wasser  und  durch  die 
groPe  Hitze  sehr  beeintrachtigt  wird,  werden  doch  die  verschie- 
denartigsten  Produkte  in  groPer  Menge  gewonnen.  Die  guten 
Ergebnisse  der  Landwirtschaft  beruhen  auf  der  kiinstlichen  Be- 
wasserung  der  Felder,  welche  sowohl  von  der  Regierung,  wie 
von  der  Bevolkerung  gefordert  wird. 

Das  meiste  zur  Bebauung  geeignete  Land  ist  Eigentum  der 
Krone,  das  von  Bauern  beackert  wird,  die  Leibeigenen  gleichzu- 
achten  sind.    Diese  Landereien  sind  durch  Eroberungen  und  haupt- 


—    43    — 

sachlich  durch  Konfiskationen  gewonnen.  Sie  werden  verdienten 
Staatsmannern  oder  iiberhaupt  den  Lieblingen  des  Schahs  und  eine 
nicht  geringe  Menge  den  Nomadenstammen  als  Lohn  iibergeben, 
welche  letztere  dafiir  zur  Gestellung  eines  gewissen  Kontingents 
an  Reiterei  verpflichtet  sind.  Auslander  besitzen  kein  Land, 
von  den  Landstiicken  abgesehen,  die  von  den  europaischen  Ge- 
sandtschaften  oder  von  Leuten,  die  zu  verschiedenen  Unterneh- 
mungen  Konzessionen  erhalten  haben,  angekauft  sind.  Es  bedarf 
dies  aber  immer  einer  besonderen  Erlaubnis.  Auch  die  Geistlichkeit 
hat  sich  auf  mannigfache  Weise  einen  gro(3en  Landbesitz  (Wakuf) 
verschafft. 

Da  viele  Perser  es  vorziehen,  ohne  Arbeit  grope  Einnahmen 
zu  erzielen,  verpachten  sie  ihr  Land.  Sie  treten  ihr  Recht,  die 
kiinstliche  Bewasserung  zu  benutzen,  die  Aussaat,  die  Ackerbau- 
gerate  und  das  Vieli  an  den  Pachter  ab  und  erhalten  dafiir 
-/o — Vd  seiner  ganzen  Einnahme,  was  fiir  den  letzteren  sehr 
ungiinstig  ist,  zumal  das  Verhaltnis  des  Pachters  zu  dem  Eigen- 
tiimer  nicht  gesetzlich  geregelt  ist.  Eine  Folge  davon  ist,  dap 
der  Pachter  sich  oft  veranlapt  sieht,  seine  Wirtschaft  aufzugeben, 
um  sich  anderweitig  einen  Verdienst  zu  suchen. 

Die  fill'  das  Landeigentum  stets  zu  zahlende  x'^.bgabe  betragt 
1/5  des  Ertrages,  die  schon  an  und  fiir  sich  eine  hohe  ist.  Tat- 
sachlich  sind  die  Abgaben  noch  grSPer:  1/5  des  Ertrags  fordert 
der  Staat,  wahrend  die  Steuererheber  und  die  hochgestellten 
Beamten  einen  gleichen  Betrag  verlangen.  Der  Verlust  durch  Heu- 
schrecken  oder  durch  ungiinstige  klimatische  Verhaltnisse  wird 
bei  der  Einziehung  der  Abgaben  nicht  beriicksichtigt.  Diesen 
Abgaben  ist  es  auch  zuzuschreiben,  daP  in  den  Hungerjahren 
1860—1861,  1869—1872,  1879,  1880  die  Halfte  der  Bevolkerung 
starb,  da  keine  Vorrate  an  Lebensmitteln  mehi*  vorhanden  waren. 
Die  Regierung  sorgt  nicht  fiii"  Getreidevorrate,  und  die  Bauern 
sparen  ihren  UberschuP  nicht  auf,  da  sie  die  Steuereintreiber  und 
die  Soldaten  fiirchten,  die  sich  nicht  scheuen,  fremdes  Gut  zu 
rauben. 

Die  Ackergeratschaften  sind  ganz  veraltet.  Der  Pf lug  besteht 
aus  einem  Holzstiick  mit  einem  eisernen  Ende;  die  Egge  wird 
durch  ein  Biindel  Stangen  oder  durch  eine  Reihe  von  Brettern, 
die  mit  spitzen  Steinen  versehen  sind,  ersetzt.  Der  Spaten  ist 
fiir  den  Perser  das  wichtigste  Gerat  fiir  den  Garten-  und  Gemiise- 
bau.    Gedroschen  wird  in  freiem  Felde  auf  einem  mit  einer  Holz- 


—    44    — 

pritsche  geebneten  Platze.  Die  Ahren  werden  handhoch  darauf- 
gelegt,  dann  fahren  Schlitten,  die  mit  Ochsen  oder  Eseln  bespannt 
sind,  dariiber.  Auf  dem  Vorderteil  der  Schlitten  sitzen  zwei 
Leute,  an  den  hinteren  Schleifen  sind  zwei  Pritschen  angebracht, 
in  die  eiserne  Zylinder  hineingesteckt  werden.  Durch  die  Hufe 
der  Ochsen  oder  Esel,  durch  die  Schleifen  der  Schlitten  werden 
die  Ahren  ausgekornt  und  durch  die  Pritschen  das  Stroh  zer- 
kleinert.  Die  so  gewonnenen  Korner  werden  in  tiefe  Gruben  ge- 
worfen  und  als  Schutz  gegen  die  Feuchtigkeit  mit  Stroh  bedeckt. 

Getreide  wird  vorzugsweise  in  Aserbeidjan  und  Kurdistan  ge- 
baut,  wo  der  Boden  und  das  Klima  dazu  geeignet  sind.  Vorzugs- 
weise wird  Weizen  und  Gerste  gesat,  welch  letztere  zur  Speise  der 
Leute  wie  zum  Futter  der  Pferde  und  Maultiere  dient.  Der  Ertrag 
an  Weizen  und  Gerste  reicht  vollstandig  fiir  den  Bedarf  des  Landes, 
und  eine  Ausfuhr  ist  eigentlich  nicht  notig.  Da  es  aber  an 
Wegen  fehlt  und  keine  Nachrichten  iiber  den  Ausfall  der  Ernte 
im  Innern  des  Landes  vorhanden  sind,  so  sind  die  Bewohner  der 
Grenzbezirke  genotigt,  Getreide  auszufiihren,  was  die  Veranlas- 
sung  zu  Hungersnoten  ist,  die  oft  Aufstande  hervorrufen. 

Tomara  beziffert  in  seinem  Werk  „Der  wirtschaftliche  Zu- 

stand  Persiens,  1895"  die  Ausfuhr  von  Getreide  wie  folgt: 

Aus  Buschir  (von  den  anliegenden  Gegenden)  1891    720000  Pud*) 

Ti     A      M.U      ,        Tz-         A  /1891      40000    „ 

aus  Bender-Abbas  (von  Kirman)  Meq9    mo  000 

aus  Aserbeidjan  nach  Rupland  1891    170000    „ 

Aus    Buschir   und    Bender-Abbas   wird    Getreide    nach    dem 

Kiistenlande  des  Persischen  Golfs,  sogar  nach  Indien  ausgefiihrt: 

rl891     250000  Pud 
ausMohammer      [^^^^    ^^6000    „ 

n891       46000    „ 
ausChorassan      |  ^g^^        6000    „ 

Rittich  macht  in  seinem  Werke  „Die  Eisenbahn  durch  Persien, 
1900"  folgende  Angaben  iiber  die  Ausfuhr  von  Getreide  nach 
Rupland: 

im  Jahre  1894  im  Werte  von  230789  Rubel 
„       „     1895    „       „      „     105718      „ 
„       „     1896    „       „      „     163329      „ 
..       „     1897    „       „      „     222504      „ 


n  1  Pud  =  16,38  kg. 


•—    45    — 

Hafer,  den  man  in  Persien  iiberhaupt  nicht  kennt,  wird  gar 
nicht  gebaut.  Roggenbau  findet  in  den  hohen,  Weizenbau  in  den 
niedrigen  Gebirgsgegenden  statt.  Da  der  Reis  eine  heipe  Tem- 
peratur  und  eine  reichliche  Bewasserung  bedarf,  wird  er  haupt- 
sachlich  in  Gilan  und  Masanderan,  die  diesen  Bedingungen  ent- 
sprechen,  aber  auch  an  anderen  Stellen  gebaut.  Den  besten  Reis 
findet  man  in  Fars.  Er  wird  in  groper  Menge  im  Innem  ver- 
braucht,  bildet  aber  jetzt  einen  Hauptausfuhrartikel  aus  Gilan 
und  Masanderan  nach  Rupiand: 

nach  Tomara:  1891  2549000,  1892  2464000  Pud, 
nach  Rittich     1897  fiir  3288828  Rubel. 

Die  Aussaat  erfolgt  zu  verschiedenen  Zeiten,  meistens  im 
Herbst,  aber  nicht  spater  als  im  Oktober.  Die  Ernte  findet 
nordlich  von  Teheran  im  Juni,  siidlich  davon  schon  im  Mai  statt. 
Die  abgeernteten  Felder  werden  dann  mit  10 — 12  Sorten  vorziig- 
licher  Melonen  oder  mit  Kartoffeln  bestellt,  welche  noch  unlangst 
nach  Persien  eingefiihrt  wurden,  sich  aber  jetzt  immer  mehr,  be- 
sonders  in  Aserbeidjan,  verbreiten.  Von  Gemiisen  kommen  in 
Persien  alle  europaischen  Arten  fort,  welche  bei  guter  Bearbeitung 
des  Bodens  sehr  ertragreich  und  gut  sind.  Besonders  sind  Lauch 
und  Gurken  verbreitet  und  wegen  ihrer  Giite  beriihmt. 

Persien  ist  auch  an  verschiedenen  und  sehr  guten  Friichten 
reich.  Die  Arbusen  (Wassermelonen)  und  Melonen  sind  vorziiglich. 
Von  ersteren  sind  die  „Chinduane",  die  masaderansche  Sorte, 
die  besten  und  beliebtesten;  von  den  Melonen  sind  besonders  her- 
vorzuheben  die  Ananas-  und  turkestanischen  Melonen  und  eine 
besondere  Sorte  von  Sommermelonen  (germek),  welche  im  Juni 
reifen,  eine  wachsgelbe  Farbe  haben  und  sehr  slip  sind,  ferner  die 
Sorte  „Tohmesk  -  Schemsk",  d.  i.  Samen  der  Sonne,  welche 
sich  durch  einen  eigentiimlichen  Geschmack  und  Geruch  auszeich- 
nen.  Es  gibt  sehr  viele  Kiirbissorten,  deren  Rinde  zu  Wasser- 
gefaPen  benutzt  wird.  Die  Weintrauben  werden  nicht  nur  zur 
Herstellung  von  Wein  benutzt,  sondern  man  trocknet  sie  auch; 
sie  werden  als  Rosinen  ohne  Kerne  auf  den  Weltmarkt  und  be- 
sonders nach  Rupiand  versendet.  Kirschen,  Apfel,  Birnen  und 
Pflaumen  werden  wohl  geerntet,  sind  aber  nicht  so  gut  wie  die 
europaischen,  well  das  Klima  zu  help  ist;  nur  in  einigen,  vor- 
zugsweise  Gebirgsgegenden  reifen  sie  langsam  und  geben  eine 
gute  Ernte;  aber  fiir  alle  diese  Friichte  ist  das  Klima  nicht  ge- 


—    46    — 

eignet.  Sehr  gut  sind  hier  die  Apf elsinen,  Zitronen,  Quitten, 
Niisse,  Mandeln  und  auch  Pfirsiche,  welche  sehr  groP  werden 
und  ihres  Geschmackes  wegen  beriihmt  sind. 

Nach  den  Daten  Tomaras  betrug  die  Einfuhr  nach  Rupiand 
iiber  die  kaukasisch-persische  Grenze  iiber  Astrachan  aus  den 
Bezirken  Kaswin  und  Karadagh  und  nach  Transkaspien  aus  Cho- 
rassan  im  Jahi'e  1892: 

von  frischen  Friichten,  ausser  Apf  elsinen  u.  a.  14065  Pud 

,,    Apf  elsinen,  Zitronen  und  Pomeranzen  31945     „ 

„    getrockneten   Friichten   und   Rosinen  402343     „ 

„    Niissen,   und   Pfirsich-,   Aprikosenkernen  38502     „ 

„    Mandeln  und  Pist^azien  48325     „ 

Ober  die  russisch-persische  Grenze  aus  Kurdistan  und  Aser- 
beidjan  im  Jahre  1892: 

von  frischen  Friichten  jeglicher  Art  10493  Pud 

,,    getrockneten  Friichten  und  Rosinen  967134     , 

„    Niissen  und  Fruchtkernen  8785     „ 

,,    Mandeln  und  Pistazien  50982     „ 

Ober  die  transkaspische  Grenze  und  Chorassan: 

von  frischen  Friichten  jeglicher  Art  1932  Pud 

„    getrockneten  Friichten  und  Rosinen  etwa  170000     „ 

„    Niissen  und  Kernen  7860    „ 

„    Mandeln  und  Pistazien  8670     „ 

Rittich  beziffert  die  Einfuhr  von  Gemiisen  und  Friichten  nach 
Rupiand  im  Jahre  1897  auf  2040653  Pud. 

Sehr  viele  Industrie-  und  Handelspflanzen  werden  in  Persien 
gezogen.  Unweit  Rescht  wii'd  Tabak  fiir  Papyros,  bei  Schiras, 
Isfahan,  Kaschan,  Tebbes,  Kum,  Nichawend,  Weramin,  Semnan 
und  Schahrud  eine  besondere  Sorte  fiir  die  Wasserpfeifen  gebaut. 

Im  Jahre  1890  erteilte  der  Schah  der  Gesellschaft  „Imperial 
Tobacco  Corporation  of  Persia"  eine  Konzession  auf  50  Jahre 
zu  dem  Monopol,  alle  Sorten  Tabak  anzukaufen,  herzustellen  und 
zu  verkaufen.  Wenn  auch  die  Gesellschaft  ein  Grundkapital  von 
650000  Pfund  Sterling  hatte,  so  war  das  Unternehmen  doch  so 
miPgliickt,  daP  sie  das  ganze  Volk  gegen  sich  aufbrachte;  an- 
dererseits  sorgte  sie  nicht  dafiir,  die  Geistlichkeit  fiir  sich  zu  ge- 
winnen,  die  einen  groPen  EinfluP  auf  das  Volk  hat,  und  es  bewog, 
die  Tabakladen  zu  zerstoren  und  die  Gesellschaft  iiberhaupt  sehr 


^    47    — 

schadigte.  Das  Ergebnis  war,  daP  der  Schah  die  Gesellschaft 
aufheben  mupte,  indem  er  allerdings  die  gehabten  Verluste  er- 
setzte.  Durch  die  Beseitigung  des  Tabaksmonopols  wurde  der 
Handel  mit  Tabak  schwankend.     Die  Ausfuhr  war  folgende: 

r  1889      80000  Pud 
I  1890      95000 


aus  Buschir 


Bender-Abbas 

1889 
1890 

Aserbeidjan  nach  Trapezunt  {  1891 

'  1892 
1893 

Aserbeidjan  nach  Transkaspien 


den  Hafen  des  Kaspischen  Meeres 


1889 
1890 
1891 
1892 
etwa 
bis  zu 


1889 
1890 
1891 
1892 
1889 
1890 
1891 
1892 


10000 

10000 

6500 

14000 

80000 

65000 

70000 

30000 

8500 

358 

456 

436 

203 

3003 

4291 

4126 

1672 


Jedenfalls  betragt  die  Ausfuhr  des  Tabaks  in  das  Ausland 
nur  1/12  des  Tabaks,  der  in  Persien  verbraucht  wird.  Nach  den 
Angaben  von  Curzon  beziff ert  sich  der  jahrliche  Verbrauch  durch- 
schnittlich  auf  1800000  und  die  Ausfuhr  auf  1600000  Batman.*) 

Neben  dem  Tabakbau  vermehrt  sich  auch  mit  jedem  Jahre 
der  Mohnbau  zur  Gewinnung  von  Opium,  das  ausgefiihrt  wird 
und  einen  der  wichtigsten  Artikel  der  Staatseinnahme  bildet.  So 
betrug  die  Ausfuhr  iiber  den  persischen  Golf  im  Jahre  1871  870 
Kasten  im  Werte  von  1522000  Franken,  und  nach  10  Jahren, 
im  Jahre  1881,  fast  zehnmal  mehr:  7700  Kasten  im  Werte  von 
21175000  Franken.  Seit  1881  wachst  die  Ausfuhr  von  Opium 
unausgesetzt,  so  dap  in  vielen  Gegenden  ausschlieplich  Mohn 
auf  Kosten  anderer  Gewachse  gebaut  wird.  So  vermehrt  sich 
der  Bau  von  Mohn  in  den  Provinzen  des  siidlichen  Persiens  in 
einem  solchen  Mape,  dap  man  aufhort,  Weizen  und  Reis  zu  kul- 


*)  Batman  =  2,6  kg-. 


—    48    — 

tivieren;  da  Getreide  nicht  zugefiihrt  wird,  tritt  haufig  eine 
Hungersnot  ein.  Das  Opium  wird  nur  in  geringer  Menge  im  Lande 
verbraucht  und  hauptsachlich  nach  China  versendet,  wo  es  mit 
vielem  Erfolg  in  den  Wettbewerb  mit  dem  ostindischen  tritt 
und  so  diese  Einnahmequelle  Gropbritanniens  zu  zerstoren  droht. 
Opium  wurde  ausgefiihrt: 


aus  Buschir 


1889 

3386  Kasten*) 

1890 

4817   „ 

1891 

4795   „ 

1892 

5417   „ 

1889 

1800   „ 

1890 

1383V2  „ 

1891 

1388   „ 

1892 

746   „ 

aus  Bender-Abbas 


AuPerdem  iiber  Bagdad  im  Jahre  1893  675  Pud. 

Die  Herstellung  von  Zucker  nimmt  mit  jedem  Jahre  mehr 
ab;  er  reicht  sogar  fiir  den  Bedarf  der  Bevolkerung  nicht  aus, 
so  dap  solcher  eingefiihrt  werden  mup.  Rupiand  (Astrachan)  und 
Frankreich  (Marseille)  liefern  Runkelriibenzucker;  friiher  fiihrten 
Indien,  Java  und  die  Insel  St.  Maurice  aus  Zuckerrohr  hergestellten 
Zucker  ein. 

Rupiand  bezieht  eine  geringe  Menge  masanderanschen  Zucker 
aus  Persien,  im  Jahre  1892  948  Pud,  im  Jahre  1897  nach  Rittich 
fiir  22726  Rubel.  Die  giinstigen  Boden-  und  klimatischen  Ver- 
haltnisse  fiir  die  Kultur  von  Zuckerrohr  ermoglichten  es  jedoch, 
dap  schon  im  7.  Jahrhundert  solche  musterhaft  war;  man  verstand 
es  sogar,  raffinierten  Zucker  herzustellen.  Dap  dies  jetzt  anders 
geworden  ist,  erklart  sich  dadurch,  daP  die  Bereitung  des  Zuckers 
sehr  nachlassig  betrieben  wird  und  auf  demselben  Standpunkte 
geblieben  ist  wie  in  alter  Zeit. 

Die  Kultur  von  Maulbeerbaumen  ist  sehr  entwickelt,  damit 
Seidenraupen  geziichtet  werden  konnen.  Es  bestehen  in  Teheran, 
Kaschan  und  Jesd  Seidenfabriken,  wo  aus  den  Kokons  Seide  her- 
gestellt  wird.  Da  in  den  60er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts 
eine  Krankheit  unter  den  Seidenraupen  herrschte  und  2/3  starben, 
so  wurde  dieser  Industriezweig,  der  schon  sehr  lange  in  Persien 
bliihte,  auf  viele  Jahre  geschadigt.  Erst  seit  dem  Jahre  1891  hat 
die  Seidenfabrikation  wieder  merklich  zugenommen,  aus  der  dem 


*)  1  Kasten  wiegt  4V2  T*ud. 


—    49    — 

Staate  eine  auPerordentliche  Einnahme  erwachst.  DaP  sich  diese 
so  entwickelt  hat,  verdankt  Persien  der  griechischen  Gesellschaft 
Paschalidi,  die  im  Jahre  1889  ihren  Vertreter  Besanow  nach 
Rescht  schickte.  Letzterer  brachte  Pasteursche  Grains  mit,  ver- 
teilte  sie  an  die  einheimischen  Seidenraupenziichter  und  verpflich- 
tete  diese,  1/3  aller  erhaltenen  Kokons  abzugeben.  Die  Ergebnisse 
waren  anfangs  nicht  glanzend,  aber  schon  1893  erhielt  er  iiber 
3  kg  Seide  oder  1  Batman  Seide  von  8  Batman  Kokons;  eine 
Erkrankung  wurde  nicht  bemerkt.  Durch  diesen  Erfolg  wurde 
Besanow  unter  der  Bevolkerung  beriihmt,  die  jetzt  pasteursche 
Grains  verlangt. 

Nach  Rupland  wurden  ausgefiihrt: 


1891  786  Pud 

1892  1018  „ 


Flockseide,  Florettseide  und  Kokons      I 

^  ,     . ,  r  1891  251 

Rohseide  {  ^g^^  136 

Nach  Europa  als  Transitware  iiber  Rutland: 

t:.!    1     -J         ^  T^  ,  i  1891      12686  Pud 

Flockseide  und  Kokons 

Rohseide 
Nach  Europa  iiber  Trapezunt: 

Kokons 


! 


892        6990 

1891  263 

1892  87 


1891  480  Pud 

1892  75    „ 

1893  700    „ 
Aus  Schiras  und  Isfahan  iiber  Buschir: 

1891  920  Pud 

.  1892  550     „ 
Aus  Jesd  iiber  Bender- Abbas: 

1891  40    „ 


Rohseide  | 


Rohseide  ^  ^gg^  ^^    _^ 

In  Gilan  und  Masanderan  sammelt  man  die  Seide  Ende  Mai 
und  verkauft  sie  im  August  und  September,  wahrend  in  Chorassan 
und  den  anderen  nordlichen  Provinzen  man  sie  im  Juli  sammelt. 
Oberhaupt  ist  es  mit  der  Seidenproduktion  gut  bestellt,  und  allein 
nach  Rupiand  wurden  im  Jahre  1893  281  Pud  Rohseide  und  15  Pud 
Zwirnseide  ausgefiihrt;  nach  Rittich  fiir  13290  Rubel.  Da  die 
Moskauer  Seidenindustrie  Mangel  an  Rohseide  hat,  wird  die  rus- 
sische  Seidenindustrie  von  sachverstandiger  Seite  neuerdings  auf 

Die  Beziehungen  Rufilands  zu  Persien.  4 


50    — 


die  Entwickelung  des  Seidenbaues  am  persischen  Siidufer  des 
Kaspischen  Meeres  aufmerksam  gemacht,  um  ihren  Bedarf  von 
dort  zu  decken.  Man  verspricht  sich  grope  Vorteile  fiir  die 
russische  Seidenindustrie  aus  der  Zunahme  des  Seidenbaues  in 
Persien. 

Baumwolle  (grossypium  herbaceum)  wird  in  dem  ganzen  west- 
lichen  Persien,  Masanderan  und  Chorassan  gebaut,  die  ihrer  Be- 
schaffenheit  nach  allerdings  besser  als  die  tiirkische  ist,  aber 
mit  der  amerikanischen  den  Wettbewerb  nicht  aushalt.  An  ein- 
zelnen  Stellen  sind  mit  der  Kultur  amerikanischer  Baumwolle 
Versuche  angestellt,  die  ausgezeichnete  Ergebnisse  gehabt  haben. 
Es  ist  anzunehmen,  dap  sie  in  Persien  eingefiihrt  wird  und  sie 
mit  der  Verbesserung  der  Kultur  ein  wiclitiger  Zweig  des  inter- 
nationalen  Handels  werden  wird.  Wenn  russische  Unternehmer 
die  Perser  mit  dem  Samen  der  amerikanischen  Baumwolle  ver- 
sehen,  ihnen  die  Ernte  abkaufen  und  sie  auf  ihren  Maschinen 
verarbeiten  wiirden,  so  wiirde  diese  Baumwolle  mit  der  amerika- 
nischen und  agyptischen,  die  jetzt  in  Rupland  eingefiihrt  wird, 
in  Wettbewerb  treten  konnen.  Der  Preis  fiir  die  Baumwolle  ist 
nicht  hoch:  im  Jahre  1893  kostete  das  Pud  in  Masanderan  3  Rubel 
50  Kopeken  bis  4  Rubel  50  Kopeken. 

Baumwolle  wird  in  Masanderan,  Chorassan,  Simnan,  Kum, 
Kaschan,  Isfahan  und  in  der  Umgegend  von  Choi  und  Urmia 
kultiviert. 

Die  Ausfuhr  nach  Rupland  betrug: 
Aus  Chorassan  iiber  Transkaspien  1890 

,,    Masanderan,  Astrabad  und  den  Be- 
zirken  von  Kaswin  und  Hamadan 
„    Aserbeidjan   iiber   den   Kaukasus 

„    Chorassan  u.  s.  w.  1891 

„    Masanderan  u.  s.  w. 
„    Aserbeidjan  u.  s.  w. 

„    Chorassan  u.  s.  w.  1892 

„    Masanderan  u.  s.  w. 
„    Aserbeidjan  u.  s.  w. 


155609  Pud 

334335  „ 
41642  „ 

561586  Pud 

166515  Pud 

313057   „ 

17901  „ 

497473  Pud 

258151  Pud 

401253  „ 

90786  „ 

680190  Pud. 

—    51    — 

Von  dem  Olbaum  wird  das  Leuchtol  gewonnen,  das  in  Persien 
allgemein  verwendet  wird.  In  der  Provinz  Gilan,  unweit  Mendjil, 
sind  auJ;  einer  gro^en  Strecke  Olivenbaume  gepflanzt,  aus  deren 
Friichten  01  gewonnen  wird,  das  zur  Bereitung  verschiedener 
Arzneimittel,  aber  hauptsachlich  zu  technischen  Zwecken  (Seife) 
verwendet  wird.  Der  Olbaum  wachst  unter  dem  Namen  „01eander" 
wild,  wird  dann  aber  nicht  hoher  als  4  m.  Wenn  der  Baum  aus 
Pf  lanzreisern  oder  Samen  in  gut  bearbeitetem  Boden  gezogen  wird, 
erreicht  er  eine  Hohe  von  iiber  18  m.  Der  Samen  hat  eine 
schmutzig-graue,  das  Blatt  und  die  Bliite  eine  weip-gelbe  Farbe. 
Mit  der  Zucht  dieser  Baume  beschaftigen  sich  43  Dorfer,  denen 
100000  Baume  gehoren.  Von  jedem  Baum  werden  jahrlich  2  bis 
4  kg  01  gewonnen;  die  Abgabe  an  den  Staat  betragt  fiir  jeden 
Baum  5  Schai  (25  Centimes). 

Die  Ausfuhr  von  Olivenol  erreichte  im  Jahre  1892  nicht 
400  Pud. 

Heilkrauter  und  zum  Farben  dienende  Gewachse  sind  reich- 
lich  vorhanden;  Iran  kann  als  ihr  Vaterland  betrachtet  werden. 
Von  den  Farbemitteln  ist  „Chenna"  hervorzuheben,  das  aus  den 
Blattern  der  Lavsonia  inermis,  welche  Pflanze  in  der  Umgegend 
von  Kirman  und  Jesd  kultiviert  wird,  hergestellt  wird.  Es  ist 
ein  sehi-  wichtiger  Ausfuhrartikel  nach  alien  mohammedanischen 
Landern  und  dient  zum  Farben  der  Nagel,  sowie  auch  der  Mahnen 
und  Schwanze  der  Pferde. 

Indigo  kommt  in  Laristan  und  am  Karun  (Schuster  und 
Disful)  vor,  aber  in  einer  solchen  geringen  Menge,  dap  er  den 
inneren  Bedarf  nicht  deckt. 

Von  den  iibrigen  Gewachsen  sind  noch  Siipholz,  das  iiberall 
angetroffen  wird,  Gallapfel  in  Kurdistan  und  verschiedene  Arten 
von  Gummi  zu  erwahnen.  Das  Gummi-Dragant  wird  aus  dem 
Strauch  Astragalis  gewonnen  und  wird  in  dem  westlichen  Persien 
angetroffen;  das  Gummi  arabicum  gewinnt  man  aus  der  Rinde 
vom  Acaciabaum  bei  Schiras  und  in  Kurdistan. 

Die  nordlichen  Hange  des  Elbrus  sind  mit  dichtem  jungfrau- 
lichen  Wald  bedeckt,  der  aus  alien  moglichen  Baumarten  besteht, 
von  welchen  die  Eichen,  Nupbaume  und  Buchen  zur  Verwendung 
kommen.  Letztere  werden  meistens  im  Lande  verbraucht  und 
nur  verhaltnismapig  wenig  ausgefiihrt.  Nach  NuPbaumen  ist 
eine  groPe  Nachfrage;  oft  finden  sich  hier  vorzugsweise  franzo- 
sische   Agenten   ein,   die  die   entsprechende   Ware  ausfindig  zu 


—     52    — 

machen  und  Vertrage  abzuschliepen  haben.  Wenn  auch  der  Preis 
fiir  einen  Nupbaum  nicht  hoch  ist,  so  ist  doch  sein  Transport 
infolge  der  schlechten  Wege  sehr  teuer.  Der  Enselihafen  am 
Kaspischen  Meere  ist  der  Hauptpunkt,  wo  Holzvertrage  abge- 
schlossen  werden.  Seit  dem  Jahre  1870  hat  auch  eine  grope 
Nachfrage  nach  Palmenbaumen  (Buxus  sempervirens)  begonnen, 
die  auPerordentlich  wertvoll  sind  und  in  Masanderan  und  Gilan 
im  UberfluP  wachsen.  Die  Pachter  haben  aber  so  viele  schlagen 
lassen,  dap  sie  im  Laufe  von  7  Jahren  (1886 — 1893)  fast  end- 
giiltig  ausgerottet  sind.  Die  von  den  Konzessionaren  daraus 
gewonnenen  Summen  sind  sehr  erheblich:  ein  einziger  Transit 
fiir  7  Jahre  betragt  312002  Rubel  bei  einer  durchschnittlichen 
Pacht  von  10000  Tuman  fiir  ein  Jahr. 

Die  Ausfuhr  von  einfachen  Baumen  aus  Persien  nach  RuP- 
land  erreichte  im  Jahre  1891  die  Summe  von  22000,  1892  von 
13000  Rubeln;  an  wertvollen  Baumen,  einschlieplich  der  Pahnen 
und  Nupbaume,  im  Jahre  1891  die  Summe  von  91000  und  im 
Jahre  1892  die  Summe  von  30000  Rubel.  Von  Holzkohlen  wurden 
im  Jahre  1890  etwa  280000,  im  Jahre  1891  etwa  330000  und 
im  Jahre  1892  285000  Pud  ausgefiihrt. 

Die  Viehzucht  befindet  sich  in  einem  besseren  Zustande  als 
der  Ackerbau.  Die  nomadisierende  Bevolkerung  lapt  es  sich 
angelegen  sein,  dap  die  Rasse  der  Pferde,  Kamele,  Schafe,  Ziegen 
und  sonstige  Zweige  der  Viehzucht  erhalten  und  verbessert  wer- 
den. Es  gibt  Vollblutpferde,  die  nach  ihrer  Schonheit  und  Aus- 
dauer  mit  alien  in  der  Welt  bekannten  Rassen  in  Wettbewerb 
treten  konnen;  es  sind  die  arabische,  turkmenische,  karabaghische 
und  schirassche  Rasse  hervorzuheben.  Durch  ihre  Ausdauer 
zeichnen  sich  die  turkmenischen  Pferde  aus,  fiir  deren  Verbesse- 
rung  die  persischen  Monarchen  sehr  viel  getan  haben.  Die  GroPe 
und  der  Knochenbau  des  turkmenischen  Pferdes  riihrt  von  den 
einheimischen,  das  Blut  und  die  Form  aber  von  den  arabischen 
Pferden  her,  von  welchen  die  besten  verschrieben  wurden.  Aus 
der  Kreuzung  ging  ein  sehr  knochiges  Pferd  hervor,  das  der  Hohe 
(oft  hoher  als  17  Hande)  gegeniiber  aber  unproportioniert  ist; 
der  Kopf  ist  dick  und  grop,  die  Ohren  und  der  Hals  lang,  die 
Brust  schmal,  der  Leib  abgemagert;  die  langen  Beine  sind  an- 
scheinend  ungeniigend  muskulos.  Das  turkmenische  Pferd  ist 
iiberhaupt  nicht  schon,  aber  bei  der  Arbeit  unersetzlich.     Das 


—    53    — 

karabaghsche  Pferd,  ein  Grauschimmel  mit  schwarzen  Apfeln, 
ist  dem  englischen  Jagdpferde  sehr  ahnlich,  wird  aber  wenig  in 
Persieu  gebraucht  und  meistens  nach  Indien  ausgefiihrt.  Von 
den  iibrigen  Rassen  ist  das  in  der  Wiiste  geziichtete  Pferd  zu 
erwahnen,  das  klein  ist,  kurze  Peine  hat  und  auperordentlich 
stark  ist. 

Die  Kamele  sind  fiir  den  gropten  Teil  der  dortigen  Bevolke- 
rung,  besonders  fiir  die  Nomaden,  wichtiger  als  die  Pferde.  Es 
gibt4Arten:  das  zweihockrige  (bughur),  das  einhockrige  (schutur) 
und  2  Arten,  die  aus  der  Kreuzung  der  beiden  ersteren  entstanden 
sind.  Die  einhockrigen  Kamele  sind  sehr  stark,  aber  nicht  so 
beweglich  und  schnell  wie  die  zweihockrigen.  Von  den  ersteren 
werden  die  Kamele  Chorassans  und  Schirans  besonders  geschatzt, 
da  sie  die  starksten  sind:  sie  konnen  250  kg  tragen,  ohne  dap 
sie  dadurch  geschadigt  werden.  Von  den  Mischlingen  sind  die 
Rassen  „Ner  und  Lojeks"  hervorzuheben.  Letztere  ist  sehr  ge- 
lehrig,  geduldig,  stark  und  kann  450  kg  tragen.  Da  sie  aber 
teuer  ist,  benutzt  man  die  Rasse  Ner,  die  allerdings  nicht  so 
stark  und  ausdauernd  ist,  aber  das  Stiick  nur  55  Rubel  kostet. 

Das  persische  Rindvieh  ist  fast  dasselbe,  wie  es  in  Rupiand 
vorkommt.  Ochsen,  Kiihe  und  Hammel  sind  reichlich  vorhanden. 
Bei  den  Ackerarbeitern  kommen  auch  Biiffel  zur  Verwendung. 
Schaf e  mit  dickem  Fettschwanz  sind  weit  verbreitet.  Ihre  Wolle 
dient  zur  Herstellung  von  grobem  Gewebe;  aus  ihrem  Schwanz 
wird  Fett,  ca.  1,2 — 1,6  kg,  gewonnen.  In  Kirman  gibt  es  eine 
Art  Ziegen,  aus  deren  Wollhaar  Schale  verfertigt  werden.  Esel 
werden  als  Reit-  und  Packtiere  gebraucht.  Zu  ersterem  Zweck 
werden  groPe,  zu  letzterem  kleinere  aber  ausdauernde  Esel  ver- 
wendet.  Auch  die  Isfahanschen  Maulesel  sind  erwahnenswert, 
die  eine  Kreuzung  von  Eseln  und  Isfahanschen  Stuten  sind.  Diese 
Maultiere  haben  einen  gropen  Kopf,  eine  gemusterte  Mahne,  einen 
entsprechenden  Korperbau  und  ein  entsprechendes  Gewicht.  Sie 
wurden  in  die  englische  Armee  wahrend  des  afghanischen  und 
abessynischen  Krieges  in  groper  Menge  eingestellt  und  leisteten 
gute  Dienste. 

Die  Nomaden  besitzen  grope  Herden  von  Schafen,  nach  wel- 
chen  in  dem  Lande  selbst  grope  Nachfrage  ist.  Rindvieh  ist  wenig 
vorhanden  und  wird  mehr  zum  Arbeiten  als  zum  Schlachten  ge- 
braucht.    Die  Perser  lieben  kein  Fleisch  und  konnen  es  leicht 


■—    54    — 

entbehren.  Aus  den  Kamelhaaren  werden  Woilachs  in  groPer 
Menge  angefertigt;  im  Friihjahr  wahrend  des  Haarens  wird  das 
Kamelhaar  in  Biischeln  gesammelt. 

Lebendes  Vieh  wird  nach  Rutland,  Indien  und  den  arabischen 
Hafen  ausgefiihrt.    Im  Jahre  1892  betrug  die  Ausfuhr: 

nach  Rupland  666332  Pud, 

nach  Indien  15000  Stiick  Vieh,  737  Pferde. 

Die  Ausfuhr  aus  Persien  von  Produkten  der  Viehzucht  im 
Jahre  1892: 

nach  Rupiand  aus  Aserbeidjan  und  Kurdistan; 
Kase,   Butter  und   Talg 
ungegerbte  Haute  und  Felle 
gegerbte 
wilde  Tiere 
Wolle  und  wolliges  Ziegenhaar 

nach  Rupland  aus  Karadagh,  Hamadan,  Schiras 

und  den  am  Kaspischen  Meere  gelegenen  Provinzen: 

ungegerbte  Haute  und  Felle 

gegerbte 

wilde  Tiere 

Wolle  und  wolliges  Ziegenhaar 

nach  Rupiand  aus  Chorassan  und  Jesd: 
Kase  und  Butter 
ungegerbte  Haute  und  Felle 
Wolle  und  wolliges  Ziegenhaar 
gegerbte  Haute  und  Felle 

Jahrlich  werden  an  Wolle  328125  Pud  gewonnen. 

Die  Frauen  der  Nomaden  beschaftigen  sich  auPer  mit  den 
Wirtschaftsarbeiten  mit  dem  Weben  von  Matten,  Lagerdecken 
und  Teppichen.  Obwohl  die  Arbeiten  grob  sind,  haben  sie  dennoch 
einen  guten  Absatz  in  den  Stadten. 

Eine  wichtige  Einnahmequelle  ist  die  Perlenfischerei  im  per- 
sischen  Golf,  die  jahrlich  21 — 24  Millionen  Rubel  einbringt.  Sie 
findet  in  den  Sommermonaten  an  der  Kiiste  der  Bahreininseln, 
die  sich  im  Besitz  der  Englander  befinden,  bis  zur  Insel  Ras-el-Kuh 
statt.     Viele   persische   Kiistenbewohner   beschaftigen   sich   mit 


5500  Pud 

11000 

>> 

15500 

}> 

2080 

>> 

6500 

>> 

zen: 
8000  Pud 

5500 

>j 

8200 

>> 

1200 

>> 

2500  Pud 

30000 

>> 

12000 

>» 

7500 

»» 

—    55    — 

diesem  Erwerbszweige;  sie  arbeiten  vom  Aufgange  bis  zum  Unter- 
gange  der  Sonne  und  tauchen  oft  bis  zu  einer  Tiefe  von  30  m. 
Sie  bleiben  durchschnittlich  3,  manche  auch  5  Minuten  unter 
Wasser,  indem  sie  die  Ohren  verkleben  und  in  die  Nase  eine 
Rohre  aus  Horn  stecken.  Haben  sie  einige  Jahre  so  gearbeitet, 
verlieren  sie  das  Gehor,  kommen  von  Kraften  und  der  Korper 
bedeckt  sich  mit  Geschwiiren.  Die  Perlenfischer  werden  oft 
durch  Seerauber  gefahrdet,  die  sich  nicht  nur  damit  begniigen, 
ihnen  die  Perlen  abzunehmen,  sondern  auch  sie  haufig  ermorden. 
Um  den  Raubereien  ein  Ende  zu  machen,  schickt  der  Scheich 
der  Bahreininseln  zum  Schutze  der  Perlenfischer  armierte  Schiffe 
ab,  und  als  Entgelt  erhalt  er  von  jedem  Fang  1 — 10  Perlen- 
muscheln.  Gro^e  Perlen  werden  selten  gefunden,  und  nur  an 
den  tiefsten  Stellen.  Die  Perlen  werden,  bevor  sie  auf  den  Markt 
kommen,  nach  ihrer  GroPe,  Form  und  Farbe  sortiert  und  auf- 
gereiht.  Die  Europaer  ziehen  die  weipen  den  gelben  Perlen  vor, 
wahrend  die  Inder  die  letzteren  mehr  schatzen,  so  dap  diese  fast 
allein  nach  Indien  gehen.  Die  persischen  Perlen  gelten  als  besser 
als  die  bei  Ceylon  gefundenen,  die  nicht  sehr  fest  sind,  sich 
schalen  und  ihre  Farbe  schnell  verlieren. 

An  Mineralien  ist  Persien  sehr  reich:  es  kommen  hier  aus- 
gedehnte  Kupfer-,  Steinkohlen-,  Blei-  und  Eisenlager  vor.  Stein- 
kohlen  sind  erst  spat  gefunden;  man  fangt  aber  schon  an,  sie 
auszubeuten.  Die  Arbeiten  stehen  unter  der  Leitung  des  Finanz- 
ministeriums,  das  aber  sie  wenig  gefordert  hat.  Sie  wurden  in 
ganz  primitiver  Weise,  ohne  jede  neuere  technische  Vervoll- 
kommnung  ausgefiihrt.  Die  Schachte  und  alle  Vorrichtungen  zur 
Ausbeute  waren  so  schlecht  angelegt,  daP  bestandig  Brande  und 
Einstiirze  vorkamen,  so  daP  die.  Arbeiter,  welche  iiberhaupt  zu 
dieser  Arbeit  geringe  Neigung  haben,  sie  aufgaben.  Diese  Um- 
stande  veranlapten  den  Schah,  Anderungen  eintreten  zu  lassen 
und  im  Jahre  1889  den  Bergbau  der  Kaiserlichen  Bank  zu  unter- 
stellen.  Letztere  war  in  demselben  Jahre  vom  Baron  Reuter 
errichtet,  welcher  nunmehr  das  Monopol  erhielt,  die  Mineral- 
reichtiimer,  deren  Bearbeitung  bis  dahin  nicht  in  Angriff  ge- 
nommen  war,  wo  also  noch  keine  Gruben  bestanden,  auszubeuten. 
Nach  einem  Jahre  wurde  aber  von  der  Kaiserlichen  Bank  der 
Gesellschaft  „Bank  Mining  Rights  Corporation  Society"  die  be- 
ziigliche  Konzession  iiberlassen. 


—     56    — 

Die  Gesellschait  hatte  grope  Plane:  sie  begann  die  Arbeiten 
gleichzeitig  an  verschiedenen  Stellen,  ohne  ihre  vorhandenen 
Mittel,  die  weniger  als  eine  Million  Pfund  Sterling  betrugen, 
in  Rechnung  zu  ziehen  und  ohne  die  Verhaltnisse  des  Landes  genau 
zu  kennen.  Schon  im  Jahre  1893  war  die  Gesellschaft  dem  Bank- 
rott  nahe  und  hielt  es  fiir  das  beste,  die  angefangenen  Arbeiten 
in  Teilen  zu  verkaufen.  Trotz  dieses  Miperfolgs  waren  die  von 
der  Gesellschaft  erzielten  Ergebnisse  sehr  wichtig,  da  dadurch 
der  Beweis  geliefert  war,  daP  auPerordentliche  Mineralreichtiimer 
in  Persien  vorhanden  sind. 

Kupferlager  werden  iiberall  angetroffen,  besonders  im  Nord- 
osten  Persiens.  In  Aserbeidjan  sind  die  Bezirke  Karadagh,  wo 
jetzt  die  Russen  Gruben  angelegt  haben,  und  Hamse  die  reichsten. 
In  Chorassan:  die  Grube  Hurkan,  jetzt  nicht  im  Betriebe;  die 
Gruppe  der  Kupfergruben  siidlich  von  Sebsewar  (bei  den  Dorfern 
Gand,  Homai,  Nehru);  die  Gruppe  der  Gruben  bei  Baschau  und 
Dahane-Siah  ist  die  kupferreichste;  die  Gruben  bei  Turschin  (Sul- 
tanabad),  bei  Turbete-isa-Chan;  Pagale  nordlich  von  Sebsewar;  im 
Bezirk  Biardjumande  (zwischen  Schahrud  und  Turschis).  Im  Siid- 
osten  Persiens  sind  andere  Lager  von  Kupfer  gefunden:  in  Kale- 
Siri  und  Teng-i-Mu-i-Asan ;  auPerdem  im  Gebirge  Kohrud  und 
zwischen  Isfahan  und  Jesd. 

Eisenlager  befinden  sich:  im  Bezirk  Karadagh  des  Gebiets 
Masanderan  (bei  Naidj  (unweit  Amul  desselben  Gebiets).  Das  Erz 
enthalt  50 — 60  Prozent  Eisen;  unweit  der  Stadt  Damgan  in  der 
Provinz  Astrabad;  am  See  Niris  in  Farsistan;  in  der  Provinz 
Kirman;  in  Hunsar  zwischen  Teheran  und  Isfahan,  wo  das  Erz 
60  Prozent  Eisen  enthalt;  in  dem  Bezirk  Feridan  mit  Erzen  mit 
69  Prozent  Eisen.  Sumpfeisen  ist  in  groper  Menge  siidwestlich  von 
der  Enselibucht  gefunden. 

Blei  kommt  vor:  in  dem  Chalchalschen  Bezirk,  100  km  von 
Tabris;  im  Chamcheher  Bezirk  und  in  Masanderan.  In  Cho- 
rassan liegen  7  Bleigruben,  welche  bis  jetzt  betrieben  werden. 
Wenn  auch  in  der  Provinz  Kirman  viel  Blei  vorkommt,  so  wird 
doch  wegen  des  teuren  Transports  wenig  gefordert.  Die  be- 
kanntesten  Erzlager  befinden  sich  in  Kuhbenan,  Djewarun,  Magun, 
Teng-i-Mu-i-Aspan  und  Kale-Siri. 

Von  den  iibrigen  Metallen  findet  man  Quecksilber  in  dem 
Bezirk  Hamse,  bei  Ak-Dere,  Gis-Kaman,  sowie  in  dem  Gebirge 


—    57    — 

Sardi-Kuh.    Nickel  und  Kobalt  sind  1891  in  dem  Nasuschen  Bezirk, 
Zink  auch  in  dem  Riicken  Schah-Kuh  und  unweit  Jesd  entdeckt. 

Manganerz  ist  130  km  von  Kirman  bei  dem  Dorfe  Herusen 
sowie  in  dem  Naimschen  Bezirk  gefunden.  Letzterer  ist  auch 
an  Schwefel  und  Asbest  reich.  Asbest  kommt  auch  140  km  nord- 
lich  von  Kirman,  Graphit  10  km  nordlich  von  Mendjil  an  dem 
Wege  nach  Rustem-abada  vor. 

Inbezug  auf  die  Kohlen  und  das  Naphtha  kann  Persien  in 
einen  nordlichen  Kohlen-  und  einen  siidlichen  Naphthabezirk  ge- 
teilt  werden.  Auper  in  dem  Viereck  zwischen  Kaswin-Talisch- 
rucken  und  Schahrud-Astrabad,  das  ein  zusammenhangendes  Stein- 
kohlenrayon  sein  soil,  wird  auch  dieses  Mineral  in  Chorassan 
bei  Firuse  und  Abokasch  gefunden  und  ausgebeutet.  In  den  be- 
kanntesten  Gruben  Persiens  wurden,  wie  Curzon  in  seinem  Werke 
„Persia  and  the  Persian  question  1892"  angibt,  im  Jahre  1888 
15000  Tonnen  Steinkohlen  gefordert,  davon  in  der  Umgegend  von 
Teheran  11000  und  in  den  nordostlichen  Gruben  4000  Tonnen. 
In  letzter  Zeit  hat  sich  die  Menge  der  geforderten  Kohlen  nicht 
vermehrt,  was  sich  durch  die  primitivste  und  nicht  zweckent- 
sprechende  Bearbeitung  erklart,  dazu  kommt  noch  der  Mangel 
an  Wegen,  wodurch  der  Transport  verteuert  wird. 

Naphthaquellen  sind  auf  dem  ganzen  Kiistenlande  des  Per- 
sischen  Golfs  vorhanden.  Von  Daliki  ab  ziehen  sie  sich  nach 
Nordwesten  nach  Ram-Hermus  bis  zum  Karun  hin.  Die  zwei  bei 
Daliki  gefundenen  Naphthaquellen  veranlapten  die  Gesellschaften 
„Goz  &  Sohn"  und  in  der  Folge  „Minig-Rights",  weitere  Unter- 
suchungen  anzustellen,  was  aber  keine  wesentlichen  Ergebnisse 
hatte.  Bei  Ram-Hermus  befinden  sich  12  Quellen,  von  denen  3 
22  Gallonen  dunkles  und  1  Gallone  helles  Naphtha  taglich  geben. 
Siidostlich  von  Schuster  gibt  es  6  Quellen,  von  denen  eine  ein 
tagliches  Ergebnis  von  34  Gallonen  01  hat.  Nordlich  von  Schuster, 
in  einer  Entfernung  von  113  km,  geben  die  Quellen  bei  Goft-Scheid 
t-aglich  30  Gallonen  Naphtha. 

Nach  einer  Nachricht  des  „Journal  des  Debats"  traf  im  April 
1902  in  Teheran  ein  englischer  Kapitalist  ein,  um  eine  Konzession 
zur  Ausbeutung  der  reichen  Naphthafundorte,  die  in  dem  west- 
lichen  Persien,  in  der  Provinz  Ardilan,  nicht  weit  von  der  tiir- 
kischen  Grenze,  vorhanden  sind,  zu  erhalten.  Er  zahlte  der  Re- 
gierung  des  Schahs  eine  halbe  Million  Franken,  wofiir  ihm  die 


—     58    — 

Konzession  erteilt  wurde.  Er  bildete  eine  Aktiengesellschaft, 
um  die  Naphthaquellen  in  Ardilan  nutzbar  zu  raachen.  Die  Ge- 
sellschaft  beabsichtigt,  ein  System  von  Kanalen  zu  bauen,  in 
welchen  das  Naphtha  zur  Miindung  des  Karun  geschafft  werden 
soil,  von  wo  aus  man  es  dann  auf  Schiffen  nach  den  Markten 
des  persischen  Golfs  transportieren  will.  Wenn  die  Unternehmung 
von  den  Englandern  verwirklicht  wird,  werden  sie,  wie  die  Zeitung 
meint,  daraus  einen  groPen  Gewinn  erzielen  und  ihren  EinfluP 
an  den  Ufern  des  persischen  Golfs  verstarken.  Ein  Hindernis  fiir 
die  Ausfiihrung  des  Unternehmens  sieht  das  Blatt  in  der  Feind- 
schaft  der  kriegerischen  Stamme,  welche  zwischen  Ardilan  und 
dem  persischen  Golf  wohnen,  gegen  die  Europaer,  so  dap  ein 
Erfolg  zu  bezweifeln  sei. 

Die  Gewerbe  haben  sich  in  Persien  noch  wenig  entwickelt. 
Es  bestehen  nur  Kleinbetriebe,  deren  Arbeiter  lediglich  Familien- 
mitglieder  sind.  Selten  sind  es  ganze  Korporationen  von  Hand- 
werkern,  welche  die  Arbeiten  ausfiihren.  Ein  groPer  Teil  der 
Bevolkerung  beschaftigt  sich  mit  der  Anfertigung  von  seidenen 
und  baumwollenen  Gegenstanden,  mit  dem  Gerben  von  Hauten, 
mit  dem  Weben  von  Teppichen  und  der  Bearbeitung  von  Gold- 
und  Silbersachen.  Trotz  der  primitiven  Werkzeuge  und  auch 
der  nicht  einfachen  Arbeit  sind  die  Seiden-  und  Baumwollgegen- 
stande  wegen  ihrer  Starke  und  Giite  weltbekannt.  Die  von  den 
Persern  hergestellten  Gewebe  sind  meistens  mit  sehr  hellen  und 
schonen  Farben  vortrefflich  gefarbt,  und  in  dieser  Beziehung  ist 
das  Verstandnis,  die  verschiedenartigen  Farben  herzustellen  und 
zu  mischen,  ihnen  als  besonderes  Verdienst  anzurechnen,  wenn 
man  bedenkt,  dap  chemische  Mittel  ihnen  nicht  zu  Gebote  stehen. 
Dazu  kommt,  daP  die  meisten  Gegenstande  sehr  billig  sind  und 
infolgedessen  in  groper  Menge  in  Iran  selbst  und  auch  jenseits 
seiner  Grenze  verbreitet  sind.  So  wurden  nach  Rupiand  liber  den 
Kaukasus  im  Jahre  1892  14500  Pud  von  Baumwollgeweben  aus- 
gefiihrt. 

Noch  hoher  steht  die  Anfertigung  von  Teppichen,  die  be- 
sonders  ihrer  Farben  wegen  sehr  wertvoll  sind,  zumal  diese  selbst 
bei  heipem  Sonnenschein  nicht  ausbleichen.  Die  Teppiche  werden 
in  den  Bezirken  hergestellt,  in  denen  die  Viehzucht  vorherrscht. 
Die  Stickerei  wird  hauptsachlich  von  den  Frauen  ausgefiihrt. 
Am  bekanntesten  sind  die  Teppiche,  die  in  Isfahan,  Kirman  und 
Jesd  angefertigt  werden. 


—    59    — 

Nach  Rupiand  wurden  Teppiche  ausgefiihrt:  im  Jahre 

1891  im  Werte  von  400000  Rubel 

1892  „       „        „    250000       „ 

1893  „       „        „    232000       „ 

1894  „       „        „    271000       „ 

Auf  die  Teppiche  entfallen  annahernd  25  Prozent  der  ganzen 
Ausfuhr  aus  Persien.  Bei  der  kunstvollen  Arbeit,  der  Sorgfalt 
und  Akkuratesse  der  Stickerei  ist  auch  in  Zukunft  fiir  die  Teppiche 
kein  Wettbewerb  zu  befiirchten. 

Die  Lage  der  Weber  ist  aber  nicht  beneidenswert:  sie  miissen 
in  Schuppen,  Kellern  und  iiberhaupt  in  den  schlechtesten  Raumen 
arbeiten,  wo  sie  sich  vor  der  Sonne  schiitzen  und  ein  Wasser- 
bassin  anlegen  konnen,  damit  das  Material  biegsam  und  elastisch 
bleibt.  Diese  ungiinstigen  Verhaltnisse  schadigen  die  Gesundheit 
von  hunderten  von  Arbeitern,  und  dennoch  ist  der  Arbeitslohn  nur 
gering.  Fiir  das  Weben  eines  Schals  im  Werte  von  1000  Franken 
betragt  die  reine  Einnahme  nicht  iiber  400  Franken.  Drei  Weber 
arbeiten  zusammen  ein  Jahr  daran  und  erhalten  dafiir  hochstens 
35  Centimes  fiir  den  Tag. 

Sehr  viele  Leute  sind  auch  Schuhmacher  und  haben  als 
solche  eine  auPerordentliche  Fertigkeit  erlangt.  Ihre  Arbeiten, 
besonders  die  Pantoffeln,  sind  mit  Stickereien  versehen.  Das  zu 
der  Anfertigung  der  Fupbekleidung  verwendete  Leder  ist  besser 
als  das  tiirkische.  Fiir  die  Pantoffeln  und  leichten  Schuhe  nimmt 
man  Chagrinleder.  Die  daraus  angefertigten  Arbeiten  sind 
billig  und  werden  gern  von  den  Stadtbewohnern  gekauft. 

Die  Herstellung  von  Papier  aus  Baumwolle  ist  seit  lange 
bekannt.  Der  Hauptbestandteil  des  Papiers  ist  Baumwolle,  der 
man,  je  nachdem  das  Papier  mehr  oder  weniger  grob  sein  soil, 
Reisstroh,  Hanfsamen,  Nesseln  zusetzt;  bei  besonders  gutem  Papier 
besteht  die  obere  Lage  aus  Seidenkokons.  Der  letztere  Umstand 
hat  dazu  gefiihrt,  dap  die  Europaer  annehmen,  dap  das  persische 
und  auch  das  chinesische  Papier  aus  Seide  gemacht  wiirde.  Das 
persische  Papier  ist  weip  und  auPerordentlichglatt;  damit  die  Tinte 
nicht  durchdringt,  wird  es  mit  einer  dicken  Lage  von  Beize  versehen. 

Besonders  hervorzuheben  ist  auch  die  Kunst  der  Perser, 
Sabelklingen,  Metall-  und  andere  Arbeiten  mit  Gold  oder  Silber 
auszulegen,  Besonders  beriihmt  sind  in  dieser  Beziehung  die 
chorassanschen  Klingen,   welche,   wenn   auch  nicht  ihrer   Giite, 


—     60    — 

so  doch  dem  Preise  nach  hoher  stehen  als  die  in  Damaskus  her- 
gestellten. 

In  letzter  Zeit  haben  die  Europaer  die  Perser  auch  in  der 
Anfertigung  von  Feuerwaffen  unterwiesen,  mit  deren  Fabrizierung 
nach  und  nach  in  den  einheimischen  Arsenalen  der  Anfang  ge- 
macht  wird. 

Die  Gold-  und  Silberarbeiter  fassen  Edelsteine  in  sehr  kunst- 
voller  Weise.  Die  Bewohner  von  Isfahan  und  Schiras  verstehen 
es  besonders,  die  Nargilehs  mit  getriebenem  Gold  und  Silber, 
das  mit  Edelsteinen  ausgelegt  ist,  zu  verzieren. 

Tischlereien  und  Glasarbeiten  sind  wohl  vorhanden,  aber  die 
Perser  leisten  in  dieser  Beziehung  nichts  Hervorragendes,  was  zu 
beachten  sein  diirfte. 

In  der  Herstellung  von  wohlriechenden  Essenzen  iibertreffen 
die  Perser  alle  Asiaten.  Sie  wenden  alle  moglichen  Mischungen 
an,  um  deren  Eigenschaften  zu  vervielfaltigen,  so  daP  es  auper- 
ordentlich  viel  Sorten  gibt.  Am  meisten  wird  Rosenwasser  ge- 
macht,  das  fiir  das  beste  in  der  Welt  gilt.  Es  wird  in  groper 
Menge  verkauft  und  steht  hoch  im  Preise,  so  dap  grope  Einnahmen 
erzielt  werden.  Ganze  Felder  sind  mit  Rosen  bepflanzt.  Das 
Rosenol  wird  destilliert,  indem  eine  gewisse  Menge  Rosen- 
blatter  mit  li/gmal  mehr  Wasser  begossen  wird.  In  diese  Masse 
giept  man  dann  noch  destilliertes  Wasser,  schiittet  es  in  flache 
GefaPe  und  setzt  diese  der  Luft  aus.  Nach  einiger  Zeit  bildet 
sich  auf  der  Oberflache  Rosenol,  das  dann  sehr  vorsichtig  abge- 
schopft  wird. 

Trotz  all  dieser  verschiedenartigen  Zweige  der  Erwerbs- 
tatigkeit  ist  sie  im  allgemeinen  im  Niedergange  begriffen  und 
ist  nicht  imstande,  mit  den  europaischen  Fabrikaten  in  Wett- 
bewerb  zu  treten.  In  den  letzten  Jahren  wurden  Versuche  ge- 
macht,  die  persische  Industrie  zu  heben;  es  wurden  Fabriken  in 
derUmgegend  von  Teheran  und  in  anderenStadtenangelegt;  ihre 
schlechte  Organisation  aber,  die  Tragheit  der  Bevolkerung,  die 
Teuerung  des  Brennmaterials  und  endlich  die  hohen  Abgaben  und 
die  driickende  Einwirkung  der  Verwaltung  fiihrten  dazu,  daP 
die  Fabrikate  teuer  und  schlecht  wurden,  was  die  Nachfrage  ver- 
minderte,  so  daP  das  Unternehmen  miPgliickte.  Unter  solchen  Um- 
standen  iiberfluteten  auslandische  Fabrikate  Persien,  und  trotz 
ihrer  bisweilen  schlechten  Beschaffenheit  wurden  sie  in  alien 
Stadten  gekauft. 


—    61    — 

Wir  gehen  nun  zur  Besprechung  der  Handelsverhaltnisse 
Persiens  iiber,  die  von  besonderer  Wichtigkeit  fur  die  Beziehungen 
Ruplands  zu  Persien  sind.  Es  ist  England,  das  in  erster  Linie  in 
Wettbewerb  mit  Rupland  tritt,  wenn  auch  Deutschland,  Frank- 
reich  und  andere  Staaten  hier  Interessen  zu  vertreten  haben. 
Dap  der  Handel  Persiens  nach  aupen  schon  sehr  entwickelt  ist, 
diirfte  kaum  zu  behaupten  sein.  Dieser  sowohl  wie  der  Handel 
im  Innern  werden  hauptsachlich  durch  die  schlechten  Kommuni- 
kationen  gehemmt.  Nur  Karawanen  vermitteln  vorerst  den  Aus- 
tausch  der  Waren.  Diese  bestehen  oft  aus  mehreren  Hunderten 
von  mit  Waren  beladenen  Kamelen  oder  Maultieren.  Erstere 
werden  in  den  ebenen  Gegenden,  besonders  bei  Durchschreitung 
von  Wiisten,  letztere  in  den  gebirgigen  Gegenden  im  Westen  Per- 
siens benutzt,  wo  keine  breiten  Wege,  sondern  nur  Saumpfade 
vorhanden  sind.  Die  Marsche  werden  oft  in  der  Nacht  ausgefiihrt, 
um  die  niederdriickende  Hitze  am  Tage  zu  vermeiden.  Die  Kara- 
wanen legen  in  einem  Marsch  durchschnittlich  27 — 35  km  zuriick, 
um  gegen  Morgen  zu  den  Brunnen  zu  gelangen,  wo  gerastet  wird, 
Es  bestehen  16  Strapen,  die  „schahsche"  genannt  werden,  besser 
gebaut  sind  und  an  welchen  in  gewissen  Entfernungen  Stationen 
fiir  den  Postdienst  sich  befinden.  Bei  diesen  Stationen  sind  Kara- 
wansereien  gebaut,  in  welchen  Leute  und  Tiere  Unterkunft  und 
Ruhe  finden.  Sie  sind  durch  den  Schah  Abbas  angelegt,  waren 
bequem  eingerichtet,  sahen  hiibsch  aus  und  waren  geraumig. 
Im  Laufe  der  Zeit  sind  sie  aber  niemals  ausgebessert  und  sind  zu 
vollstandigen  Ruinen  geworden.  So  hatte  z.  B.  die  friiher  be- 
riihmte  Karawanserei  in  Sebsewar,  in  der  Provinz  Chorassan, 
700  Zimmer  und  konnte  mehrere  Tausend  Leute  und  Tiere  unter- 
bringen,  jetzt  ist  sie  vollstandig  verfallen.  In  demselben  Zu- 
stande  befinden  sich  auch  die  von  Abbas  gebauten  Briicken,  die 
so  gefahrlich  sind,  daP  man  sich  scheut,  nicht  nur  hiniiber  zu 
fahren,  sondern  auch  sie  zu  FuP  zu  iiberschreiten. 

Die  HaupthandelsstraPen  Persiens,  die  dem  internationalen 
Handel  dienen,  lassen  sich  in  3  Gruppen  teilen: 

In  der  1.,  nordwestlichen  Gruppe  haben  die  Wege  Tiflis- 
Djulfa-Tabris  und  Trapezunt-Erzerum-Choi-Tabris  eine  wichtige 
Bedeutung.  Die  erstere  StraPe  kann  als  eine  russische  bezeichnet 
werden,  da  sie  nur  fiir  Rupiand  von  Wichtigkeit  ist;  letztere  ist 
eine  englische,  da  sie  hauptsachlich  den  Handel  Englands  ver- 
mittelt.    Die  Entfernung  von  der  an  der  persischen  Grenze  ge- 


—     62    — 

legenen  Stadt  Djulfa  bis  Tabris  betragt  etwa  150  km.  Auf  einer 
Strecke  von  35  km  ist  der  Weg  sehr  beschwerlich;  er  steigt  zwischen 
zwei  hohen  Bergen  in  dem  Bette  eines  Gebirgsf  lusses,  der  zeitweise 
fast  ausgetrocknet  ist,  aufwarts.  Nach  dem  Austritt  aus  dieser 
Schlucht  folgt  man  einer  vorziiglichen  Fahrstra^e  iiber  das  Ort- 
chen  Tschirtschir  nach  Marand;  die  Karawanen  und  Reiter  nehmen 
aber  den  Weg,  der  iiber  Arsandebil  nach  Marand  fiihrt.  Bei 
letzterem  Orte  verzweigt  sich  der  Weg:  der  Fahrweg  fiihrt  iiber 
das  Dorf  Jasch  nach  Sofian,  wahrend  die  KarawanenstraPe  auf 
einem  abschiissigen  schmalen  Karnis  durch  die  Schlucht  Schardere 
nach  Sofian  sich  hinzieht.  Zwischen  Sofian  und  Tabris  liegt  eine 
vorziigliche  Ebene,  die  vollstandig  fiir  Wagen  geeignet  ist.  Die 
Waren  werden  auf  Kamelen  und  Pferden  transportiert;  erstere 
legen  die  Strecke  in  6 — 10,  letztere  in  2 — 3  Tagen  zuriick. 

Curzon  gibt  den  Warenumschlag  der  Stadt  Tabris  im  Werte 
von  1200350  Rubel  als  Einfuhr  nach  Rupiand,  und  von  222200 
Rubel  als  Ausfuhr  an. 

Die  andere  Strape  besteht  schon  seit  langer  Zeit.  Die  ganze 
Strecke  betragt  960  km,  davon  auf  persischem  Territorium  360  km. 
Bis  Erzerum  ist  der  Weg  in  gutem  Zustande;  die  Waren  konnen 
sogar  in  Wagen  transportiert  werden.  Von  Erzerum  bis  Tabris 
miissen  sie  auf  Tragtieren,  hauptsachlich  auf  Kamelen,  fortge- 
schafft  werden.  Ihre  Last  darf  nicht  200 — 250  kg  iibersteigen. 
Die  Zeit  fiir  den  Marsch  von  Trabezunt  nach  Tabris  wird  ver- 
schieden  angegeben:  Curzon  berechnet  sie  mit  172  Stunden,  wah- 
rend Tomara  60 — 70  Tage  im  Sommer  und  35 — 40  Tage  im  Winter 
angibt.  Curzons  Angabe  kann  aber  nicht  als  Norm  gelten,  da  es 
besonders  auf  dem  persischen  Territorium  an  Kamelen  fehlt  und 
ein  so  schneller  Transport  sehr  teuer  ist.  Die  Kosten  fiir  einen 
Packen  von  230  kg  schwanken  zwischen  5  Tuman  (10  Rubel)  und 
25  Tuman  (50  Rubel). 

Die  Handelsumschlage  auf  diesem  Wage  betrugen  nach  Curzon 
im  Jahre  1889: 

in  Tabris:  Einfuhr  im  Werte  von  8538910  Rubel 

Ausfuhr    „       „        „  3894560      „ 


12433470  Rubel 


in  Trapezunt:  Einfuhr  aus  England  i.  W.  von      5740400  Rubel 
Ausfuhr  nach      „     „  „     „  361000      „ 


6101400  Rubel 


r-       63 


Folglich  fallen  68  Prozent  der  Einfuhr  und  fast  10  Prozent 
der  Ausfuhi-  England  zu. 

Von  den  weniger  bedeutenden  HandelsstraPen  dieser  Gruppe 
ist  der  Weg  von  der  Schatinskischen  Haltestelle  (bei  dem  Einflu(3 
der  Aktschai  in  den  Aras)  nach  Choi  und  Urmia  hervorzuheben. 
Die  Waren  miissen  mit  Kamelen  transportiert  werden,  die  die 
StraPe  bis  Choi  in  4 — 7,  bis  Urmia  in  10 — 13  Tagen  zuriicklegen. 
Die  Kosten  fiir  den  Transport  eines  Packens  betragen  bis  Choi  3, 
bis  Urmia  4  Rubel. 

Der  Weg  von  Astara  (am  Kaspischen  Meere)  iiber  Ardebil 
nach  Tabris  ist  der  wichtigste  von  alien  Strecken  des  nordlichen 
Rayons,  und  ware  er  in  einem  etwas  besseren  Zustande,  wiirde  er 
wahrscheinlich  zum  Transport  aller  Waren,  die  iiber  die  kauk- 
kasische  Grenze  gehen,  dienen. 

Der  aupere  Handel  Astaras  bezifferte  sich  in  den  Jahren 
1886—1891  auf  folgenden  Wert: 

1886  Ausfuhr  371452,  Einfuhr  aus  Rupiand  1309809  Rubel 


1887 

437536, 

1281159   „ 

1888 

469519, 

1599318   „ 

1889 

524041, 

1987162   „ 

1890 

649262, 

1682717   „ 

1891 

791324, 

1095117   „ 

3243094 

8955282  Rubel. 

Die  Einfuhr  iiberstieg  die  Ausfuhr  in  diesen  6  Jahren  um 
5712188  Rubel.*) 

Der  Seehandel  Astaras  in  demselben  Zeitraum  stellt  sich  in 
folgenden  Werten  dar: 

1886  Ausfuhr  132426,  Einfuhr      —  Rubel 

1887  „         58614, 


1888 

96210, 

1889 

37258, 

1890 

18764, 

1891 

32327, 

3643      „ 

Vergleicht  man  diese  Tabellen,  so  ergibt  sich,  daP  der  See- 
handel Astaras  sich  um  100000  Rubel  vermindert  hat  und  im 
Vergleich  zu  dem  gesamten  auperen  Handel  dieser  Gegend  un- 

*)  Im  Jahre  1892  stieg  die  Ausfuhr  auf  124  268  Rubel,  wahrend  die  Ein- 
fuhr 1092  388  Rubel  betrug;  1893  erreichte  die  Ausfuhr  380  716  Rubel,  wahrend 
die  Einfuhr  auf  1  958  091  Rubel  wuchs. 


-.     64    — 

wichtig  ist.  Es  ist  das  durch  die  Unbequemlichkeit  des  Hafens 
und  durch  die  hohen  Frachten  begriindet,  so  daP  die  Kaufleute 
den  Landweg  vorziehen.  Der  Transport  der  Waren  von  Astara 
bis  Nun-Keran  erfolgt  nur  auf  Pferden,  von  Nun-Keran  bis 
Ardebil  auf  Kamelen.  Infolgedessen  werden  der  Transport  der 
Waren  und  die  Karawanen  durch  das  Umladen  aufgehalten,  so 
dap  die  60  km  lange  Strecke  bisweilen  in  einem  Monat  zuriick- 
gelegt  werden  kann.  Der  Transport  auf  der  200  km  langen  Strecke 
von  Ardebil  bis  Tabris  dauert  7 — 10  Tage.  Die  Transportkosten 
fiir  einen  Packen  betragen  bis  zu  15  Kran  (15  Franken). 

Die  grope  Wichtigkeit  der  Strecke  Astara-Tabris  fiir  den 
Handel  Ruplands  mit  dem  westlichen  Persien  Hep  oft  den  Ge- 
danken  entstehen,  dap  es  wiinschenswert  sei,  hier  einen  Fahrweg 
Oder  wenigstens  einen  gefahrlosen  Karawanenweg  anzulegen.  Im 
Jahre  1888  gab  der  Schah  dem  Prinzen  Nasred-el-Doule  eine  Kon- 
zession  auf  5  Jahre,  um  diesen  anzulegen  und  in  Betrieb  zu  setzen. 
An  dem  Unternehmen  sollten  sich  die  Kaufleute  beteiligen  und 
zwar  sogar  die  Halfte  der  Ausgaben  tragen;  letztere  aber  fiirch- 
teten  die  Bedriickungen  der  Behorden,  so  dap  bis  znm  Jahre  1893 
noch  nicht  dazu  geschritten  war,  den  Weg  anzulegen.  Die  Kon- 
zession  ist  verlangert  worden,  aber  mit  dem  Vorbehalt,  dap  nur 
„persische  Untertanen  sich  an  dem  Bau  beteiligen  diirfen". 

In  der  2.  oder  nordlichen  und  nordostlichen  Gruppe,  die  als 
russische  Gruppe  bezeichnet  werden  kann,  sind  die  wichtigsten 
Wege  1.  Enseli-Kaswin-Teheran  und  2.  Meschhed-Teheran. 

Von  Enseli  aus,  einem  Hafen  an  einer  schmalen  Landzunge, 
die  das  Kaspische  Meer  von  der  seichten  Bucht  Murdab  trennt, 
werden  die  Waren  auf  einer  Dampfbarkasse  befordert.  Der  Fahr- 
weg beginnt  erst  bei  dem  Dorfe  Nir-i-Basar  an  der  Miindung  des 
Schah-Rudbar  und  fiihrt  nach  Rescht  und  Sefid-Ketle.  Von  hier 
ab  bis  Kaswin  ist  der  Weg  sehr  beschwerlich  und  nur  auf  der 
Strecke  Mendjil  -  Paitschinar  ertraglich.  Bei  der  Charsanschen 
Hohe  ist  der  Aufstieg  schwierig  und  im  Winter  gefahrlich;  dann 
aber  ist  der  Weg  bis  Teheran  eben  und  schon  jetzt  fiir  Wagen 
benutzbar. 

Das  beschwerliche  Fortkommen  auf  dieser  fiir  Rupiand  so 
wichtigen  Handelsstrape  veranlapte  L.  S.  Poljakow,  den  Schah 
um  die  Konzession  zu  bitten,  eine  Chaussee  zwischen  Kaswin  und 
Enseli  bauen  zu  diirfen.  Von  Regierungsingenieuren  und  dem 
Stabskapitan  Glinojezki  wurden  beziigliche  Untersuchungen  an- 


—    65    — 

gestellt:  die  Chaussee  soil  fast  an  alien  Punkten  des  genannten 
Wege.g  vorbeifiihren. 

Die  Transportkosten  fiir  einen  Warenballen  betragen  von  Per- 
basas  bis  Rescht  einen  Kran  (einen  Franken),  fiir  eine  Tonne 
Zucker  6  Kran;  von  Rescht  bis  Teheran  1  Kran  3  Schahstiicke 
(1  Franken  15  Cent.)  bis  3  Kran  fiir  6  kg. 

Die  Strecke  von  Rescht  bis  Teheran  wird  im  Herbst  in  8 — 9, 
im  Winter  in  15 — 20,  im  Friihjahr  in  11 — 12,  im  Sommer  in  9 
bis  10  Tagen  znriickgelegt. 

Eiu  Kamel  tragt  12 — 14,  ein  Maultier  oder  Pferd  10,  ein  Esel 
5—6  Pud. 

Zu  Pferde  kann  man  in  3 — 4  Tagen  von  Rescht  nach  Teheran 
gelangen. 

Der  Warenuraschlag  auf  diesem  Wege  betrug  im  Jahre  1883: 

Einfiihr  im  Werte  von       3764430  Rubel 
Ausfuhr  im  Werte  von      2592500       „ 

6356930  Rubel. 

Von  Meschhed  nach  Teheran  (958  km)  fiihrt  ein  guter  Post- 
trakt,  der  fiir  Wagen  vollstandig  geeignet  ist.  Die  24  Stationen 
liegen  je  25 — 45  km  voneinander  entfernt.  Die  Karawanen  brau- 
chen  24 — 36  Tage,  um  von  Meschhed  nach  Teheran  zu  gelangen. 

Der  Warenumschlag  auf  diesem  Wege  hatte  einen  Wert  von: 

1797460  Rubel  fiir  die  Einfuhr, 
1357100  „  fiir  die  Ausfuhr 
3154560  Rubel. 

Von  den  anderen  wichtigen  Wegen  dieses  Rayons  sind  die 
Wege  von  Teheran  nach  Meschedisser  (am  Kaspischen  Meere) 
zu  beachten.  Der  eine  derselben,  der  bequemste,  fiihrt  an  De- 
mawend  vorbei  nach  Amol,  Barferusch  und  Meschedisser  (269  km). 
Die  Karawanen  legen  diesen  Weg  in  5 — 9  Tagen  zuriick.  Die 
Transportkosten  betragen  je  nach  der  Jahreszeit  12 — 20  Rubel 
fiir  I81/0  Pud. 

Bevor  der  Verkehr  auf  der  Transkaspischen  Eisenbahn  er- 
offnet  war,  diente  Gjaur-  (bei  Kisil-Arwat)  -Schahrud-Bastam  als 
wichtige  HandelsstraPe,  deren  Warenumschlag  sich  auf  einen 
Wert  von  3  739  200  Rubel  belief,  wahrend  er  im  Jahre  1889  den 
Wert  von  719000  Rubel  (519000  fiir  die  Einfuhr  und  200000 
fiir  die  Ausfuhr)  erreichte. 

Die  Beziehungen  RuMands  zu  Persien.  5 


—    66    — 

Die  Warenumschlage  auf  dem  Wege  Aschabad-Meschhed 
haben  sich  dagegen  bedeutend  vermehrt;  die  Einfuhr  aus  Rupland 
hatte  1889  einen  Wert  von  1 104000  und  aus  England  einen  solchen 
von  843000  Rubel  (234290  Rubel  aus  Trapezunt  und  608710  Rubel 
aus  Bender-Abbas). 

Die  3.  Gruppe  der  siidlichen  oder  siidwestlichen  Handels- 
strapen  befindet  sich  in  der  Sphare  des  Einflusses  Englands. 
Als  Ausgangspunkte  am  Persischen  Golf  dienen  die  Hafen  Buschir, 
Bender-Abbas,  Mohammer  und  Bassora.  Der  Weg  von  Buschir 
fiihrt  iiber  Schiras,  Isfahan  nach  Teheran.  Der  Weg  Buschir- 
Schiras  verzweigt  sich:  ein  Zweig  fiihrt  nach  Kaserun,  der  andere 
nach  Firusabad.  Wenn  auch  der  letztere  abschiissiger  ist,  so  ist 
er  doch  dem  ersteren  vorzuziehen,  indem  er  fast  60  km  kiirzer 
ist.  Auf  dem  Wege  Buschir-Schiras  liegen  10  Stationen,  die 
durchschnittlich  20 — 46  km  voneinander  entfernt  sind.  Zur  Be- 
forderung  der  Waren  dienen  Maultiere  und  Esel;  Kamele  werden 
wegen  der  Aufstiege  nicht  verwendet.  Fiir  die  Zuriicklegung 
der  320 — 314  km  langen  StraPe  gebrauchen  die  Karawanen  10 
bis  14,  im  Friihjahr  20  Tage.  Die  Transportkosten  schwanken  je 
nach  der  Jahreszeit,  der  Art  der  Waren,  dem  Gewicht  der  Ballen 
und  je  nach  der  Richtung  von  Buschir  nach  Schiras  oder  umge- 
kehrt.  Die  auPersten  Grenzen  der  Transportkosten  sind  1  Rubel 
60  Kopeken  bis  2  und  10  Rubel. 

Die  Englander  wollen  von  Buschir  nach  Schiras  einen  Fahr- 
weg  oder  sogar  eine  Eisenbahn  bauen.  Aber  Tomara  bezweif elt  sehr 
die  Moglichkeit:  der  Weg  ist  seiner  Meinung  nach  einer  der 
schwierigsten  in  Persien. 

Von  Schiras  nach  Isfahan  transportieren  Kamele  die  Waren. 
Auf  der  Strecke  von  Schiras  bis  Sirgan,  auf  der  117  km  langen 
Strecke  von  Kumabadom  bis  Chan-i-Chore  ist  der  Weg  beschwer- 
lich;  auf  den  anderen  383  km  ist  er  gangbar  und  zur  Anlage  eines 
Fahrwegs  geeignet.  Der  Weg  von  Isfahan  nach  Teheran  (473  km) 
ist  vorziiglich  und  nur  iiber  das  Kohrudgebirge  verhaltnismapig 
schwierig. 

Von  Kum  bis  Teheran  sind  3  Wege  vorhanden:  die  alte  Ka- 
rawanenstrape,  der  Fahrweg,  der  in  den  Jahren  1883 — 1884  fiir 
die  Reise  der  wohlhabenden  Pilger  gebaut  ist,  und  die  Chaussee, 
welche  von  einer  englischen  Gesellschaft  in  Riicksicht  auf  die 
Karunfrage  angelegt  ist.  Die  Dauer  des  Transports  der  Waren 
betragt  16 — 30  Tage;  die  Kosten  stellen  sich  auf  6 — 16  Rubel. 


—     67    — 

Von  Bender- Abbas  nach  Jesd  gibt  es  2  Wege:  Kirman-Jesd 
und  Seidabad-Jesd,  von  wo  die  StraPen  nach  Meschhed,  Isfahan, 
Kaschan-Teheran  ausgehen.  Sie  sind  verhaltnismapig  nicht  be- 
schwerlich:  bis  Kirman  und  Seidabad  ist  ein  Gebirge,  weiter  eine 
Wiiste  vorhanden.  Die  907  km  lange  Strecke  zwischen  Bender- 
Abbas  und  Jesd  durchschreiten  die  Karawanen  in  30  Tagen;  die 
Transportkosten  fiir  226  kg  stellen  sich  auf  30 — 40  Rubel,  Dieser 
Weg  ist  als  Verbindung  zwischen  Chorassan  und  den  Hafen  des 
persischen  Golfs  wichtig,  hat  aber  fur  Zentralpersien  wegen  seiner 
Lange  und  der  Gefahrdung  durch  die  Stamme  Balutschistans  eine 
geringe  Bedeutung. 

Der  Handelsweg  von  Mohammer  beschaftigte  im  Jahre  1858 
die  Englander  in  hohem  Mape,  da  er  als  ein  Weg  dienen  soUte, 
um  den  russischen  Handel  vollstandig  zu  vernichten.  Die  kaiser- 
lich  persische  Bank  baute  aber  nur  die  StraPe  von  Teheran  bis 
Sultanabad  (160  km),  hielt  einen  Weiterbau  fiir  unvorteilhaft 
und  benutzt  nur  die  Strecke  Teheran-Kum. 

Die  Warenumschlage  des  Hafens  Mohammer  bezifferten  sich 
im  Jahre  1893  auf  folgende  Werte: 

Einfuhr  1120980  Rubel 

Ausfuhr  874720      „ 


1995700  Rubel. 
Es  gibt  noch  den  Weg  von  Bassora  nach  Zentralpersien.  Die 
Waren  werden  zuerst  auf  englischen  Dampfschiff en  oder  von  einer 
einheimischen  Gesellschaft  (Oman  Ottoman  Co.)  auf  dem  Tigris 
bis  Bagdad  geschafft,  von  wo  nur  Karawanen  den  Transport  nach 
der  Grenzstadt  Hanikin  und  weiter  nach  Kermanschah,  Hamadan 
und  Teheran  iibernehmen.  Der  Weg  ist  875  km  lang  und  mit 
Ausnahme  der  213  km  langen  Strecke  von  Hanikin  bis  Kerman- 
schah bequem,  groptenteils  eben  und  gut.  Die  Kosten  fiir  den 
Transport  eines  Ballens  betragen  8 — 10  Tuman  (80 — 100  Franken). 
Die  Raubereien  der  Nomaden,  die  zweifachen  Zollabgaben  und 
die  Handelsucht  der  tiirkischen  Behorden  hindern  aber  die  Ent- 
wickelung  des  Handels  in  hohem  MaPe. 

Der  Wert  der  Handelsumschlage  auf  diesem  Wege  betragt 
jahrlich: 

Einfuhr  nach  Persien         2700000  Rubel 
Ausfuhr  952000      „ 

3652000  Rubel. 

5* 


—    68    — 

Noch  vor  fiinfzig  Jahren  war  fast  der  ganze  Handel  Persiens 
in  den  Handen  Englands,  das  bis  zur  letzten  Zeit  keinen  ihm 
gleichen  Wettbewerber  hier  hatte.  Die  Ausfuhr  Rupiands  nach 
Persien  betrug  etwas  iiber  1  Million  Kreditrubel,  wahrend  die 
Einfuhr  sich  auf  etwa  S^/o  Millionen  bezifferte,  so  da(3  der  Export 
fast  dreimal  geringer  war  als  der  Import.  U-nter  diesen  Umstanden 
wandte  die  russische  Regiernng  dieser  anormalen  Lage  des  rus- 
sischen  Handels  mit  Persien  eine  ernste  Aufmerksamkeit  zu  und 
erreichte  durch  fortwahrende  MaPnahmen,  daP  der  Wert  der  Ein- 
fuhr jenem  der  Ausfuhr  gleichkam.  Zu  diesen  MaPnahmen  gehorte 
die  Gewahrung  einer  Pramie  auf  Baumwolle  und  hauptsachlich 
die  Abstellung  eines  zollfreien  Imports  uber  die  kaukasische  Grenze, 
was  im  Jahre  1883  erfolgte.  Von  dieser  Zeit  ab  stieg  der  Handel 
schnell  und  wurde  allmahlig  zu  einem  russischen  Monopol  in  dem 
ganzen  Norden  und  Osten  Persiens.  So  stieg  in  den  Jahren  1887 
bis  1897  die  Ausfuhr  nach  Persien  von  8  Millionen  auf  16  Millionen 
und  die  Einfuhr  nach  Rupiand  von  9  Millionen  auf  I81/9  Millionen 
an.  Somit  vermehrten  sich  in  diesen  10  Jahren  die  Einfuhr  und 
die  Ausfuhr  um  das  Doppelte  und  es  wurde  ein  ziemlich  leidliches 
Verhaltnis  zwischen  der  einen  und  der  anderen  hergestellt,  so 
dap  der  Import  den  Export  im  ganzen  um  2V2  Millionen  iiber- 
steigt. 

Trotz  eines  so  schnellen  Wachsens  der  russischen  Warenum- 
schlage  Persien  gegeniiber  hat  England  dessenungeachtet  vorerst 
noch  den  Vorrang,  das  Waren  im  Werte  von  iiber  24  Millionen 
nach  Persien  einfiihrt.  Folglich  sind  die  Erfolge  Ruplands  noch 
nicht  geniigend,  erst  durch  den  Bau  einer  Eisenbahn  (s.  u.)  ist  zu 
erreichen,  dap  der  russische  Handel  Persien  beherrscht,  „wozu", 
wie  Rittich  sagt,  „RuPland  als  nachster  Nachbar  berechtigt  ist". 

Die  Gesamtsumme  des  Aupenhandels  Persiens  betrug  im  Jahre 
1898  60768850  Rubel,  wovon  39789840  Rubel  auf  die  Einfuhr 
und  21009010  Rubel  auf  die  Ausfuhr  entf alien.  Diese  ganze 
Summe  verteilt  sich  nach  den  Berichten  der  englischen  Konsuln  in 
Buschir,  Rescht,  Bagdad,  Trapezunt  und  Meschhed  folgendermapen: 

A.  von  Siiden: 

1.  aus  Buschir  bis  Schiras,  Isfahan  und  Teheran: 
Einfuhr  1897        11453290  Rubel 
Ausfuhr  1897        3925320      „ 


—    69    — 

2.  Aus  Bender-Abbas  bis  Kirman  und  iiber  Jesd  bis  Meschhed 
und  Zentralasien: 

Einfuhr  1897         3815620  Rubel 
Ausfuhr  1897        2307810      „ 

3.  Lingeh  (am  persischen  Golf);  die  Einfuhr  verteilt  sich 
hauptsachlich  auf  die  Umgegend  oder  die  Waren  werden  von  hier 
in  entgegengesetzter  Richtung  ausgefiihrt: 

Einfuhr  1897         4424720  Rubel 
Ausfuhr  1897        3847140      „ 

4.  Aus   Mohammer   nach   Schuster,    Disful   und   weiter: 

Einfulir  1897  1214070  Rubel 

Ausfuhr  1897  874730      „ 

5.  Aus  Bagdad  nach  Hanikin,  Kirmanschah,  Hamadan  und 
Teheran.    1/3 — 1/4  der  Einfuhr  geht  als  Transitware  nach  Persien: 

Einfuhr  aus  Indien  und  Europa  1897      11826450  Rubel 
Ausfuhr  nach  Europa  und  Amerika        5229600      „ 

B.  von  Norden: 

Was  die  russischen  Warenumschlage  mit  Persien  betrifft,  so 
sind  sie  in  den  Berichten  der  englischen  Konsuln  zu  niedrig  an- 
gegeben,  so  dap  sie  auf  Grund  der  offiziellen  Akten  des  Zoll- 
departements  sich  wie  folgt  beziffern: 

1.  der  russisch-persische  Abschnitt  der  kaukasischen  Grenze: 

Einfuhr  nach  Persien   1897       1781507  Rubel 
Ausfuhr  nach  Rupland  1897       4944086      „ 

2.  Der  kaukasisch-kaspische  Abschnitt: 

Einfuhr  nach  Persien  1897        9691123  Rubel 
Ausfuhr  nach  Rutland  1897        6525077      „ 

3.  In  dem  transkaspischen  Zollbezirk: 

a)  zur  See: 
Einfuhr  nach  Persien  1897         1145467  Rubel 
Ausfuhr  nach  Rupland  1897         251394      „ 

b)  auf  der  Landgrenze: 
Einfuhr  nach  Persien  1897        2552023  Rubel 
Ausfuhr  nach  Rupiand  1897       3694063      „ 


^    70    — 

4.  Nach  Meschhed: 

a)  Einfuhr  aus  Afghanistan  1897—98      121780  Rubel 
Ausfuhr  nach  Afghanistan  1897—98    158570      „ 

b)  iiber  Trapezunt,  Tabris  und  Teheran: 

Einfuhr  1897—98  266730  Rubel 

c)  aus  Indien  iiber  Bender- Abbas: 

Einfuhr  1897—98         1302820  Rubel 
Ausfuhr  1897—98  400830      „ 

Aus  dieser  Obersicht  ist  ersichtlich,  daP  der  Wert  der  Einfuhr 
von  Siiden  31  Millionen  Rubel,  von  Norden  aber  nur  16  Millionen 
betragt.  Die  Ausfuhi*  von  Siiden  beziffert  sich  auf  16  Millionen 
Rubel,  von  Norden  dagegen  auf  18  Millionen  Rubel.  Folglich 
bef  inden  sich  alle  europaischen  Staaten  in  den  vorteilhaf  testen  Ver- 
haltnissen,  denn  ihre  Ausfuhr  ist  zweimal  so  grop  wie  ihre  Einfuhr, 
wahrend  Rupiand  2  Millionen  Rubel  und  mehr  Persien  jahrlich 
auszuzahlen  hat.  Besonders  ungiinstig  ist  dieser  Umstand  inbezug 
auf  den  Warenaustausch  an  der  kaukasischen  Grenze,  wo  die  Aus- 
fuhr nach  Rupiand  dreimal  so  groP  ist  wie  die  Einfuhr  nach  Persien. 
Nur  der  Bau  einer  Eisenbahn  nach  Tabris  (s.  u.)  kann  hier  Wandel 
schaffen;  dann  wird  die  Nachfrage  und  das  Angebot  regelrechter 
werden,  so  dap  diese  unliebsame  Erscheinung  nicht  nur  verschwin- 
det,  sondern  auch  iiberhaupt  ein  Umschwung  bewirkt  wird. 

Vergleicht  man  jetzt  den  russischen  Handel  mit  Persien  in- 
bezug auf  den  Welthandel  Ruplands,  so  ergibt  sich  nach  den  Daten 
der  Obersicht  des  Aupenhandels  fiir  das  Jahr  1896,  dap  dieses 
Land  ausschliepiich  Reis  einfiihrt;  98  Prozent  der  ganzen  Einfuhr 
aus  dem  Auslande  entfallen  auf  Persien. 

Apfelsinen,  Zitronen  und  Pomeranzen  aus  Persien  bilden  2  Pro- 
zent der  ganzen  Einfuhr; 

gegerbte  Haute  20,  ungegerbte  3,  weiches  Pelzwerk  17  Proz.; 

auf  rohe  Baurawolle  entfallen  7  Proz.  der  gesamten  Einfuhr; 
mehr  als  Persien  liefern  die  Vereinigten  Staaten  (50  Proz.)  und 
Agypten  (20  Proz.). 

Inbezug  auf  die  Einfuhr  von  Wolle  steht  Persien  nach  Deutsch- 
land  (50  Proz.)  an  zweiter  Stelle  (14  Proz.),  fast  gleich  mit  China; 

Rohseide  2  Proz., 

Baumwollgewebe  11  Proz., 

Woll-  und  Halbwollgegenstande  13  Proz., 


^    71    — 

Seiden-  und  Halbseidengegenstiinde  19  Proz.;  Persien  nimmt 
nach  China  (51  Proz.)  die  zweite  Stelle  ein. 

Strick-  und  Posamentierarbeiten  14  Proz. 

Von  den  Staaten,  die  vorzugsweise  Waren  nach  Rupland  ein- 
fiihren,  nimmt  Persien  die  dritte  Stelle  ein  und  steht  nur  den 
Vereinigten  Staaten  und  China  nach. 


Nach  dieser  Obersicht  iiber  die  wirtschaftlichen  und  Handels- 
verhaltnisse  Persiens  gehen  wir  nun  zu  den  Beziehungen  Rupiands 
zu  Persien  iiber,  wie  sie  sich  seit  dem  Jahre  1856  bis  auf  die 
neueste  Zeit  gestaltet  haben. 

Das  Verhaltnis  Rupiands  zu  Persien  war  von  dem  Jahre  1856 
ab  ein  friedliches.  So  unterstiitzte  der  Schah  Nasr-Eddin  die 
wissenschaftliche  Expedition,  die  in  den  Jahren  1857 — 1859  von 
der  russischen  Regierung  zur  Erforschung  Chorassans  entsendet 
wurde.  Im  Jahre  1861  fand  die  Grenzregulierung  zwischen  Per- 
sien und  der  Tiirkei  statt.  Wahrend  der  Englander  Williams  in 
jeder  Weise  die  Interessen  Persiens  der  Tiirkei  gegeniiber  zu  scha- 
digen  suchte,  war  es  der  russische  Offizier  Tschirow,  der  Persien 
vertrat  und  dem  es  gelang,  eine  regelrechte  Abgrenzung  herbei- 
zufiihren. 

Rupiands  Politik  war  Persien  gegeniiber  so  uneigenniitzig, 
dap  es  dessen  Gebiet  erweiterte,  indem  es  den  Flup  Atrek  als 
russisch-persische  Grenze  annahm.  Als  dann  die  russische  Re- 
gierung beabsichtigte,  Krassnowodsk  an  der  Kiiste  des  Kaspischen 
Meeres  anzulegen,  wurde  dem  russischen  Gesandten  am  Hofe  des 
Schahs  aufgegeben,  der  persischen  Regierung  zu  eroffnen,  daP 
die  Griindung  dieses  Kiistenpunktes  den  ausschliepiichen  Zweck 
habe,  die  Turkmenen  zu  befrieden,  die  beiden  Reichen  gefahrlich 
waren. 

England  verfolgte  vom  Jahre  1857  ab  nur  wirtschaftliche 
Interessen  in  Persien  und  lehnte  alles  ab,  was  ihm  nicht  zum  eigenen 
Nutzen  diente.  Als  sich  der  Schah  Nasr-Eddin  im  Jahre  1860  mit  der 
Bitte  an  England  wandte,  ihm  fiir  seine  Armee  Instruktoren  zu 
senden,  wurde  ihm  nicht  einmal  eine  Antwort  zu  teil.  England, 
eingedenk  der  in  friiheren  Jahren  gemachten  Erfahrung,  war  in 
dem  vorliegenden  Falle  der  Ansicht,  dap  die  Gewahrung  der  Bitte 
des  Schahs  ihm  keinen  Vorteil  bringen  wiirde.  Dafiir  suchte 
es  aber  Persien  in  jeder  Weise  wirtschaftlich  auszubeuten.  Der 
Baron  Renter  beabsichtigte  ein  ausgedehntes  Eisenbahnnetz  (s.  u.) 


—    72    — 

in  Persien  anzulegen,  dessen  Ausfiihrung  das  Land  mit  englischen 
Fabrikaten  iiberschwemmt  und  alle  Erzeugnisse  anderer  Lander 
ausgeschlossen  haben  wiirde.  Die  Gefahr  wurde  aber  von  der 
russischen  Regierung  rechtzeitig  erkannt  und  trotz  aller  An- 
strengungen  des  englischen  Bevollmachtigten  die  Ausfiihrung 
vereitelt. 

Die  Anlegung  von  Telegraphenleitungen  verlief  giinstiger. 

Nach  der  Konvention  vom  18.  Februar  1863  wurde  eine  Tele- 
graphenleitung  von  Bagdad  nach  Hanikin  (an  der  persischen 
Grenze),  Teheran,  Isfahan,  Schiras  und  Buschir  eingerichtet.  Die 
Materialien  fiir  den  Bau  waren  ausschliepiich  englische  und  fiir 
deren  Ankauf  verausgabte  die  persische  Regierung  eine  gewisse 
Summe.  Die  Englander  konnen  den  Telegraphen  benutzen,  wofiir 
sie  eine  jahrliche  Zahlung  leisten.  Zur  Beaufsichtigung  der  Linie 
wurden  englische  Ingenieure  angestellt,  die  das  Gehalt  von  der 
persischen  Regierung  erhalten.  Auf  Grund  der  Konvention  1865 
wurde  eine  neue  Leitung  angelegt,  die  den  Zweck  hat,  inter- 
nationale  Depeschen  zu  vermitteln;  von  Hanikin  bis  Buschir  kosten 
20  Worte  14  Schilling.  Die  Einnahmen  der  persischen  Regierung 
von  der  Telegraphenleitung  wurden  auf  hochstens  30000  Toman*) 
festgesetzt;  der  Oberschup  sollte  den  englischen  Beamten  zu- 
kommen.  In  der  Praxis  befriedigte  aber  die  Depeschenbeforderung 
nicht,  was  die  Firma  Siemens  1872  veranlapte,  eine  beziigliche 
Konzession  bei  England,  Deutschland,  Rupiand  und  Persien  nach- 
zusuchen.  Die  dreifache  Leitung  mit  eisernen  Stangen  fiihrt  von 
London  iiber  Emden,  Thorn,  Warschau,  Odessa,  Kertsch,  Tiflis, 
Djulfa  nach  Tabris  und  weiter  nach  Teheran,  wo  sie  sich  mit  dem 
indischen  Telegraphennetz  vereinigt. 

Die  Verpflichtungen,  welche  die  persische  Regierung  nach 
den  Konventionen  der  Jahre  1863  und  1865  iibernommen  hatte, 
verursachten  eine  seiche  grope  Schuld,  dap  sie  sich  erst  unlangst 
davon  befreien  konnte,  wie  weiter  unten  gezeigt  werden  wird. 

Das  Telegraphennetz  bringt  iibrigens  der  persischen  Bevol- 
kerung  keinen  Nutzen,  da  persische  Telegramme,  welche  dem 
inneren  Verkehr  dienen,  nach  den  Vorschriften  nicht  aufgenommen 
werden  diirfen;  nur  die  europaischen  Missionen  und  Kaufleute, 
die  sich  in  Persien  befinden,  konnen  daraus  Nutzen  ziehen. 

Von  den  70er  Jahren  ab  begann  nun  England  sich  immer 
groperen  EinfluP  iiber  Persien  zu  verschaffen.     ,,Es  verkiindet 

*)  1  Toman  ^10  Franken. 


^    73    — 

immer",  sagt  Vilmorin*),  „das  Gegenteil  von  dem,  was  es  wiinscht; 
es  schmeichelt  ,scharwenzelt,  indem  es  mit  fieberhafter  Ungeduld 
den  Augenblick  erwartet,  wo  es  ihm  moglich  wird,  seine  Krallen 
zu  zeigen,  und  macht  die  Volker  botmapig,  welche  es  durch  eine 
scheinbare  Ruhe  einschlafert.  Dieses  System  ist  vollstandig  der 
offenen,  redlichen  Politik  des  russischen  Reichs  entgegengesetzt, 
und  unter  dem  Schein  der  Politik  „Sainte  nitouche"  verbirgt  Eng- 
land seine  boshaftesten  Versuche,  die  nicht  nur  die  Unterwerfung 
Persiens,  sondern  auch  eine  grope  Schadigung  der  Interessen 
Rupiands  bezwecken." 

So  schickte  England  bei  Gelegenheit  der  Tekefrage  mehrere 
Agenten  nach  Chorassan,  um  die  Turkmenen  gegen  Rupiand  auf- 
sassig  zu  machen  und  wenn  moglich  sie  zu  veranlassen,  wenn  auch 
nur  nominell  die  Abhangigkeit  von  Persien  anzuerkennen.  Ein 
solches  Verfahren  blieb  nicht  ohne  Folgen,  und  im  Jahre  1875 
unternahm  der  Schah  allerdings  nicht  die  Unterwerfung  Merws, 
aber  es  gelang  dem  Kapitan  Napier  im  Jahre  1876,  40  Tekinzen 
nach  Teheran  zu  schicken,  um  im  Namen  ihres  Volkes  sich  dem 
Schah  zu  unterwerfen,  was  freilich  keine  weiteren  Folgen  hatte. 
Die  Politik  Napiers,  Indien  mit  Hilfe  der  Turkmenenstamme,  die 
gut  bewaffnet  waren  und  von  englischen  Offizieren  gefiihrt  wur- 
den,  zu  verteidigen,  zwang  aber  die  russische  Regierung,  die  Unter- 
werfung der  Teke  zu  beschleunigen;  im  Jahre  1881  waren  sie  bot- 
mapig  gemacht. 

Die  in  den  70er  Jahren  friedlichen  Beziehungen  Rupiands  zu 
Persien  wurden  durch  die  Reisen  des  Schahs  in  den  Jahren  1873 
und  1878  nach  Europa,  bei  welcher  Gelegenheit  auch  dem  Kaiser 
Alexander  11.  ein  Besuch  abgestattet  wurde,  noch  mehr  bef estigt, 
und  wahrend  des  letzten  russisch-tiirkischen  Krieges  1877 — 78 
wurden  sogar  seitens  Persiens  2  Truppendetachements  an  der 
tiirkischen  Grenze  aufgestellt,  die  zu  Operationen  bereit  waren. 

Nach  diesem  Kriege  verstarkte  sich  der  russische  Einflup  in 
Persien  so,  dap  der  Schah  sich  an  den  Kaiser  von  Rupiand  mit  der 
Bitte  wandte,  die  Ordnung  in  der  Kara-Kumwiiste  wieder  herzu- 
stellen  und  die  Turkmenen  niederzuwerfen,  die  nicht  nur  die 
benachbarten  Gebiete  verodeten,  sondern  auch  alle,  welche  ihnen 
in  die  Hande  fielen,  zu  Sklaven  machten. 

Die  ersten  Miperfolge  der  russischen  Expedition  gaben  dem 
britischen  Gesandten  am  persischen  Hofe  Anlap,  dem  Schah  Nasr- 

*)  Vilmorin,  „La  politique  etrangere  en  Perse."    1894. 


—    74    — 

Eddin  einen  Vertrag  mit  England  vorzuschlagen,  auf  Grund  dessen 
das  Gebiet  von  Herat  an  Persien  abgetreten  und  ihm  eine  einmalige 
groPe  Geldsumme  gezahlt  werden  sollte;  als  Entgelt  dafiir  ver- 
langte  England  das  Recht,  eine  Eisenbahn  von  Kandahar  nach 
Herat  und  Fahrwege  von  Buschir  nach  Herat,  Mohammer  und 
Zentralpersien  zu  bauen.  Dieser  Vorschlag  wax  sehr  verlockend, 
und  der  Schah  hatte  ihn  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ange- 
nommen,  vi^enn  ihn  die  Vorstellungen  Rupiands  nicht  abgehalten 
hatten,  einen  so  verhangnisvollen  Schritt  zu  tun. 

Die  Einnahme  der  Achal-Teke-Oase  seitens  Rupiands  fiihrte 
zu  dem  Vertrage,  welcher  am  21.  Dezember  1881  zwischen  RuP- 
land  und  Persien  in  Teheran  abgeschlossen  vi^urde.  Rupiands  Be- 
vollmachtigter  war  der  Gesandte  am  persischen  Hofe,  Sinojew, 
wahrend  der  Minister  Mirsa-Seid-Chan  Persien  vertrat. 

Der  1.  Punkt  des  Vertrages  setzt  die  Grenze  ostlich  des  Kaspi- 
schen  Meeres  fest;  der  2.  Punkt  enthalt  die  Gesamtangabe  der 
Spezialkommissare,  die  zur  Abgrenzung  bestimmt  waren;  der  3. 
Punkt  betrifft  die  Raumung  des  Forts  Germab  und  Kulkulab; 
in  dem  4.  Punkte  verpflichtet  sich  Persien,  das  Wasser  aus  dem 
Flusse  Firjuse  und  anderen  kleinen  Fliissen,  die  auf  dem  persischen 
Territorium  entspringen,  nicht  abzuleiten  und  keine  neuen  An- 
siedelungen  an  den  obengenannten  Fliissen  anzulegen;  der  5.  Punkt 
betrifft  die  Durchfiihrung  neuer  Fahrwege;  der  7.  Punkt  setzt 
Grenzagenten  ein,  welche  die  Aufgabe  haben,  die  Tatigkeit  der 
Turkmenen  zu  beobachten  und  auf  die  Ordnung  und  Ruhe  in  den 
Landern,  die  den  beiden  Reichen  benachbart  sind,  zu  achten, 
sowie  notigenfalls  als  Vermittler  aufzutreten,  um  die  Interessen 
Rupiands  und  Persiens  zu  schiitzen. 

Der  Bau  der  transkaspischen  Eisenbahn  bewirkte,  dap  die 
Beziehungen  Rupiands  zu  Persien  sich  noch  mehr  entwickelten; 
diese  Bahn  ermoglichte  es,  den  Handel  Englands  aus  Chorassan 
zu  verdrangen  und  das  Prestige  Rupiands  in  diesem  Gebiete  zu 
erhohen,  das  fiir  die  Befreiung  von  den  Teke-Turkmenen,  die 
jahrhundertelang  Chorassan  bedrohten,  Rupiand  sehr  dank- 
bar    war. 

England  dagegen  fahrt  fort,  Rupiand  entgegenzuarbeiten,  und 
strebt  in  heimlicher  und  egoistischer  Weise  danach,  den  ganzen 
Siiden  Persiens  unter  seinen  alleinigen  Einflup  zu  bringen.  Die 
Beamten  der  indisch-europaischen  Telegraphenleitung  und  die  Mis- 
sionare  sind  die  besten  Vertreter  der  Politik  des  britischen  Ka- 


—    75    — 

binetts;  sie  beschranken  sich  nicht  auf  ihre  direkten  Obliegen- 
heiten,  sondern  dienen  rein  politischen  Zwecken  und  erreichen  in 
dieser  Beziehung  sehr  wichtige  Erfolge. 

In  seinem  Werke  „Persia  and  the  Persian  question"  trat 
Curzon  fiir  eine  Eisenbahn  von  der  Station  Chaman  (britisch  Ba- 
lutschistan),  iiber  Kandahar,  das  Tal  des  Hilmend,  Seistan  und 
weiter  iiber  Kirman,  Jesd,  Jsfahan,  Burudjird,  Hamadan  und  Kir- 
manschah  ein,  Dieser  Gedanke  ist  nicht  neu,  und  Sir  Curzon 
bringt  hier  nur  die  geheimen  Wiinsche  des  britischen  Kabinetts 
zum  Ausdruck.  Letzteres  macht  alle  moglichen  Anstrengungen, 
um  die  Frage  betreffs  Seistans,  das  England  gegen  ein  Vorgehen 
Rupiands  nach  Indien  schiitzt,  zum  AbschluP  zu  bringen.  Nimmt 
England  von  Seistan  Besitz,  so  werden  die  strategischen  Schliissel- 
punkte  Tarah  und  Sebsawar  in  seinen  Handen  sein  und  Rutland 
wird  eine  neue  Barriere  bei  einem  russisch-englisch-indischen  Zu- 
sammenstoP  finden.  ,,Man  kann",  sagt  Curzon,  „die  wirtschaftliche 
Wichtigkeit  der  geplanten  Seistanschen  Bahn,  welche  die  Be- 
ziehungen  zwischen  Indien  und  Chorassan  vermittelt,  nicht  in 
Abrede  stellen.  Die  strategischen  Vorteile  dieser  Linie  sind  nicht 
weniger  wichtig.  Sie  gestattet  England  eine  Flankenstellung 
zur  Verteidigung  Afghanistans  zu  nehmen,  das  es  unter  seinen 
Schutz  genommen  hat,  und  zu  verhindern,  daP  Rupiand  sich  eines 
unermepiichen  Territoriums  bemachtigt,  was  eine  ernste  Gefahr 
fiir  die  guten  Beziehungen  zwischen  den  beiden  Reichen  sein 
wiirde." 

Curzon  fiihrt  weiter  aus,  dap  diese  Flankenstellung  auch 
benutzt  werden  konnte,  wenn  eine  indische  Armee  vorgehen  sollte. 

Abgesehen  von  der  Einnahme  Seistans  seitens  Englands,  die 
jetzt  nur  geplant,  aber  durch  den  Bau  einer  Eisenbahn  nach 
Nuschki  (s.  u.)  nicht  unwahrscheinlich  ist,  sind  auch  die  eng- 
lischen  Erfolge  auf  dem  Flusse  Karun  sehr  zu  beachten.  Schon 
im  Jahre  1857  strebte  England  danach,  sich  in  den  Besitz  des 
Karun,  des  schiffbarsten  Flusses  Persiens,  zu  setzen,  in  der  Hoff- 
nung,  daraus  wichtige  Handels-  und  politische  Vorteile  ziehen 
zu  konnen,  Der  Versuch,  im  Jahre  1875  den  Hafen  Mohammer, 
der  auf  der  Landzunge  zwischen  dem  Karun  und  dem  Schatt-el- 
Arab,  einem  Arme  des  Euphrat,  liegt,  zu  kaufen,  gelang  infolge 
des  Widerstandes  Rupiands  nicht.  Dieser  Hafen  ist  fiir  Persien 
sehr  wichtig,  da  er  den  Zugang  zu  dem  Flusse  versperrt;  andererseits 
ist  der  Kanal  Chalfar,  der  ihn  mit  dem  Schatt-el-Arab  verbindet, 


—     76    — 

so  tief,  dap  bei  der  Ebbe  Schiffe  mit  einem  Tiefgang  bis  zu  3m 
ihn  befahren  konnen. 

Trotz  dieser  Vorziige  hat  Mohammer  inbezug  auf  den  Handel 
eine  geringe  Bedeutung,  und  sein  Wirkungskreis  beschrankte 
sich  nur  auf  den  kleinen  anliegenden  Rayon,  well  dieser  Hafen, 
der  unvergleichlich  besser  als  die  Hafen  Buschir,  Bender-Abbas 
und  Bassora  ist,  gar  keine  guten  Verbindungswege  hat. 

Die  Vorziige  des  Hafens  Mohammer  und  des  Flusses  Karun 
veranlapten  England,  in  sehr  entschiedener  Weise  beim  Schah  die 
Erlaubnis  nachzusuchen,  den  Karun  mit  Schiffen  befahren  zu 
diirfen.  Die  damit  verbundene  Gefahr  wurde  aber  von  Rupland 
erkannt,  so  dap  es  den  Schah  zu  bewegen  suchte,  in  seinem  eigenen 
Interesse  die  von  England  verlangte  Erlaubnis  nicht  zu  erteilen. 
Nichtsdestoweniger  taten  das  Gold  und  die  Politik  des  britischen 
Gesandten  Wolf  das  ihrige:  im  Oktober  1888  wurde  der  Karun  fiir 
die  internationale  Schiffahrt  freigegeben.  Dieser  Erfolg  der  eng- 
lischen  Diplomatie  beunruhigte  damals  Rupland  in  hohem  MaPe, 
da  es  fiirchtete,  daP  der  Handel  aller  iibrigen  Lander,  besonders 
aber  Rupiands,  vernichtet  werden  wiirde.  Bald  eroffnete  eine 
englische  Gesellschaft  die  Dampfschiffahrt  auf  dem  Karun  von 
Mohammer  bis  Ahwaz  (300  km).  Da  sich  bei  letzterem  Orte 
Stromschnellen  befinden,  die  eine  Schiffahrt  verhindern,  so  wurde, 
um  diese  zu  umgehen,  eine  Pferdeeisenbahn  angelegt.  Von  Ahwaz 
bis  Schuster  besteht  wieder  eine  Dampf  schif  f  verbindung.  Es  wurde 
von  Schuster  ab  der  Bau  einer  Chaussee  nach  Disful,  Burudjird, 
Sultanabad,  Kum,  Teheran  mit  einem  Zweige  von  Burudjird  nach 
Isfahan  geplant.  Die  kaiserliche  Bank  erhielt  dazu  vom  Schah 
eine  Konzession;  sie  baute  aber,  wie  erwahnt,  von  der  Strape  Te- 
heran-Sultanabad  nur  eine  Strecke  von  260  km.  Weiter  wollte  sie 
nicht  bau  en,  da  dies  eine  zu  grope  Ausgabe  verlangt,  die  sich  nicht 
bezahlL  machen  wiirde,  wie  die  in  Betrieb  gesetzte  Strecke  Te^ 
heran-Kum  (160  km)  dies  gezeigt  habe.  Einen  gleichen  Miperfolg 
hatte  auch  die  Dampf  schif  fahrtsgesellschaft  auf  dem  Karun;  ihre 
Einnahmen  befriedigten  nicht  und  auPerdem  litt  sie  unter  dem 
Druck  der  persischen  Beamten,  so  daP  sie  liquidieren  mupte. 

Somit  fiihrte  der  Sieg  der  englischen  Diplomatie  in  der  Praxis 
nur  zu  groPen  Verlusten. 

England  versteht  es  aber,  den  Boden  fiir  weitere  Unter- 
nehmungen  vorzubereiten  und  benutzt  dazu  seine  Telegraphen- 
beamten.     So  wird  der  russischen  Zeitung  „Sakaspiiskoje  Obos- 


—    77    — 

rienije"  aus  Siidpersien  geschrieben:  „An  jedem  Orte  von  einiger 
Bedeutung  in  Siidpersien,  wo  sich  eine  englische  Telegraphen- 
station  befindet,  gibt  es  auch  einen  starken  Stab  von  Beamten. 
Diese  englischen  Telegraphisten  ziehen  in  „ihrem  Bezirk"  umher 
und  reichen  ihren  Vorgesetzten  in  bestimmten  Fristen  Berichte 
iiber  die  Zustande  ein.  Unter  der  Begriindung,  die  Stationen 
sichern  zu  miissen,  halten  sie  an  einigen  Punkten  des  inneren  Per- 
siens  und  in  fast  alien  Stadten  am  Persischen  Golf  Abteilungen 
bengalischer  Lanzenreiter,  die  so  ein  Netz  von  Militarposten  in 
einem  fremden  Lande  bilden.  In  dem  Stadtchen  Tschahbar,  einem 
Ort  von  2 — 3000  meist  ackerbautreibenden  Einwohnern,  die  keine 
Beziehungen  zu  Handels-  und  Industrieorten  besitzen,  glanzt  in- 
mitten  des  halbverfallenen  Gemauers  der  Eingeborenen  das  Ge- 
baude  des  englischen  Telegraphen  mit  geraumigen  Kasernen,  Vor- 
ratshausern  u.  s.  w.  Der  fremde  Reisende  staunt  iiber  diese  recht 
stattlichen  Bauwerke  in  dem  elenden  Stadtchen.  Tschahbar  mit 
seiner  sehr  geeigneten  Bucht  desselben  Namens  gefallt  den  Eng- 
landern  seit  langem.  Im  allgemeinen  fallt  es  auf,  dap  die  Eng- 
lander  sich  in  Siidpersien  wie  bei  sich  zu  Hause  einrichten.  Aus 
verschiedenen  ratselhaften  Griinden  konnen  die  ortlichen  persi- 
schen Behorden  den  Inglis-Sahibs  keine  Hindernisse  bereiten.  Der 
tatkraftigste  der  englischen  Agenten,  Mr.  Syles,  der  im  Laufe 
langer  Jahre  die  Gegenden  vorziiglich  kennen  gelernt  hat,  wohnt 
in  Kirman.  Bei  ihm  befindet  sich  eine  starke  Abteilung  indischer 
Truppen.  Die  Anwesenheit  dieser  starken  Schutztruppe  wird  durch 
den  Hinweis  erklart,  das  Konsulat  und  die  Telegraphenstation 
sichern  zu  miissen." 

Die  englische  Regierung  legt  diesen  Agenten  eine  gro^e 
Wichtigkeit  bei,  beachtet  ihre  Berichte  aufs  sorgfaltigste,  bezahlt 
ihre  Dienste  sehr  reichlich  und  sucht,  sehr  gebildete,  ihrem  Vater- 
lande  ergebene  und  politisch  geschulte  Leute  in  diese  Stellen 
einzusetzen. 

„Die  Telegraphenagenten",  sagt  Curzon,  „befrieden  die  Einge- 
borenen, pflegen  die  Kranken  und  erlangen  auf  diese  Weise  eine 
grope  Sympathie.  Man  miipte  diese  Agenten  noch  mehr  benutzen, 
die  sehr  haufig  die  Stelle  von  Raten  der  Prinzen  und  Gouverneure 
einnehmen  und  deshalb  sie  dem  gropbritannischen  Gesandten  in 
Teheran  unterstellen." 

AuPer  den  Telegraphenbeamten  befinden  sich  auch  sehr  viele 
englische  Missionare  in  Persien,  die  sich  in  den  siidlichen  und  nord- 


—    78    — 

lichen  Stadten  (Urmia)  niedergelassen  haben.  Sie  werden  von 
ihrer  Regierung  durch  Geld  unterstiitzt;  sie  errichten  Schulen, 
worin  sie  Hunderte  von  Eingeborenen  erziehen;  die  iibrigbleibenden 
Gelder  verwenden  sie  zu  wohltatigen  Zwecken  und  zur  Propa- 
ganda, so  dap  sie  auf  diese  Weise  sich  treue  und  zuverlassige 
Anhanger  erwerben. 

Die  den  Englandern  inbezng  auf  die  Schiffahrt  auf  dem  Karun 
zugebilligten  Vorrechte  erregten  in  Rupiand  eine  gro^e  Unzu- 
friedenheit,  so  daP  die  russische  Regierung  an  die  persische  Re- 
gierung eine  Note  richtete,  in  der  gleichvi^iegende  Rechte  ver- 
langt  wurden.  Die  iiberreichte  Note  wurde  gebilligt  und  fiihrte 
durch  die  Vermittelung  Frankreichs  zu  einem  Vertrage,  in  dem 
folgendes  festgesetzt  wurde: 

1.  Freie  Schiffahrt  auf  der  Bucht  von  Enseli  und  auf  alien 
in  das  Kaspische  Meer  sich  ergiePenden  Fliissen. 

2.  Die  Erlaubnis,  Anlegeplatze  und  Vorratshauser  zu  bauen. 

3.  Die  Erlaubnis,  einen  Fahrweg  von  Piribasar  nach  Teheran 
zu  bauen. 

4.  Die  Erlaubnis  zur  Anlage  eines  Weges  von  Aschabad  nach 
Kotschan. 

5.  Im  Laufe  von  15  Jahren  sollte  ohne  die  Erlaubnis  Rupiands 
keine  Konzession  zum  Bau  von  Eisenbahnen  und  Fahrwegen  in 
Persien  erteilt  werden. 

Die  beiden  letzten  Punkte  sind  besonders  zu  beachten  und 
fiir  Rupland  auPerordentlich  wichtig. 

Der  4.  Punkt  ist  jetzt  erledigt,  indem  die  StraPe  von  Aschabad 
nach  Kotschan  fertig  ist.  Was  den  5.  Punkt  betrifft,  so  soil  er 
nur  verhindern,  daP  England  sich  nicht  des  Eisenbahnbaus  be- 
machtigt,  und  beriihrt  Persien  nicht,  dessen  Vorteile  von  diesem 
Vertrage  in  keiner  Weise  geschadigt  werden.  Als  Beweis  dafiir 
kann  die  Anlage  der  10  km  langen  Eisenbahn  von  Teheran  zum 
Dorf e  Schah-Abdul-Asim  und  des  Eisenbahnzweiges  nach  den  Stein- 
briichen  unweit  der  Ruinen  der  alten  Stadt  Rai  angefiihrt  werden. 

Im  Jahre  1889  wurde  von  England  versucht,  einen  Fahrweg 
von  Trapezunt  nach  Erzerum,  Tabris  und  Teheran  durchzufiihren, 
um  gleichzeitig  im  Westen,  Siiden  und  Osten  einen  EinfluP  auf 
Persien  zu  gewinnen,  um  dadurch  Rupiand  entgegenzutreten, 
dessen  Machtsphare  sich  schon  immer  mehr  liber  das  Reich  des 
Schahs  erstreckte.  Viele  englische  und  franzosische  Ingenieure 
trafen  in  Tabris  ein,  um  den  Weg  zu  erforschen,  und  warteten  nur 


—    79    — 

auf  die  Riickkehr  des  Schahs  von  seiner  Reise  nach  Europa,  um 
dann  die  Arbeiten  beginnen  zu  konnen.  Ihre  Erwartungen  wurden 
aber  nichl  erfiillt:  der  Schah  lehnte  auf  das  entschiedenste  alle 
ihre  Vorschlage  ab,  indem  er  den  eigentlichen  Zweck  der  ge- 
planten  StraPe  begriff  und  den  mit  Rutland  geschlossenen  Vertrag 
aufrechterhielt.  — 

Wenden  wir  uns  nun  zu  der  neuesten  Zeit,  so  tritt  der  Jahr- 
hunderte  andauernde  Kampf  zwischen  Rutland  und  England  um 
die  Beeinflussung  Persiens  in  politischer  und  kommerzieller  Be- 
ziehung  noch  scharfer  hervor. 

Nachdem  Rupiand  die  Turkmenen  niedergeworfen  und  das 
turkestanische  Gebiet  vom  Kaspischen  Meere  bis  zur  afghanischen 
Grenze  in  Besitz  genommen  hat,  ist  es  ein  unmittelbarer  Grenz- 
nachbar  des  persischen  Reichs  geworden,  so  dap  sein  EinfluP 
iiber  Nordpersien  gesichert  ist.  Auch  England  gibt  dies  zu,  be- 
ansprucht  dafiir  aber,  dap  Siidpersien  seiner  alleinigen  Macht- 
sphare  angehore.  Mit  dieser  Teilung  ist  aber  Rupiand  nicht  ein- 
verstanden;  es  strebt  vielmehr  danach,  iiber  ganz  Persien  einen 
Einflup  zu  gewinnen,  um  so  ein  „warmes  Meer"  zu  erreichen. 

So  erwidert  das  russische  Blatt  „Nowoje  Wremja"  in  einem 
Artikel  vom  9.  April  1902  der  „Times",  die  ausfiihrt,  dap  Rup- 
lands  Einflup  nur  auf  Chorassan  (ohne  Seistan),  die  am  Kaspischen 
Meere  gelegenen  Provinzen  (Astrabad,  Masanderan,  Gilan  und 
Aserbeidjan)  sich  erstrecken  solle,  das  ganze  iibrige  Persien  aber 
England  zuf alien  miisse,  folgendes: 

„ .  .  .  Wir  konnen  die  ausschlieplichen  Rechte  Englands  auf 
Siidpersien  nicht  anerkennen;  wir  bediirfen  aber  einer  Sicherung 
unseres  Einflusses  auf  Nordpersien  nicht,  da  er  auch  ohnedem 
fest  begriindet  ist.  Die  Bedeutung,  die  Mesopotamien  durch  den 
Bau  der  Bagdadeisenbahn  erlangt,  zwingt  uns,  besonders  aufmerk- 
sam  auf  die  Ereignisse  im  Siidwesten  Persiens  zu  sein.  Uns 
von  diesen  Gebieten  fernzuhalten,  haben  wir  kein  Recht.  Wozu 
niitzt  uns  Nordpersien,  wenn  es  nur  unsere  kaukasischen  und 
mittelasiatischen  Besitzungen  in  etwas  erweitert,  ohne  daP  wir 
eine  auch  nur  entfernte  Moglichkeit  haben,  an  den  Ozean  zu  ge- 
langen  und  wir  nicht  imstande  sind,  an  dem  Leben  in  Siidpersien 
teilzunehmen? 

Wir  bediirfen  einer  solchen  Teilung  nicht.  Kann  aber 
England  vorerst,  wenn  auch  nur  im  Prinzip,  dies  Recht  RuP- 
lands,    sich    in  die  Angelegenheiten   Siidpersiens  und  des  Per- 


—     80    — 

sischen  Golfs  einzumischen,  nicht  anerkennen,  so  muP  in  der  Folge 
der  Gedanke  an  eine  gemeinsame  Ubereinstimmung  inbezug  auf 
eine  Begrenzung  der  EinfluPsphare  innerhalb  des  Reichs  des  Schahs 
verworfen  werden." 

In  diesen  Satzen  kommt  die  ganze  Politik  Ruplands,  die  es 
jetzt  verfolgt,  zum  Ausdruck. 

Will  aber  Rupland  seinen  Einflup  auf  ganz  Persien  ausdehnen, 
um  die  verba Itnismapig  wertvollen  Erzeugnisse  des  Landes  aus- 
fiihren,  andererseits  sich  einen  Markt  fiir  die  eigenen  Waren 
schaffen,  um  schlieplich  einen  Zugang  zum  Persischen  Golf  er- 
langen  zu  konnen,  so  ist  der  Bau  von  Kommunikationen,  deren  Zahl 
so  gering  und  deren  Zustand  so  mangelhaft  ist,  wie  wir  gesehen 
haben,  unerlapiich.  Es  miissen,  abgesehen  von  der  Durchfiihrung 
von  guten  Fahrstrapen,  Eisenbahnen  gebaut  werden. 

Schon  friiher  wurden  verschiedene  Versuche  gemacht,  Per- 
sien mil;  Eisenbahnen  zu  versehen.  So  erhielt  der  Baron  Renter 
im  August  1872  eine  Konzession  zum  Bau  einer  Eisenbahn  vom 
Kaspischen  Meere  bis  zum  Persischen  Golf.  In  der  Konzession 
wurde  festgesetzt: 

a)  das  Vorrecht,  wahrend  70  Jahren  alle  Minerallager  in  Persien 
(auPer  den  Lagern  von  Edelmetallen  und  -steinen),  sowohl  auf  den 
Staats-  wie  Privatlandereien  auszubeuten,  wenn  die  Besitzer  der 
letzteren  die  ihnen  gehorigen  Lager  im  Laufe  von  5  Jahren 
vor  der  Erteilung  der  Eisenbahnkonzession  nicht  bearbeitet  hatten. 
Dabei  wurde  der  Gesellschaft  das  Recht  verliehen,  von  den  aus- 
zubeutenden  Lagern  Wege  zu  der  Eisenbahn  und  den  Fahrstrapen 
unter  Expropriierung  der  dazu  erforderlichen  Staatslandereien 
anzulegen.  Bei  der  Ausbeutung  der  Minerallager  wurde  die  Ge- 
sellschaft von  der  Zahlung  von  Zoll-  und  anderen  Abgaben  befreit; 
die  persische  Regierung  erhielt  von  dem  Reingewinn  nur  15  Proz. 

b)  Das  ausschliepiiche  Recht,  alle  Staatswalder  in  Persien 
im  Laufe  von  70  Jahren  auszubeuten  unter  Zahlung  von  15  Proz. 
des  Reingewinns  an  die  persische  Regierung. 

c)  Das  ausschliepiiche  Recht  zur  Ausfiihrung  aller  neuen 
Bewasserungsanlagen  in  Persien,  zum  Verkauf  des  Wassers  nach 
einer  von  der  persischen  Regierung  festgesetzten  Taxe,  zur  un- 
entgeltlichen  Benutzung  des  der  Gesellschaft  abgetretenen  Od- 
landes.    Die  Regierung  erhiilt  von  dem  Reingewinn  15  Proz. 

d)  Das  Vorrecht  zur  Eroffnung  von  Banken,  zur  Anlage  einer 
Gasbeleuchtung,    Wegen,    Telegraphen,    Miihlen,    Manufaktur-, 


—    81    — 

Eisenbahnfabriken  u.  s.  w.,  sowie  zu  Arbeiten  zur  Verbesserung 
und  Erweiterung  der  Residenz  und  zur  Errichtung  von  Postan- 
stalten. 

Im  Jahre  1874  nahm  die  russische  Regierung  einen  groPen 
Anteil  an  dem  Projekte  einer  Konzession  des  Generalmajors 
Folkenhagen.  Es  gelang  ihm,  die  persische  Regierung  zur  Er- 
teilung  einer  Konzession  zum  Bau  einer  Eisenbahn  von  Djulfa 
(Zollstelle  am  Flusse  Aras)  nach  Tabris  zu  bewegen.  Nach  der 
Instruktion,  die  ihm  von  der  russischen  Regierung  im  Jahre  1874 
vor  der  Nachsuchung  dieser  Konzession  gegeben  war,  wurde 
Folkenhagen  beauftragt,  bei  der  persischen  Regierung  fiir  die 
zukiinftige  Eisenbahngesellschaft  das  Recht  auszuwirken,  die 
Steinkohlenlager  auszubeuten,  wenn  solche  in  der  Folge  bei  der 
Eisenbahn  in  einer  Entfernung  von  hochstens  50  englischen  Meilen 
entdeckt  wiirden.  Nach  dem  in  Persien  beifallig  aufgenommenen 
Projekt  der  Konzession  zu  schliepen,  gelang  es  Folkenhagen,  die 
persische  Regierung  zu  bewegen,  der  Gesellschaft  das  erwahnte 
Recht  zu  erteilen,  aber  unter  der  Bedingung,  daP  die  Rechte  der 
Privatbesitzer  an  den  Feldern  nicht  geschadigt  wiirden.  Sollten 
letztere  der  Ausbeutung  der  Lager  Hindernisse  entgegensetzen, 
verpflichtete  sich  die  persische  Regierung,  die  Gesellschaft,  ebenso 
wie  bei  der  Expropriierung  des  Landes  zum  Bau  der  Eisenbahn, 
zu  unterstiitzen,  d.  i.  die  Regierung  verpflichtete  sich,  irgend 
welche  ZwangsmaPregeln  nach  ihrem  Ermessen  zu  ergreifen,  um 
die  Landereien  den  Besitzern  gegen  eine  mapige  Vergiitung  zu 
entziehen.  Dieses  Projekt  Folkenhagens  wurde  im  Einverstandnis 
der  russischen  Regierung  entworfen  und  ist  deshalb  sehr  zu 
beachten. 

Im  Jahre  1878  wurde  dem  Bankhause  Alleon  eine  Konzession 
zum  Bau  einer  Eisenbahn  Rescht-Teheran  bewilligt.  Sie  enthielt 
aber  keine  besonderen  Vorrechte  fiir  den  Unternehmer,  die  nicht 
lediglich  mit  dem  Bau  zusammenhingen.  Nur  wurde  da>s  Recht 
gewahrt,  iiberall  in  Persien  den  Staatslandereien  Baumaterialien 
und  Steinkohlen  zu  entnehmen,  sowie  unentgeltlich  die  Staats- 
walder  so  auszuniitzen,  wie  es  fiir  den  Bau  und  den  Betrieb  der 
Eisenbahn  erforderlich  sein  wiirde. 

Anstatt  dieser  Konzession  wurde  im  Januar  1882  eine  neue  an 
Buatal  fiir  den  Bau  und  den  Betrieb  einer  Eisenbahn  zwischen 
Rescht  und  Teheran  mit  einem  Zweige  von  Jenschimam  bis  Fe- 
schend,  wo  sich  Steinkohlenlager  befinden,  verliehen. 

Die  Beziehungen  Rufilands  zu  Persien.  6 


—    82    — 

Diese  Konzession,  die  ohne  Garantie  der  Einnahmen  seitens 
der  Regierung  erlassen  wurde,  wurde  so  gefapt,  dap  die  der  Krone 
gehorigen  Steinkohlenlager  bei  Feschend  an  Buatal  abgetreten 
und  auf  eine  Frist  von  60  Jahren  an  ihn  verpachtet  wurden,  um 
sie  ausznbeuten;  der  Ban  und  der  Betrieb  der  Eisenbahn  wurde 
ihm  iiberlassen  unter  dem  Vorwande,  daP  es  notwendig  sei,  die 
geforderten  Steinkohlen  nach  Teheran  zu  schaff en.  Die  Konzession 
enthalt  keinerlei  Rechte  und  Privilegien,  abgesehen  von  dem 
Vorrechte,  iiberall  in  Persien  unentgeltlich  von  den  Staatslande- 
reien  Materialien  zu  entnehmen  und  die  Staatswalder  auszunutzen, 
aber  nur  fiir  die  Erfordernisse  des  Baus  und  des  Betriebs  der 
Eisenbahn. 

Alle  diese  Konzessionen  wurden  nicht  verwirklicht  und  ver- 
loren  ihre  Kraft. 

Die  letzten  russischen  Konzessionare  waren  Chomjadow,  Tret- 
janow,  Korf  und  der  Ingenieur  Palaschkowski.  Diese  suchten 
mit  Allerhochstem  Einverstandnis  eine  Konzession  fiir  den  Bau 
einer  Eisenbahn  von  Rescht  nach  der  Bucht  Tschahbar  am  In- 
dischen  Ozean  nach.  Sie  hielten  sich  von  jeder  materiellen  Be- 
teiligung  an  dem  Unternehmen  fern  und  verpflichteten  sich,  nach 
ihrer  Organisation  es  der  Regierung  zu  iiberlassen,  sobald  diese 
es  verlangen  wiirde.  Nach  einem  Vertrag  iibernahm  die  „Banque 
d'Escompte",  die  damals  ein  Grundkapital  von  65  Millionen  Fran- 
ken  hatte,  die  Realisation  von  Obligationen  fiir  300  Millionen 
Franken.  So  war  die  Sache  in  finanzieller  Beziehung  vollstandig 
gesichert.  Die  persische  Regierung  kam  mit  Bereitwilligkeit  Rup- 
land  entgegen.  Es  hatten  schon  Unterhandlungen  mit  dem  Schah 
Nasr-Eddin  stattgefunden,  die  zu  einem  vollstandigen  Einverstand- 
nis gefiihrt  hatten.  Bei  seiner  Reise  nach  Petersburg  im  Jahre 
1889  hielt  man  die  Sache  fiir  vollstandig  zum  Abschlup  gekommen 
und  schritt  zu  der  Erforschung  der  Trace.  Aber  da  trat  un- 
erwartet  eine  Verzogerung  von  seiten  des  Ministers  Girs  und  Si- 
nowjew  ein.  Sie  nahmen  indessen  dem  Schah  das  kategorische 
Versprechen  ab,  dap  er  keine  Konzession  ohne  die  vorherige  Er- 
laubnis  der  russischen  Regierung  erteile. 

Der  zwischen  Rupiand  und  Persien  abgeschlossene,  bereite 
obenerwahnte  Vertrag  setzt  fest,  dap  im  Laufe  von  15  Jahren 
keine  Konzession  zur  Anlegung  von  Eisenbahnen  und  FahrstraPen 
in  Persien  anderen  Machten  erteilt  werden  darf.  Dieser  Vertrag 
ist  somit  jetzt  abgelaufen,  ohne  dap  die  russische  Regierung  das. 


—    83    — 

ihr  zugestandene  Monopol,  Eisenbahnen  zu  bauen,  benutzt  hat.  Der 
Vertrag  ist  aber  bis  1915  verlangert,  und  nachdem  von  russischen 
Ingenieuren  die  beziiglichen  Untersuchungen  beendet  sind,  be- 
ginnt  die  russische  Regierung  den  Bau  von  Eisenbahnen  nach 
Persien.  Die  Hauptaufgabe  ist,  die  projektierten  persischen 
Bahnen  an  das  russische  Eisenbahnnetz  anzuschliePen. 

Es  kommen  in  dieser  Beziehung  die  Linien  Poti  bezw.  Batum- 
Tiflis-Baku  mit  der  Zweigbahn  Tiflis-Kars  in  Transkaukasien  und 
die  Transkaspische  Bahn,  die  jetzige  „Mittelasiatische  Bahn",  in 
Betracht.  Letztere  erstreckt  sich  von  Krassnowodsk  am  Kaspi- 
schen  Meere  iiber  Aschabad  nach  Duschan  langs  der  persischen 
Grenze,  fiihrt  dann  in  nordostlicher  Richtung  nach  Merw,  verzweigt 
sich  hier  nach  der  russischen  Festung  Kuschk  an  der  afghanischen 
Grenze  und  nach  Buchara,  Samarkand,  Chodjent,  Kokan,  wo  sie 
einen  Zweig  nach  Margelan  bezw.  Andidshan  sendet.  Von  Chod- 
jent aus  fiihrt  eine  Bahn  nach  Taschkent,  das  durch  die  im  Bau 
begriffene  Taschkent-Orenburg-Bahn  an  das  Eisenbahnnetz  des 
europaischen  Ruplands  angeschlossen  wird.  Die  mittelasiatische 
Eisenbahn,  urspriinglich  auf  der  ersten  Strecke  bis  Kysyl-Arwat 
als  reine  Militarbahn  zum  Transport  des  Armeematerials  der 
Expedition  des  Generals  Skobelew  gegen  die  Achal-Teke  gebaut, 
hat  schon  an  und  fiir  sich  die  Handelsbeziehungen  Rupiands  zu 
Persien  sehr  begiinstigt  und  auperordentlich  den  EinfluP  des 
ersteren  iiber  letzteres  verstarkt. 

Nach  dem  Voranschlag  des  russischen  Kommunikations-Mi- 
nisteriums  fiir  das  Jahr  1903  soil  eine  Bahn  von  Alexandropol, 
einer  Station  der  Bahn  Tiflis-Kars,  bis  zur  russischen  Grenze  als 
Fortsetzung  der  bereits  fertig  gestellten  Bahn  nach  Eriwan 
gebaut  werden.  Damit  ist  der  erste  Schritt,  Rupiand  mit  Persien 
mittels  einer  Eisenbahn  zu  verbinden,  getan. 

Es  wird  diese  Bahn  von  Eriwan  oder  genauer  von  Ulukanda  bei 
Eriwan  aus,  Kiwrach  in  der  Nahe  des  Schacht^tyschen  Postens 
an  der  persischen  Grenze  erreichen.  Man  beabsichtigt  dann,  wie 
die  „Nowoje  Wremja"  im  Juni  1902  berichtet,  die  Strecke  von 
Schachtaty  iiber  Choi,  Urmia  nach  Tabris,  anstatt  iiber  Djulfa, 
wie  urspriinglich  beabsichtigt  war,  weiterzufiihren. 

Tabris  ist  eins  der  gropen  Zentren  Persiens,  die  erste  Stadt 
des  Reichs  nach  Teheran,  mit  einer  Einwohnerzahl  von  etwa 
180000  Seelen.  Die  europaischen  Waren,  welche  jetzt  iiber  Tra- 
pezunt  nach  Persien  kommen,  werden  auf  dieser  Bahn  transportiert 

6* 


—    84    — 

und  nicht  mehr  in  Trapezunt,  sondem  in  Poti  und  in  Batum  aus- 
geladen  werden.  Tabris  wird  somit  mit  den  Hafen  des  Schwarzen 
Meeres  verbunden  sein. 

Ein  weiteres  Projekt  ist,  Teheran  und  Baku  durch  eine  Balm 
von  der  Enselibucht,  am  Kaspischen  Meere,  iiber  Rescht  und 
Kaswin  zu  verbinden.  Die  Waren  werden  dann  von  Baku  nach  der 
Enselibucht  zu  Wasser  geschafft  werden  und  von  hier  aus  die 
Bahn  benutzen. 

Von  ganz  auperordentlicher  Wichtigkeit  sowohl  in  politischer 
wie  in  kommerzieller  Beziehung  ist  der  von  Rittich  in  seiner 
Broschiire  „Die  Eisenbahn  durch  Persien"  vorgeschlagene  Plan, 
eine  Bahn  von  Kuschk,  dem  Endpunkte  der  mittelasiatischen 
Eisenbahn  an  der  afghanischen  Grenze,  iiber  Meschhed,  Teheran 
nach  Tabris  zu  bauen,  so  dap  dann  nach  dem  obenerwahnten 
Projekt  Kuschk  mit  Alexandropol  verbunden  wird.  Diese  Linie 
Kuschk -Meschhed -Teheran- Tabris -Djulf  a- Eriwan  -Alexandropol  - 
Tiflis  wird  in  keiner  Weise  England  Nutzen  bringen  konnen;  sie 
wird  im  Gegenteil  nur  dem  russischen  Handel  dienen  und  infolge 
des  billigen  Transports  den  englischen  Handel  unterbinden. 

Wie  schon  oben  erwahnt,  ist  der  Bau  der  Bahn  Alexandropol- 
Tabris  fest  beschlossen  und  die  Linie  Kuschk-Meschhed  wird  in 
„naher  Zukunft"  fertiggestellt  sein.  Um  einen  Zugang  zu  einem 
„warmen  Meere"  zu  schaffen,  mup,  wie  Rittich  vorschlagt,  die 
Bahn  Teheran-Bender-Abbas  gebaut  werden. 

Die  politischen  Vorteile,  die  diese  Bahnprojekte  haben,  kenn- 
zeichnet  Rittich  folgendermaPen: 

„RuPland  verbindet  sich  fester  mit  den  Teilen  Persiens,  die 
nach  dem  Traktate  vom  Jahre  1723  ihm  gehoren.  Durch  die 
folgenden  Vertrage  gibt  Rupland  diese  Gebiete  nicht  endgiltig 
auf,  sondern  nur  zeitweise  aus  Freundschaft  und  Liebe  zu  Persien. 

Die  Eisenbahn  wird  das  Prestige  Ruplands  noch  mehr  heben 
konnen.  Seine  Macht  wird  alien  klar  werden,  und  es  wird  keine 
Frage  sein,  wer  wichtiger  ist,  Rupiand  oder  England.  Diese  Frage 
ist  endgiiltig  zu  gunsten  Ruplands  entschieden. 

Mit  diesem  Wege  bereitet  Rupiand  unmerklich  die  Vereini- 
gung  beider  Reiche  zu  einem  Ganzen  vor.  Die  gegenseitigen  In- 
teressen  werden  vollstandig  gemeinsame  werden.  Die  Perser 
werden  sich  daran  gewohnen,  Rupiand  als  ihren  Wohltater  zu 
betrachten.  Die  Eisenbahn  wird  unbedingt  das  Land  heben;  aus 
einem  armen  Lande  wird  es  zu  einem  reichen  werden.    Auf  den 


—    85    — 

bis  jetzt  oden  Stellen  werden  bliihende  Ansiedelungen  entstehen. 
Mit  einem  Worte:  Rupland  hat  eine  wohltatige  Kultur-  oder 
richtiger  zivilisatorische  Aufgabe  vor  sich." 

Schon  aus  der  oben  gegebenen  Handelsiibersicht  geht  die  hohe 
kommerzielle  Wichtigkeit  dieser  Eisenbahn  hervor.  Es  diirfte 
aber  noch  etwas  naher  darauf  einzugehen  sein. 

Die  geplante  Eisenbahn  Djulfa-Tabris  wird  die  reichste  Pro- 
vinz  Persiens,  Aserbeidjan,  durchschneiden.  Die  Wichtigkeit  dieser 
Provinz  fiii-  Rupland  ergibt  sich  schon  aus  ihrer  geographischen 
Lage,  indem  sie  an  die  siidlichen  kaukasischen  Gouvernements 
grenzt.  Bis  zu  den  50er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  spielte 
diese  Provinz  nicht  eine  solche  Rolle  wie  jetzt.  Tabris  ist  der 
Hauptmarkt,  von  wo  sich  die  Waren  auf  das  ganze  Gebiet  ver- 
breiten.  Es  waren  dies  hauptsachlich  europaische  Waren,  die 
iiber  Trapezunt-Erzerum  dorthin  kamen.  Seitdem  hat  nun  die 
russische  Industrie  den  wirtschaftlichen  Kampf  begonnen;  die 
westeuropaischen  Waren  sollten  ihr  den  Vorrang  abtreten;  mit 
der  Durchfiihrung  der  Eisenbahn  wird  der  Aserbeidjansche  Markt 
Rupland  verbleiben  und  der  Handel  mit  dem  Westen  in  hohem 
Mape  verringert  werden.  Die  russischen  Waren  schlagen  zwei 
Wege  ein:  iiber  die  Landgrenze  und  auf  dem  Kaspischen  Meer 
iiber  die  russische  und  persische  Stadt  Astara.  Den  Wasserweg 
benutzen  zwei-,  bisweilen  di'ei-  und  sogar  viermal  mehr  Waren, 
als  den  Landweg.  So  wurden  im  Jahre  1896  Waren  im  Werte  von 
1204269  Rubel  78  Kopeken  iiber  die  Landgrenze  geschafft.  Der 
russische  Ausfuhrhandel  iiber  das  russische  Ast^ara  stellte  einen 
Wert  von  633762  Rubel  50  Kopeken,  iiber  das  persische  Astara 
einen  solchen  von  1971062  Rubel  dar. 

Eine  zweite  wichtigeHandelsstadt  in  Aserbeidjan  istArdebil,  wo- 
hin  fast  die  ganze  Astarasche  Einfuhr  gelangt;  sie  verteilt  sich  auf  die 
Stadte  Sontschbulak,  Serab,  Semgab,  Hamadan  u.  a.  Die  Wege  befin- 
den  sich  in  einem  elenden  Zustande,  so  dap  die  Bedeutung  von  Astara 
bis  zur  Durchfiihrung  der  Eisenbahn  iiber  Tabris  nur  eine  bedingte 
ist.  Ist  die  Bahn  Djulfa-Tabris  gebaut,  so  ist  darauf  zu  rechnen, 
dap  sie  80  Prozent  der  zu  Wasser  transportierten  Waren  auf- 
nehraen  wird,  denn  die  Frachten  der  Waren  iiber  das  Kaspische  Meer 
sind  hoch,  die  Fahrten  sind  selten  und  dauern  lange,  der  Hafen 
ist  unbequem  und  die  Umladung  kostet  viel.  Endlich  ist  die 
Entfernung  von  Tabris  bis  Maraghe,  Serab,  Semgab  und  Hamadan 
kiirzer  als  von  Ardebil  aus. 


'—    86    — 

Von  den  nach  Aserbeidjan  eingefiihrten  russischen  Waren 
nimmt  der  Zucker  die  erste  Stelle  ein.    Es  wnrde  eingefuhrt: 
im  Jahre  1892  fiir     862700  Rubel 
„      „       1893    „    1558565      „ 
„      „       1894    „    1524261      „ 
„      „       1895    „    1701516      „ 
„      „       1896    „    1445465      „ 

Wenn  diese  Ziff ern  mit  der  Einfuhr  des  Zuckers  aus  Marseille 
nach  Aserbeidjan  (im  Jahre  1892  37956,  1896  10456  Kasten) 
verglichen  werden,  so  ist  ersichtlich,  inwieweit  die  Einfuhr  des 
letzteren  zu  gunsten  des  russischen  sich  verringert  hat.  Es  ist 
anzunehmen,  daP  die  Einfuhr  des  Zuckers  aus  Marseille  voll- 
standig  verdrangt  werden  und  die  Einfuhr  des  russischen  Zuckers 
den  ganzen  Wert  von  10000  Kasten  des  auslandischen  Zuckers  er- 
reichen  wird.  Die  mangelhafte  Verpackung  hemmt  jetzt  die  Ver- 
treibung  des  russischen  Zuckers;  das  fallt  aber  mit  dem  Transport 
der  Waren  auf  der  Eisenbahn  fort. 

Von  den  russischen  Manufakturwaren  wurden  nach  Aser- 
beidjan eingefiihrt: 

im  Jahre  1892  fiir    870278  Rubel 

„      „     1893   „    1558565     „ 

„      „     1894   „    1524261     „ 

„      „     1895   „    1141044     „ 

„      „     1896   „    1131836     „ 

Da  im  Jahre  1889  der  Wert  der  Einfuhr  nur  212684  Rubel 
betrug,  so  hat  sich  dieselbe  bedeutend  gesteigert.  Man  kann 
iiberzeugt  sein,  dap,  wenn  Persien  den  russischen  Kaufleuten  mehr 
zuganglich  sein  wird,  so  werden  sie  dem  Geschmack  und  den 
Wiinschen  der  Perser  mehr  entsprechen,  was  jetzt  das  einzige 
Hindernis  ist,  und  die  Billigkeit  des  Tarifs  wird  den  Preis  be- 
deutend verringern  konnen;  alles  das  wird  dazu  beitragen,  dap 
der  Markt  mit  russischen  Waren  gefiillt  wird,  wie  die  Englander 
das  Monopol  vorerst  noch  im  Siiden  haben. 

Verschiedene  Geschirre  und  Glas  wurden  eingefuhrt: 

im  Jahre  1892  fiir  176936  Rubel 

„       „       1893    „    156996     „ 

„       „       1894    „    134370     „ 

„       „       1895    „    214488     „ 

„       „       1896    „    167547     „ 


—    87    — 

In  diesem  Artikel  tritt  Rupland  mit  Osterreich,  Deutschland 
und  Belgien  in  Wettbewerb,  aber  die  Zerbrechlichkeit  der  Gegen- 
stande  wird  leicht  das  Monopol  in  die  Hande  Ruplands  bringen. 
Naphtha  und  Kerosen  wurden  eingefiihrt: 

im  Jahre  1892  fiir  121280  Rubel 
„       „      1893    „    134435     „ 
„       „       1894    „    164537     „ 
„       „       1895    „    152433     „ 
„       „       1896    „    124164     „ 
Dieses  Produkt  hat  sich  fast  die  Markte  von  ganz  Persien 
erobert.     Wird   es   billiger,    so   wird   es   zweifelsohne   zu   einer 
groperen  Verwendung  kommen. 

Verschiedene  Metalle  und  Metallarbeiten  wurden  eingefiihrt: 
im  Jahre  1892  fiir  304123  Rubel 
„       „       1893    „    291578     „ 
„       „       1894    „    187494     „ 
„       „       1895    „    330804     „ 
„       „       1896    „    278824     „ 
Mit  der  Ausbeutung  der  ortlichen  Reichtiimer  wird  dieser 
Einfuhrartikel  sich  verringern,   aber  dafiir  wird  die  Bahn   den 
Austausch  der  Waren  mit  den  umliegenden  Gebieten  vermitteln. 
Schon  jetzt  werden  Kupfererze  in  Karadagh  durch  Russen  aus- 
gebeutet. 

Tee  wurde  eingefiihrt: 

im  Jahre  1892  fiir      2120  Rubel 
„       „       1893    „       7887     „ 
„       „       1894    „      14522     „ 
„       „       1895    „      37794     „ 
„       „       1896    „      36393     „ 
Die  bedeutende  Steigerung  der  Einfuhr  in  den  Jahren  1895 
und  1896  ist  eine  Folge  der  von  dem  russischen  Finanzminister 
getroffenen  Mapnahmen,  wonach  den  Exporteuren  der  Zoll  zuriick- 
erstattet  ward.    Die  erfolgreiche  Kultivierung  des  Tees  in  Batum 
wird  die  Teeausfuhr  nach  Persien  noch  steigern,  was  die  englischen 
Konsuln  zu  befiirchten  anfangen. 

Die  Gesamtsumme  der  Ausfuhr  von  persischen  Erzeugnissen 
aus  Aserbeidjan  nach  Rupland  erreichte: 

im  Jahre  1895    3802686  Rubel 
„       „       1896    4523048      „ 


—    88    — 

Da  von  gingen  im  Jahre  1895  Waren  im  Werte  von  2454770 
Rubel  iiber  die  Landgrenze  und  solche  im  Werte  von  1247918 
Rubel  iiber  die  Astarasche  Zollstelle;  im  Jahre  1896  fiir  2272645 
bezw.  2121384  Rubel.  Das  persische  Astara  hat  nur  geringe 
Umschlage  inbezug  auf  die  Einfuhr  nach  Rupiand:  1895  im  ganzen 
99990  Rubel,  1896  129018  Rubel.  Betrachtet  man  die  Ausfuhr 
aus  Aserbeidjan,  so  ergibt  sich,  daP  die  Ausfuhrgegenstande  der 
Kultur  des  Landes  entsprechen  und  vorzugsweise  aus  Erzeugnissen 
des  Ackerbaues  und  der  Viehzucht  bestehen. 

Folgende  Tabelle  gibt  den  Wert  der  Einfuhr  aus  Rupiand 
und  der  Ausfuhr  aus  Aserbeidjan  an: 

Einfuhr  aus  Russland  Ausfuhr  aus  Aserbeidjan 

1892  2692444  Rubel  2635019  Rubel 

1893  3783822     „  5389565     „ 

1894  3318884     „  4373701     „ 

1895  4118233     „  3802680     „ 

1896  3809094     „  4523048     „ 

Die  Gesamtsumme  der  Einfuhr  von  Waren  nach  Rupiand 
aus  Persien  iiber  die  russisch-persische  kaukasische  Grenze  betrug 
im  Durchschnitt  pro  Jahr  in  dem  Zeitraum  der  Jahre  1894 — 1897 
etwa  2900000  Pud. 

Die  Haupteinfuhrgegenstande  sind  Getreide,  getrocknete 
Friichte,  Fruchtsaft  und  Rohbaumwolle.  Alle  diese  Artikel  kom- 
men  aus  den  Bezirken  Choi,  Schahu,  Urmia  und  Sontschbulak. 
Die  Eisenbahn  wird  nicht  weniger  als  300000  Pud  Waren  auf- 
nehmen,  denn  ^/^  der  Giiter  werden  auf  einem  naheren  Wege, 
billiger  und  schneller  nach  Tabris  gelangen,  als  auf  den  schlechten 
und  teueren  StraPen  direkt  nach  dem  schururskischen  Zoll.  Diese 
300000  Pud  werden  eine  Strecke  von  385  Werst  bis  Alexandropol 
zuriicklegen.  Wird  ein  durchschnittlicher  Tarif  von  1/50  Kopeken 
fiir  das  Pud  und  die  Werst  angenommen,  so  ergibt  sich  im  ganzen 
eine  Einnahme  von  23000  Rubeln.  Die  folgende  grope  Zollstelle 
ist  Djulfa,  iiber  welche  die  Waren  aus  Tabris  und  ausschliepiich 
nach  Tabris  gehen.  Die  Gesamtsumme  der  nach  Rupiand  einge- 
fiihrten  Waren  betragt  229000  Pud  jahrlich;  sie  haben  bis  Ale- 
xandiopol  450  Werst  zuriickzulegen,  mit  einem  Zuschlag  von 
nur  65  Werst  fiir  die  Waren,  welche  von  Sendjan  und  Miane  nach 
Tabris  transportiert  werden,  denn  diese  Stadt  dient  als  Markt, 
von  wo  aus  die  Waren  verteilt  und  wo  die  Erzeugnisse  der  ganzen 
Umgegend  gesammelt  werden,  deren  Grenze  nicht  auf  70  Werst, 


'—    89    — 

sondern  bedeutend  weiter,  mindestens  auf  200  Werst,  sich  hin- 
zieht.  Werden  zu  den  229000  Pud  noch  44500  Pud  der  Kara- 
tschugschen  Zollstelle  hinzugefiigt,  deren  Waren  unzweifelhaft 
von  der  Eisenbahn  aufgenommen  werden,  so  ergeben  sich  273500 
Pud  Waren,  welche  eine  Gesamteinnahme  von  25000  Rubeln 
geben. 

Die  Ordubadsche  Zollstelle,  25  Werst  ostlich  von  Djulfa, 
wird  alle  ihre  Giiter  der  neuen  Bahn  iibergeben,  Im  Durchschnitt 
sind  es  73250  Pud,  die  iiber  sie  geschafft  werden.  Die  meisten 
Waren  kommen  aus  der  Umgegend  von  Ordubad;  folglich  durch- 
lauf en  sie  auf  dem  persischen  Territorium  nicht  iiber  80  Werst  und 
260 Werst  vonDjulfa  bisAlexandropol,  im  ganzen  also  340 Werst.  Es 
ist  anzunehmen,  daP  von  diesen  Waren  hochstens  13000  Pud  in  den 
Grenzbezirken  verausgabt  werden;  folglich  kann  auf  60000  Pud 
Giiter  gerechnet  werden,  welche  mit  einer  Entfernung  von  340 
Werst  nach  einem  Tarif  von  1/5Q  Kopeke  von  dem  Pud  und  der 
Werst  etwa  4100  Rubel  bringen.  Die  Einfuhr  der  Waren  iiber 
den  Bagram-Tapinskischen  Obergangspunkt,  Djebrailskischen  Zoll, 
Beljasuwerskischen  Zoll  und  die  Schaturlinskische  Ubergangsstelle 
ergibt  eine  Summe  von  etwa  einer  Million  Pud.  Verbleiben  etwa 
420000  Pud  in  den  Grenzbezirken,  so  wird  die  Bahn  weit  mehr 
als  6000  Pud  aufnehmen,  denn  bei  der  Betrachtung  der  Einfuhr 
inbezug  auf  die  Artikel  ist  ersichtlich,  dap  die  Gegenstande  weiter 
verbreitet  werden,  als  an  Ort  und  Stelle,  und  nimmt  man  folglich 
die  zu  durchlaufende  Strecke  auf  260  Werst  an,  so  wird  man  bei 
dem  bereits  erwahnten  Tarif  eine  Gesamteinnahme  von  31200 
Rubel  erzielen.  Endlich  gehen  869750  Pud  iiber  die  Astarasche 
Zollstelle  nach  Rupiand.  Das  sind  aber  Waren,  die  von  Ardebil 
und  seinem  Markte  kommen,  von  dem  schon  oben  die  Rede  war. 
Deshalb  ist  darauf  zu  rechnen,  dap  700000  Pud  der  Astaraschen 
Waren  auf  der  projektierten  Bahn  transportiert  werden.  Die  zu 
durchlaufende  Entfernung  wird  385  Werst  betragen  und  die  Ge- 
samteinnahme wird  bei  einem  Tarif  von  1/30  Kopeke  von  dem 
Pud,  da  fast  die  ganze  Einfuhr  iiber  Astara  aus  Friichten  und 
Beerensaft  besteht,  89000  Rubel  sein.  Die  ganze  Einfuhr  nach 
Rupiand  auf  der  Eisenbahn  betragt  1933500  Pud  und  wird  min- 
destens eine  Gesamteinnahme  von  172300  Rubel  ergeben. 

Die  Ausfuhr  aus  Rupiand  nach  Persien  iiber  alle  Grenzen 
ist  nur  um  2  Millionen  Rubel  geringer  als  die  Einfuhr  in  umge- 
kehrter  Richtung,  aber  die  Ausfuhr  aus  Rupiand  iiber  den  russisch- 


—    90    — 

persischen  Abschnitt  der  kaukasischen  Grenze  ist  mindestens  zwei- 
und  auch  dreimal  geringer  als  die  Einfuhr.  Die  durchschnitt- 
liche  Summe  der  ausgefiihrten  Waren  betragt  im  ganzen  450200 
Pud  im  Werte  von  1761000  Rubel.  Geht  man  von  denselben 
Erwagungen  aus  wie  bei  der  Einfuhr,  so  ergibt  sich,  dap  iiber  die 
Schaturlinskische  Zollstelle  25000  Pud,  iiber  die  Karatschagsche 
3000  Pud,  iiber  die  Djulfasche  49000  Pud  Waren  gehen,  zusammen 
also  77000  Pud,  welche  nicht  weniger  als  500  Werst  zu  durch- 
laufen  haben,  indem  sie  weiter  siidlich  nach  Miane  und  Send- 
jan  gehen;  die  Gesamteinnahme  der  Bahn  wird  7700  Rubel 
betragen.  Uber  die  Ordubadsche  Zollstelle  gehen  700  Pud;  die 
Djebrailskische  2500  Pud;  die  Bagram-Tapinskische  100000  Pud 
und  iiber  die  Schaturlinskische  20000  Pud;  alles  das  betragt  eine 
Summe  von  129000  Pud,  die  bei  einem  400  Werst  langen  Trans- 
port und  einem  Tarif  von  1/50  Kopeken  pro  Pud  eine  Gesamt- 
einnahme von  10400  Rubel  ergeben  werden.  Endlich  von  den 
326250  Pud  der  Astaraschen  Zollstelle  en tf alien  auf  die  Eisenbahn 
250000  Pud  Waren,  die  nicht  weniger  als  500  Werst  zu  durch- 
laufen  haben  und  nach  jenem  Tarif  eine  Gesamteinnahme  von 
25000  Rubel  geben.  Somit  betragen  alle  Waren,  die  aus  Rupland 
nach  Persien  gehen,  456000  Pud  mit  einer  Gesamtsumme  von 
43100  Rubel. 

Zu  alien  diesen  Berechnungen  ist  noch  die  Einfuhr  und  Aus- 
fuhr  der  Waren  des  Hafens  des  persischen  Astara  zuzufiigen. 
Nach  den  Berichten  des  russischen  Konsuls  hatten  die  russischen 
in  diesen  Hafen  eingefiihrten  Waren  im  Jahre  1896  einen  Wert 
von  1971062  Rubel,  die  ausgefiihrten  einen  solchen  von  129018 
Rubel.  Da  die  Puds,  die  jenen  Wert  reprasentieren,  nicht  ange- 
geben  sind,  muP  man  auf  die  Gesamtsumme  der  aus  dem  kauka- 
sisch-kaspischen  Abschnitt  eingefiihrten  und  ausgefiihrten  Waren 
zuriickgreifen.  Hier  wurden  im  Jahre  1896  fur  8899472  Rubel 
3384000  Pud  nach  Persien  aus  Rupland  ausgefiihrt,  wahrend  die 
Einfuhr  nach  Rupland  aus  Persien  auf  demselben  Abschnitt 
4576000  Pud  im  Werte  von  5148571  Rubel  betrug.  Stellt  man 
diese  Zahlen  mit  den  Daten  der  Einfuhr  und  Ausfuhr  des  Hafens 
des  persischen  Astara  zusammen,  so  ergeben  sich  im  Verhaltnis 
752000  Pud  fiir  die  Einfuhr  und  114400  Pud  fur  die  Ausfuhr. 
Bedenktman,  dap  die  Frachten  fiir  die  Waren  1.,  2.,  3.  Klasse  von 
Baku  bis  Astara  15, 12  und  9  Kopeken  betragen,  aber  auf  der  Eisen- 
bahn von  Baku  bis  Tabris  33 — 20  Kopeken  nach  dem  Tarif  zu  1/30 


—    91    — 

und  1/50  Kopeken,  so  ist  anzunehmen,  daP  mindestens  die  Halfte 
der  Waren  auf  der  Eisenbahn  transportiert  werden  wird.  Von 
Astara  gehen  mehr  als  die  Halfte  der  Waren  nach  Tabris  und  die 
iibrigen  von  Ardebil  in  die  Bezirke,  die  mit  ihnen  versehen  werden. 
Gibt  man  zu,  daP  Ardebil  sich  mit  den  iiber  See  transportierten 
Giitern  versieht,  obgleich  auch  das  noch  sehr  willkiirlich  ist,  da 
die  doppelte  Umladung  in  Baku  und  Astara  und  auch  die  Lange 
des  See-  und  Landtransports  von  Astara  bis  Ardebil  und  endlich 
die  hohen  Transportkosten  auf  der  Ardebilschen  Strape  die  Arde- 
bilschen  Waren  abziehen  und  veranlassen  konnen,  daP  sie  den 
Umweg,  aber  viel  billigeren  Weg  nehmen.  So  nimmt  die  Bahn 
von  den  752000  Pud  400000  Pud  der  Seegiiter  auf  und  wird  bei 
der  zu  durchlaufenden  Strecke  von  385  Werst  von  Alexandropol 
bis  Tabris  und  dem  Tarif  von  1/50  Kopeken  fiir  das  Pud  eine  Ge- 
samteinnahme  von  30800  Rubel  geben.  So  stellt  sich  die  Ge- 
samteinnahme  auf  der  Bahn  Tabris-Alexandropol  wie  folgt: 

fur  die  Einfuhr  nach  Rupland      172300  Rubel 
„     „     Ausfuhr  nach  Persien        43100     „ 
„     „     Astaraschen  Seegiiter        30800     „ 

zusammen  346200  Rubel. 

Von  den  Aserbeidjanschen  gehen  wir  zu  den  Teheranschen 
Waren  iiber.  Bis  jetzt  erhielt  der  Teherankische  Markt  die 
russischen  Waren  ausschliepiich  auf  dem  Seewege,  und  die  rus- 
sische  Regierung  trug  auf  jede  Weise  zur  Verbilligung  dieser 
Waren  bei.  Sie  zahlte  der  Dampfschiffgesellschaft  „Kawkas  und 
Merkurii"  Subsidien,  welche  sehr  bedeutend  waren,  aber  einen 
geringen  Nutzen  brachten.  Die  Gesellschaft  unterhielt  nur  die 
pflichtmapigen  Fahrten,  und  die  Frachten  waren  so  hohe,  daP 
die  Eisenbahn  ohne  Zweifel  alle  Waren  und  auch  einen  Teil  der 
Erzeugnisse  Gilans  und  Astrabads  aufnehmen  wird.  Zum  Beispiel 
betragen  die  Frachten  von  Baku  bis  Enseli  fiir  die  Waren  1.,  2. 
und  3.  Klasse  20,  15  und  11  Kopeken  fiir  das  Pud;  Zuckerraffinade 
und  Baumwolle  auch  15  Kopeken  fiir  das  Pud.  Zu  diesen  Fracht- 
kosten  sind  auch  fiir  die  Teheranschen  Waren  die  Kosten  fiir 
das  Aufladen  in  Baku  und  das  Abladen  in  Enseli  zu  rechnen.  Dazu 
kommt  noch,  daP  die  Waren  auf  Barkassen  iiber  die  Enselische 
Bucht  geschafft  werden  miissen.  Fiir  die  russischen  Waren  be- 
tragen die  Ausgaben  fiir  den  Transport  von  Enseli  nach  Piribasar, 
der  Anfangsstation  der  Chausse,  2  Kopeken  fiir  das  Pud  Zucker 


—     92     — 

und  annahernd  ebenso  viel  fiir  alle  Waren.  Auperdem  stellt  sich  die 
Kommissionsgebiihr  in  Enseli  auf  1  Kopeke  fiir  das  Pud,  zusammen 
3  Kopeken.  In  Baku  werden  fiir  das  Aufladen  mindestens  2  Ko- 
peken  fiir  das  Pud  erhoben.  Fiir  den  Transport  von  Piribasar 
nach  Kaswin  kostet  das  Lasttier  80  Kopeken,  Wenn  man  an- 
nimmt,  daP  ein  Pferd  durchschnittlich  8  Pud  fortschafft,  so 
kommt  der  Transport  eines  Puds  auf  10  Kopeken  zu  stehen.  Der 
Transport  eines  Puds  von  Baku  bis  Kaswin  kostet  im  ganzen 
35,  30  und  26  Kopeken  fiir  die  Waren  1.,  2.  und  3.  Klasse. 
Dagegen  betragt  der  Transport  eines  Puds  mit  der  Eisenbahn  von 
Baku  bis  Kaswin  (1375  Werst)  nur  22V2  Kopeken  bei  einem 
Tarif  von  1/5^  Kopeken  fiir  das  Pud. 

AuPerdem  ist  bei  den  Kosten  fiir  die  Seegiiter  noch  nicht 
die  Bezahlung  des  Transports  der  Waren  nach  Baku  gerechnet. 
Baku  liefert  nur  Naphtha  und  dessen  Produkte,  wahrend  alle 
iibrigen  Waren,  die  aus  Transkaukasien  kommen,  noch  auf  der 
Transkaspischen  Bahn  transportiert  werden  miissen;  somit  sind 
durchschnittlich  noch  mehrere  Kopeken  auf  das  Pud  zuzuschlagen, 
wahrend  andererseits  von  den  Giitern,  die  die  Eisenbahn  nach 
Teheran  benutzen  werden,  diese  Kopeken  abzuziehen  sind.  Alles 
das  spricht  dafiir,  daP  die  Eisenbahn  die  voile  Moglichkeit  haben 
wird,  inbezug  auf  Billigkeit  den  Wettbewerb  mit  den  Seegiitern 
auizunehmen,  um  so  mehr,  als  sie  einen  bedeutenden  Zeitgewinn 
herbeifiihren  wird.  So  legt  ein  Dampfschiff  die  Strecke  von  Baku 
nach  Enseli  in  2  und  mehr  Tagen  zuriick.  AuPerdem  brauchen  die 
Waren,  um  von  Rescht  bis  Kaswin  zu  gelangen,  mindestens  eine 
Woche;  somit  betragt  die  Zeit,  die  bei  der  Benutzung  des  Meeres 
fiir  den  Transport  nach  Teheran  erfcrderlich  ist,  etwa  2  Wochen. 
Die  Eisenbahn  wird  dieselben  Waren  von  Baku  nach  Teheran  in 
etwa  5 — G  Tagen  schaffen.  Endlich  ist  das  letzte  und  wichtigste, 
dap  die  Anzahl  der  Fahrten  nach  den  persischen  Hafen  zu  gering 
ist;  auf  eine  Vermehrung  der  Dampfschiffe  ist  nicht  zu  rechnen. 
Im  Gegenteil,  ihre  Zahl  wird  sich  wahrscheinlich  verringern,  da 
bei  deni  Wettbewerb  mit  der  Eisenbahn  die  Frachtkosten  herab- 
gesetzt  werden  miissen,  was  ihnen  unvorteilhaft  ist.  Sie  halten 
nur  die  Fahrten  aufrecht,  damit  die  Regierung  sie  mit  Subsidien 
unterstiitzt.  Fallen  diese  fort,  so  wird  die  Bahn  keine  Wettbe- 
werber  mehr  haben. 

Die  auf  den  kaukasisch-kaspischen  Abschnitt  entfallenden 
Giiter  beziffern  sich  in  dem  Zeitraum  1894 — 1897  im  Durchschnitt 


—    93    — 

jahrlich  auf  3145250  Pud  im  Werte  von  9209769  Rubel.  Davon 
entf alien  auf  die  Ausfuhr  aus  Baku  3047750  Pud,  so  dap  nur 
100000  Pud  den  ubrigen  Hafen  des  Kaukasus  verbleiben.  Astra- 
chan  fiihrt  all  jahrlich  500000  Pud  nach  Persien  aus.  Mit  diesen 
Werten  zusammen,  die  zur  See  aus  dem  Transkaspischen  Zollbezirk 
kommen,  stellt  sich  die  Ausfuhr  aus  Rupland  nach  Persien  auf 
dem  Seewege  auf  etwa  3860000  Pud,  wo  von  etwa  3  Millionen  Pud 
nach  den  siidlichen  kaspischen  Hafen  Persiens  gehen.  Die  iibrigen 
werden  hauptsachlich  nach  dem  Hafen  Persisch-Astara  trans- 
portiert,  nach  welchem  nach  der  obigen  Berechnung  etwa  800000 
Pud  kommen.  Aus  den  Berichten  der  russischen  Konsuln  in  Gilan 
und  Astrabad  ist  ersichtlich,  dap  im  Jahre  1893  aus  Rupland 
nach  Persien  iiber  die  Hafen  Enseli  und  Lengerud  1542525  Pud 
ausgefiihrt  wurden.  Im  Jahre  1890  wurden  aus  Rupland  nach 
Persien  iiber  die  Reeden  von  Gjas  und  Meschedisser  384402  Pud 
im  Werte  von  2272829  Rubel  geschafft.  Die  Daten  der  beiden 
Konsuln  beziehen  sich  auf  die  Jahre  1890 — 1893  und  beziffern 
sich  auf  2  Millionen.  In  den  letzten  Jahren  ist  die  Einfuhr  in 
die  siidlichen  persischen  Hafen  am  Kaspischen  Meere  gewachsen. 
Die  3  Millionen  Pud,  die  jetzt  nach  diesen  Hafen  kommen,  teilen 
sich  folgendermapen:  2^/2  Millionen  Pud  gehen  nach  Enseli  und 
Lengerud  und  nur  500000  Pud  nach  Gjas  und  Meschedisser.  Die 
letzten  500000  Pud  werden  nicht  bei  den  Giitern  dieses  Abschnitts 
gerechnet,  weil  fast  die  Halfte  zur  See  aus  den  Hafen  des  Trans- 
kaspischen ZoUbezirks  kommt  und  die  andere  den  Seeschiffen 
verbleibt.  Von  den  2^/2  Millionen  Pud,  die  nach  Enseli  gehen,  kann 
die  geplante  Eisenbahn  vollstandig  auf  2  Millionen  Pud  rechnen, 
um  so  mehr,  da  die  Enselischen  Giiter  nicht  nur  nach  Teheran, 
sondern  auch  nach  Kaswin  und  Sendjan  gehen,  was  sie  bei  dem 
Transport  auf  der  Eisenbahn  noch  mehr  verbilligt.  Durchlaufen 
diese  2  Millionen  Pud  die  902  Werst  lange  Strecke  von  Alexan- 
dropol  nach  Teheran,  so  ergibt  das  bei  einem  Tarif  von  V50  Ko- 
peken  fiir  das  Pud  und  die  Werst  eine  Gesamteinnahme  von 
300800  Rubel.  Was  den  Transport  aus  Persien  nach  Rupland 
betrifft,  so  werden  auf  dem  Kaukasisch-Kaspischen  Abschnitt 
im  Durchschnitt  fiir  den  Zeitraum  1894 — 1897  5  Millionen  Pud 
jahrlich  eingefiihrt,  davon  entf  alien  4840000  Pud  auf  die  Ein- 
fuhr nach  Baku.  Nach  Astrachan  werden  aus  Persien  jahrlich 
1185000  Pud  ausgefiihrt.  Kommen  dazu  noch  60000  Pud,  die 
iiber  das  Meer  in  den  Transkaspischen  Abschnitt  eingefiihrt  wer- 


—    94    — 

den,  so  ergibt  das  eine  jahrliche  See-Einfuhr  von  6245000  Pud 
persischer  Waren.  Bleiben  die  Astrachanschen  und  Transkaspi- 
schen  Waren  auper  Rechnung,  so  bleiben  nur  5  Millionen  Pud 
iibrig,  die  hauptsachlich  nach  Baku  gehen,  von  welchen  min- 
destens  4  Millionen  auf  die  Eisenbahn  iibergehen  werden,  die  bei 
einem  Transport  von  902  Werst  und  jenem  Tarif  eine  Gesamt- 
einnahme  von  721600  Rubel  bringen  werden. 

Im  ganzen  beziffert  sich  die  Einnahme  fiir  die  Ausfuhr  aus 
Rutland  nach  Persien  auf  den  Teheranschen  Abschnitt  der  geplan- 
ten  Bahn  auf  360800  Rubel,  fiir  die  Einfuhr  aus  Persien  nach 
Rupland  721600  Rubel,  zusammen  1082400  Rubel. 

Dem  ist  noch  die  Halfte  aller  Waren  zuzufiigen,  die  nach 
Schahrud  und  zuriick  gehen,  d.  i.  21/0  Millionen  Pud  auf  einer 
Entf  ernung  von  390  Werst,  was  bei  einem  durchschnittlichen  Tarif 
von  1/.-0  Kopeken  fiir  das  Pud  und  die  Werst  eine  Gesamteinnahme 
von  200000  Rubeln  geben  wird.  Mit  den  friiheren  1082400  Ru- 
beln  zusammen  erzielt  die  Bahn  unter  Aufnahme  der  zur  See 
beforderten  Waren  eine  Gesamteinnahme  von  1282400  Rubeln. 

Was  den  Abschnitt  Teheran-Meschhed-Kuschk  betrifft,  so 
kann  der  Bericht  des  russischen  Generalkonsuls  in  Meschhed  fiir 
das  Jahr  1895  vorzugsweise  zugrunde  gelegt  werden.  Am  13. 
Januar  1895  erfolgte  die  regelma^ige  Zollkontrolle  auf  der  Trans- 
kaspischen  Grenze.  Danach  betrug  die  Handelsbilanz  Chorassans 
inbezug  auf  die  Einfuhr,  die  Ausfuhr  und  den  Transit  8236000 
Kreditrubel:  auf  die  Einfuhr  entfieien  3328000,  auf  die  Ausfuhr 
2073000  Rubel,  wahrend  die  iibrigen  2835000  Rubel  auf  den 
Transit  der  indisch-britischen  Waren,  die  durch  Chorassan  nach 
dem  transkaspischen  Gebiet  geschafft  wurden,  und  auf  den  Trans- 
port der  russischen  Waren  nach  Afghanistan  kamen.  Von  der 
Gesamtsumme  der  Einfuhr  der  auslandischen  Waren  nach  Cho- 
rassan entf  alien  auf  Rupland  1950000,  auf  Indien  und  Europa 
1175000  und  auf  Afghanistan  203000  Rubel. 

Von  den  nach  Chorassan  eingefiihrten  russischen  Waren 
bleiben  die  meisten  in  diesem  Gebiet;  nach  Afghanistan  werden 
Waren  im  Werte  von  163000  Rubeln  geschafft.  Die  Hauptartikel 
der  russischen  Ausfuhr  sind  raffinierter  und  Rohzucker;  ersterer 
im  Jahre  1895  in  einer  Menge  von  100000  Pud,  im  Jahre  1897 
von  176000  Pud;  letzterer  1895  32000,  1897  66000  Pud.  Der 
zweite  Hauptausfuhrgegenstand  sind  Baumwollgewebe  unci  iind<?re 


—    95    — 

Baumwollarbeiten,  deren  Gesamtmenge  im  Jahre  1895  einen  Wert 
von  737000  Rubeln  erreichte. 

Die  indischen  Waren  kommen  uber  Bombay,  Bender-Abbas 
iind  Kirman,  die  europaischen  iiber  Trapezunt  nach  Tabris  und 
Teheran. 

Die  Ausfuhr  von  persischen  Waren  aus  Chorassan  nach  Rup- 
land  betrug  1895  511000  Pud  im  Werte  von  2073000  Rubel. 
Die  indisch-britischen  Waren,  die  nach  Rutland  iiber  Meschhed 
kamen.  hatten  einen  Wert  von  2327000  Rubel.  Die  Gesamtsumme 
der  Einfuhr  aus  Persien  auf  der  Transkaspischen  Landstrecke 
betrug  im  Jahre  1895  4400000  Rubel.  Nach  der  Ubersicht  iiber 
den  Aupenhandel  betrug  diese  Einfuhr  im  Jahre  1895  4567641 
Rubel  Oder  1845000  Pud.  Die  indisch-europaischen  Transitwaren 
betrugen  1300000  Pud.  Endlich  sind  noch  die  Transitwaren  zu 
berechnen,  die  von  Trapezunt  nach  Tabris-Teheran  und  Meschhed 
gehen.  Sie  werden  von  Trapezunt  nach  Tabris  geschafft,  wo 
persische  Kaufleute  schon  Waren  kaufen  und  sie  nach  Meschhed 
schicken.  Nach  dem  Bericht  des  englischen  Konsuls  fiir  das 
Handelsjahr  1895 — 1896  wurden  auf  diesem  Wege  Waren  im 
Werte  von  241660  Rubel  oder  25000  Pud  geschafft.  Es  ergibt 
sich  also  eine  Gesamteinnahme:  von  der  Einfuhr  der  Waren  aus 
Chorassan  nach  Rupiand  nach  dem  Durchschnitt  fiir  die  Jahre 
1895—1897  1021000  Pud,  einschliepiich  der  Transitwaren  aus 
Indien  und  Europa  und  der  ortlichen  persischen.  Auf  diese  ganze 
Menge  Waren  kann  der  Abschnitt  von  Meschhed  nach  Kuschk 
rechnen,  weil  bis  jetzt  die  Halfte  dieser  Waren  nach  Aschabad 
ging,  wo  sie  auf  der  Transkaspischen  Eisenbahn  weitertranspor- 
tiert  wurden.  Wenn  man  bedenkt,  dap  es  sogar  fiir  die  Waren, 
welche  nach  Aschabad  gehen,  vorteilhafter  sein  wird,  den  Um- 
weg  nach  Kuschk  und  Merw  einzuschlagen,  als  direkt  nach  Ku- 
tschan  und  Aschabad  transportiert  zu  werden,  so  ist  es  klar, 
dap  alle  iibrigen  Waren  um  so  mehr  auf  der  Eisenbahn  fortge- 
schafft  werden,  indem  man  die  Billigkeit  und  Schnelligkeit,  mit 
welcher  die  groPen  Entfernungen  zuriickgelegt  werden,  den  gros- 
seren  Kosten  mit  der  kiirzesten  Entfernung  vorzieht.  Folglich 
erhalt  die  Bahn  von  der  Million  Pud  bei  der  300  Werst  langen 
Strecke  von  Meschhed  nach  Kuschk  und  bei  dem  Tarif  von  ^/gg 
Kopeken  pro  Pud  und  Werst  eine  Gesamteinnahme  von  60000 
Rubel.  In  umgekehrter  Richtung  von  Kuschk  nach  Meschhed 
und  weiter  nach  Westen  nimmt  die  Bahn  im  ganzen  40 000. Pud 


—    96    — 

auf,  wenn  auch  tatsachlich  schon  im  Jahre  1897  458000  Pud  nach 
Chorassan  ausgefiihrt  wurden;  wenn  jetzt  schon  ^/^  der  Waren 
direkt  nach  Meschhed  gehen  und  dort  unter  den  Bezirken  verteilt 
werden,  so  werden  um  so  mehr  Waren  nach  Meschhed  auf  der 
Eisenbahn  transportiert  werden.  Die  von  diesen  Waren  zuriick- 
zulegende  Strecke  betragt  mindestens  600  Werst,  da  auch  jetzt 
ein  bedeutender  Teil  von  ihnen  in  der  Richtung  auf  Schahrud 
geht.  Die  Gesamteinnahme  wird  bei  jenem  Tarif  48000  Rubel 
betragen.  Auper  dieser  Gesamteinnahme  konnen  auch  die  Transit- 
giiter,  die  iiber  Trapezunt  nach  Tabris  und  Meschhed  geschafft 
werden,  in  Rechnung  gestellt  werden.  Nach  der  obigen  Be- 
rechnung  betragt  die  Menge  der  europaischen  Giiter,  die  diesen 
Weg  einschlagen,  jetzt  25000  Pud.  Diese  25000  Pud  miissen 
519  Werst  von  Tabris  bis  Teheran  und  840  Werst  von  Teheran 
bis  Meschhed  zuriicklegen.  Somit  werden  die  europaischen  Transit- 
giiter  6800  Rubel  einbringen,  indem  sie  1360  Werst  zu  durch- 
laufen  haben.  Auch  der  Handel  Chorassans  mit  Afghanistan  kann 
berechnet  werden.  So  wurden  im  Jahre  1892  aus  Herat  nach 
Chorassan  12000  Pud  im  Werte  von  938556  Kran  eingefiihrt. 
In  den  letzten  Jahren  hat  sich  die  Einfuhr  auPer  nach  der  einen 
auch  nach  der  anderen  Seite  verandert.  Wird  diese  Menge  mit 
in  Rechnung  gestellt,  so  wii'd  die  Gesamteinnahme  bei  der  300 
Werst  langen  Strecke  von  Kuschk  nach  Meschhed  1920  Rubel 
betragen.  Aus  Chorassan  nach  Afghanistan  wurden  im  Jahre 
1893  63000  Pud  ausgefiihrt;  davon  sind  aber  25000  Pud  russischer 
Waren  auszuscheiden,  die  aus  Rupiand  iiber  Chorassan  nach  Af- 
ghanistan transportiert  werden.  Ein  solcher  Transport  ist  anormal; 
mit  der  Herstellung  regelmapiger  Handelsbeziehungen  mit  Af- 
ghanistan wird  sich  das  aber  andern,  denn  die  Waren  werden  direkt 
von  Merv^  nach  Kuschk  und  Herat  gehen.  Nach  Abzug  von 
25000  Pud  russischer  Waren  von  jenen  63000  Pud  bleiben 
18000  Pud,  welche  unzweifelhaft  mit  in  Rechnung  gestellt  wer- 
den konnen  und  bei  einer  zu  durchlaufenden  Strecke  von  300 
Werst  und  jenem  Tarif  eine  Gesamteinnahme  von  2280  Rubel 
geben  werden. 

Summiert  man  die  ganze  Gesamteinnahme  der  geplanten  Bahn 
von  den  transportierten  Giitern  aus  Chorassan  nach  Rupiand  und 
umgekehrt  einschlieplich  der  afghanischen  und  der  indisch-euro- 
paischen  Transitgiiter,  sowie  von  den  aus  Trapezunt  kommenden, 
so  betragt  sie  120000  Rubel. 


—    97    — 

Die  Gesamteinnahme  der  ganzen  Linie  wird  betragen: 

auf  den  1.  Abschnitt,  dem  Tabrisschen  250000  Rubel 

,.      „     2.  „  „     Teheranschen     1282400      ., 

„      .,     3.  „  „     Meschhedschen     120000      ., 

zusammen  1652400  Rubel. 

Wir  wenden  uns  nun  von  den  Giitern,  die  ausgetauscht  wer- 
den,  zu  den  Transitgiitern.  Es  werden  dabei  die  Daten  aus  der 
Statistik  der  Transporte  auf  der  Transkaspischen  Eisenbahn  be- 
nutzt,  welche  ein  vollstandig  sicheres  Material  geben.  Diese 
Daten  sind  aber  als  ein  Minimum  anzusehen,  da  in  dem  Bericht 
fiir  das  Jahr  1898,  der  hier  als  Grundlage  angenommen  wird, 
keine  Angaben  fiir  die  Andishansche,  Murgabsche  und  Tasch- 
kenter  Bahn  vorhanden  sind.  AuPerdem  ist  die  Transkaspische 
Eisenbahn  nicht  die  einzige  Verbindung  zwischen  Mittelasien  und 
dem  Zentralrupiand.  Bis  jetzt  transportieren  die  Karawanen  noch 
Hunderttausende  von  Lasten. 

Es  warden  auf  der  Transkaspischen  Eisenbahn  Giiter  trans- 
portiert: 

1.  Inbezug  auf  die  Absendung  von  den  Stationen  der  Bahn: 

im  Jahre  1894       10344046  Pud 
.,       1895       12834162    ., 
„       1896       12600297    „ 

2.  Inbezug  auf  die  Ankunft  auf  den  Stationen  der  Bahn: 

im  Jahre  1894       11502760  Pud 
„       1895         8502147     „ 
„       1896       10390557    „ 

Beriicksichtigt  man  die  Transitsendungen  der  Stadtstationen 
Buchara,  Taschkent,  Samarkand  u.  a.  nach  Rupland  und  umge- 
kehrt  aus  Rupland  nach  diesen  Stationen  und  auch  die  Transporte 
von  Station  zu  Station,  so  ergeben  sich,  nach  den  Daten  des 
Jahres  1896,  14216000  Pud  Giiter,  die  den  festgesetzten  Tarif 
zu  zahlen  haben.  Im  dreijahrigen  Durchschnitt  betragen  sie 
13900000  Pud. 

Bei  der  Berechnung  der  Transitgiiter,  welche  die  Eisenbahn 
aufnimmt,  ist  auch  die  wahrscheinliche  Bewegung  der  Giiter  auf 
der  Taschkent-Orenburgbahn  zu  beriicksichtigen,  welche  noch  im 
Bau  l)egriffen  ist. 

Die  Beziehungen  Ru&lauds  zu  Persieu.  7 


—    98    — 

Aus  der  statistischen  Tabelle  der  Einfuhr,  der  Ausfuhr  und 
des  Transits  der  Giiter,  die  im  Jahre  1896  auf  der  Bahn  trans- 
portiert  wurden,  ist  ersichtlich,  daP  auf  der  Transkaspischen 
Eisenbahu  aus  Eupiand  und  Kaukasien  nach  den  Stationen  Buchara 
und  Taschkent  2793000  Pud  versandt  wurden,  da  von: 
Weizenmehl  und  Weizen  43000  Pud 
Manufakturwaren  742000    „ 

Raffinierter  Zucker  178000    „ 

Rohzucker  191000    „ 

Bauholz  216000    „ 

Kerosen  276000    „ 

Eisen  und  Eisenarbeiten     211000    „ 
Tee  108000    „ 

Die  gesamte  Einfuhr  aus  Rutland  und  Kaukasien  betrug 
im  Jahre  1896  41/2  Millionen  Pud  Giiter;  davon  werden  aber  nur 
die  Transitgiiter  nach  Buchara  und  Turkestan  zu  beriicksichtigen 
sein,  fiir  welche  es  vorteilhafter  sein  wird,  die  geplante  Eisenbahn 
zu  benutzen;  auch  auf  die  kaukasischen  und  siidlichen  Giiter  ist 
zu  rechnen,  die  schneller  und  billiger  durch  Persien  als  nach 
Orenburg  und  Taschkent  transportiert  werden. 

Die  Einfuhrwaren  aus  Rupiand  und  Kaukasien  wurden  wie 
folgt  transportiert: 

1.  Getreide  (98  Proz.)  geht  aus  dem  nordlichen  Kaukasien 
iiber  Petrowsk.  Die  Menge  des  Transitgetreides  ist  unbedeutend 
(43000  Pud),  und  auPerdem  wird  die  Bahn  dieses  Gut  wahr- 
scheinlich  nicht  aufnehmen,  weil  trotz  der  hohen  Fracht  von 
Petrowsk  nach  Krassnowodsk  von  10 — 12—14  Kopeken  pro  Pud, 
der  Seetransport  bedeutend  kiirzer  ist,  so  daP  der  Transport  von 
Getreide  auf  diesem  Wege  billiger  sein  wird. 

2.  Die  Manufakturwaren  kommen  hauptsachlich  aus  dem  Mos- 
kauer  Rayon;  aus  dem  Weichselgebiet  nicht  iiber  25  Proz.;  folg- 
lich  kann  von  den  oben  angegebenen  742000  Pud  auf  200000  Pud 
gerechnet  werden,  die  nach  Odessa-Batum  geschafft  werden  und 
als  Transitgiiter  iiber  Persien  nach  den  Markten  Buchara  und 
Turkestan  gehen. 

3.  Zucker  liefern  fast  ausschliepiich  der  Kiewer  und  Charkower 
Rayon;  Moskau  nur  15000 — 6000  Pud.  Bis  jetzt  wurde  der  Zucker 
iiber  Zarizyn-Astrachan  transportiert  und  nur  20  Proz.  ging  als 
Transitgut  durch  Kaukasien.     Mit  der  Durchfiihrung  der  neuen 


—    99    — 

Bahn  wird  es  fiir  den  ganzen  Bucharaschen  und  teilweise  fiii-  den 
Turkestanschen  Zucker,  besonders  i'iir  den  aus  dem  Kiewschen 
Rayon  kommenden  vorteilhafter  sein,  nach  Odessa-Batum  und 
durch  Persien  geschafft  zu  werden;  man  kann  auf  70  Proz, 
Zucker,  also  auf  300000  Pud  rechnen. 

4.  Bauholz  geht  von  der  Wolga  iiber  Astrachan.  Die  geplante 
Bahn  kann  auf  seinen  Transport  nicht  rechnen.  Am  wahrschein- 
lichsten  ist  es,  daP  Nordpersien  Turkestan  reichlich  mit  Holz 
versorgen  wird;  jedenfalls  wird  das  die  ortliche  Ausfuhr  erhohen. 

5.  Kerosen  und  Naphthaprodukte  kommen  aus  Baku  und 
konnen  von  der  neuen  Bahn  aufgenommen  werden.  Es  besteht 
fiir  den  Transport  ein  besonderer  Tarif,  und  bei  solchen  weiten 
Entfernungen  (iiber  2000  Werst)  werden  30  Proz.  abgezogen  wer- 
den; werden  die  Transportkosten  noch  verringert,  wird  der  Trans- 
port dieser  Produkte  nicht  teurer  werden,  als  jetzt  auf  dem 
Kaspischen  Meere  und  der  Transkaspischen  Bahn.  300000  Pud 
werden  der  Bahn  zufallen. 

6.  Eisen  und  Eisenarbeiten  liefern  der  Ural,  die  siidlichen 
und  Weichselgouvernements.  Vom  Ural  kommen  42  Proz.,  wah- 
rend  die  iibrigen  58  Proz.  auf  den  Siiden  und  das  Weichselgebiet 
entfallen.  Verbleiben  42  Proz.  der  Orenburg-Taschkentbahn,  kann 
auf  58  Proz.,  auf  120000  Pud  dieser  Giiter,  gewip  gerechnet 
werden. 

Somit  sind  allein  von  den  HauptgUtern  bei  einer  strengen 
Bewertung  etwa  eine  Million  Pud  Transiteinfuhrgiiter  berechnet. 
Von  den  iibrigen  Artikeln  kann  man  noch  auf  5  Millionen  Pud, 
also  im  Ganzen  auf  1500000  Pud  oder  nur  auf  die  Halfte  aller 
der  Giiter  rechnen,  welche  jetzt  aus  Rupiand  und  Kaukasien 
nach  der  Station  Buchara  und  Turkestan  transportiert  werden. 

Diese  Zahl  ist  weit  niedriger,  als  die  tatsachliche  Transit- 
Einfuhr  sein  wird.  Der  Bedarf  Turkestans  an  russischen  Waren 
ist  bedeutend  groper,  als  das  bis  jetzt  der  Fall  war.  Auperdem 
wird  durch  Persien  der  ganze  afghanische  Transit  gehen.  Der 
russische  Handel  mit  diesem  Lande  befindet  sich  in  anormalen 
Verhaltnissen.  Tatsachlich  mup  Rupiand  es  ganz  mit  seinen  Waren 
versorgen,  und  ein  solcher  Umschwung  wiirde  sehr  bald  erfolgen. 

Die  Ausfuhr  aus  Buchara  und  Turkestan  nach  Persien  und 
Kaukasien  erreichte  im  Jahre  1896  nach  dem  Bericht  der  Trans- 
kaspischen Eisenbahn  4470000  Pud.    Da  von: 


—     100    — 

Baumwolle  3449000  Pud 

Wolle  382000    „ 

Rosinen  u.  getrockn.  Friichte  210000    ., 
Ungegerbte  Schaffelle  119000    „ 

Haute  und  ungegerbte  Felle       84000    ,, 

Alle  diese  Giiter  gehen  in  folgender  Weise  nach  Rupiand: 

1.  Die  Baumwolle  wird  iiber  Astrachan  und  Nishnij-Nowgorod 
in  den  Moskauer  Manufakturbezirk  transportiert;  iiber  Baku  und 
Batum  nach  Odessa  und  nach  den  Fabriken  des  Weichselgebiets 
Oder  auch  nach  Moskau.  Es  ist  unzweifelhaft,  daP  die  ganze 
Baumwolle  des  Weichselgebiets  als  Transitgut  durch  Persien  gehen 
wird,  so  daP  mindestens  2  Millionen  Pud  der  neuen  Bahn  zufallen 
werden. 

2.  Die  Wolle  geht  auf  demselben  Wege  wie  die  Baumwolle, 
so  dap  man  auf  15000  Pud  rechnen  kann. 

3.  Die  Haute,  Felle,  Schaffelle  gehen  bald  iiber  Astrachan 
nach  den  Zentralgouvernements  (55  Proz.),  bald  iiber  Kaukasien, 
also  iiber  Baku-Batum-Odessa  (45  Proz.).  Folglich  sind  aut 
100000  Pud  dieser  Giiter  zu  rechnen. 

4.  Die  Bewegung  der  Rosinen  und  getrockneten  Friichte  ist 
genau  schwer  zu  verfolgen.  Sie  werden  auf  alien  Wegen  trans- 
portiert. Jedenfalls  aber  wird  die  Bahn  mindestens  100000  Pud 
dieser  Waren  aufnehmen. 

Im  ganzen  sind  das  2350000  Pud  ausgefiihrte  Giiter.  Werden 
noch  650000  Pud  der  iibrigen  Giiter  hinzugefiigt,  so  konnen 
3  Millionen  Pud  der  Ausfuhr  angenommen  werden.  Im  ganzen 
betragen  die  Transitgiiter: 

als  Einfuhr  1500000  Pud 

als  Ausfuhr  3000000    „ 

4500000  Pud. 

Werden  noch  mindestens  500000  Pud  hinzugefiigt,  welche 
der  Handel  mit  Afghanistan  geben  wird,  so  ergeben  sich  rund 
5  Millionen  Pud  Transitgiiter,  die  bei  der  2042  Werst  langen  zu- 
riickzulegenden  Strecke  von  Kuschk  nach  Alexandropol  und  bei 
dem  Tarif  von  1/50  Kopeke  pro  Pud  und  Werst  2042000  Rubel  als 
Gesamteinnahme  geben  werden. 

Die  Gesamteinnahme  der  ganzen  geplanten  Linie  wird  be- 
tragen: 


-       lUl      ~ 

Von  dem  Handelsaustausch  zwischen  Rupland  und  Persien 
1652000  Rubel,  von  den  5  Millionen  Pud  Transitgiitern  2042000 
Rubel,  zusammen  3694000  Rubel  oder  rund  3700000  Rubel. 

Aus  dem  Vorstehenden  wird  zur  Geniige  die  hohe  Bedeutung 
der  geplanten  Bahn  Alexandropol-Eriwan-Tabris-Teheran-Mesch- 
hed-Kuschk  in  wirtschaftlicher  und  Handelsbeziehung  sowie  ihre 
Rentabilitat  bewiesen  sein.  Allerdings  wird  der  Bau  dieser  iiber 
2000  Werst  langen  Bahn  auf  116500000  Rubel  veranschlagt,  eine 
Summe,  die  denen  des  Baus  der  Gropen  Sibirischen  Bahn  gegen- 
iiber  als  gering  zu  erachten  ist,  indem  letztere  bei  einer  Lange 
von  4865  Werst  3553771911  Rubel  gekostet  hat.  — 

Von  nicht  geringerer  Bedeutung  in  politischer  und  Handels- 
beziehung ist  der  Plan,  eine  Eisenbahn  von  dem  Norden  Persiens 
bis  zum  Persischen  Golf  zu  bauen,  um  so  vor  allem  ein  ,,warmes" 
Meer  zu  erreichen,  was  ja  fiir  Rutland  bei  seinen  sonstigen 
Hafenverhaltnissen  von  ganz  auperordentlicher  Wichtigkeit  ist. 
Es  sind  auch  fiir  diese  Bahn  verschiedene  Projekte  in  Frage  ge- 
kommen.  Rittich  tritt  in  seiner  Broschiii-e  „Die  Eisenbahn  durch 
Persien'*  fiir  die  Linie  Teheran-Kum-Kaschan-Isfahan-Kumische- 
Schiras  langs  des  Laufes  des  Flusses  Karaagatsch  nach  Lar  und 
Bender-Abbas  ein.  Sie  wird  eine  Lange  von  890  und  in  Verbindung 
mit  der  geplanten  Bahn  Alexandropol-Teheran  eine  solche  von 
2110  Werst  haben.  Diese  Linie  ist  die  kiirzeste,  in  technischer 
Beziehung  die  bequemste,  beansprucht  die  geringsten  Kosten  und 
umfasst  die  wichtigsten  Gebiete  Persiens.  Der  Seehandel  Eng- 
lands  wird  durch  diese  Bahn  gro^e  Nachteile  haben,  denn  die 
Dauer  des  Transports  der  Giiter  auf  derselben  wird  wenigstens 
um  das  Doppelte  kiirzer  sein.  So  braucht  ein  Dampfschiff,  um 
die  Strecke  von  Liverpool  nach  Bender-Abbas  zuriickzulegen,  23 
Tage,  wJihrend  die  Transitgiiter  von  Calais  in  8  Tagen  Tiflis, 
nach  weiteren  2  Tagen  Teheran  und  nach  noch  einmal  2  Tagen 
Bender-Abbas,  also  zusammen  in  12  Tagen,  erreichen  wiirden,  was 
fast  die  Halfte  der  Zeitdauer  der  Fahrt  von  Liverpool  nach  Bender- 
Abbas  betragt.  Passagierziige  konnen  schon  in  6  Tagen  in  Bender- 
Abbas  ankommen.  Im  Innern  des  Landes  werden  die  Giiter  un- 
bedingt  die  Eisenbahn  benutzen,  denn  durch  die  Umladung  fallt 
der  Vorteil  der  Seefracht  fort. 

Rittich  weist  darauf  hin,  dap  es  fiir  Rupland  unbedingt  not- 
wendig  sei,  nicht  nur  in  Bender-Abbas  sich  festzusetzen,  spndern 


—     102     — 

auch  die  Inseln  Kischm,  Hormus,  Larak  und  Hendjam  zu  erwerben. 
Durch  einen  mit  der  persischen  Regierung  auf  25  Jahre  abge- 
schlossenen  Pachtvertrag  sei  dies  ebenso  zu  erreichen,  wie  es 
im  fernen  Osten  mit  Port-Arthur  und  Taliwan  (Dalnyi)  der  Fail 
sei.  Von  seiten  der  persischen  Regierung  seien  keine  Schwierig- 
keiten  zu  erwarten,  da  sie  immer  Geld  notig  habe.  Die  einmalige 
Zahlung  einer  groPen  Summe  und  jahrliche  Subsidien  wiirden  wohl 
den  Erfolg  sicherstellen. 

In  der  englischen  Presse  ist  auch  unlangst  von  einem  zAvi- 
schen  Rupiand  und  Persien  abgeschlossenen  geheimen  beziiglichen 
Vertrage  die  Rede  gewesen.  Russischerseits  ist  das  allerdings 
abgeleugnet,  wenn  auch  in  sehr  zweideutiger  Weise.  Es  liegt 
auf  der  Hand,  daP  die  Erwerbung  jener  Inseln  auPerordentlich 
wichtig  fill"  Rupiand  ware,  da  dann  seine  Macht  im  Persischen 
Golf  England  gegeniiber  gesichert  sein  wiirde. 

Die  Insel  Kischm  ist  die  gropte  im  Persischen  Golf,  hat  eine 
Lange  von  113,  eine  Breite  von  36  km.  Sie  ist  steinig,  ode  und 
von  Hiigeln  durchzogen.  Ihre  12000  Bewohner  verteilen  sich 
auf  70  Dorfer.  Die  Englander  hatten  auf  der  Insel  den  Hafen 
Basiluh  besetzt,  welcher  den  Eingang  in  die  StraPe,  welche  die 
Insel  von  dem  Festlande  trennt,  beherrscht;  sie  haben  ihn  aber 
bald  wieder  verlassen,  weil  sie  die  Besetzung  von  Maskat  fiir  vor- 
teilhafter  hielten. 

Die  Insel  Hendjam  liegt  2  km  siidlich  von  der  Insel  Kischm 
und  wurde  einst  von  den  Englandern  als  Ankerplatz  fiir  ihre  Flotte 
ausersehen.  Aber  jetzt  ist  dieser  Plan  wegen  Mangel  an  Wasser 
und  infolge  der  hier  herrschenden  Hitze  aufgegeben.  Das  hindert 
iibrigens  die  Englander  nicht,  dort  eine  Telegraphenstation  fiir 
das  Kabel  der  indischen  Telegraphenleitung  anzulegen.  Die  Ober- 
reste  der  zahlreichen  Ruinen,  Zisternen  und  Acker  auf  der  Insel 
weisen  darauf  hin,  dap  sie  einst  sehr  bevolkert  war,  so  dap  man 
daran  denken  konnte,  sie  von  neuem  zur  Bliite  zu  bringen.  Jetzt 
ist  sie  nur  von  450  Arabern  bewohnt. 

Die  wichtigsten  Inseln  im  Persischen  Golf  sind  Hormus,  G  km 
lang  und  breit,  und  Larak  mit  einer  Breite  von  6,  einer  Lange  von 
10  km.  Erstere  liegt  20  km  ostlich,  letztere  30  km  siidlich  von 
Bender- Abbas;  sie  sind  20  km  voneinander  entfemt.  Die  Insel  Hor- 
mus gehorte  im  16.  Jahrhundert  den  Portugiesen,  und  noch  jetzt 
ist  an  dem  nord lichen  Ende  des  Kaps  ein  von  ihnen  erbautes  Fort 
sichtbar,  das  13  m  iiber  dem  Meere  liegt.    Am  besten  haben  sich 


—     103     — 

das  ostliche  Fort  unci  die  siidostliche  Bastion  erhalten,  die  einen 
astronomischen  Punkt  der  englischen  Karten  bildet  (56"  27'  20" 
der  Lange  von  Greenwich  und  27"  5'  51"  der  n.  Breite).  Siidlich 
von  diesem  Fort  bestehen  noch  Ansiedelungen  zu  100  Hofen. 
Der  Ankerplatz  bei  Hormus  gilt  fiir  besser  als  der  bei  Bender- 
Abbas;  er  ist  gegen  alle  Winde  geschiitzt.  Eine  halbe  Meile 
westlich  vom  Fort  betragt  die  Meerestiefe  7 — 9  m,  so  daP  grope 
Schiffe  hier  ankern  konnen. 

Wenn  diese  Inseln  besetzt  und  befestigt  werden,  bilden  sie 
ein  gropes  Hindernis,  um  in  den  Persischen  Golf  einzufahren. 

Bender-Abbas  selbst  war  einst  der  beriihmteste  und  wichtigste 
Hafen,  in  dem  sich  der  ganze  Aupenhandel  Persiens  mit  Europa, 
Arabien  und  Mittelasien  konzentrierte.  Da  aber  das  Land  nicht 
kultiviert  ist  und  andere  ortliche  Verhaltnisse  den  Hafen  be- 
einflupt  haben,  so  hat  er  jetzt  nicht  mehr  die  friihere  Bedeutung. 
Die  Stadt  liegt  auf  der  sandigen  Meereskiiste.  Die  Schiffe  ankern 
1^/2  englische  Meilen  siidostlich  von  der  Kiiste.  Die  Reede  gilt 
fiir  sehr  giinstig,  sowohl  inbezug  auf  den  Ankergrund,  wie  auch 
inbezug  auf  den  Schutz  gegen  die  Winde,  den  Siidostwind  aus- 
genommen.  Die  Waren  werden  in  groPe  einheimische  Kahne  um- 
geladen;  um  diese  mit  Tauen  befestigen  zu  konnen,  ist  ein  massiver 
Kai  angelegt. 

Die  Englander  haben  das  Geriicht  verbreitet,  daP  das  Klima 
von  Bender-Abbas  so  unertraglich  ware,  daP  die  Russen  bei  seiner 
Besetzung  Gefahr  liefen,  zu  verbrennen.  Es  ist  leicht  einzusehen, 
zu  welchem  Zweck  die  Englander  solche  Undinge  geauPert  haben. 
Viele  Russen  sind  dort  gewesen  und  haben  eine  ganz  andere  An- 
sicht.  Ein  Korrespondent  der  ,,Petersburgski  Wiedomosti",  der 
in  Bender-Abbas  war,  schreibt,  dap  letzteres  in  keiner  Weise 
schlechter  ware  als  Aden  und  jede  andere  Stadt,  die  unter  der- 
selben  Breite  und  Lange  liegt.  Man  konne  auf  dem  Berge  in 
Minab  wohnen,  wo  das  Klima  sehr  angenehm  und  gesund  sei. 
Die  Einwohnerzahl  von  Abbas  zu  bestimmen  ist  sehr  schwer. 
Curzon  setzt  sie  auf  5000  Menschen  im  Winter  fest;  im  Sommer 
vermindert  sich  die  Bevolkerung. 

Der  Gesamtumschlag  des  Hafens  erreichte  im  Jahre  1893 
633031  Pfund  Sterling. 

Bis  jetzt  war  kein  englischer  politischer  Agent  in  Bender- 
Abbas  und  Lingah,  und  mit  den  Angelegenheiten  der  englischen 
Untertanen  befapten  sich  Agenten  von  persischer  Herkunft.     In 


—     104     — 

der  Folge  sollen  aber  die  einheimischen  diirch  spezielle  Agenten 
ersetzt  werden.  AuPerdem  verlangt  auch  die  englische  Presse, 
dap  der  Lord  Curzon  sich  in  den  Besitz  der  Inseln  Kischm  und 
Hormus  setzen  raiisse,  da  dadurch  Bender-Abbas  seine  Bedeutung 
verlieren  wiirde. 

Die  Interessen  Rupiands  und  Englands  sind  also  auch  hier 
direkt  entgegengesetzte.  Wenn  aber  die  von  Rupiand  geplante 
Bahn  ganz  Persien  durchschnitten  und  Bender-Abbas  und  somit 
den  Persischen  Golf  erreicht  haben  wird,  was  ja  allerdings  nocli 
eine  Frage  der  Zukunft  ist,  so  wird  es  nicht  England,  sondern  Rup- 
iand sein,  das  ganz  Persien  und  den  Persischen  Golf  unter  seinen 
Einflup  bringt,  Wie  Rupiand  durch  die  chinesische  Ostbahn  die 
Mandschurei  tatsachlich,  wenn  auch  nicht  nominell,  sich  untertan 
gemacht  hat,  so  wird  ein  gleiches  auch  inbezug  auf  Persien  durch 
die  geplanten  Bahnen  bewirkt  werden,  und  zwar  auf  eine  wirk- 
samere  Weise,  als  dies  in  der  Mandschurei  der  Fall  ist,  Eine 
Teilung  Persiens  in  eine  nordliche  russische  und  eine  siidliche 
englische  Sphare  wird  dann  ausgeschlossen  sein.  — 

Es  eriibrigt  noch,  diese  geplanten  Bahnen  in  strategischer 
Beziehung  zu  bewerten.  Die  Bahn  Alexandropol-Eriwan-Djulfa 
und  weiter  nach  Tabris  zu  bauen,  ist  notwendig,  da  dadurch  die 
groPen  Zentren  unmittelbar  miteinander  verbunden  werden  und 
Rupiand  infolgedessen  erforderlichenfalls  die  zweite  Hauptstadt 
des  Reiches,  Tabris,  in  kiirzester  Zeit  mit  Truppen  besetzen  kann. 
Ein  Widerstand  von  persischer  Seite  ist  nicht  zu  erwarten  oder 
wenigstens  leicht  zu  iiberwinden.  Auper  der  kurdischen  und 
sonstigen  Reiterei  konnen  die  persischen  Truppen  den  russischen 
keinen  Widerstand  leisten.  Die  letzten  Kriege  Rupiands  mit 
Persien  haben  dafiir  den  Beweis  geliefert,  und  seitdem  sind  die 
Truppen  des  letzteren  noch  schlechter  geworden.  Infolgedessen 
spielen  die  „Stadte  als  Stiitzpunkte"  eine  weit  wichtigere  Rolle 
als  die  Truppen.  Sind  die  Stadte  genommen,  so  ist  auch  der  Feld- 
zug  gewonnen.  Deshalb  ist  vor  allem  notig,  Tabris,  die  zweite 
Hauptstadt  Persiens,  mit  dem  kaukasischen  Eisenbahnnetz  zu 
verbinden,  um  russische  Truppen  dorthin  transportieren  zu  konnen. 
Diese  Linie  entspricht  auch  den  politischen  und  wirtschaftlichen 
Forderungen,  wie  schon  oben  naher  ausgefuhrt  ist.  Gefahr  droht 
diesem  Bahnabschnitt  nur  langs  der  Grenze  des  Chanats  Maku. 
Im  Kriege  ist  der  Chan  oder  Emir  von  Maku  verpflichtet,  25000 


—     105     — 

Mann  Reiterei,  welche  ausschlieplich  aus  Kurden  besteht,  zu 
stellen.  Im  Frieden  sind  die  Kurden  nur  nominell  Untertanen  des 
Schahs  und  fast  vollstandig  unabhangig.  Dieses  kriegerische 
Volk  erkennt  nur  das  Recht  des  Starkeren  an,  so  daf3  dieser  Ab- 
schnitt  mehr  geschiitzt  werden  mufi  als  die  anderen.  Die  weitere 
Strecke  bis  Tabris  ist  nicht  gefahrdet,  da  sie  durch  Gegenden 
fiihrt,  die  von  der  friedlichen  tiirkisch-tatarischen  Bevolkerung 
Aserbeidjans  bewohnt  werden. 

Will  man  die  Balin  westlicher  nach  Choi  und  Urmia  bauen, 
so  setzt  man  sich  groperen  Oberfiillen  und  bedeutenden  Schwie- 
rigkeiten  aus,  welche  eine  zu  grope  und  teuere  Sicherung  er- 
fordern.  Nach  Curzon  erreicht  hier  die  kurdische  Bevolkerung 
250000  Kopfe.  Infolgedessen  ist  die  von  Rittich  vorgeschlagene 
Linie  vorteilhafter  als  die  westlichere. 

Die  ganze  Strecke  bis  Tabris  wird  auch  eine  vorziigliche 
Basis  fiir  die  russischen  Operationen  gegen  die  Tiirkei  sein.  Dank 
dieser  Linie  kann  Rupland  sie  im  Riicken  fassen,  indem  die  Truppen 
von  Tabris  auf  Choi  und  Wan  vorgehen. 

Die  Bahn  geht  dann  weiter  in  der  Richtung  auf  Teheran  iiber 
Miane,  das^ein  Knotenpunkt  der  Wege  nach  Maragh,  Tabris,  Ai-- 
debil,  Teheran  ist.  Auf  der  ganzen  Strecke  bis  Teheran  ist  die 
Gegend  bevolkert  und  gut  kultiviert.  Die  Bevolkerung  ist  fried- 
lich  und  ruhig,  so  dap  besondere  Gefahren  fiir  die  Bahn  nicht 
vorhanden  sind.  Die  erforderliche  Sicherung  ist  unbedeutend. 
Die  folgenden  wichtigen  Punkte  sind  Sendjau  und  Kaswin.  Von 
ersterem  gehen  keine  gropen  Wege  nach  Siiden,  sondern  nur 
Karawanenwege  nach  Hamadan  und  Sihna.  Kaswin  ist  auPer- 
ordentlich  wichtig;  von  hier  geht  die  russische  Chaussee  nach 
dem  Hafen  Enseli,  von  wo  eine  grope  FahrstraPe  nach  Teheran 
fiihrt.  Nach  Siiden,  nach  Hamadan,  gibt  es  ein  ganzes  Netz 
von  Saumpfaden. 

Teheran  ist  das  Zentrum  des  ganzen  Reichs;  von  hier  gehen 
AVege  nach  alien  Richtungen.  Es  gibt  7  grope  Karawanenstrapen 
und  auperdem  mehrere  Saumpfade. 

Von  Teheran  nach  Meschhed  sind  solche  Knotenpunkte  wie 
Semnan.  Damgan  und  Schahrud  zu  iiberschreiten;  letztere  Stadt 
ist  sehr  wichtig;  von  ihr  gehen  grope  Trakte  nach  Astrabad, 
Aschabad,  Meschhed  und  Turschis  aus.  In  militarischer  Beziehung 
ist  Schahrud  das  nachste  Ziel  der  bei  Astrabad  gelandeten  Truppen. 
Die  Strecke  Schahrud-Meschhed  umfapt  auch  viele  Knotenpunkte: 


—    106    — 

Sebsewar,  Nischapur.  Diese  Strecke  ist  um  so  mehr  wichtig, 
a  Is  hier  viele  Saumpfade  aus  Seistan  miinden,  so  daP  zu  erwarten 
ist,  da(3  die  Englander  versuchen  werden,  die  Eisenbahn  auf 
dieser  Strecke  zu  zerstoren. 

Endlich  konzentrieren  sich  in  Meschhed  5  grope  Trakte. 
Diese  Stadt  ist  das  Hauptobjekt  der  russischen  und  englischen 
Operationen.  Die  strategische  Bedeutung  von  Meschhed  ist  um 
so  wichtiger,  v/enn  man  bedenkt,  daP  sie  fiir  die  Perser  eine 
heilige  Stadt  und  in  dieser  Beziehung  eine  groPere  Bedeutung 
a  Is  Teheran  hat.  Alle  Mohammedaner  sind  Fanatiker,  und  die  Ein- 
nahme  dieser  Stadt  durch  russische  Truppen  wird  Rupiand  noch 
ein  groperes  Ansehen  beilegen. 

Was  nun  die  Verbindung  Meschheds  mit  der  Transkaspischen 
Eisenbahn  betrifft,  so  kann  eine  solche  in  Aschabad,  Duschak, 
Tschemen-i-Bel  und  Kuschk  erfolgen.  In  technischer  Beziehung 
wird  die  Richtung  nach  Aschabad  eine  sehr  schwierige  sein,  da 
die  Bahn  durch  die  Schluchten  des  Elbrusriicken  gefiihrt  werden 
muP,  was  grope  Ausgaben  verursachen  wird,  um  so  mehr,  als 
die  Gesamtlange  250  Werst  betragt,  d.  i.  etwas  geringer  als 
in  der  Richtung  nach  Kuschk.  Ebensolche  Schwierigkeiten  und 
kaum  geringere  Ausgaben  entstehen,  wenn  Meschhed  mit  Du- 
schak verbunden  werden  soli.  Folglich  rauP  man  sich  fiir  Tsche- 
men-i-Bel Oder  Kuschk  entscheiden.  In  technischer  Beziehung  ist 
die  erstere  Richtung  vorteilhafter,  in  strategischer  Beziehung 
ist  aber  die  auf  Kuschk  vorzuziehen,  wie  auch  von  den  End- 
punkten  Aschabad  und  Duschak  keine  Rede  sein  kann.  Das 
geht  schon  daraus  hervor,  daP  die  ganze  geplante  Linie  eine  Ver- 
wickelung  mit  England  oder  richtiger  mit  seinem  vorliegenden 
Pufferstaat,  Afghanistan,  im  Auge  hat.  Deshalb  ist  es  not- 
wendig,  die  Eisenbahn  moglichst  tief  in  das  Innere  zu  fiihren, 
damit  die  Truppen  nach  dem  auPersten  Endpunkt  transportiert 
werden  konnen,  und  eine  solche  Station  ist  nur  Kuschk.  In  dieser 
Beziehung  ist  sie  sogar  der  Station  Tschemen-i-Bel  vorzuziehen. 

Vergleicht  man  die  geplante  Bahn  mit  der  im  Bau  begriffenen 
Bahn  Orenburg-Taschkent,  so  ist  ersichtlich,  daP  beide  Bahnen 
eine  hervorragende  strategische  Bedeutung  haben,  indem  sie  beide 
in  den  Dienst  der  russischen  Truppen  gestellt  werden  konnen. 
Wahrend  die  letztere  die  Marschstrape  fiir  die  Truppen  des  zen- 
tralen  und  ostlichen  europaischen  Rupiands  bildet,  wird  erstere 
ausschliepiich  den  Truppen  des  Kaukasischen  und  wenn  notig  des 


—    107    — 

Odessaer  Bezirkes  dienen.  Die  Orenburg-Taschkenter  Bahn  ist 
nicht  gefahrdet,  da  sie  nur  russisches  Territorium  durchschneidet. 

Jedenfalls  ist  die  Gefahrdung  der  geplanten  Linie  auf  frem- 
dem  Territorium  zehnmal  geringer  als  bei  der  Mandschurischen 
Bahn.  Wenn  RiifMand  sich  entschlossen  hatte,  die  Mandschurische 
Bahn  zu  baiien,  so  ist  um  so  mehr  Grund  vorhanden,  den  Bau 
der  Persischen  Eisenbahn  auszufiihren,  wenn  man  bedenkt,  da(3 
die  politischen  und  wirtschaftlichen  Interessen  hier  wichtiger 
sind  als  bei  der  Mandschurischen  Bahn. 

Die  geplante  Bahn  nach  Bender-Abbas  entspricht  den  mili- 
tarischen  Forderungen  nicht  vollstandig.  In  strategischer  Be- 
ziehung  ware  es  wichtiger,  die  Bahn  von  Kuschk  oder  Meschhed 
nach  Siiden  an  die  Grenze  Seistans  und  Balutschistans  zu 
fiihren.  Bei  einer  solchen  Richtung  wiirden  die  Russen  in  den 
Riicken  der  Englander  kommen  konnen  und  waren  unmittelbar  am 
Ziele  der  Operationen. 

Aber  im  vorliegenden  Falle  miissen  die  strategischen  den 
kommerziellen  Forderungen  den  Vorrang  lassen,  um  so  mehr,  als 
es  in  der  Folge  gelingen  kann,  einen  Eisenbahnzweig  von  Bender- 
Abbas  langs  der  Landschaft  Mekran  zur  Verbindung  mit  dem 
indischen  Eisenbahnnetz  zu  bauen. 

Was  die  Durchfiihrung  der  Eisenbahn  nach  der  Bucht  bei 
Tschahbar  am  Indischen  Ozean  betrifft,  so  ist  diese  Bucht  in  stra- 
tegischer Beziehung  giinstiger,  da  sie  der  Grenze  Balutschistans 
bedeutend  naher  liegt.  Der  Ingenieur  Palaschkowski  bezeichnete 
sie  als  den  Endpunkt  in  seinem  Projekt  vom  Jahre  1889.  Aber  er 
sah,  dap  diese  Bucht  unbefriedigend  sei,  denn  er  erwahnte,  dap 
die  endgiiltige  Wahl  des  Endpunktes  nur  nach  sorgfaltigen  Unter- 
suchungen  derselben  erfolgen  konnte.  Eine  eigentliche  Unter- 
suchung  und  Ausmessung  dieser  Bucht  land  nicht  statt.  Man 
nahm  die  englischen  Karten  als  Grundlage  fiir  die  Schlupfolge- 
rungen.  Auch  die  Englander  iibergehen  diese  Bucht  mit  Still- 
schweigen,  und  ihre  Nachrichten  sind  sehr  mangelhaft. 

Jedenfalls  ist  die  Umgegend  der  Bucht  Tschahbar  so  wenig 
bevolkert  und  ode,  daP  sie  mit  dem  Hafen  Bender-Abbas  nicht  ver- 
glichen  werden  kann,  welcher  friiher  der  erste  Hafen  an  dem  ganzen 
Indischen  Ozean  war.  Wahrend  die  Bahn  von  Isfahan  nach  der 
Bucht  Tschahbar  eine  Wiiste  durchschneidet,  fiihrt  die  geplante 
Linie  die  ganze  Zeit  iiber  die  reichsten  Stadte  und  durch  eine  ver- 
haltnismapig  fruchtbare  Gegend. 


—     108    — 

Bevor  nun  Rutland  die  Nord-Siidbahn  fertiggestellt  hat,  wird 
England  im  Persischen  Golf  noch  das  Obergewicht  behalten.  DaP 
aber  auch  jetzt  schon  Rupiand  bestrebt  ist,  diesen  Golf  England 
nicht  allein  zu  iiberlassen,  geht  daraus  hervor,  dap  es  die  russische 
Kriegsflagge  hier  gezeigt  hat,  indem  neuerdings  das  Kanonenboot 
„Giljak"  Bender-Buschir  angelaufen  hat,  ein  Beweis,  dap  Rupiand 
auch  in  dem  Persischen  Golf  seine  Anspriiche  England  gegeniiber 
zur  Geltung  zu  bringen  versucht.  In  diesem  Sinne  hat  auch  das 
russische  Marineministerium  verfiigt,  daP  der  Kreuzer  ,,Asskold" 
auf  seiner  Fahrt  nach  dem  fernen  Osten  den  persischen  Golf 
und  dort  mehrere  Hafen  besuchen  soil.  Diese  MaPregel  ist  ganz 
im  Sinne  der  „Nowoje  Wremja",  die  schreibt:  „Wenn  der  Besuch 
der  Hafen  des  Persischen  Golfs  in  den  Fahrplan  unserer  Schiffe 
aufgenommen  wird,  wenn  die  Kiistenbevolkerung  sieht,  daP  Rup- 
iand nicht  nur  iiber  verhaltnismapig  kleine  Kanonenboote,  sondern 
auch  iiber  groPe  Kreuzer  und  Geschwaderpanzerschiffe  verfiigt, 
und  wenn  endlich  ein  russischer  Stationar  im  Persischen  Golf 
dauernd  bleibt,  so  wird  sehr  bald  die  englische  Flagge  ihre  Herr- 
schaft  hier  verlieren.  Gleichzeitig  mit  der  Entsendung  unserer 
Schiffe  in  den  Persischen  Golf  ist  anzuordnen,  daP  politische 
Agenten  an  den  wichtigsten  Punkten  des  Golfs  ernannt  werden. 
Wenn  wir  einen  Generalkonsul  in  Buschir,  einen  Konsul  in  Bender- 
Abbas,  Vizekonsuln  in  Lingah  und  Djask  sowie  an  der  siidlichen 
Kiiste  haben  werden,  so  wird  ein  Kampf  mit  dem  englischen  Einf  lup 
nicht  besonders  schwierig  werden.  Rupiand  hat  in  dem  Osten 
ein  solches  Prestige,  dap  keine  zu  groPe  Miihe  erforderlich  ist, 
um  es  auch,  soweit  notig,  aufrecht  zu  erhalten.  England  hat 
unbedingt  keine  ausschlieplichen  Rechte  auf  den  persischen  Golf, 
der  ebenso  neutral  ist  wie  jedes  andere  offene  Meer." 

Auch  Handelsbeziehungen  sind  seitens  Ruplands  in  dem  per- 
sischen Golf  in  die  Wege  geleitet.  Die  russische  „Dampfschiff- 
und  Handels-Gesellschaft"  beteiligt  sich  an  dem  direkten  russisch- 
persischen  Verkehr,  der  vorerst  so  eingerichtet  ist,  daP  die  Waren 
von  den  Stationen  der  russischen  Eisenbahnen  nach  den  Hafen 
des  Persischen  Golfs  abgesendet  werden.  So  ist  am  25.  August 
1902  das  Dampfschiff  ,,Trupor"  dieser  Gesellschaft  mit  Waren 
nach  den  Hafen  Maikat,  Djask,  Bender-Abbas,  Buschir  und  Bassra 
dirigiert;  es  soUte  Konstantinopel,  Smyrna,  Jaffa,  Port-Said,  Suez, 
Djesda,  Djibuti  und  Aden  anlaufen,  sowie  in  Bassra  fiir  die  weitere 
Fahrt  aul  dem  Tigris  nach  Bagdad  umladen.    Damit  ist  der  erste 


—     109    — 

Schritt  Ruplands,  seinen  Handel  auch  im  Siiden  Persiens  auszu- 
dehnen,  getan. 

Was  nun  England  betrifft,  so  hat  es  seine  Herrschaft  weit 
nach  Westen  vorgeschoben  und  sucht  seine  indischen  Besitzungen 
mit  dem  Persischen  Golf  zu  verbinden.  Es  geht  langsam,  aber 
sicher  aui"  dieses  Ziel  los.  Nachdem  es  sich  zu  Ende  der  siebziger 
Jahre  wahrend  des  zweiten  afghanischen  Krieges  in  Quetta  fest- 
gesetzt  hat,  begann  es  von  hier  aus  seinen  EinfluP  auf  Balu- 
tschistan  auszudehnen,  und  hatte  dabei  einen  solchen  Erfolg,  dap 
jetzt  der  Kelatskische  Chan  schon  ein  gehorsamer  Vasall  In- 
diens  ist. 

Ein  solches  Vasallenverhaltnis  erschien  aber  den  Englandern 
fiir  nicht  ausreichend ,  sie  begannen  MaPregeln  zu  ergreifen, 
um  ihrem  EinfluP  auf  Balutschistan  einen  tatsachlichen  Aus- 
druck  zu  geben.  Zu  diesem  Zwecke  legten  sie  im  Nor- 
den  des  Landes  eine  KarawanenstraPe  an,  die  das  britische 
Balutschistan  rait  dem  persischen  Seistan  und  die  Wege, 
die  nach  Meschhed,  Teheran  und  zur  Kiiste  des  Persischen  Golfs 
fiihren,  miteinander  verbinden  sollte,  Diese  StraPe  ist  wie  eine 
MilitarstraPe  in  einem  feindlichen  Land  gebaut;  es  sind  Etappen- 
punkte,  die  mit  kleinen  Truppenabteilungen  besetzt  und  mit  Ver- 
pflegung  versehen  sind,  angelegt;  hier  und  da  befinden  sich  Be- 
festigungen;  ein  Kommandeur  des  Weges  ist  ernannt,  der  den 
offiziellen  Rang  eines  ,,politischen  Agenten"  hat,  obgleich  auf 
einer  Strecke  von  mehreren  Hundert  Kilometern  von  Nuschki  bis 
Seistan  die  Gegend  nur  eine  zusammenhangende  Wiiste  ist. 

Die  Anlage  dieser  KarawanenstraPe  ist  durch  den  Umstand 
veranlapt,  daP  Rupiand  sowohl  von  Kaukasien  wie  namentlich 
von  der  Transkaspischen  Bahn  aus  einen  offenen  Zutritt  nach 
Nordpersien  gewonnen  hat  und  seine  Waren  dort  ohne  Umladung 
absetzen  kann.  Infolgedessen  haben  die  Vorkampfer  der  eng- 
lischen  Herrschaft  iiber  Persien  auf  wirtschaftlichem  Gebiet,  Mac- 
gregor,  Mark  Bell,LordCurzonu.a.,  daraufgedrangt,  einegesicherte 
KarawanenstraPe  unabhangig  von  dem  afghanischen  Gebiet  durch 
Balutschistan  nach  Persien  zu  fiihren  und  fiir  den  englischen 
Handel  nutzbar  zu  machen.  Das  Ergebnis  war  der  Bau  der  oben- 
erwahnten  StraPe,  welche  von  Quetta  iiber  Nuschki-Dalbandin 
nach  Hurnuk  fiihrt.  Der  Weg  lauft  durch  kahle  Hochsteppen  langs 
des  Nordrandes  des  Hochlandes  von  Balutschistan.  Von  Hurnuk 
wendet  sich  die  StraPe  nordwarts  und  erreicht,  immer  auf  per- 


—    110    — 

sischen  Gebiet,  hart  langs  der  afghanischen  Grenze  bleibend  iiber 
die  Hauptstadt  Seistans,  Nasratabad,  Birdjand,  eine  Stadt  von 
30000  Einwohnern,  die  den  Knot-enpunkt  der  Wege  bildet,  die  vom 
Persischen  Golf  (Bender- Abbas)  iiber  Seidabad-Kirman-Naibend 
nach  Nordostpersien  fiihren. 

Englischerseits  hat  man  nun  alles  aufgeboten,  damit  die 
Karawanen  diesen  neuen  Weg  benutzen.  Ein  englischer  Bevoll- 
machtigter  begab  sich  zu  dem  Ende  nach  Kirman,  dessen  Kauflente 
auch  dem  Plane  zustimmten,  urn  so  mehr,  als  Hindus,  die  eng- 
lische  Untertanen  sind,  sich  unter  ihnen  befanden.  Der  Konsul 
versprach  ihnen,  daP  alle  Verluste  der  Karawanen,  die  etwa  von 
rauberischen  Balutschen  diesen  zugefiigt  werden  konnten,  von 
der  englischen  Regierung  ersetzt  werden  wiii'den.  Jeder  Karawane 
wurde  eine  starke  Begleitmannschaft  englischer  Lanzenreiter  zu- 
gesichert.  Um  die  voile  Gefahrlosigkeit  des  neuen  Weges  zu 
beweisen,  riistete  er  selbst  die  erste  Karawane  auf  seine  eigenen 
Kosten  aus  und  schickte  mehrere  Ballen  Teppiche  nach  Schikapur. 
Den  Kaufleuten,  die  diesen  Weg  einschlagen  wiirden,  sollte  vor- 
zugsweise  ein  Kredit  von  der  neuen  in  Kirman  zu  errichtenden 
Filiale  der  englischen  Bank  gewahrt  werden.  Tatsachlich  ver- 
weilte  auch  der  Verwalter  der  englischen  Bank,  die  sich  in 
Jesd  befindet,  einige  Zeit  in  Kirman,  um  an  Ort  und  Stelle  dieses 
Unternehmen  mit  den  Kaufleuten  zu  beraten,  die  den  Wunsch 
hatten,  diesen  neuen  Weg  zu  benutzen,  da  die  Strapen  iiber  Jesd 
und  von  Bender-Abbas  sehr  gefahrdet  sind  und  stets  Nachrichten 
von  Beraubung  der  Karawanen  einlaufen. 

Um  in  Balutschistan  festen  FuP  zu  fassen,  suchen  die  Eng- 
lander  jetzt  eine  Telegraphenleitung  hier  anzulegen,  deren  Beamte 
Agenten  der  britischen  Regierung  in  gleicher  Weise  sind,  wie 
dies  an  der  indischen  Telegraphenleitung  der  Fall  ist.  Von  seiten 
der  persischen  Regierung  sind  diesem  Unternehmen  gegeniiber  kaum 
Schwierigkeiten  zu  erwarten,  da  eine  solche  telegraphische  Ver- 
bindung  auch  ihren  eigenen  Interessen  dient.  Jetzt  ist  diese 
Provinz  nur  dem  Namen  nach  Persien  untertan,  was  hauptsachlich 
an  den  schlechten  Kommunikationen  liegt,  Wenn  auch  offiziell 
jahrlich  120000  Toman  von  den  Einwohnern  gezahlt  werden  sollen, 
so  sind  sie  doch  nur  mit  groper  Miihe  zu  erheben.  Die  meisten, 
wenigstens  2/3  der  Balutschen,  haben  seit  ihrer  Unterwerfung 
durch  die  Kadscharen  niemals  ihre  Abgaben  gezahlt,  indem  sie 
die  Unzuganglichkeit  ihres  Landes  sich  zu  nutze  machen.     Ge- 


—   Ill   — 

wohnlich  riickt  der  Gouverneur  von  Kirman  alljahrlich  mit  Truppen 
aus,  um  die  Abgaben  einzutreiben,  aber  nicht  immer  mit  Erfolg. 
Es  kommen  Falle  vor,  wo  die  Truppen  niedergemaoht  werden, 
ohne  daP  die  Regierung  Nachrichten  iiber  den  Ausgang  der  Ex- 
pedition erhalt.  1st  eine  Telegraphenleitung  vorhanden,  so  wird 
dies  nicht  mehr  moglich  sein. 

England  hat  es  dabei  nicht  bewenden  lassen,  sondern  be- 
schlossen,  hier  eine  Eisenbahn  zu  bauen,  deren  eine  Strecke  zwi- 
schen  Quetta  und  Nuschki  schon  fertig  ist.  Durch  diese  MaP- 
regel  ist  das  persische  Balutschistan  mit  dem  britischen  in  eine 
enge  Verbindung  gebracht  und  die  Grenzen  des  indischen  Reichs 
sind  in  dieser  Richtung  bis  zum  persischen  Seistan  vorgeschoben. 

In  Seistan  treffen  die  Grenzen  Persiens,  Afghanistans  und 
Balutschistas  zusammen,  und  als  Knotenpunkt  der  Wege,  die 
zum  Persischen  Golf,  nach  Indien  und  zur  russischen  Grenze 
fiihren,  ist  diese  Provinz  zu  wichtig,  als  daP  die  Englander  sie 
unbeachtet  lassen  sollten,  und  hier  beginnt  der  hartnackige  Kampf, 
welcher  in  den  letzten  Jahren  zwischen  Rupiand  und  England 
gefiihrt  wird. 

Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daP  das  persische  Seistan 
den  Englandern  als  neue  Etappe  auf  ihrem  Wege  zum  Persischen 
Golf  dient.  Wenn  man  das  unlangst  stattgefundene  Verfahren 
Englands  an  der  Omanschen  Kiiste  in  dem  Sultanat  Maskat,  seine 
im  Jahre  1901  erfolgte  Einmischung  in  die  Kueitfrage  und  seine 
im  vorigen  Jahre  stattgefundene  Besetzung  der  Insel  Kischm 
in  der  StraPe  von  Hormus  beachtet,  so  liegt  es  auf  der  Hand, 
dap  England  sich  des  Persischen  Golfs  bemachtigen  und  ihn  in 
einen  von  den  Golfs  des  Indischen  Ozeans  verwandeln  will. 

Somit  wird  von  zwei  Seiten  gearbeitet,  um  Siidpersien  unter 
englischen  Einflup  zu  bringen  und  Rupiand  von  dem  „warmen 
Gewasser"  des  indischen  Ozeans  abzuschneiden.  Seistan  hat  als 
Land  an  und  fiir  sich  wegen  seines  Wiistencharakters  wie  auch 
der  Armut  seiner  Bevolkerung  keine  ernstliche  Bedeutung  fiir 
die  beiden  Reiche,  ist  aber  in  militarischer  politischer  Beziehung 
sehr  wichtig. 

Haben  sich  die  Englander  in  Seistan  festgesetzt,  so  sind  sie 
ihrem  Ziele,  Rupiand  den  Ausgang  zu  dem  warmen  Ozean  zu  ver- 
legen,  nahergekommen  und  nehmen  eine  giinstige  Stellung  auf 
der  Flanke  der  russischen  Bewegung  nach  der  Kiiste  Siidpersiens 
ein.    Das  Gravitieren  RuP lands  zu  einem  warmen  Meere  ist  die 


—     112    — 

Folge  sehr  efnster  Staatserwagungen,  und  die  Verwirklichung 
seines  ewigen  Traumes,  zum  Ozean  zu  gelangen,  fiihrt  so  wichtige 
Folgen  fiir  seine  Lage  in  Asien  herbei,  dap  es  die  Versuche  Eng- 
lands,  es  an  der  Erreichung  seines  Zieles  zu  verhindern,  nicht 
unbeachtet  lassen  kann  und  darf. 

Fiihren  wir  noch  an,  was  die  „Nowoje  Wremja"  iiber  die 
Folgen  der  Eisenbahn  Quetta-Nuschki  sagt.  Sie  ist  auch  der 
Ansicht,  daP  es  England  bei  der  Eisenbahn  nach  Seistan  nicht 
bewenden  lassen  werde,  sondern  welter  nach  Westen  vordringen 
wolle,  um  iiber  Kirman  in  Persien  eine  Verbindung  mit  der 
Bagdadbahn  zu  gewinnen.  Wenn  schon  die  wirtschaftliche  Be- 
deutung  in  die  Augen  springe,  seien  die  politischen  Vorteile  noch 
erheblicher,  denn  eine  in  deutschen  und  englischen  Handen  be- 
findliche  Eisenbahn  von  Indien  nach  Balutschistan  und  Siidpersien 
nach  Mesopotamien  wiirde  Rupiand  jeden  Ausweg  nach  dem  in- 
dischen  Ozean  versperren  und  seine  Bestrebungen,  nach  Zentral- 
asien  in  siidlicher  Richtung  vorzugehen,  zwecklos  machen.  Des- 
halb  fordert  das  Blatt  mit  allem  Nachdruck,  daP  die  Eisenbahn- 
plane  Rupiands  in  Persien  nun  mehr  gefordert  werden  miipten  als 
dies  bis  dahin  der  Fall  sei.  Persien  sei  das  einzige  Land,  das 
Rupland  auf  seinem  Wege  zum  Indischen  Ozean  friedlich  seiner 
Machtsphare  einverleiben  konne,  und  wenn  es  sich  dort  „vor"  seinen 
Mitbewerbern  festsetze,  wiirde  es  in  der  Lage  sein,  die  Deutschen 
in  Mesopotamien  und  die  Briten  in  Balutschistan  zu  bedrohen.  — 

Welche  Wichtigkeit  England  dem  Besitz  von  Seistan  beilegt, 
diirfte  auch  daraus  hervorgehen,  dap  Curzon  in  seinem  erwahnten 
Werke  ein  ganzes  Kapitel  der  Seistanschen  Frage  widmet.  Er 
nennt  Seistan  den  Vorposten  Chorassans,  dieses  Mittellandes,  das 
auf  dem  Wege  Rupiands  liege,  wenn  letzteres  von  Meschhed  nach 
Siiden  vorgehen  sollte,  um  an  den  Indischen  Ozean  zu  gelangen, 
aber  auch  auf  dem  Wege  Englands  sich  befinde,  wenn  letzteres 
nach  Norden,  den  Russen  entgegen,  vorriicken  wolle.  Finer  der 
wichtigsten  Wege  fiir  das  Vorgehen  der  Russen  nach  Indien, 
das  Curzon  immer  im  Auge  hat,  sei  die  StraPe  Herat-Kandahar. 
Aber  infolge  der  ortlichen  Verhaltnisse  konne  die  direkte  Linie 
von  Herat:  nach  Kandahar  nicht  benutzt  werden,  man  miisse  viel- 
mehr  den  Weg  iiber  Sabsawar  nach  Farah  einschlagen,  also  einen 
nach  Persien  gewandten  Bogen  machen.  Seistan  liege  dann  in 
der  Flanke,  das  fiir  ein  erfolgreiches  Vorgehen  nach  Indien  ge- 
nommen  werden  miisse.    Wenn  Rupiand  sich  in  Seistan  festsetze, 


—    113    — 

wiirde  es  in  hohem  Mape  England  schadigen.  Rupland  werde  sich 
dann  auf  300  Meilen  Indien  nahern,  nehme  eine  drohende  Haltung 
gegen  Afghanistan  an,  und  der  Bau  der  Eisenbahn  von  Quetta 
nach  Nuschki  und  Seistan  ware  auperdem  unmoglich.  Diese  Bahn 
habe  aber,  abgesehen  von  ihrer  strategischen  Bedeutung,  eine 
groPe  Wichtigkeit  in  dem  wirtschaftlichen  Kampfe  zwischen  Rup- 
land und  England  in  den  ostlichen  Provinzen  Persiens. 

Wie  wir  gesehen  haben,  haben  die  Erwagungen  Curzons  zum 
Bau  der  Eisenbahn  und  der  Anlegung  einer  Karawanenstrape  ge- 
fiihrt.  Es  wird  noch  eine  kurze  Zeit  vergehen  und  England  hat 
auch  in  Seistan  festen  Fup  gefapt,  wenn  Rupland  keine  Gegen- 
mapregeln  trifft.  Im  Jahre  1902  hatten  die  Englander  schon  im 
siidlichen  Seistan  zwei  Punkte  besetzt,  die  unzweifelhaft  auf  per- 
sischem  Territorium  liegen.  Die  Proteste  Rupiands  gegen  die 
Verletzung  der  Rechte  Persiens  veranlapte  allerdings  England, 
sie  wieder  aufzugeben  und  sich  zuriickzuziehen. 

Dap  die  Interessen  Rupiands  und  Englands  sich  im  Siiden 
Persiens  entgegenstehen,  geht  aus  einer  Nachricht  der  „Nowoje 
Wrenaja''  vom  4.  Januar  1903  hervor.  Danach  hat  die  indisch- 
britische  Regierung  eine  aus  einer  Eskadron,  einer  gropen  Ab- 
teilung  Infanterie,  einem  Maximgeschiitz,  6  Offizieren,  einem  To- 
pographen  und  mehreren  Beamten  bestehende  fliegende  Kolonne 
unter  dem  Befehl  des  Majors  Mac-Mahon  nach  dem  Hilmend  ge- 
schickt,  um  den  zwischen  Afghanistan  und  Persien  ausgebrochenen 
Grenzstreit  zu  schlichten,  der  durch  die  Veranderung  des  Bettes 
dieses  Flusses  entstanden  ist. 

England  begriindet  sein  Einmischungsrecht  mit  dem  Pariser 
Vertrag  vom  Jahre  1857  (s.  S.  35),  worin  ihm  das  Recht  zuge- 
standen  wird,  im  Falle  von  Grenzstreitigkeiten  zwischen  Afgha- 
nistan und  Persien  den  Parteien  seine  guten  Dienste  zur  Beilegung 
solcher  Streitigkeiten  anzubieten.  Als  im  Sommer  1902  unter 
der  persisch-afghanischen  Bevolkerung  ernste  Unruhen  wegen 
des  Hilmend  und  der  Benutzung  seiner  Wassermassen  ausbrachen, 
bot  England,  das  jede  Gelegenheit  benutzt,  seinen  EinfluP  in  Per- 
sien zu  befestigen,  dem  Schah  an,  die  Entscheidung  der  Frage  ihm 
als  Schiedsrichter  iibertragen  zu  wollen.  Infolge  der  im  Vertrage 
vom  Jahre  1857  iibernommenen  Verpflichtungen  hielt  die  per- 
sische  Regierung  sich  nicht  fiir  berechtigt,  den  englischen  Vor- 
schlag  abzulehnen,  worauf  der  Major  Mac-Mahon  mit  der  Durch- 
fiihrung  des  Schiedsspruchs  an  Ort  und  Stelle  beauftragt  wurde. 

Die  Beziehungen  Rufilands  zu  Persien.  8 


—     114    — 

Die  „Nowoje  Wremja"  beleuchtet  sodann  die  Griinde,  die  den 
ehrgeizigen  Curzon  veranlapten,  zu  genanntem  Zweck  ganz  un- 
notigerweise  so  groPartige  Militarexpeditionen  an  den  Hilmend 
zu  entsenden.  Ein  Berufungsfall  wiirde  dadurch  ebensowenig  wie 
durch  den  Zug  Goldsmiths  nach  Seistan  1870  geschaffen.  In  der 
Hauptstadt  Seistans  befanden  sich  ein  russischer  und  ein  englischer 
Konsul;  eine  Begleitung  von  zehn  Mann  sei  zur  Losung  der  Aufgabe 
fiir  Mac-Mahon  vollkommen  geniigend.  Zum  Ungliick  fiir  die 
Englander  sei  inzwischen  der  Vorwand  fiir  Streitigkeiten  zwischen 
der  afghanisch-persischen  Grenzbevolkerung  beseitigt,  eine  eng- 
lische  Expedition  werde  nun  wohl  nicht  mehr  nach  Seistan  ge- 
schickt.  Das  Blatt  bemerkt  schliepiich  wortlich:  „Es  ist  zweifel- 
los,  dap  nunmehr  von  russischer  Seite  Schritte  folgen  werden, 
die  eine  Anderung  in  den  Ansichten  der  Regierung  des  Schahs 
iiber  den  Pariser  Vertrag  vom  Jahre  1857  herbeizufiihren  geeignet 
sind.  Seit  der  Unterzeichnung  dieses  Vertrags  ist  ein  halbes 
Jahrhundert  verflossen,  in  welchem  Zeitpunkt  die  politische  Lage 
Vorderasiens  sich  derartig  verschoben  hat,  dap  von  einer  ernst- 
lichen  Anwendung  des  Pariser  Vertrags  keine  Rede  mehr  sein  kann. 
Rupiand  hat  den  Vertrag  vom  Jahre  1873,  betreffend  die  Regelung 
der  beiderseitigen  Interessengebiete  im  westlichen  Asien,  den  es 
mit  England  abgeschlossen  hatte,  gekiindigt,  und  dies  hat  die 
Regierung  des  Schahs  nunmehr  fiir  geniigend  zu  erachten,  ihrer- 
seits  England  den  Vertrag  vom  Jahre  1857  zu  kiindigen;  jedenfalls 
mup  England  wissen,  daP  die  Bedeutung  Seistans  fiir  Rupiand  es 
Rupiand  nicht  erlaubt,  sich  irgendwelchen  angreifenden  Schrit- 
ten  Englands  gegeniiber  kaltbliitig  zu  verhalten,  und  daP  auf  jeden 
von  der  englischen  Regierung  mit  Beziehung  auf  Seistan  unter- 
nommenen  Schritt  Rupiand  mit  einem  ahnlichen  Schritt  antworten 
wird." 

Sollte  es  wirklich  zu  kriegerischen  Verwickelungen  zwischen 
Rupiand  und  England  kommen,  was  indessen  nach  der  ganzen  bis- 
herigen  Haltung  Englands  Rupiand  gegeniiber  in  Mittelasien 
nicht  wahrscheinlich  ist,  so  hangt  von  Afghanistan  mehr  oder 
weniger  der  Ausgang  des  Krieges  ab.  Gelingt  es  Rupiand,  den 
Emir  von  Afghanistan  zu  einem  Biindnis  zu  bewegen,  so  diirfte 
es  kaum  zweifelhaft  sein,  dap  England  unterliegen  wiirde.  RuP- 
land  hat  seit  langem  alles  aufgeboten,  sich  einen  zwingenden 
Einflup  auf  Afghanistan  zu  verschaffen,  ohne  jedoch  vorerst  einen 
tatsachlichen  Erfolg  zu  erzielen.    Tritt  Afghanistan  auf  die  Seite 


—    115    — 

Englands,  so  wird  der  Kampf  fiir  Rupiand  ein  schwieriger  sein. 
Was  Persien  betrifft,  so  ist  seine  Kriegsmacht  nur  gering  und  fallt 
wenig  ins  Gewicht.  DaP  es  aber  Rutland  unterstiitzen  wiirde, 
ist  wohl  zu  erwarten,  da  es  diesem  machtigen  Reich  mehr 
zu  Dank  verpflichtet  ist,  als  dies  England  gegeniiber  der 
Fall  ist. 

Das  fiihrt  uns  zu  den  neuerdings  stattgefundenen  Finanz- 
Operationen  zwischen  Rupiand  und  Persien. 

Es  waren  bis  vor  kurzem  eine  englische  und  zwei  russische 
Banken  in  Persien  vorhanden,  welch  letztere  ihre  Existenz  L.  S. 
Poljakow  verdankte.  Die  erstere  Bank,  die  „kaiserlich  persische 
Bank",  mit  einem  Grundkapital  von  4  Millionen  Pfund  Sterling, 
eroffnete  ihre  Tatigkeit  im  Jahre  1889.  Die  beziigliche  Kon- 
zession  wurde  dem  Baron  Julius  Reuter  auf  60  Jahre  erteilt. 
Er  erhielt  das  Recht,  „sich  mit  jeglicher  Art  von  Operationen, 
die  zu  den  gewohnlichen  Bankgeschaften  gehoren,  sowie  mit  jeg- 
lichen  Erw^erbszweigen,  Finanz-  und  Handelsunternehmungen,  zu 
befassen,  mit  Ausnahme  der  Erteilung  von  Vorschiissen  auf  ver- 
pfandetes  Land,  des  Ankaufs  von  unbeweglichen  Giitern  und  der 
Diskontierung  der  Regierungsobligationen,  wenn  solche  nicht  auf 
den  Namen  der  Bank  eingetragen  sind".  Die  Bank  hat  das  Monopol 
zur  Herausgabe  von  Banknoten,  deren  Wert  auf  800000  Pfund 
Sterling  beschrankt  ist  und  die  durch  ^/g  der  Metallreserve  sicher- 
gestellt  sind.  Die  Bank  hat  das  Monopol  zur  Ausbeutung  der 
Mineralreichtiimer  Persiens,  aber  nicht  personlich,  sondern  durch 
Verkauf  oder  Abtretung  an  andere  Gesellschaften  unter  der  Be- 
dingung,  dap  sie  von  der  persischen  Regierung  bestatigt  sind. 
Die  Bank  iibernimmt  die  Garantie  fiir  die  genaue  Berechnung  und 
die  Bezahlung  der  der  Regierung  zukommenden  Summe  (16  Proz.) 
von  der  Gesellschaft,  welche  den  Betrieb  der  Bergwerke  iiber- 
nimmt. Zur  Kontrollierung  der  Tatigkeit  der  Bank  sind  Regie- 
rungskommissare  ernannt.  Die  Bank  ist  verpflichtet,  dem  Schah 
6  Prozent  der  reinen  Einnahme,  aber  nicht  weniger  als  4000  Pfund 
Sterling  jahrlich,  zu  zahlen. 

Das  mangelnde  Vertrauen  der  Bevolkerung  zu  der  Bank,  die 
Miperfolge  der  „Mining  Rights  Corporation"  bei  der  Ausbeutung 
der  Mineralreichtiimer  und  bei  dem  Bau  von  Chausseen,  das  enorme 
Sinken  des  Silbers  und  eine  Reihe  von  anderen  Griinden  vermin- 
derten  das  Grundkapital  fast  um  die  Halfte  und  veranlapten  eine 


—    116    — 

solche  Panik  unter  den  Aktionaren,  dap  Geriichte  uber  die  Liip,i- 
dation  der  Bank  verlauten. 

Einc  von  den  Bedingungen  fiir  die  Grundung  der  Bank  war 
-,,die  Unterstiitzung  der  Regierung  in  ihren  finanziellen  Maf3naJi- 
men".  Daraufnin  erhob  die  persische  Regierung  bei  der  Erteilmig 
der  beziiglichen  Konzession  einen  VorschuP  von  40000  Pfrnid 
Sterling  zu  6  Prozent,  der  in  6  Jahren  getilgt  werden  sollte. 
Die  giinstigen  Resultate  der  Anleihe  veranlapten  den.  Schah,  im 
Jahre  1892  eine  zweite  Gprozentige  Anleihe  zu  500000  Pfmid 
Sterling  aufzunehmen,  die  in  jahr lichen  Raten  in  40  Jahren  znriick- 
gezahlt  werden  sollte.  Ein  Hauptartikel  der  Tatigkeit  der  Kaiser- 
lichen  Bank  ist  „der  Verkauf  und  der  Ankauf  sowohl  von  inmeren 
wie  auslandischen  Rimessen".  Die  Diskonto-  und  Vorschupope- 
ration  hat  nur  einen  geringen  Umfang,  da  die  Zahler  nicht  sicher 
sind.  Es  ist  auch  der  Umstand  zu  beachten,  dap  die  Kaiserliche 
Bank,  die  auf  englischem  Geld  beruht,  ausschliepiich  Perser  und 
Russen  zu  Klienten  hat  und  danach  strebt,  so  viel  wie  moglich 
Beziehungen  mit  Rupiand,  den  russischen  Handelshausern  und 
Fabriken  anzukniipfen,  sowie  die  Entwickelung  des  Wohlstandes 
Nordpersiens,  das  nach  Rupiand  gravitiert,  zu  unterstiitzen. 

Die  beiden  russischen  Banken  wurden  in  Teheran  eroffnet. 
Die  eine,  eine  Abteilung  der  Moskauer  internationalen  Handels- 
bank,  hatte  den  Zweck,  den  Bankgeschaften  der  „persischen  Un- 
ternehmungen  L.  S.  Poljakows  (Handels-  und  Industriegesellschaft, 
Versicherungs-  und  Transportgesellschaft)"  zu  dienen. 

Fiir  die  Errichtung  der  anderen  Bank  erhielt  L.  S.  Poljakow 
im  Jahre  1890  die  Konzession  vom  Schah.  Sie  gab  auf  Prozent- 
papiere,  Wechsel,  Waren  und  andere  Wertsachen  sowie  auf  Gegen- 
stande  zur  Einrichtung  von  Warenmagazinen  unter  Ausstellung  von 
Quittungen  Vorschiisse,  Nach  einigen  Jahren  iiberlieP  Poljakow 
die  Rechte  der  Konzession,  die  1895  ablief,  der  russischen  Regie- 
rung.  Anfangs  war  die  Tatigkeit  der  Bank  sehr  beschrankt  und 
befapte  sich  wie  bisher  nur  mit  Zahlungen  von  Vorschiissen. 
Da  aber  die  Unterbringung  von  Kapitalien  und  Prozentpapieren 
unter  den  Persern  fast  keinen  Erfolg  hat,  so  mupte  man  aus- 
schliepiich Vorschiisse  auf  Wertgegenstande  geben,  so  daP  die 
Bank  zu  einer  einfachen  Lombardbank  wurde.  Da  sie  vorerst 
keine  Filialen  in  anderen  Stadten  hatte,  so  konnte  sie  sich  nicht 
mit  Diskontogeschaften  befassen.  Das  Vertreiben  russischer  Wa- 
ren in  Persien  war  schon  einige  Jahre  vorher  angeregt,  so  daP 


—    117    — 

in  den  Gescliaftsbereich  der  Bank  die  Verschreibung  solcher  nach 
den  hier  befindlichen  Mustern  aufgenommen  wurde,  was  aber  in 
der  ersten  Zeit  nur  einen  geringen  Erfolg  hatte. 

Jetzt  ist  die  Tatigkeit  der  Bank,  die  neuerdings  den  Namen 
„Diskonto-Vorschussbank  Persiens"  erhalten  hat,  bedeutend  er- 
weitert,  und  sie  ist  tatsachlich  ein  Organ  des  russischen  Finanz- 
ministeriums  geworden.  Der  Schutz  des  russischen  Handels  in 
Persien  ist  offiziell  als  ihre  Hauptaufgabe  hingestellt.  Auper  der 
in  Teheran  bestehenden  Hauptbank  sind  Filialen  in  Tabris  und 
Rescht  errichtet,  und  eine  solche  ist  auch  fiir  Meschhed  in  Aus- 
sicht  genommen.  Inbezug  auf  die  Befestigung  des  russischen 
Einflusses  in  wirtschaftlicher  Beziehung  iiber  Nordpersien  ist 
durch  die  Errichtung  dieser  Banken  ein  wesentlicher  Schritt  nach 
vorwarts  gemacht,  wodurch  natiirlich  auch  der  politische  EinfluP 
sich  steigern  wird. 

Die  „Nowoje  Wremja"  aupert  sich  iiber  die  bisherigen  Ver- 
haltnisse  folgendermaPen:  ,,Wenn  man  die  russische  Politik  in 
Persien  in  den  letzten  zehn  Jahren  betrachtet,  so  ist  ersichtlich, 
dap  Rupland  nicht  aktiv  verfuhr  und  nur  danach  strebte,  Persien 
soweit  wie  moglich  vor  dem  Einflup  einer  anderen  fremden  Macht 
zu  bewahren.  Als  unmittelbarer  Grenznachbar  Persiens  in  Trans- 
kaukasien  und  Mittelasien  baute  Rupiand  zur  Entwickelung  seiner 
Beziehungen  zu  dem  Nachbarreiche  nur  zwei  Chausseen,  die  eine 
von  Aschabad  nach  Meschhed,  die  andere  von  Rescht  in  der  Rich- 
tung  auf  Teheran  bis  Kaswin.  Mit  diesem  Bau  hatte  aber  der 
Transport  organisiert  werden  miissen.  Leider  befand  sich  aber 
die  Konzession  zur  Versicherung  und  zum  Transport  der  Waren 
in  Persien  in  den  Handen  Poljakows,  welcher  in  all  den  Jahren 
nichts  tat,  Nach  Meschhed  konnte,  trotz  der  bequemen  Verbin- 
dung  mit  Aschabad,  nichts  aus  Rupland  verschrieben  werden.  Die 
Waren  wurden  bei  Gelegenheit  abgesandt  und  blieben  bisweilen 
infolge  von  Zollmipverstandnissen  und  anderen  Ursachen  ganze 
Monate  liegen.  Zwischen  Aschabad  und  Meschhed  war  bei  dem 
Bau  der  FahrstraPe  sogar  keine  Postverbindung  eingerichtet  und 
keine  Telegraphenleitung  angelegt.  Das  Handelsiibergewicht  Rup- 
lands  in  Persien  war  bis  dahin  nur  die  Folge  der  unmittelbaren 
Nachbarschaft.  Von  der  Entwickelung  des  Netzes  von  Filialen 
der  „Diskonto-Vorschupbank  Persiens"  und  der  Erweiterung  ihrer 
Geschaf  te  ist  zu  erwarten,  daP  auch  der  russische  Handel  in  Persien 
immer  mehr  zunimmt." 


—    118    — 

Von  auPerordentlicher  Wichtigkeit  fiir  das  Wachsen  des  rus- 
sischen  Einflusses  ist  der  Umstand,  daP  Rupland  gestattet  hat, 
dem  Schah  eine  Anleihe  zu  gewahren. 

Unter  dem  21.  Januar  1902  wurde  in  dem  „Prawitelswennyi 
Wiestnik",  dem  offiziellen  Regierungsblatte,  veroffentlicht,  daP 
die  russische  Regierung  der  Diskonto-Vorschupbank  gestattet  habe, 
der  persischen  Regierung  ein  Darlehen  von  22i/o  Millionen  Rubel 
unter  dem  Namen  „Persische  Sprozentige  Anleihe  1900"  zu  zahlen. 
Das  russische  Blatt  gibt  weiter  die  Bedingungen  an,  auf  Grund 
deren  die  Bank  den  Vertrag  mit  Persien  abgeschlossen  hat.  Die 
Anleihe  ist  zu  verzinsen  und  nach  75  Jahren  zu  tilgen.  Die  Ab- 
zahlung  wird  durch  alle  persischen  Zolleinnahmen,  mit  AusschluP 
der  Zolle  von  Fars  und  der  Hafen  des  Persischen  Golfs,  sicher- 
gestellt.  Die  Einnahmen  der  Zollamter  an  der  Landgrenze  und  am 
Kaspischen  Meere  werden,  so  heipt  es  in  dem  „Regierungsboten",  die 
Hohe  der  Zahlungen  bedeutend  iibersteigen.  Im  Falle  einer  Ver- 
zogerung  der  Zahlungen  kann  die  Bank  iiber  die  Zollamter,  deren 
Einnahmen  die  Anleihe  garantieren,  eine  Kontrolle  ausiiben. 

Die  Bereitwilligkeit  der  russischen  Regierung,  Persien  diese 
Anleihe  zu  gewahren,  darf  nicht  als  reines  Finanzgeschaft  auf- 
gefapt  werden,  Sie  hat  vielmehr  eine  auPerordentliche  politische 
Bedeutung  und  zeigt  aufs  neue,  mit  welchem  diplomatischen 
Geschick  Rupiand  es  versteht,  ruhig  sein  Ziel  zu  verfolgen,  um 
den  indischen  Ozean  zu  erreichen. 

Das  jetzige  Darlehn  hat  eine  langere  Geschichte:  Zunachst 
hoffte  die  persische  Regierung,  das  Geld,  dessen  sie  dringend 
bedurfte,  von  England  zu  erlangen.  Die  englischen  Kapitalisten 
hatten  aber  mehr  ihre  Geldinteressen,  als  die  politischen  Jnter- 
essen  ihres  Landes  im  Auge.  Sie  verlangten  so  hohe  Biirgschaf- 
ten  und  Sicherheiten,  dap  die  persische  Regierung  nicht  im  stande 
war,  sie  zu  bewilligen  und  beschloP,  die  Verhandlungen  abzu- 
brechen.  Sie  wandte  sich  nun  nach  Paris  und  Briissel,  Aber  be- 
vor  hier  die  Verhandlungen  das  Stadium  der  Vorbereitung  iiber- 
schritten  hatten,  wurden  sie  durch  einen  deutlichen  Wink  aus 
Petersburg  im  Keime  erstickt.  Dann  kam  es  zu  neuen  Verhand- 
lungen mit  Rupiand  und  England  gemeinsam,  und  wahrend  man 
in  England  darauf  vertraute,  bei  der  Anleihe  beteiligt  zu  sein, 
hatte  Rupiand  in  aller  Stille  die  Dinge  soweit  gefordert,  daP  es 
fiir  sich  allein  den  Darlehnsvertrag  mit  Persien  zum  Abschlup 
brachte,   und  mit  der  vollzogenen  Tatsache  die  englischen  be- 


—    iiy    — 

teiligten  Kreise  vollstandig  iiberraschte.  Dazu  kam  noch,  daP 
sehr  bald  die  geheime  Klausel  bekannt  wurde,  zu  deren  Bewil- 
ligung  die  persische  Regierung  sich  hatte  entschliePen  miissen. 
Letztere  hat  sich  namlich  Rutland  gegeniiber  verpflichtet,  wahrend 
der  nachsten  75  Jahre  keine  weitere  Anleihe  aufzunehmen  und 
iiberhaupt  mit  keinem  anderen  Staate  in  Anleiheverhandlungen 
zu  treten.  Da  sich  nun  auch  Persien  verpflichtet  hat,  keinerlei 
Konzessionen  fiir  Eisenbahnbauten  zu  vergeben,  so  liegt  auf 
der  Hand,  daP  die  ganze  weitere  wirtschaftliche  Erschliepung 
Persiens  und  damit  auch  der  ausschliepiiche  politische  EinfluP 
iiber  Persien  fortan  Rupiand  zufallt.  Die  russische  Diplomatie  hat 
sich  aber  gehiitet,  den  Bogen  zu  iiberspannen.  Sie  lapt  zur  Zeit 
keine  wesentlichen  Veranderungen  eintreten;  sie  gibt  also  nie- 
mandem  AnlaP  zu  tatsachlichen  Klagen.  Aber  sie  hat  es  ver- 
standen,  den  Weg  zu  bahnen  und  vorzubereiten,  damit  sie  bei 
jeder  giinstigen  Gelegenheit  einen  weiteren  Schritt  nach  dem 
persischen  Golf  und  dem  Indischen  Ozean  machen  kann,  ohne 
befiirchten  zu  miissen,  auf  einen  ernsten  Widerstand  zu  stoPen. 

Wie  oben  erwahnt,  sind  nach  dem  Anleihevertrage  die  Zoll- 
einkiinfte  von  Ears  und  der  Stadte  am  Persischen  Golf  nicht  als 
Garantie  fiir  die  Abzahlung  der  Anleihe  in  Aussicht  genommen. 
Es  ist  aber  sofort  dafiir  gesorgt,  dap  die  Verpfandung  dieser  Zoll- 
einnahmen  an  England  durch  voile  Riickzahlung  der  alteren  An- 
leihe, die  Persien  in  England  aufgenommen  hat,  aufgehoben  wurde. 
Schon  unter  dem  22.  Februar  1903  lief  aus  Petersburg  die  Nach- 
richt  ein,  daP,  dem  Wunsche  der  persischen  Regierung  ent^ 
sprechend,  Rupiand  6  Millionen  Rubel  nach  London  abgesandt 
habe,  um  damit  die  alte  Gprozentige  Goldanleihe  von  1892  fiir 
Persien  zuriickzuzahlen.  Dadurch  wurden  die  reichste  persische 
Provinz  Ears  und  die  bisher  an  England  verpfandeten  Zollein- 
nahmen  der  Hafen  des  Persischen  Golfes  wieder  frei.  Es  ist  wohl 
nicht  zu  bezweifeln,  daP  der  EinfluP  Englands  iiber  Persien,  fiir 
den  in  den  friiheren  Jahrzehnten  so  viele  weitblickende  Manner 
ihre  besten  Krafte  eingesetzt  haben,  in  hohem  MaPe  geschadigt  ist. 

Die  Ausfiihrungen  des  russischen  Blattes  „Birshewij  Wiedo- 
dowosti  (Borsenzeitung)"  iiber  die  Folgen  der  persischen  Anleihe 
diirften  nicht  ohne  Interesse  sein.  Das  Blatt  sagt:  „Die  An- 
naherung  zwischen  Rupiand  und  Persien,  die  in  den  beiden  An- 
leihen  zum  Ausdruck  gekommen  ist,  welche  das  wirtschaftliche 
Leben    West-Irans    von    der    englischen  Vormundschaft  befreit 


—    120    — 

haben,  ist  von  unseren  Diplomaten  durch  allmahliche  und  be- 
harrliche  Arbeit  erzielt  worden,  die  sehr  viel  Zeit  gekostet  hat. 
In  einem  Lande,  wo  nicht  erst  seit  gestern  zwischen  Rupiand 
und  England  ein  Kampf  nm  die  Vorherrschaft  vor  sich  geht, 
ist  der  Boden  fiir  den  russischen  Unternehmungsgeist  in  Handel, 
Industrie  und  Eisenbahnwesen  bereitet  worden.  Die  Anleihe  von 
100  Millionen,  welche  China  bald  nach  dem  Vertrage  von  Schi- 
monoseki  bei  uns  aufnahm,  war  der  Vorbote  der  Griindung  der 
Russischen  Ostasiatischen  Eisenbahngesellschaft,  deren  Tatigkeit 
die  Pachtung  von  Port  Arthur  und  Dalnyi  am  Stillen  Ozean  zur 
natiirlichen  Folge  hatte.  Die  beiden  Anleihen,  welche  Persien 
binnen  sehi*  kurzer  Zeit  auf  dem  russischen  Markte  untergebracht 
hat,  miissen  die  Griindung  einer  russischen  Gesellschaft  der  per- 
sischen  Eisenbahnen  zur  Folge  haben;  eine  solche  Gesellschaft 
wiirde  bei  uns  mit  dem  Gefiihle  lebhafter  Freude  begriipt  werden. 
Bei  den  Beziehungen,  die  seit  dem  Besuche  des  Schahs  in  Peters- 
burg zwischen  Rupiand  und  Persien  zu  stande  gekommen  sind, 
und  bei  dem.  Vertrauen,  das  die  Bevolkerung  allem  Russischen 
entgegenbringt,  lapt  sich  nicht  bezweifeln,  daP  uns  der  russische 
Eisenbahnbau  in  Persien  einen  freien  Ausgang  zum  Indischen 
Ozean  geben  wird,  ebenso  wie  der  Eisenbahnbau  in  China  uns 
die  Moglichkeit  gegeben  hat,  am  Stillen  Ozean  festen  FuP  zu 
fassen.  Dap  die  Magistrallinie  vom  Kaspischen  Meere  durch  Per- 
sien bis  Teheran  und  weiter  bis  Bender-Abbas  unseren  Handel  mit 
Asien  beleben  wird,  ist  jedem  klar,  der  es  verfolgt  hat,  wie  sich 
seit  den  90  er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  die  Dinge  in  diesem 
Erdteile  entwickelt  haben.  Auf  unsere  Industrie,  die  bereits  eine 
kurze  Zeit  des  Stillstandes  durchgemacht  hat,  wiirde  die  Belebung 
des  Eisenbahnbaues  in  Persien  gerade  im  jetzigen  Augenblick  eine 
auperordentlich  wohltatige  Wirkung  ausiiben.  Es  ist  notwendig, 
dap  die  russischen  Bahnen  in  Persien  noch  friiher  dem  Verkehr 
iibergeben  werden,  als  die  Bagdadbahn  aus  ihrem  ersten  Ent- 
wickelungsstadium  gelangt.  Nur  in  diesem  Falle  verliert  sie  fiir 
uns  ihren  gefahrlichen  Charakter.  Ebenso  gibt  es  auch  gegen 
die  Versuche,  Persien  in  eine  nordliche  und  siidliche  EinfluP- 
sphare  zu  teilen,  nur  ein  sicheres  Mittel,  die  moglichst  schleunige 
Herstellung  einer  Eisenbahnverbindung  zwischen  unseren  trans- 
kaspischen  und  transkaukasischen  Bahnen  und  den  Haupthafen 
Persiens.  Im  westlichen  Iran  wird  der  englische  EinfluP  in  dem 
Mape  dem  russischen  Platz  machen,  in  dem  sich  die  russischen 


—    121    — 

Kapitalien,  das  russische  Wissen  und  die  russische  Arbeit  dort 
einen  weiten  Spielraum  verschaffen.  Die  auswartigen  politischen 
Verhaltnisse  haben  sich  in  dieser  Beziehung  auPerst  giinstig  fiir 
uns  gestaltet.  Hier  wie  im  ostlichen  Teile  des  iranischen  Hoch- 
plateaus,  in  Afghanistan,  ist  das  britische  Ansehen  durch  den 
ungliicklichen  Krieg  Englands  im  schwarzen  Erdteil  stark  er- 
schiittert  worden.  Wichtig  ist  es,  daP  aus  dieser  Sache  nicht 
andere  Nutzen  ziehen,  dap  jene  Unternehmer,  die  auf  dem  Um- 
wege  iiber  Syrien  und  Kleinasien  zum  Persischen  Golf  streben, 
nicht  friiher  dorthin  gelangen,  als  der  russische  Unternehmungs- 
geist  sich  aufrafft.  Wir  haben  schon  mehrfach  darauf  hin- 
gewiesen,  daP  in  dem  Kampfe  um  die  Vorherrschaft  in  Asien, 
der  schon  seit  einem  Jahrhundert  zwischen  Rupiand  und  England 
gefiihrt  wird,  dem  westlichen  und  ostlichen  Iran  eine  Haupt- 
rolle  bestimmt  ist.  Die  Erkenntnis  dieser  geschichtlichen  Wahr- 
heit  kann  man  aus  der  ganzen  asiatischen  Politik  Rupiands 
schopfen,  wenn  man  die  Mitte  der  80  er  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts  zum  Ausgangspunkt  nimmt.  Die  neue  persische  An- 
leihe  in  Rupiand  ist  eine  der  natiirlichen  Auperungen  dieser 
Politik,  welche  die  russischen  Kapitalien  zu  schopferischer  und 
energischer  Arbeit  im  Lande  des  Schahs  aufruft  ..."  — 

Von  ganz  auperordentlicher  Wichtigkeit  ist  in  dieser  Be- 
ziehung  das  russisch-persische  Zollabkommen  vom  8.  November 
1901,  das,  wie  die  „russische  Telegraphen-Agentur"  aus  sicherer 
Quelle  erfahrt,  jetzt  unterzeichnet  wurde.  Die  Grundsatze  sind 
folgende: 

1.  Waren,  die  von  russischen  Untertanen  nach  Persien  ein- 
gefiihrt  und  aus  Persien  ausgefiihrt  werden,  sowie  persische  Er- 
zeugnisse,  die  von  Persien  iiber  das  Kaspische  Meer  oder  die 
Landesgrenze  beider  Staaten  nach  Rupiand  eingefiihrt  werden, 
ferner  russische  Waren,  die  von  Persien  auf  demselben  Wege 
aus  Rupiand  ausgefiihrt  werden,  unterliegen  fortan  einer  Zoll- 
gebiihr  gemap  dem  beigefiigten  Tarif. 

2.  Aus  Rupiand  ausgefiihrte  Waren  unterliegen  der  Zollgebiihr 
ein  fill'  allemal  bei  der  Einfuhr  in  Persien  und  unterliegen  weiter- 
hin  keiner  anderen  Zollgebiihr  oder  anderen  Steuern  mit  Aus- 
nahme  der  besonders  bezeichneten.  Persische  Erzeugnisse  unter- 
liegen bei  der  Einfuhr  in  Rupiand  den  Zollgebiihren  und  keinen 
anderen  Ausfuhrgebiihren  oder   Steuern  bei  ihrer  Ausfuhr  aus 


—    122    — 

Persien  mit  Ausnahme  der  im  Abkommen  der  Deklaration  be- 
zeichneten.  Alle  in  dem  Tarif  nicht  genannten  persischen  Waren 
und  Erzeugnisse  unterliegen  in  Rutland  einem  Einfuhrzoll  nach  den 
Tarifen,  die  bei  Herkiinften  aus  meistbegiinstigten  Landern  an- 
gewandt  werden.  Eine  Ausnahme  hiervon  bilden  die  bereits  fest- 
gesetzten  oder  noch  festzusetzenden  Tarife  fiir  die  Ausfuhr  aus 
China  und   anderen  asiatischen   Nachbarlandern. 

3.  Der  bisher  in  Persien  erhobene  Ausfuhrzoll  von  5  Prozent 
wird  vollig  abgeschafft,  mit  Ausnahme  der  im  Tarif  aufgefiihr- 
ten  Ausfuhrzolle.  Russische  und  persische  Waren  konnen  nun- 
mehr  frei  aus  einem  in  den  anderen  Staat  ausgefiihrt  werden 
mit  Beobachtung  natiirlich  der  Einschrankungen,  die  bereits  fest- 
gesetzt  oder  noch  festzusetzen  sind. 

4.  Die  persische  Regierung  iibernimmt  die  Verpflichtung, 
alle  Wegesteuern  aufzuheben  und  nicht  andere  Wege-  und  Schlag- 
baumsteuern  zuzulassen,  mit  Ausnahme  der  Steuern  auf  kiinst- 
lich  hergestellten  FahrstraPen,  fiir  welche  eine  Konzession  be- 
reits gegeben  ist  oder  gegeben  wird.  Die  Steuern  sollen  aber 
nicht  hoher  sein  als  die  fiir  die  Strapen  von  Rescht  nach  Teheran 
erhobenen  Steuern.  Die  Verpachtung  der  Zollerhebung  in  Per- 
sien wird  abgeschafft  und  durch  die  Errichtung  von  Regierungs- 
zoUamtern  an  den  Grenzen  ersetzt.  Die  persische  Regierung  er- 
greift  MaPregeln  zur  Sicherheit  der  in  den  Zollamtern  lagernden 
Waren  und  iibernimmt  die  Biirgschaft  fiir  sie.  Die  Regierung 
verpflichtet  sich  ferner,  bei  gewissen  Zollamtern  geniigende 
Warenhauser  zu  bauen.  Die  Einzelheiten  werden  vor  Inkraft- 
treten  dieses  Abkommens  in  einem  allgemeinen  Reglement  nieder- 
gelegt,  das  von  den  Zollamtern  mit  russischen  Vertretern  in 
Teheran  ausgearbeitet  wird.  Persische  Untertanen  unterstehen 
bei  der  Einfuhr  von  Waren  in  Rupiand  oder  bei  der  Ausfuhr  aus 
Rupland  den  jetzigen  und  kiinftigen  russischen  Gesetzen,  wobei 
sie  den  Vorzug  der  meistbegiinstigten  Lander  geniepen." 

Dap  dies  Zollabkommen  in  allererster  Linie  gegen  England 
gerichtet  ist,  liegt  auf  der  Hand.  Sein  Handel,  der  nach  einer  An- 
gabe  des  „Comite  de  Tasie  francaise.  Bulletin  mensuel,  Novembre 
1901"  nur  24  Prozent  des  Gesamthandels  in  Persien  gegen  56  Pro- 
zent des  russischen  Handels  ausmacht,  wird  durch  dieses  Ab- 
kommen sehr  geschadigt.  Da  ferner  die  Zinsen  der  seitens  RuP- 
lands  Persien  gewahrten  Anleihen  durch  die  Einnahme  aus  den 
Zollen  sicher  gestellt  werden,  so  mupte  ersteres  darauf  bedacht 


—    123    — 

sein,  dap  eine  gesetzliche  Regelung  derselben  erfolgte,  damit 
sie  auch  wirklich  den  notigen  Ertrag  brachten.  Dazu  tragt 
noch  wesentlich  das  Verbot  der  Verpachtung  der  Zollamter  bei. 
Wichtig  sind  die  Aufhebung  der  Binnenzolle  und  der  Strapen- 
gebiihren,  welch  letztere  nur  fiir  kiinstlich  angelegte  Wege  zu 
erheben  sind,  wodurch  sich  Rupiand  fiir  die  seinerseits  aus- 
gefiihrten  und  auszufiihrenden  Bauten  schadlos  halt.  Von  der 
Selbstandigkeit  Persiens  ist  wieder  ein  groper  Teil  verloren  ge- 
gangen,   wahrend  die  Machtsphare  Ruplands  gewachsen  ist. 

Auch  die  russischen  Unternehmer,  Kaufleute,  Kapitalisten 
rasten  nicht,  um  sich  den  Markt  Persiens  mehr  zu  erschliepen. 
So  haben  mehrere  grope  Fabrikanten  von  Manufakturwaren  und 
grope  Handelshauser  eine  gemeinsame  Agentur  in  Teheran  er- 
offnet,  um  russische  Waren  zu  verkaufen  und  persische  zu  kaufen. 
Veranlapt  wurde  diese  Agentur  durch  den  Umstand,  dap  alle 
moglichen  Kommissionare  und  Handelsreisende  die  Vermittelung 
zwischen  den  russischen  und  persischen  Kaufleuten  nur  wenig 
gewissenhaft  betrieben,  was  besonders  den  persischen  Kaufleuten 
nachteilig  war,  so  daP  die  Gefahr  drohte,  dap  den  russischen 
Kaufleuten  der  Markt  verloren  ging. 

Zur  Erleichterung  des  Warenaustausches  zwischen  den  russi- 
schen Markten  und  den  persischen  Hafen  Lenkoran  und  Enseli 
ist  eine  direkte  Verbindung  von  den  Stationen  des  russischen 
Eisenbahnnetzes  mittels  der  Schiffe  der  Schwarzemeer-Dampf- 
schiffgesellschaft  hergestellt,  welche  die  Giiter  von  oder  nach 
Odessa,  Nikolajew,  Sewastopol,  von  oder  nach  Noworossiisk,  Poti 
oder  Batum  schaffen,  um  sie  dann  weiter  nach  der  Wladikawkas- 
oder  Transkaspischen  Eisenbahn  bis  Petrowsk  und  Baku  oder  zu- 
riick  zu  transportieren.  Auf  dem  Kaspischen  Meere  wird  die 
Verbindung  mit  Lenkoran  und  Enseli  durch  die  ,,Ost-Warentrans- 
port-Gesellschaft"   aufrecht  erhalten. 

Die  „Gesellschaft  der  Kunde  des  Ostens"  in  Petersburg,  die 
Zweiggesellschaften  in  Astrachan,  Aschabad,  Buchara,  Reni, 
Taschkent,  Tiflis  und  Eriwan  hat,  hat  im  Jahre  1901  eine  Handels- 
schule  in  Teheran  errichtet,  die  unter  anderem  bezweckt,  die 
russische  Sprache  in  Persien  zu  verbreiten.  DaP  die  russische 
Sprache  immer  mehr  in  Persien  an  Boden  gewinnt,  geht  femer 
daraus  hervor,  dap  in  den  beiden  in  Tabris  bestehenden  moham- 


—     124    — 

medanischen  Schulen  gleichzeitig  mit  der  persischen  auch  die 
russische  Sprache  gelehrt  wird.  Es  ist  allerdings  kein  von  dem 
Ministerium  festgesetztes  Programm  fiir  den  russischen  Sprach- 
unterricht  vorhanden,  well  in  Persien  kein  Knltusministerium  be- 
steht.  Die  Griinder  dieser  Schulen  haben  aber  eingesehen,  da[3 
die  russische  Sprache  fiir  den  Verkehr  notig  ist  und  haben  ihn 
infolgedessen  in  den  Lehrplan  aufgenommen.  Dasselbe  gilt  auch 
von  den  armenischen  Schulen  nicht  nur  in  Tabris,  sondern  auch 
in  Choi,  Sulmasan  und  Astrabad,  wo  auch  russisch  getrieben 
wird.  Ebenso  ist  in  den  Schulen  der  amerikanischen  protestan- 
tischen  Missionen  und  der  katholischen  Schule  in  Tabris  die 
russische   Sprache   ein  Lehrgegenstand. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  dap  die  Verbreitung  der  russischen 
Sprache  in  Persien  seine  Beziehungen  zu  Rutland  immer  mehr 
befestigen  wird.  Noch  mehr  tragt  aber  dazu  die  Annahme 
des  orthodoxen  Glaubens  bei. 

So  berichtet  das  russische  Blatt  ,,Kawkas"  iiber  die  erfreu- 
liche  Sachlage  in  der  Provinz  Urmia,  wo  die  russische  Trans- 
portgesellschaften  ,,Nadeshda"  eine  Agentur  errichtet  hat.  In 
kurzer  Zeit  wird  hier  auch  ein  russisches  Vizekonsulat  eingesetzt 
werden,  was  nicht  nur  allein  durch  wirtschaftliche  Interessen 
veranlapt  ist. 

Vor  einigen  Jahren  sprachen  namlich  viele  Einwohner  von 
Urmia  den  Wunsch  aus,  zur  orthodoxen  Kirche  iiberzutreten, 
zu  welchem  Zwecke  sie  ihre  Delegierten  nach  Petersburg  sandten. 
Die  russische  Regierung  genehmigte  ihre  Bitte  und  schickte  nach 
Urmia  einen  Geistlichen,  um  sie  in  die  orthodoxe  Kirche  aufzu- 
nehmen  In  kurzer  Zeit  bildete  sich  eine  grope  Gemeinde  von 
orthodoxen  Christen,  die  jetzt  zu  1500  Seelen  angewachsen  ist, 
so  dap  es  die  russische  Regierung  fiir  notig  hielt,  eine  standige 
geistliche  Mission  in  Urmia  zu  errichten,  an  deren  Spitze  jetzt 
der  Archimandrit  Kirill  getreten  ist.  Diese  Mission  traf  aber  oft 
auf  Schwierigkeiten,  um  ihre  Aufgabe  mit  Erfolg  zu  losen,  und 
mupte  deshalb  zur  Unterstiitzung  des  Konsuls  in  Tabris  ihre  Zu- 
flucht  nehmen.  Die  Errichtung  eines  Vizekonsulates  in  Urmia 
wird  die  Aufgabe  der  Mission  erleichtern.  — 

Dap  der  Schah  Musaffer-Eddin  personlich  Rupiand  sehr  ge- 
neigt  ist,  beweist  der  Umstand,  daP  er  unlangst  den  Gouverneur 
von  Teheran,  Prinzen  Ein  ed  Daulen,  der  vollstandig  unter  eng- 


—     125    — 

lichem  Einflup  steht,  und  eine  Staatsumwalzung  unter  seiner 
Fiihrung  und  anderen  englischfreundlichen  Mannern  zu  befiirchten 
war,  seines  Postens  entsetzt  hat  und  gleichzeitig  ihn  zum  Statt- 
halter  einer  Provinz  ernannte.  Der  Prinz  erbat  sich  die  Ver- 
waltung  der  persischen  Provinz  Arabistan,  die  zu  dem  von  Eng- 
land beanspruchten  EinfluPgebiet  gehort.  Obgleich  der  bisherige 
Generalgouverneur  von  Arabistan,  Prinz  Tath  Salar  ed  Dauleh. 
mit  dem  Schah  nahe  verwandt  ist  und  dieser  sich  auf  seine 
Treue  verlassen  kann,  ist  es  der  englischen  Diplomatie  dennoch 
gelungen,  seine  Abberufung  zu  erwirken  und  ihn  durch  den  Prin- 
zen  Ein  ersetzen  zu  lassen.  Auch  sollen  jetzt  in  Teheran  Un- 
ruhen  entstanden  sein,  die  zur  Verhaftung  von  vielen  Geistlichen 
gefiihrt  haben.  Ferner  sollen  andere  einer  starken  Hinneigung 
zu  England  verdachtige  Beamten  laut  eines  Erlasses  des  Schahs 
aus  Teheran  entfernt  und  in  die  Provinzen  versetzt  werden. 

Die  einzige  brauchbare  Truppe  des  Schahs,  die  Kasaken- 
Brigade,  ist  von  russischen  Offizieren  gebildet  und  geschult  wor- 
den  und  untersteht  dem  russischen  General  Kosakowski,  der  nicht 
vom  persischen  Kriegsminister  abhangt,  wie  die  friiheren  aus- 
landischen  Instruktoren,  sondern  seine  Weisungen  aus  Peters- 
burg erhalt.  Da  der  Schah  sich  nur  auf  diese  Regimenter  stiitzen 
kann,  wenn  er  innere  Unruhen  bekampfen  muP,  so  ist  die  Be- 
deutung,  vi^elche  General  Kosakowski  in  Teheran  hat,  leicht  zu 
verstehen. 

Bemerkt  mag  noch  werden,  daP  zur  weiteren  Starkung  des 
russischen  Einflusses  in  Nordpersien  als  Beilage  zur  „Sakas- 
piiskoje  Obosrienije"  mit  Beginn  des  Jahres  1903  in  Aschabad 
eine  Zeitschrift  in  persischer  Sprache  erscheinen  soil.  Ihre  Auf- 
gabe  ist,  die  Entwickelung  der  Handelsbeziehungen  zwischen  RuP- 
land  und  Persien  und  die  Annaherung  beider  Lander  als  Grenz- 
nachbarn  gegen  den  Einflup  Englands  zu  sichem. 


Die  groPen  und  wichtigen  Erfolge,  die  Rupiand  in  seinen 
Beziehungen  zu  Persien  in  den  letzten  Jahren  erreicht  hat,  ver- 
dankt  es  dem  weiten  Blick  seiner  zielbewupten  Politik,  die  ja 
in  alien  asiatischen  Fragen,  sowohl  im  f ernen  Osten  wie  in  Mittel- 
asien,  so  auch  in  Persien  klar  zu  Tage  tritt.  Trotz  des  Wider- 
standes  Englands  wird  es  sein  Ziel  erreichen,  nicht  nur  iiber 
Nordpersien,   sondern  auch  iiber  Siidpersien  seine   Machtsphare 


—    126    — 

auszudehnen,  besonders  wenn  die  Eisenbahnplane  erst  verwirk- 
licht  sind.  Vorerst  wird  allerdings  der  Persische  Golf  noch  unter 
dem  Einflup  Englands  bleiben.  Wenn  aber  Rnpland  das  Hinterland 
in  politischer  und  wirtschaftlicher  Beziehung  unter  seinen  zwingen- 
den  Einflup  gebracht  hat,  so  wird  es  sich  auch  den  Ausgang 
zum  „Warmen  Meere",  zum  Indischen  Ozean,  erschliePen.  RuP- 
lands  lang  gehegter  Wunsch,  das  Endziel  seiner  unentwegten 
Bestrebungen,  wird  erreicht  sein.  Wie  England  das  Vorgehen 
Rupiands  in  Mittelasien  bis  zur  afghanischen  Grenze  nicht  hat  hin- 
dern  konnen,  so  wird  es  auch  in  Persien  dem  machtigen  Reiche 
der  Zaren  kaum  Widerstand  leisten  konnen. 


Auhang'. 

1  Toman  =  10  Frank. 

1  Kran  =  1  Frank. 

5  Schahstiicke  =  25  Centimes. 

1  Pud  =  16,38  Kgr. 

1  Werst  =  1,067  Km. 


Verlag  von  Zuckscli^verdt  &  Co.  in  Leipzig 


Russland  in  Asien 


Band  I 


Transkaspien  und  seine  Eisenbahn 

Nach  Akten  des  Erbauers  Generalleutnants  M.  Annenkow 

bearbeitet  von 

Dr.  O.  Heyfelder 

Staatsrat  in  St.  Petersburg,   ehemals  Chefarzt  der  Skobelew-Achal-Teke- Expedition. 

Zv^eite,  unverMnderte  Auf  lage. 

Mit  vielen  Karten,  Planen,  Holzschnitten  und  Vollbildern.  —  Preis  4  Mark. 

Inhalt: 
Literatur.  Vorwort.  I.  Topographie  von  Transkaspien.  11.  Voi-geschichte  des  trans- 
kaspischen  Eisenbahnbaues:  a)  Militarische  Vorgescliichte.  6)  Diplomatische  Vorgesctiichte. 
c)  Das  Eisenbahnwesen  in  Russland.  III.  Stimmen  der  Presse  tiber  die  kaspische  Eisenbahn. 
rv.  Stimmen  des  Auslandes  iiber  den  Bahnbau ;  Der  Bau  der  strategischen  Bahn  in  Transkaspien. 
V.  Die  Geschichte  des  Bahnbaues.  VI.  Die  Griindung  des  Hafens  in  Usun-Ada.  VII.  Der 
Weiterbau  der  Balin:  A)  Allgemeine  Besprechung  der  Bahn.  B)  Die  Organisation  des  Dienstes. 
C)  Die  AibeitseinteUung.  D)  Ueberwindung  aussergewohnlicher  Hindernisse:  a)  Der  Flugsand. 
6)  Die  Wasserversorgung.  c)  Die  Versorgung  mit  Heiz-  und  Leuchtmaterial.  E)  Die  Ausrtistung 
der  Eisenbahn.  F)  Das  roUende  Material.  G)  Wohlfeilheit  der  Bahn.  R)  Das  Klima  und  die 
Gesundheitsverhaltnisse.    Biographie  des  Erbauers  der  Kaspibahn. 


Band  II 


Russland  in  Mittel-Asien 

Von 

Uit  9  Autotypien.  Krahinei*  P'^^^  *  Mark  50  Pfg. 

Konigl.  Preuss.  Generalmajor  z.  D. 

Inhalt: 
I.  Das  Vordringen  Russlands  in  Mittel-Asien.    XL  Topographische  Uebersicht  tiber  das 
russische  Turkestan.    III.  Die  Bevolkerung.      IV.  Ackerbau,  Viehzucht,  Fischfang.    V.  Mineral- 
reichthum,  Industrie,  Handel.    ■^^.  Die  Beziehungen  Russlands  und  Englands  in  Mittelasien. 


Baud  III 


Sibirien  und  die  grosse  Sibirische  Eisenbahn 

Von 

Kraliiuei* 

Konigl.  Preuss.  Generalnia.ior  z.  D. 
Zwelte  vollstMndlg  verbcsserte  und  umgearbeltete  Auflage. 

Mit  zwei  kolorierten  Karten.  —  Preis  7  Mark. 

Inhalt: 
I.  Aus  der  Geschichte  der  Erworbung  Sibiriens  durch  Russland.  II.  Charakteristik 
Sibiriens  in  topogiajjliischer,  geologisdur  und  klimatischer  Beziehung,  sowie  in  Bezug  auf 
die  Flora  und  Fauna.  III.  Die  Bevolkerung  und  die  Besiedelung  Sibiriens.  IV.  Die  haupt- 
sttchlichsten  Erwerbszweige  der  Bevolkerung:  Ackerbau,  Viehzucht,  Jagd,  Fischfang,  Aus- 
nutzung  des  Waldes.  V.  Die  MineralreiclitUmer  und  ihre  Verwertung.  VI.  Industrie,  Handel 
und  Verkehrswege.    VII.  Die  gi-osse  sibirische  Eisenbahn  mit  ihren  Zweigen. 


Verlag  von  ZuckscliMrepdt  &  Co.  in  Leipzig 


Band  IV 


Russland  in  Ost-Asien 

(mit  besonderer  BerUcksiclitigung  der  Mandschurel) 

You 
Mit  einer  Skizze.  KrRlliner  Preis  G  fAnrk. 

K6nigl.  Preuss.  Generalmajor  z.  D. 

Inhalt: 
I.  Goschichtlicher  Ueberblick.  11.  Geographische  Uebersicht  der  Mandschurel.  III.  Die 
Bevolkerung  und  die  wichtigsten  bewohnten  Oi-te  der  Mandschurei.  IV.  Ackerbau,  Viehzucht, 
Waldreichtum ,  Jagd,  Mineralreichthum  der  Mandschurei.  V.  Industrie  und  Handel  der 
Mandschurei.  VI.  Die  Machtstellung  Russlands  in  Ost-Asien  uach  seiner  Festsetzung  in  der 
Mandschurei. 


Band  V 


Das  nordostliche  Kiistengebiet 

(der  Ochotskische,  GisMginskisclie,  PetropaMrlowskische 
und  Anadyr-Bezirk) 

Mit  2  koloriert.  Karten.  ^^       ,  e^c:J  Preis  8  Mark.  "t:J^ 

Krabiuer  

Konigl.  Preuss.  Generalmajor  z.  D. 

Inhalt: 
VoiTvort.     I.  Geschichtliche  Uebersicht.    11.   Geographische   Uebersicht:   A)  Von  dem 
Flusse  Uda  bis  zur  Penshina.    B)  Die  Halbinsel  Kamtschatka.    C)  Der  Anadyr-Bezirk.    D)  Das 
Klima.  lU.  Die  Bevolkerung.    IV.  Verwaltung,  Wegeverhaltnisse  und  Transportmittel.    V.  Fisch- 
t'ang,  Jagd,  Viehzucht,  Ackerbau,  Hausgewerbe.     vl.  Der  Handel.    Schlussbemerkungen. 

Ueber  obige  bis  Ende  des  Jahres  1901  erschienenen  Bande  I — V  liegen 
seitens  der  Presse  die  giinstigsten  Besprechungen  vor.  Wir  erlauben  uns,  in 
Nachstehendem  einen  Teil  eines  Aufsatzes  des  „Eigaer  Tageblattes"  zu 
veroffentlichen,  welches  unterm  19./20.  April  (2./3.  Mai)  1902  folgendermassen 
schreibt: 

„.  .  .  Mit  grosser  Spannung  und  Aufmerksamkeit  verfolgt  Europa  die  Schritte  Russ- 
lands im  fernen  Osten  und  im  Sliden  des  asiatischen  Festlandes,  nach  China  wie  nach  Persian 
bin,  und  vor  alien  anderen  ist  es  Deutschland,  der  getreue  Freund  und  gate  Nachbar,  der 
mit  besonderem  Interesse  auf  Russlands  Unternehmungen  und  Erfolge  blickt,  sind  diese  doch 
zugleich  auch  ftir  ihn  Erfolge."  .  .  .  Unter  der  deutschen  Literatur,  die  dieses  Thema  behandelt, 
sind  in  erster  Linie  als  das  Beste  in  ihrer  Art  die  von  der  Verlagsbuchhandlung  von  Zuck- 
schwerdt  &  Co.  in  Leipzig  unter  dem  Titel:  ,,Rassland  in  Asien"  herausgegebenen 
Schriften  zu  nennen,  von  denen  bis  jetzt  fiinf  Bande  vorliegen.  Den  ersten  Band  der 
Serie  bildet  die  Schrift  Heyfelders:  „Transkaspien  und  seine  Eisenbahn",  nach  den  Akten 
des  Erbauers  Generalleutnants  M.  Annenkow.  In  diesem  Werke  erhalten  wir  zum  ersten 
Male  von  einem  griindlichen  Kenner  des  Gebietes,  der  alle  Ereignisse  miterlebt  hat,  auf  Grund 
offiziellen  Materials  authentische  Mitteilungen  tiber  Transkaspien  und  die  Transkaspische 
Eisenbahn.  Letztere  bildet  den  Schwerpunkt  der  Schrift,  denn  Heyfelder  hat  die  Entstehung 
der  Bahn  vom  ersten  Anfange  an  zu  beobachten  Gelegenheit  gehabt,  wie  den  gewaltigen  Um- 
schwung,  den  sie  in  den  dortigen  Verhaltnissen  hervorgebracht  hat.  Durch  Heyfelder  wird 
uns  die  Bedeutung  des  Unternehmens  erst  klar,  dessen  vollen  Wert  erst  die  kommenden  Ge- 
schlechter  ganz  erkennen  und  preisen  werden. 

Einen  mehr  akademischen  Standpunkt  als  die  Schrift  Heyfelders  nimmt  die  Arbeit 
des  konigl.  preuss.  Geueralmajors  z.  D.  Krahmer  ein:  „Russland  in  Mittelasien".  Mit  9  Auto- 
typien,  den  zweiten  Band  der  ganzen  Reihe:  „Russland  in  Asien"  bildend.  Krahmer 
berichtet  nicht  aus  eigener  Anschauung,  seine  Darstellung  beruht  vorzugsweise  auf  russischen 
Quellen.  Ein  griindlicher  Kenner  der  russischen  Literatur  iiber  Asien,  ist  sein  Blick  ein 
weiterer  und  umfassenderer  als  der  Heyfelders.  Er  hat  das  russische  Asien  schou  seit  einer 
langen  Reihe  von  Jahren  zum  Vorwurfe  seiner  Spezialstudien  gemacht,  so  dass  er  als  Autoritat 
auf  diesem  Gebiete  angesehen  werden  kann.    Sein  Urteil,  auf  reichen  Kenntnissen  eines  zu- 


/-/-  /^ 

vftrlassigen  Materials  beruhend,  ist  durchaus  objektiv,  wozu  nur  die  grosste  Vertrautheit  mit 
dem  Stoffe  und  dessen  unumschrarikte  Bebierrschung  befahigen. 

Von  einer  weiteren  Schinft  des  konigl.  preuss.  Generalmajors  z.  D.  Krahmer:  „Sibirien  und 
die  grosse  Siblrische  Eisenbahn",  das  den  drltten  Band  des  Werkes  nRusslandinAsien"  bildet, 
ist  bereits  eine  zweite  verbesserte  und  vollstandig  umgearbeitete  Auflage  erschienen.  Wie  noch  zu 
keiner  Zeit  ist  dasInteresseEuropasund  zunachstDeutschlands  heute  auf  Sibirien  gelenktworden. 
Veranlassung  dazt  hat  das  grossartige  Unternehmen,  die  Transsibirische  Eisenbahn,  gegeben. 
Sie  ist  aber  nur  das  ausserliche  Motiv ,  ein  schwerwiegender  Kern  erhebt  sie  zu  einem  Er- 
eignis  von  emrnenter  Bedeutung,  das  in  kultureller,  industrieller,  kommerzieller  und  strate- 
gischer  Beziehung  fur  Russland  obenan  steht  und  zwei  Erdteile  in  seinen  Wirkungskreis  zieht. 
Krahmer  ist  es  zu  danken,  in  Deuischland  zuerst  die  Aufmerksamkeit  auf  das  Riesenwerk  gelenkt,  die 
grosse  Kulturarbeit  Russiands  In  Sibirien  beleuchtet  und  sie  nach  ilirem  Werte  fiir  das  Wirlschafts- 
leben  wie  der  Ziviiisation  gewiirdigt  zu  haben.  Die  russische  Sprache  beherrschend,  hat  er  aus  den 
ersten  und  besten  Quellen  schopfen  konnen,  deren  umfassendes  Material  er  in  deutscher 
Beurteilung  wiedergiebt,  die  zu  beachten  auch  fiir  Russland  nicht  belanglos  ist.  Wenn 
der  Titel  des  Buches  von  einer  zweiten  Auflage  spricht,  so  ist  das  Werk  doch  ein  ganz 
neues  geworden,  nachdem  die  Bahn,  mit  Ausnahnie  der  kurzen  Unterbrechung  durch  den 
BaLkalsee,  fertig  gestellt  worden  ist  und  nun  bereits  wichtige  Erfahrungen  und  ein  reiches 
Material  an  Tatsachen  vorliegen,  die  von  Krahmer  fleissig  benutzt  worden  sind.  Da  die  Bahn 
nur  Mittel  zum  Zweck  ist,  so  ist  fiir  Krahmer  auch  das  Ziel,  das  mit  ihr  verfolgt  wird,  die  Hauptsache,  so 
dass  er  sich  mit  einer  blossen  Schilderung  des  Schienenstranges  nicht  begniigen  kann  und  seine  Betrach- 
tungen,  wie  sie  in  die  Vergangenheit  Sibiriens  zuruckgehen,  so  auch  iiber  das  ganze  Land  schweifen 
lasst.  .  .  .  Krahmers  Buch  ersetzt  eine  ganze  Bibliothek  iiber  den  Gegenstand  und  vermittelt 
dem  deutschen  Leser  dessen  Verstandnis.  .  .  .  Die  Bedeutung  dieser  Bahn  fasst  Krahmer  in 
die  Worte  zusammen:  „Sie  wird  durch  die  Verbindung  des  Westens  mit  dem  Osten  die  Kultur, 
die  Industrie,  den  Handel  Sibiriens  heben,  zum  wirtschaftUchen  Emporbliihen  Russiands  durch 
die  SchafEung  neuer  Markte  in  den  asiatischen  Reichtn  beitragen,  Russiands  Macht  im  fernen 
Osten  starken  und  befestigen  und  den  Handel  der  westeuropaischen  Staaten  mehr  oder 
weniger  in  neue  Bahnen  leiten",  wobei  Deutschland  vor  alien  anderen  interessiert  ist  und  mit 
Russland  Hand  in  Hand  gehen  soUte.  .  .  .  Zur  Erlangung  der  Fiihrerschaft  tlber  die  mongo- 
loiden  Volker  ist  die  sibirische  Bahn  ein  wertvolles  politisches  Werkzeug  von  grosser  mili- 
tarisch-stiategischer  Bedeutung,  durch  das  Russland  das  Uebergewicht  iiber  alle  anderen  im 
Osten  interessierten  Machte  erhalt.  Aber  die  Linie  Tscheljabinsk-Wladiwostok  geniigt  noch 
nicht,  um  die  Stellung  Russiands  vor  alien  Zwischenfailen  zu  sichern;  es  bedarf  dazu  noch, 
dass  die  chinesische  Ost-Eisenbahn  einen  integrierenden  Teil  der  Gi'ossen  Sibirischen  Eisen- 
bahn bildet  und  dass  Russland  festen  Fuss  in  der  Mandschurei  fasst.  Dieses  Thema  behandelt 
nun  Krahmer  in  einem  weiteren  Bande,  dem  vlerten  Bande  der  Serie  „ Russland  in  Asien" 
„Russland  in  Ost-Asien  mit  besonderer  Berijcksichtigung  der  Mandschurei".  Durch  seine  zielbewusste, 
Schritt  fiir  Schritt  vorgehende,  meisterhafte  Politik  hat  es  Russland  verstanden,  die  Verhalt- 
nisse  auszunutzen  und  eine  Machtstellung  im  fernen  Osten  zu  erringen,  die  auch  in  wirt- 
schaftlicher  Beziehung  nicht  nur  dem  Mutterlande,  sondern  auch  den  neugewonnenen  Gebieten 
die  reich  an  Naturprodukten  und  entwickelungsfahig  sind,  zu  gute  kommen  wird.  Was  in 
dieser  Beziehung  die  Mandschurei  Russland  bieten  kann,  an  Naturprodukten,  wie  durch  Industrie 
und  Handel,  wild  von  Krahmer  gleichfalls  erortert.  .  .  .  Seine  wertvollen  Arbeiten  uber  „ Russ- 
land in  Asien"  beschliesst  Krahmer  mit  einem  jiingst  erschienenen  fUnften  Bande: 
„Das  nordbstliche  Kijstengeblet.  Der  Ochotskische,  Gishiginskische,  Petropawlowskische  und  Anadyr-Bezirk". 
Wenn  auch  diese  Arbeit  mehr  einen  wissenschaftlichen  Wert,  denn  eine  praktische  Bedeutung 
hat,  so  ist  sie  doch  sehr  verdienstvoU  und  willkommen,  da  dadurch  die  Kenntnis  dieses  Ge- 
bietes,  und  namentlich  die  neuesten  Forschungen  Uber  dieses  dem  deutschen  Leser  vermittelt 
werden.  .  .  .  Der  interessante  Stoff  des  Buches  ist  wie  in  den  fitlher  erwahnten  Banden  ge- 
gliedert.  Nach  einer  geschichtlichen  Uebersicht  erhalten  wir  eine  Schilderung  der  geo- 
graphischen  Verhaltnisae,  worauf  die  hier  in  Betracht  kommenden  Volkerschaften,  Tungusen, 
Korjaken,  Kamtschadalen,  Jakuten  und  Tschuktschen,  behandelt  werden. 

Von  militilrischen  Zeitschriften  schreibt  das  Militar-Wochenblatt  No.  12 
vom  Jahrgang  1900  iiber  die  zweite  vollstandig  umgearbeitete  und  verbesserte 
Auflage  des  dritten  Bandes: 

Krahmers  Arbeit  ist  ein  Quellenwerk,  das  mit  seinem  reichen  Material  fiir  die  mili- 
tarische  Beurteilung  der  russischcn  Machtstellung  in  Asien  und  im  Besonderen  der  gegen- 
wartigen  Vorgange  in  China  ebenso  unentbehrlich,  wie  fiir  den  Politiker,  den  in  Sibirien  und 
Ostasien  interessierten  Kaufmann  und  den  Gcographen. 

Uber  Band  IV  berichtet  dieselbe  Zeitschrift  in  No.  9  vom  Jahrg.  1900: 

Krahmers  Arbeit  ist  nicht  nur  besonders  zeitgcmass  und  auch  fiir  die  weitesten 
Kreise  intercssant,  sondern  mit  Rlichsicht  auf  das  reiche  und  tibersichtlich  zusammengestellte 
Material  von  bleibcndem  Werte. 


This  book  is  DUE  o-  th 


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Veiiag-  von  Zuckscliwerdt  k  Co.  in  Leipzig- 


A.  von  Drygalski: 

Ernste  und  heitere  Bilder 
aus  der  Armee  des  weissen  Zaren 

Mit  Abbildungen. 

1.  Biindchen.     Elegant  broscli.  o  :\[ark:  orig.  geb.  4  Mark  5()  Pfg. 

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Beide  Bande  komplett  gebunden  10  Mark. 

Die  Organisation 

der  Russischen  Armee 

in  ihrer  Eigenart 

und  unter  Vergleicli  mit  den  StreitkrSften  Frankreiehs, 
Osterreich-Ungarns,  Italiens  und  Deutschlands 

Nacli  russischen  und  anderen  (^ndlen 

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MH  einer  Karte.  ^-  "^f'J^^^"^^  Preis  S  Mar,, 


Rittraeister  a.  1). 


BeElemeiits  k  Kaiserl.  Siissiscliefl  Arniee 

Bearbeitet  von  Kiister 

Hauptn.iinn  ti  la  suite  des  Anhalt.  Inf.-Refils.  No.  03.    Lebn;r  an  der  Kriegsschule  in  Glogau. 

1.  llefi:    Vorschrift    fUr  Ausbildung   und  Verwendung   der  In- 

fan'i^rie  im  Seffecht.     Preis  I  Mark. 

2.  Heft:    Reglementarische  Bestimmungen  filr  die  Ausbildung 

des  Infantristen.     Preis  I  Mark  30  Pfennig. 
;;.  Heft:    Exerzier-Reglement  fUr  die  Infanterie.    Preis  I  M.  80  IM. 
4.  Heft:    Reglement     Uber     den     Dienst     in     Lagern     und     auf 

Marschen  rur  Friedenszeit.     Preis  I  Mark  80  Pfennig. 
.').  Heft:    Anieitung  fUr  den  Felddienst.     Preis   2  Mark   50  Pfennig, 
fi.  Heft:    Schiessvorschrift   worn  Jahre   1899.     Teil  I.      Preis   3  M. 
7.  Heft:    Dasselbe.     'I'.il  Jl.     IMvis  I  Mark  50  Pfennig. 


SpaiiiiTsclic  i!iicli(lri\ilv'iii   ill  I,i'i|>/.it.